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Artikel 40 / 68

Das Haus in der Garibaldistraße

aus DER SPIEGEL 30/1975

Wie lange, glauben Sie, werden wir eingelocht. wenn man uns schnappt?« Es war Ezra Eshet, der diese Frage in einer unserer letzten Besprechungen vor der Aktion stellte.

»Ein paar Jahre schon«, antwortete ich.

Mehrere Minuten herrschte absolutes Schweigen. Wenn die Operation mißlingen sollte, so fuhr ich fort, müsse jeder selbst sehen, wie er aus Argentinien herauskomme. Wahrscheinlich ginge die Jagd auf uns in Buenos Aires los -- in den Hotels und auf dem Flughafen. Mit ziemlicher Sicherheit sei anzunehmen, daß man in den ersten Stunden nach der Operation die Eisenbahnzüge nicht durchsuchen werde.

Als die Stunde Null näherrückte -- wir hatten den Termin auf den 11. Mai verschieben müssen -, meldeten sich alle Männer, die noch in Hotels wohnten, dort ab und übersiedelten in die vorgesehenen sicheren Quartiere. So würde sich später niemand fragen. warum diese Gäste ausgerechnet an dem Tag abgereist waren, an dem Eichmann alias Klement entführt worden war.

© 1975 Bantam Rooks, Inc., New York, und Verlag Ullstein, Berlin.

Am 10. Mai hielten sich die meisten Männer schon in unserem Haus mit dem Decknamen »Tira« auf und bereiteten alles für die Zeit nach der Entführung vor. Gegen Abend brachen Gabi und Ehud zu einer Erkundung der von »Tira« zum Zielgebiet führenden Straßen auf, um im Ernstfall einen Verfolger abhängen zu können.

Am 11. Mai machte Zev den »Gefängnisraum« in »Tira« fertig und baute ein Notversteck. Er legte es derart geschickt an, daß es bei einer normalen polizeilichen Haussuchung unentdeckt bleiben mußte.

Nach einer letzten Inspektion aller Geräte und Vorräte fuhren Gabi, Ehud, Kenet und Ezra in die Stadt, um die Leihwagen, die für die Entführung selbst nicht gebraucht wurden, wieder abzuliefern. Die Einsalzgruppe behielt nur die beiden für die Operation bestimmten Autos und einen dritten Wagen für den allgemeinen Gebrauch. Wir durften jetzt auf keinen Fall Fahrzeuge weiterhin benutzen, die im Zielgebiet gesehen worden waren und wiedererkannt werden könnten.

Außerdem verwandelten jetzt die Mitglieder des Teams ihre äußere Erscheinung und bekamen neue Personalpapiere. Von nun an gab es keinen sichtbaren Zusammenhang mehr zwischen denjenigen, die sich im Zielgebiet umgesehen, in Hotels gewohnt, Leihwagen gemietet hatten, und den Männern, die am späten Nachmittag aufbrechen sollten, um Eichmann festzunehmen.

An diesem Tag verließ ich mein Hotel morgens so früh, daß die Tagesschicht an der Rezeption noch nicht ihren Dienst angetreten hatte. Schläfrig machten die Leute von der Nachtschicht meine Rechnung fertig und riefen mir dann ein Taxi herbei, das mich zum Bahnhof bringen sollte.

Ich schob mein Gepäck in ein Schließfach und brach zu einer langen Tour durch die Cafés von Buenos Aires auf. Es regnete, und mein Morgenspaziergang erfrischte mich. Für die Besprechung mit der Aktionsgruppe hatte ich ein Restaurant ausgewählt, damit wir während des Essens miteinander reden und dadurch Zeit sparen konnten.

Wir besprachen, was geschehen sollte, falls Klement, wenn er das parkende Auto sah und dadurch Angst bekam, über das Feld zu seinem Haus rennen würde, statt seinen üblichen Weg fortzusetzen. Ich wies die Männer an, ihn unbedingt auf dem Feld einzuholen, selbst wenn dadurch Vorübergehende auf den Vorfall aufmerksam würden. Notfalls müßten sie ihn sogar aus seinem Haus herausholen.

Um 16.30 Uhr fand in »Tira« eine letzte Besprechung statt. Dann zogen sich die Männer um und steckten das für die Aktion nötige Werkzeug ein. Um 18.30 Uhr starteten beide Wagen. Der Leiter der Aktion, Gabi, fuhr in Wagen 1, dem Entführungsauto, mit. Er und Eh saßen im Fond. Kenet steuerte den Wagen, neben ihm hatte Zev Platz genommen.

Wagen 11, der als Begleitschutz und Reservewagen diente, wurde von Ehud gesteuert. Ezra saß neben ihm, der Arzt auf dem Rücksitz. Die Autos steuerten das Zielgebiet auf verschiedenen Strecken an, trafen sich an einer bestimmten Stelle der Landstraße 197 und fuhren dann zu ihren festgelegten Positionen.

Die Operation sollte planmäßig um 19.40 Uhr beginnen, ich konnte also die erste Nachricht nicht vor 20.40 Uhr erwarten. Doch Stunde um Stunde verging, und noch immer hatte ich nichts von unseren Leuten gehört. Sollte aber tatsächlich etwas mißglückt sein, dann war es kaum vorstellbar, daß alle Männer verhaftet worden waren -- zumindest einem müßte es gelungen sein, zu entkommen und mich über den Fehlschlag zu informieren.

Je mehr Zeit verging, desto stärker wurde meine Überzeugung, daß die Operation erfolgreich verlaufen war. Ich ging von einem Treffpunkt-Café zum anderen, wartete, trank Tee. trank Kaffee, und dann war es schon fast Mitternacht geworden, und das Café, in dem ich gerade saß, wollte schließen.

Ich hatte bezahlt und wollte schon gehen, da tauchten in der Tür Ehud und Kenet auf. Sie sahen müde aus, und ihre Kleidung war zerknittert, aber ein Blick in ihre Gesichter genügte. Ehe sie den Mund auftun konnten, wußte ich: Die Aktion war geglückt, und Klement war eindeutig als Eichmann identifiziert.

Wir gingen in ein anderes Café, und dort berichteten sie mir ausführlich, wie Adolf Eichmann festgenommen worden war:

Die Autos hatten das Zielgebiet um 19.25 Uhr erreicht -- etwas später, als geplant -, und es blieben nur zwei, drei Minuten, bis der Bus 203 an dem Kiosk eintreffen sollte. Und dann kam der Bus -- nicht aber Klement.

Wagen I stand in der Garibaldistraße, etwa zehn Meter vor der Einmündung in die Landstraße 202, mit dem Kühler in Richtung auf Klements Haus. Die Motorhaube war geöffnet, und Zev, der am Motor herumbastelte, hatte sich so hingestellt, daß ihn Klement beim Näherkommen nicht sehen konnte. Eh beugte sich von der linken Seite des Autos über den Motor. Kenet war am Steuer sitzengeblieben, und Gabi hatte sich hinten im Wagen auf den Boden gekauert.

Wagen II parkte auf dem Seitenstreifen der Landstraße 202, etwa 30 Meter von Wagen I entfernt. Auch hier war die Motorhaube geöffnet, und die Männer taten, als wollten sie einen Defekt beheben. Etwa 12 Meter hinter dem Wagen stand ein Lastwagen, dessen Fahrer am Steuer aß und trank. Der Mann blieb während der ganzen Operation in seinem Lastwagen sitzen, ohne zu merken, was dicht vor seiner Nase geschah.

»Hat Eichmann einen Revolver in der Tasche?«

Die Scheinwerfer von Wagen II sollten eingeschaltet werden, damit Klement geblendet wurde und den Wagen I erst dann sehen konnte, wenn er schon dicht davor war. Sieben Augenpaare starrten gebannt zu der Bushaltestelle hin.

Zwei Busse fuhren vor, aber Klement kam nicht. Die auf der Lauer liegenden Männer wurden unruhig. Noch ein Bus kam und fuhr wieder weg, ohne daß Klement aufgetaucht wäre.

Die Männer hatten vereinbart, bis 20 Uhr zu warten. Als es soweit war, erkundigte sich Kenet bei Gabi, ob sie nicht wegfahren sollten -- wenn sie noch länger hier ständen, sähe das verdächtig aus. Gabi antwortete, sie sollten weiter warten.

Auch Ehud, der Verantwortliche in Wagen II, hatte beschlossen, die Aktion noch nicht abzubrechen. Kurz vor 20 Uhr stieg er aus dem Auto. um sich genauer umzusehen. Ein paar Meter vom Auto entfernt, dicht an der Ecke der Garibaldistraße, blieb er stehen. Dann sah er vor dem Kiosk einen Bus halten. Ehud drehte sich um und ging langsam wieder auf seinen Wagen zu. Plötzlich sah er in der Dunkelheit Klement kommen. Es war 20.05 Uhr. Ehud begann zu rennen. Ezra schlug sofort die Motorhaube zu. Ehud sprang ins Auto und blendete die Scheinwerfer auf. Als er den Wagen in Bewegung setzte, hatte Klement die Garibaldistraße schon fast erreicht.

Plötzlich sah auch Kenet, der Fahrer von Wagen I, einen Mann am Straßenrand gehen, aber es war so dunkel, daß er nicht erkennen konnte, wer es war.

»Es kommt jemand«, sagte er zu Gabi, und Sekunden später flüsterte Kenet: »Er ist es!« Es kam ihm so vor. als habe er die Worte geschrien. Unterdessen hatte Klement die Ecke erreicht und bog in die Garibaldistraße ein.

Kenet zischte Gabi ins Ohr: »Er hat die Hand in der Tasche -- vielleicht hat er einen Revolver. Soll ich es Eh sagen?«

»Sag's ihm«, antwortete Gabi.

Klement war jetzt dicht vor dem Auto angelangt. »Momentito«, sagte Eh und stürzte sich auf ihn. Zu Tode erschrocken, trat Klement einen Schritt zurück.

Eh hatte sich darauf trainiert, die »Wachtposten-Methode« anzuwenden, bei der das Opfer von hinten gepackt und nach rückwärts gerissen wird. Jetzt, da Kenet vor einer Schußwaffe gewarnt hatte, mußte Eh von vorn angreifen, um Klement zu Boden zu werfen. Der wich zurück, und so wurde Eh mit zu Boden gerissen. Klement stieß einen entsetzlichen Schrei aus, wie ein in die Falle gegangenes Raubtier. Zev packte ihn an den Beinen. Klement rührte sich nicht mehr, er war wie gelähmt.

Gabi half, den Überfallenen in den Wagen zu zerren, während Eli und Zev von draußen schoben. Sekunden später lagen alle vier im Fond des Wagens unter- und übereinander.

In der Mundhöhle nach Gift gesucht.

Zev kletterte über die Lehne nach vorn. Kenet warf inzwischen die Motorhaube zu, setzte sich dann ans Steuer und ließ den Motor an. Die ganze Aktion hatte nicht einmal eine Minute gedauert.

In der Dunkelheit hatte Ehud nicht sehen können, was sich ereignete, aber als er Gabis Wagen anfahren sah, folgte er ihm. An der nächsten Kreuzung hatte er ihn eingeholt. Erst jetzt konnte Ehud erkennen, daß im Wagen I Kenet am Steuer saß, und da wußte er, daß die Operation gelungen war.

In dem Entführungsauto war alles in bester Ordnung. Klement hatte nicht einmal versucht, sich zu wehren. Als das Auto anfuhr, wurde sein Kopf gegen Gabis Knie gedrückt. Zev half vom Beifahrersitz aus, dem Gefangenen einen Knebel in den Mund zu schieben. Dann schnürten sie ihm Hände und Füße zusammen, setzten ihm eine undurchsichtige Schutzbrille auf, legten ihn auf den Boden und breiteten eine Decke über ihn.

Eichmann gab keinen Laut von sich. Kenet hatte nur einen einzigen Satz zu ihm gesagt, und zwar auf deutsch, und die Worte waren dem Gefangenen zweifellos sehr vertraut: »Stillhalten, oder ich schieße«

Als sie an einen Eisenbahnübergang kamen, waren die Schranken geschlossen. Die wartenden Autos stauten sich in zwei Reihen. Aus den offenen Fenstern des Wagens, in dem der Entführte lag, ertönte Musik. Zehn Minuten lang mußten sie in der Autoschlange warten, aber wenn jemand in das Innere der beiden Autos geblickt hätte, wäre ihm nichts aufgefallen: Die Männer wirkten genauso wie die anderen wartenden Autofahrer.

Eichmann rührte sich nicht, er atmete nur keuchend. Anfangs hatten unsere Leute überlegt, ob man ihn nicht sofort nach der Festnahme narkotisieren sollte, damit er während der Fahrt keine Schwierigkeiten machte, doch der Arzt hatte sie gewarnt: Falls der Entführte kurz vorher Alkohol getrunken oder eine schwere Mahlzeit zu sich genommen hätte, könnte die Narkose für ihn lebensgefährlich sein.

Als noch fünf Minuten Fahrt bis »Tira« vor ihnen lag. hielten beide Autos an, und es wurden neue Nummernschilder angeschraubt. Um 20.55 Uhr waren sie am Ziel.

Yitzhak, der als offizieller Mieter des Hauses fungierte, machte das Gartentor der Villa auf und ließ die beiden Autos herein. Wagen I wurde in die Garage gefahren, von dort aus führte ein Gang direkt ins Haus. Als sich das Garagentor geschlossen hatte, wurde Eichmann aus dem Wagen gezogen.

Man stützte ihn von rechts und links, und so ging er in den für ihn vorbereiteten Raum. Der Entführungswagen wurde wieder aus der Garage herausgefahren, er mußte sofort von dem Grundstück verschwinden, denn wenn der Vorfall in der Garibaldistraße beobachtet worden war, dann hatte man diesen Wagen gesehen, und deshalb brachten ihn die Männer sogleich in die Stadt.

Unterdessen hatte man Eichmann auf eine eiserne Bettstelle gelegt und ihn mit einem Bein an den Rahmen gefesselt. Immer noch hatte er die Schutzbrille auf, so daß er weder das Zimmer noch seine Entführer sehen konnte. Sie hatten ihn entkleidet und ihm einen Schlafanzug angezogen, der eigens für ihn gekauft worden war.

Als einer der Männer die Mundhöhle des Entführten abtastete, sagte Eichmann, sie brauchten nicht zu fürchten, daß er nach so langer Zeit immer noch auf der Hut sei und in den Zähnen Gift versteckt habe.

Gabi, Eh, Ehud und Kenet untersuchten ihn anhand einer von Kenet aufgestellten Liste auf besondere körperliche Merkmale. Da ihnen bekannt war, daß sich SS-Angehörige die Blutgruppe unter die Achselhöhle hatten eintätowieren lassen, suchten sie zuerst dieses Kennzeichen, entdeckten aber nur eine winzige Narbe.

Kennet nahm seine Liste und begann, den Entführten auszufragen: »Welche Hutgröße haben Sie?« »61.«

»Und welche Konfektionsgröße?« »44.«

»Und welche Schuhgröße?« »Neun.«

»Und welche Nummer hatte Ihre Mitgliedskarte der NSDAP?«

Die Antwort kam prompt: »889 895.«

Damit war Klement praktisch als Eichmann identifiziert, denn wer sonst hätte Eichmanns Parteinummer automatisch angeben können? Trotzdem fragte Kenet weiter:

»Wann sind Sie nach Argentinien gekommen?« »1950.«

»Wie heißen Sie?« »Ricardo Klement.«

»Haben Sie sich die Narben auf ihrer Brust durch einen Unfall im Krieg zugezogen?«

»Ja.« Plötzlich begann der Entführte am ganzen Leibe zu beben -- vielleicht, weil er jetzt erst merkte, daß er sich durch die Angabe der Parteinummer verraten hatte.

»Wie heißen Sie also in Wirklichkeit?«

»Otto Heninger.« Die Antwort kam zögernd.

Signal für Talmi: »Die Schreibmaschine ist in Ordnung.«

Kenet blickte eine Weile schweigend in seine Liste, und so hatte der Entführte Zeit, sich wieder in die Gewalt zu bekommen. Dann fragte Kenet: »Ihre 55-Nummern waren 45 326 und 63 752?« »Ja.«

»Dann sagen Sie mir, wer Sie sind!« befahl Kenet.

»Ich bin Adolf Eichmann.«

Wieder wurde der Entführte von krampfhaftem Zittern geschüttelt. Im Raum herrschte tiefes Schweigen. Die vier Israelis blickten einander stumm an.

»Sie werden verstehen«, sagte Eichmann, »daß ich augenblicklich sehr erregt bin. Ich würde gern einen Schluck Wein haben, wenn möglich Rotwein, damit ich mich wieder beherrschen kann.« Man versprach ihm, seine Bitte zu erfüllen, und da setzte er hinzu: »Als Sie vorhin im Auto zu mir gesagt haben, ich soll still sein, wußte ich sofort, daß ich in den Händen der Israelis bin. Ich kann Hebräisch; ich habe bei Rabbi Leo Baeck Hebräisch gelernt: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde ... Shma Yisrael ...

Als die vier Männer aus diesem Munde die ihnen heiligen Worte vernahmen, stieg grenzenloser Abscheu in ihnen auf. Schon der unterwürfige Ton, den Eichmann ihnen gegenüber anschlug, ekelte sie an, aber daß er es wagte, das Gebet zu rezitieren, das Millionen Juden dreimal am Tag und im Augenblick der Todesfurcht inbrünstig flüstern, das war ihnen unerträglich. Doch sie hatten Befehl, ihm nichts anzutun. So blieb ihnen nur eines übrig -- sie standen auf und verließen das Zimmer.

Nachdem mir Ehud und Kenet dies alles berichtet hatten, trennten wir uns. Ich machte mich auf, um meinen Verbindungsmann Meir Lavi zu suchen, der den ganzen Tag von einem Café zum anderen gezogen war, ohne zu wissen, warum man ihm dies befohlen hatte. Als ich ihn gefunden hatte, trug ich ihm ohne weitere Erklärungen auf, zu einem bestimmten Treffpunkt zu gehen, wo er von Menashe Talmi erwartet wurde. Er sollte ihm nur sagen: »Die Schreibmaschine ist in Ordnung.

Das war für Menashe das Signal, sofort nach Israel zu melden, daß sich Ricardo Klement in unseren Händen befand und eindeutig als Adolf Eichmann identifiziert worden war.

Unterdessen untersuchte der Arzt den Gefangenen und stellte fest, daß er völlig gesund war. Eichmann erwies sich als musterhafter Häftling, der sich größte Mühe gab, seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit erkennen zu lassen. Offenbar würden sich also auch aus einer längeren geheimen Gefangenschaft keine Sicherheitsprobleme ergeben. Die Hauptlast für unsere Männer bestand vielmehr darin, ständig mit diesem Menschen in engem Kontakt leben zu müssen.

Beim Wachehalten in Eichmanns Zimmer und an den Beobachtungsposten in Haus und Garten wechselten sie sich regelmäßig ab. Es kam darauf an, sofort zu erkennen, ob in der Nähe des Hauses Unbekannte auftauchten oder gar irgend jemand an den Vorgängen in »Tira« besonderes Interesse verriet.

Zu den für den Notfall eingeübten Sicherheitsvorkehrungen gehörte es, Verstecke aufzusuchen oder aus dem Haus zu verschwinden. In den ersten 36 Stunden durfte keiner unserer Männer »Tira« verlassen oder betreten. Die »Tira«-Gruppe bestand aus Gabi, Ezra, Eli, Zev, dem Arzt und Yitzhak. Frische Lebensmittel wurden später von Ehud, Kenet und Menashe besorgt, die nicht in »Tira« wohnten.

In den ersten Tagen nach der Entführung war die »Tira«-Gruppe völlig isoliert und hatte keine Ahnung, was in Argentinien und dem Rest der Welt vor sich ging. Und wir alle wußten nicht. wie die Familienangehörigen auf Klements Verschwinden reagiert hatten, ob sie Alarm schlugen oder der Sache in aller Stille nachgingen. Unsere einzige Informationsquelle war die Presse. und in den Zeitungen erschien nicht die kleinste Meldung. daß ein in San Pernando wohnender Deutscher spurlos verschwunden war.

Eine ruhige Analyse der Situation brachte mich zu folgender Auffassung: Eichmanns Frau Vera würde zunächst befürchten. ihr Mann habe im Betrieb oder im Straßenverkehr einen Unfall erlitten. Also würde sie in seinem Betrieb nachfragen und dann ein, zwei Tage lang die Unfallstationen und Krankenhäuser in der Nähe anrufen.

Und wenn sie am Ende doch die Polizei einschaltete -- was konnte sie davon erwarten? Würden die Polizeibeamten sich auf die Suche nach einem normalen Bürger machen, der offenbar einfach Frau und Kinder verlassen hatte?

Eichmann im Verlies: Ein ganz gewöhnlicher Verbrecher.

Anders wäre es, wenn Frau Klement durchblicken ließe, daß sie Grund hatte, zu befürchten, ihr Mann sei entführt worden oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Dann aber müßte sie zugeben, daß ihr Mann in Wirklichkeit Adolf Eichmann war, ein gesuchter Kriegsverbrecher, und sofort würde die Polizei die Sache an das Innenministerium abgeben. Damit aber wäre der Fall weltweit publik und Eichmann unwiderruflich entlarvt.

Ich konnte also davon ausgehen, daß Vera Eichmann sich zunächst von den Freunden der Familie beraten lassen würde, denen die wahre Identität ihres Mannes bekannt war. Jahre später bestätigte sich meine Hypothese. In einem Illustrierten-Interview berichtete Eichmanns Sohn Klaus:

»Am 12. Mai stand ich auf dem Dach und montierte ein Gerüst, da kam außer Atem mein Bruder Dieter angerannt und rief mir zu: »Der Alte ist verschwunden!' Mir fiel der Schraubenzieher aus der Hand. Mein erster Gedanke war: Die Israelis! Dieter und ich sind durch Buenos Aires nach San Fernando gerast.

»Zwei Tage lang haben wir in Polizeirevieren, Krankenhäusern und Leichenhallen nach ihm gesucht. Vergebens natürlich. Und dann ist uns klargeworden, daß er gefangengehalten wird. Eine peronistische Jugendgruppe hat sich uns zur Verfügung gestellt. Manchmal haben sich vor unserem Haus haufenweise junge Leute versammelt, bis zu dreihundert, auf Motorrädern. Wir haben jeden Quadratzentimeter Boden nach Kampfspuren unter die Lupe genommen.

»Als eine Stunde nach der anderen verging, ohne daß sich etwas tat, wurden wir immer verbitterter. In dieser Zeit sind die wildesten Sachen geplant worden. Der Führer der Gruppe sagte: »Entführen wir den israelischen Botschafter. Holen wir ihn aus der Stadt und foltern wir ihn, bis euer Vater nach Hause kommt. Das haben wir abgelehnt.

»Einer von Vaters Freunden, ein früheres SS-Mitglied, hat an den Häfen und Flugplätzen Kontrollen organisiert. Kein Hafen, kein Bahnhof, kein Flugplatz, keine wichtige Kreuzung, an der nicht einer von uns Posten gestanden hat. So sind uns die »kleinen Leute« zu Hilfe gekommen, die Großkopfeten dagegen sind einfach abgehauen. Die meisten von ihnen haben sich nach Uruguay abgesetzt.«

Aus dem Wust unüberprüfter Einzelheiten geht eines hervor: Eichmanns Familie hatte zwar alles mögliche unternommen, aber der Polizei nichts von ihrem Verdacht mitgeteilt.

Der Gefangene wurde in dieser Zeit keine Sekunde lang aus den Augen gelassen. Zuerst wurden die Wachen alle zwei, später alle drei Stunden abgelöst. Das Fenster war mit einer dicken Decke verhängt, Tag und Nacht brannte Licht. Die Tür zu dem anstoßenden Raum, in dem Gabi schlief, stand immer offen.

Nachts wurden auch im Hof Wachen aufgestellt. Zev hatte von Eichmanns Zimmer zu einem der Wohnräume eine Alarmanlage verlegt, damit die Bewacher Hilfe herbeirufen konnten.

In der Garage stand ein Wagen fahrbereit. Jeden Tag vergewisserte sich einer der Männer, daß der Motor auch ansprang, und kontrollierte die Reifen. Im Fall eines Alarms sollten die Bewohner Eichmann in den Wagen setzen und so schnell wie möglich davonfahren.

Jede Unterhaltung mit Eichmann war den Männern streng untersagt; nur über persönliche Erfordernisse wie Essen und ins-Badezimmer-Gehen durfte gesprochen werden. Gabi nahm es mit dieser Sicherheitsmaßnahme sehr genau, denn er glaubte, daß Eichmann, da er in Hitler-Deutschland an so entscheidender Steile gestanden hatte, ungewöhnlich gerissen sei und uns mit einem Trick überlisten könnte.

Allmählich aber wurde unseren Männern klar, daß ihr Gefangener ein ganz gewöhnlicher Verbrecher war, der nicht einmal über große Intelligenz verfügte. Wenn ihm befohlen wurde aufzustehen, bebte er wie Espenlaub. Als man ihn das erste Mal in den Innenhof führte, wo er dann seinen täglichen Spaziergang absolvierte, glaubte er offenbar, er sollte umgebracht werden. In den ersten Tagen befürchtete er sogar, sein Essen sei vergiftet, und erlitt bei jeder Mahlzeit einen Schweißausbruch.

Den Männern fiel es nicht leicht, in diesem armseligen Gefangenen jenen Eichmann zu erkennen, den sie sich vorgestellt hatten. War dies tatsächlich der übermächtige Mann, der die Ausrottung von Millionen Juden geleitet hatte? Was hatte ihm damals solche Macht und Überlegenheit gegeben?

Ich konzentrierte mich indessen auf den nächsten Schritt der Aktion -- den Transport Eichmanns von Argentinien nach Israel. Die Vorbereitungen leitete Ehud. Er setzte zunächst alle verfügbaren Männer dafür ein, Tag und Nacht den Flughafen, dessen Umgebung und die von »Tira« dorthin führenden Straßen zu erkunden. Aharon Lazar hatte sich inzwischen auf dem Flughafen mit so vielen Leuten angefreundet, daß ihm der Betrieb so vertraut war, als sei er dort schon seit Jahren tätig gewesen.

Vier Tage nach der Operation, am 15. Mai, begab ich mich selbst nach »Tira«, um nach den Männern zu sehen, die unter dem Zusammensein mit ihrem gehaßten Gefangenen mehr und mehr litten. Kenet berichtete mir, Eichmann habe sich selbst als kleines Rädchen in dem mächtigen Getriebe des tyrannischen Nazi-Regimes bezeichnet und behauptet, gar keinen Einfluß auf dessen Entscheidungen gehabt zu haben. Es sei ihm bewußt, welches Verbrechen an dem jüdischen Volk verübt worden war, und er wolle alles tun, um eine Wiederholung solcher Dinge zu verhindern.

Eichmann erklärte sich sogar prinzipiell bereit, sich wegen seines Anteils an den während der Naziherrschaft verübten Verbrechen vor Gericht zu verantworten, der Prozeß müsse jedoch in Deutschland stattfinden, denn er sei ja deutscher Staatsbürger. Kenet machte ihm jedoch deutlich, wir könnten für den Prozeß kein anderes Land als Israel in Erwägung ziehen.

Abends spät versammelten sich alle Mitglieder der Aktionsgruppe zu einem festlichen Essen. Nochmals wurde die entscheidende Phase der Operation durchgespielt.

Wir hatten inzwischen bei der Flughafenbehörde schon erreicht, daß unsere Maschine vor dem Start nicht wie üblich auf das Flugfeld gezogen werden sollte, sondern mit eigener Kraft auf den Startplatz rollen durfte. Daher würde unsere Gruppe -- oder zumindest ein Teil davon -- das Flugzeug schon besteigen können, während es noch auf dem Wartungsgelände der staatlichen argentinischen Luftfahrtgesellschaft stand.

Plan I sah nun vor: Eichmann wird, als Angestellter der israelischen Luftfahrtgesellschaft verkleidet, auf das Wartungsgelände transportiert und zusammen mit der Flugzeugbesatzung an Bord gebracht. Er befindet sich also bereits in der Maschine, wenn sie auf das Flugfeld rollt. Falls dort eine Inspektion stattfindet, behaupten wir, Eichmann gehöre der Ersatzmannschaft an und habe sich hinlegen müssen, weil er sich nicht wohl fühle. Wenn eine genaue Überprüfung zu befürchten ist, verstecken wir Eichmann irgendwo in der Maschine.

Plan II sollte in Kraft treten, wenn es der Besatzung doch noch verboten würde, am Abstellplatz an Bord zu gehen. In diesem Fall sollte Eichmann vor aller Augen als krankes oder bei einem Unfall verletztes Besatzungsmitglied an Bord gebracht werden. Er würde dann zusammen mit den echten Besatzungsangehörigen die Kontrolle über sich ergehen lassen müssen.

Die Wartezeit bis zum Abtransport Eichmanns fiel besonders unserem Arzt schwer, denn er hatte praktisch nichts zu tun. Daher war er froh, als ich ihn bat, sich mit mir zu treffen. In irgendeinem Café mitten in Buenos Aires fragte ich ihn über Verletzungen bei Verkehrsunfällen, über Herzkrankheiten, über die Symptome einer Gehirnerschütterung, über Bewußtlosigkeit und vieles andere aus.

Dann wollte ich wissen, unter welchen Bedingungen ein Arzt einem Patienten, der einen Herzanfall gehabt oder sich eine Gehirnerschütterung zugezogen hat, erlauben würde, mit dem Flugzeug zu reisen. Er merkte bald, worauf ich hinauswollte, und gab mir den Rat, mein hypothetischer Drückeberger solle behaupten, er lifte an den Folgen einer Gehirnerschütterung, die er sich bei einem Verkehrsunfall zugezogen habe. Kein Arzt könne ihm nachweisen, daß er nur simuliere.

Ein »Unfallopfer« vermittelte mir Menashe Talmi. Er hatte zufällig in Buenos Aires einen alten Bekannten getroffen: Rafael Amon, Mitglied eines der ersten Kibbuzim. Nicht lange, und Rafael saß an meinem Tisch.

Agent Rafael spielt ein Unfallopfer.

Nachdem ich ihn lange angesehen hatte, fragte ich ihn, ob er bereit sei, etwas zu tun, das »zwar nicht schwierig, aber auch nicht angenehm« sei. Es handele sich um eine sehr wichtige Sache, allerdings dürfe ich ihm nicht sagen, welchem Zweck das Ganze diene.

Ohne zu zögern, sagte Rafael, er wolle alles tun, was man von ihm verlange. Ich erklärte ihm dann seine Aufgabe. Er solle sich in ein Krankenhaus aufnehmen lassen, und zwar unter dem Vorwand, einen Verkehrsunfall gehabt zu haben und unter einer Gehirnerschütterung zu leiden.

Dann solle er erzählen, er sei aus dem Landesinnern eigens nach Buenos Aires gekommen, um mit jenem Flugzeug nach Israel zurückzufliegen, das die israelische Delegation zu den Jubiläumsfeierlichkeiten herüberbringe. Immer wieder müsse er darauf herumreiten, daß er auf jeden Fall mit diesem Flugzeug fliegen wolle, gleichgültig, ob er schon völlig genesen sei oder nicht.

Noch am selben Abend setzte sich unser Arzt mit Rafael zusammen und trichterte ihm ein, wie er sich im Krankenhaus zu verhalten habe. »Sagen Sie, Sie hätten bei dem Unfall hinten im Auto gesessen, und Sie wüßten nur noch, daß das Auto mit einem Ruck zum Stehen kam. Erst im Hotel seien Sie wieder zu sich gekommen. Seitdem sei Ihnen dauernd schwindlig und Sie fühlten sich hundsmiserabel.«

Der Arzt erklärte ihm dann, wie er das allmähliche Verschwinden dieser Symptome vortäuschen sollte. Nach dieser Besprechung begleitete Menashe den jungen Mann in dessen Hotel; Rafael erzählte dem Personal von seinem »Unfall« und bat um einen Arzt. Der Arzt kam und schickte Rafael sofort in das nächstgelegene Krankenhaus. Der Arzt in der Unfallstation schließlich gab Anweisung. den Patienten zur Beobachtung aufzunehmen.

Im nächsten Heft

Ein Israeli soll als Eichmann-Double eingesetzt werden -- Zwischenfall in Brasilien -- Der betäubte Eichmann wird ins Flugzeug geschmuggelt

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