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Das hätte nicht zu sein brauchen

aus DER SPIEGEL 17/1949

Von Güstebiese bis Neuwarp, die ganze untere Oder entlang, hält sich hartnäckig das Gerücht: »Am 1. Mai fahren Sonderzüge nach drüben. Alle früher dort Ansässigen erhalten Aufenthaltsgenehmigung für 24 Stunden.«

Landrat Neuenfels in Löcknitz und sein politisches Gegenstück, SED-Kreisleiter Otto Nowak, selbst Stettiner, schütteln den Kopf. Sie versuchen ihren Landsleuten begreiflich zu machen, daß dafür alle Voraussetzungen fehlen. »Noch sind wir keine Volksdemokratie. Es liegt an uns, so schnell wie möglich eine zu werden.« Das Gerücht stammt aus Oder-Frankfurt. Dort war der Besuch einer polnischen Versöhnungs-Delegation angekündigt.

Verfrüht. Polnische Kommunisten wollten auf der langen hölzernen Behelfsbrücke über die Oder, beiderseitig von Rot-Armisten und polnischen Grenz-Polizisten bewacht, auf einer »Grenzland-Kundgebung für Einheit und gerechten Frieden« mit Wilhelm Pieck und dem Frankfurter SED-Oberbürgermeister Jentsch symbolisch shake hands machen. Der russische Grenz-Kommandant inszenierte Schwierigkeiten; auf Frankfurts West-Bahnhof sei angeblich alles überfüllt.

Der Sonderzug konnte nicht einlaufen. Karlshorst hielt eine deutsch-polnische Fraternisierungsgeste noch für etwas verfrüht.

»Das hätte nicht zu sein brauchen«, sagte Wilhelm Pieck auf Frankfurts ruinenumsäumten Marktplatz, mit deutlicher Gebärde auf das zusammengestürzte Rathaus weisend. Es gehörte zu den edelsten gotischen Profanbauten Ostelbiens.

»Sehr richtig!« riefen die aus Neugierde auf dem Markt zusammengeströmten Rest-Frankfurter. Aber dann hörten sie etwas anderes. Der Einheitsvater schmetterte eine Einheitsrede gegen die imperialistischen Aggressoren. Per Adresse USA. Die Frankfurter meinten die polnische Brandschatzung nach der Kapitulation.

Ende April 1945 folgte polnische Miliz der gegen Berlin vorstoßenden Roten Armee. Die Polen warfen die Deutschen aus Frankfurts Wohnungen. Später mußten sie selber West-Frankfurt räumen. Im Park von Sanssouci war der Oderlauf als Verwaltungsgrenze festgelegt worden. Polen behielt nur Frankfurts Damm-Vorstadt. Mit Napoleons Pappeln an der Heerstraße nach Crossen. Wütend steckten die Polen die Stadt in Brand. Mit Benzin. So endete Frankfurt. 12000 Unentwegte vegetieren dort noch. Von 90000.

Unser Dank. Indessen rufen oderabwärts überdimensionale Stalin-Bilder und scheunentor-große Plakate in Löcknitz, Hauptstadt des vorpommerschen Restkreises Randow: »Unser Dank gebührt Stalin und der Sowjet-Union«. Für vier dem Kreis zur Verfügung gestellte LKW aus den Molotow-Werken in Gorkij. Und für alles andere.

Der Kreis beginnt bei Gartz, das am 20. April 1945 von den Russen ebenso zusammengeschossen wurde, wie Schwedt. Das ist die Wildschwein-geplagteste Gegend der Ostzone. Mit selbstangefertigten Speeren, Heugabeln und gerade gerichteten Sensen gehen die Bauern auf die Saujagd.

Nach 1945 ist hier die Grenzlinie dreimal nach Westen ausgeweitet worden. Bis sie sich im vergangenen Herbst auf der Linie Rosow-Grambow-Plöwen stabilisierte.

Gartz mit seinem Holzbaracken-»Rathaus«, einer primitiven, kreuzgezierten Holzkirche inmitten der strohverkleideten Ruinenhäuser und dem prunkvollen Soldatenfriedhof der Roten Armee erinnert heute mehr an Pleskau als an jenen munteren Flecken am Oderstrom, der früher neben Fiddichow (jetzt Widujocha) die Stettiner mit »Malta-Kartoffeln« und erstem Frühgemüse belieferte.

»Wanderer kommst Du nach Tantow, dann gedenke des großen Sieges der Sowjet-Union«, ruft sinnig eine knallrote Aufschrift auf großen hölzernen Triumphbogen jedem Reisenden auf diesem Grenzbahnhof zu. In Tantow endet der einst viergleisige Schienenstrang Berlin - Stettin.

Bevor ein Fremder landeinwärts in den Grenzkreis Randow wandern darf, muß er sich einer gründlichen Ausweiskontrolle und einem Verhör unterziehen. Auch Autos müssen stoppen. Russenposten und sturzhelmbewehrte Volkspolizisten treten jedem Fremden mit Mißtrauen entgegen. Den Karabinerschaft nach Russenart nach oben geschultert. Autos mit landfremden Nummern sind spionage-verdächtig.

Restlos demontiert. Die Ueberlebenden überwinden auch die größten Strecken zu Fuß, nachdem die Gleise der Kreis- und Kleinbahnen, die früher Stettin mit seinen westlichen Küchendörfern verbanden, restlos demontiert sind. Eine Reise in die Kreisstadt ist für die Grenzbewohner nicht mehr an einem Tag zu schaffen. Bauhandwerker marschieren täglich 30 Kilometer zum Arbeitsplatz.

»Die Pommern sind hart im Nehmen«, sagt ein Stettiner Schauermann. Drei Jahre mußte er mit seiner siebenköpfigen Familie in Sonnenberg in einem einzigen Raum hausen. Dann nahm er eine Axt und schlug sie dem Bürgermeister vor den Kopf, weil der ihm keine andere Wohnung nachweisen konnte. Seitdem will keiner mehr Ortsvorsteher werden. Es ist lebensgefährlich.

Wenn die Dämmerung anbricht, blinken über den großen Strom die Lichter Stettins herüber. Die Alten glauben an den maifeierlichen 24-Stunden-Heimaturlaub. Jeden Tag fragen sie die Bürgermeister, ob noch keine Liste ausliegt zur Fahrt nach Stettin.

Nach internen SMA-Meldungen an Mecklenburgs Landesregierung sollen noch 5000 Deutsche in Stettin-Stadt sein. Facharbeiter und Spezialisten. Sie wohnen an der Lastadie zwischen Parnitz und Oder. Vor einigen Monaten mußte das Schweriner Volksbildungsministerium deutsche Lehrer für dieses Deutschen-Ghetto in Stettin abgeben. Die Lehrer-Gehaltszahlung durfte Mecklenburg übernehmen.

Was die seltenen Grenzgänger und Torschlußflüchtlinge berichten, ist gleichgestimmt: Den Westteil Stettins dürfen die Rest-Pommern nicht betreten. Ausgrabungen der Polen nach Fundamenten einer alten Piastenburg sind im Gange, um die Annektion historisch zu untermauern.

»Thor«-Format. An den Küstenplätzen hat sich die »Grasnij-Flot« (Rote Flotte) stützpunktmäßig festgesetzt. Selbst in Rügenwalde, heute Derlow, liegt ein Sowjetkommando. Es macht sich die Schießanlage zunutze. Einst diente sie der Erprobung der Eisenbahngeschütze von »Thor«-Format, dem großkalibrigen Sewastopol-Knacker.

Der große Zusammenprall von Ost und West hat an der künstlichen Nahtstelle Vorpommerns ein tiefes Wellental geschaffen. Menschen und Landschaften veränderten ihr Gesicht. Die einzigen Beziehungen unterhalten ostzonale und polnische Eisenbahner. Auf Frankfurts Grenzbahnhof und Schwarzhandels-Basis. Die Polen liefern Speck. Die Deutschen Feuersteine.

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