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Das heilige Narrenfest

Bayreuth im Jubiläumstrubel: Vor 125 Jahren wurden die Wagner-Festspiele gegründet, vor 50 Jahren neu gestartet. Doch längst hat der zerstrittene Wagner-Clan die Chance verspielt, die traditionsreiche Weihestätte in ein modernes Musiktheater umzurüsten. Von Klaus Umbach
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 31/2001

Der Bau stand, der Text war fertig, die Musik notiert. »Ich sage nichts weiter!!«, hatte der Komponist unter seine »Götterdämmerung« geschrieben. Nun ließ er bitten, die Welt konnte kommen.

Und es kamen, im Hochsommer 1876, der deutsche Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Dom Pedro II. von Brasilien. Ihre Aufwartung machten auch der König von Bayern und der König von Württemberg. Preußische Prinzessinnen ließen vorfahren, Herzöge, Fürsten, Grafen paradierten. Über Nacht war Bayreuth geadelt.

Aber es kamen auch die Tonsetzer Anton Bruckner, Camille Saint-Saëns und Peter Tschaikowski, die Maler Hans Makart, Franz von Lenbach und Adolf Menzel. Es kamen Dichter und Denker, Connaisseure und Voyeure, Exoten aus weiter Ferne und Nachbarn aus Franken. Mit einem Schlag wurde aus einer städtischen Anhöhe der Grüne Hügel - und dieser zum Mount Everest der Wagner-Welt.

Er habe nie geglaubt, huldigte Seine Majestät aus Berlin dem Musiker aus Bayreuth, »dass Sie es zustande bringen würden«. Und tatsächlich schien »sehr wahrhaftig, dass so noch nie ein Künstler geehrt worden sei«, triumphierte Wagner: »Denn hatte man erlebt, dass ein solcher zu Kaiser und Fürsten berufen war, so konnte Niemand sich erinnern, dass je Kaiser und Fürsten zu ihm gekommen seien.«

Aber niemand in dem neuen Festspielhaus konnte sich auch an ein vergleichbares Spektakel erinnern: Was für eine Story! Da entführten Riesen eine ehrbare Jungfrau, zwei Geschwister kopulierten unterm Wonnemond, ein Rudel wilder Weiber sammelte tote Recken auf. Ein Waldvögelein zwitscherte deutsch, ein Zwerg unter einem Tarnhelm wurde zur Kröte, und am Schluss, nach 16 Stunden Mord und Totschlag, ging die Welt unter.

Zu diesem Mythenmix aus Sex and Crime stiegen aus einem unsichtbaren Orchestergraben zunächst ganz leise Gluckser

in Es-Dur, die quollen auf und schwollen an, und dann wollte der Strom der Töne nicht mehr enden: Vier Abende lang rauschte die Flut dahin, mit Pauken und Posaunen und einem Klangkörper wie in voller Kriegsbemalung, aber auch in Tongespinsten so zart wie geklöppelte Spitze und in einem Sound wie aus Samt und Seide.

Welch ein Theater! Auf drei Schwimmwagen, jeder von einem unsichtbaren Steuermann gelenkt, zappelten die an Eisenstangen festgeschnallten Rheintöchter sechs Meter über dem Bühnenboden, ein Assistent kurbelte die Maiden auf und nieder, und denen drehte sich, wagalaweia, der Magen.

25 Bayreuther Turner, vorab von Ballettmeister Fricke choreografisch unterwiesen, behämmerten den beim Klempner Vogel ausgeliehenen Nibelungenhort, spielten mit Eimern, Gießkannen und Kuchenformen »Rheingold« und rundeten daraus im farbigen Qualm der Dampfmaschinen den Ring. Der glitt Wotan bei der Premiere aus der Hand, und verwirrt rannte der Gott in die Kulissen, um ihn zu suchen.

Dem aus Pappmaché geformten Drachen Fafner, vom Maler Arnold Böcklin entworfen und vom Kritiker Eduard Hanslick als »Kreuzung aus Eidechse und Stachelschwein« verhöhnt, fehlte der Schlund; die Londoner Hersteller hatten ihn irrtümlich nach Beirut expediert. Halslos, dafür mit flammenden Nüstern, keuchte das Ungetüm mittels Drahtzügen über die Bretter, im Innern zwei stämmige fränkische Burschen, die sich im Rhythmus der Musik bückten und streckten.

Am Schluss der »Götterdämmerung« brach die Gibichungenhalle mit imposantem Gepolter zusammen: Beherzte Männer, jeder in einer Säule verborgen, mussten beim Finalgetöse so lange wackeln, bis die Pfeiler samt Umstürzlern kippten, den wuchtigen Oberbau mit in die Tiefe und so die ganze Sagenwelt Wagners in den Untergang rissen.

»Trübsal! Erschütterung!«, notierte Cosima Wagner nach dem Auftakt der ersten (defizitären) Festspiele in ihrem Tagebuch, und ihren Gatten wähnte sie gar bar aller Lebenslust: »Richard sehr traurig, er sagt, er möchte sterben!«

Ach was, im Gegenteil: Spätestens in jenem August 1876 - mit der Einweihung seines eigenen Opernhauses, dem ersten kompletten Durchlauf seines Riesendramas »Der Ring des Nibelungen« und der Gründung der ersten privaten Festspiele in der Musikgeschichte - hatte sich der sächsische Gnom unsterblich gemacht und auf dem Grünen Hügel ein Denkmal gesetzt: das Festspielhaus, die Villa Hügel seiner Träume, ein Leuchtturm deutscher Leitkultur.

Da stand nun der Zwitter, halb Scheune, halb Tempel, von dem genialen Emporkömmling aus königlichen Schatullen und profanen Geldschränken zusammengeschnorrt und nur zu dem einen Zweck errichtet, die Werke seines Bauherrn - und nur sie - wieder und wieder aufzuführen. »Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche«, verlautbarte dazu dieser »deutsche Geist«, dieser »deutscheste Mensch«.

Und seit jenem denkwürdigen Sommertheater 1876 kamen sie wieder und wieder, und sie pilgern bis heute: Herrscher und Herrschaften, Geldsäcke und Modelaffen, graue Eminenzen und bunte Vögel. Letzten Mittwoch, zum Auftakt der 90. Festspiele, reihten sich die ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel und Roman Herzog mit der amtierenden Parteichefin Angela Merkel und dem Schlagerbarden Roberto Blanco ins Defilee der Promis: Das »Narrenfest des Staatsmusikanten Wagner« (Karl Marx) ist immer in Gang - auf rotem Teppich zu noch weißen Würstchen und heiligem Gral.

Alles hat das Festspielhaus in seinen 125 Jahren überstanden: ein Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Hitler-Staat, zwei Kriege, die Teilung Deutschlands und dessen Wiedervereinigung, Reichsmark, Rentenmark, Deutsche Mark, vor allem aber das Regiment jener Sippschaft, die den ganzen Zirkus seinerzeit auf- und bis heute durchgezogen hat - die Wagners.

Denn auch in diesem Sommer, wenn sich der Gründungstag der Bayreuther Festspiele zum 125. Mal jährt, herrscht, wie am ersten Tage, in dem seltsamen Backsteinbau ein Wagner - Wolfgang Manfred Martin, 81, Enkel des Komponisten, auf Lebenszeit inthronisierter Festspielleiter und heute das schlohweiße Oberhaupt des legendären Clans.

Als dieser rosenwangige Senior am vergangenen Mittwoch mit Gattin Gudrun, 57, und Tochter Katharina auf dem Grünen Hügel Hof hielt, da machte nicht nur der mit 50 Amtsjahren dienstälteste Prinzipal der Opernwelt seine Honneurs, sondern auch der umstrittenste.

Mitte August wird der Dirigent Christian Thielemann hier mit dem Festspielorchester Beethovens Neunte Sinfonie aufführen, ausdrücklich nicht nur aus Freude über das Doppel-Jubiläum, sondern auch aus Solidarität mit dem angeschlagenen Hausherrn - eine in der Festspielgeschichte einzigartig peinliche Demonstration.

Seit Jahren spaltet Wolfgang Wagner die Szene, weit über Bayreuth hinaus. Denn der Komponisten-Enkel und unermüdliche Gralshüter steht heute weltweit nicht nur für die theatralische Allmacht seines Großvaters und dessen Bayreuther Bollwerk, sondern er verkörpert auf seine alten Tage auch die - fragwürdige - Zukunft des ganzen Unternehmens: Haben sich die Wagners in Bayreuth nicht überlebt? Oder sind sie, wie sie selbst glauben, immer noch unentbehrlich? Ist gar die ganze legendäre Festspiel-Institution, diese ebenso groteske wie gigantomane Ausgeburt der Gründerjahre, nur mehr ein bombastischer Anachronismus - der nostalgisch verklärte Spleen eines maßlosen Phantasten aus dem vorvorigen Jahrhundert?

Orthodoxe Wagnerianer und Festspiel-Fundis schätzen Wolfgang als jovialen, dabei bauernschlauen Denkmalspfleger, dessen Laden - stets vielfach überbucht - glänzend läuft und der sich als Regisseur nur so viel Kunst leistet, dass es den gemeinen Opernfreund nicht graust. Langjährige Hügel-Abonnenten beobachten überdies die wachsende Ähnlichkeit des alternden Wolfgang mit seinem Opa und schließen schon daraus auf einzigartige Gene auch im Erbgut des Enkels. Also, lasst den alten Herrn gewähren, er wird''s schon richten.

Reformkräfte indes misstrauen dem Betagten; der bremse, verhindere, sei Auslaufmodell. Bayreuth habe die Pole-Position auf dem Wagner-Kurs längst verloren; Regisseure, Dirigenten, Sänger seien zunehmend zweite Wahl, wenn nicht drunter; seine Schuld. Die Führung des Unternehmens wachse ihm über den Kopf; umso verbissener sperre er sich gegen den längst überfälligen Generationswechsel. Mit der einzigen ihm genehmen Nachfolge-Kandidatin, mit Ehefrau Gudrun, lasse sich weder Staat noch staatstragendes Theater machen.

Seit März 1999 nun ist diese Debatte zum Glaubenskrieg eskaliert, die Sippschaft im Clinch wie lange nicht. Und wenn die Wagners so richtig Royals spielen und wenn es bei ihnen kracht wie im Buckingham Palace, dann haben selbst steifleinene Wagnerianer ihre helle Freude: Clan schlägt sich, Clan verträgt sich.

Die jüngste Lachparade der Dynastie begann damit, dass Wolfgang Wagner die zuständige Richard-Wagner-Stiftung in stelzigem Amtsdeutsch legitimierte, »das vorgesehene Verfahren einzuleiten, um die notwendigen Schritte für einen künftigen Wechsel der Festspielleitung zu ermöglichen«. Dass er und wann er aus dem ihm lebenslänglich zustehenden Amt zu scheiden gedächte - wichtigste Voraussetzung für eine seriöse Nachfolgedebatte -, sagte er nicht.

Stattdessen ließ sich das alte Schlitzohr ein Hintertürchen offen, durch das er im geeigneten Augenblick seine (zweite) Frau Gudrun ins Chefzimmer schleusen oder, Arm in Arm, begleiten konnte. Wolfgangs Gattin, einst Bayreuther Pressedame, versicherte, sie habe schon heute vor Ort »die Fäden in der Hand, sonst würde es hier nicht laufen«. Und - hätte sie auch das Zeug, wenn sie der Ruf ins Allerheiligste ereilte? »Ja, das könnte ich.«

»Lachnummer der Nation«, höhnte daraufhin die Literaturwissenschaftlerin Nike Wagner, 56, über die Schnapsidee ihres Onkels und das Selbstvertrauen ihrer Tante; und um das Schlimmste zu verhüten, verbandelte sie sich umgehend mit ihrer Cousine Eva Wagner-Pasquier, 56, der Tochter aus Wolfgangs erster Ehe, und mit ihrem Vetter Wieland Lafferentz, 52, einem Sohn von Wolfgangs Schwester Verena. Der fand zwar die offizielle Bayreuther Nachfolgeregelung »hirnrissig«, weil das Festspielhaus »kein Erbhof« sein dürfe, machte aber mit. Nun hatte es bis dahin zwischen den dreien »außer Bussi links, Bussi rechts bei irgendwelchen Treffen« kaum Berührungspunkte gegeben, »wie das in großen und problematisch strukturierten Familien halt so ist« (Lafferentz). Aber man wollte ran an den Gral.

Kaum hatte das Trio angefangen, über eine dreifaltige Festspielleitung zu rat-

schen, war es auch schon über Kreuz, wie das in problematisch strukturierten Familien halt so ist: »Das ging nicht«, sagte Lafferentz, »drei Häuptlinge waren zu viel.«

Dann eben nicht, entschied die kampfeslustige Nike und koalierte mit dem früheren Hamburger Opernintendanten Peter Ruzicka. Der aber lief, kaum mit ihr im Bund, zu den Salzburger Festspielen über, woraufhin sich die Hinterbliebene mit Elmar Weingarten, dem Ex-Intendanten der Berliner Philharmoniker, liierte. Reformprogramm des Duos: mehr Wagner, aber nicht nur Wagner, und alles in Bayreuth und um Bayreuth herum.

Nebbich, polterte Allvater Wolfgang. Dieser Vorschlag widerspreche der »Wagnerschen Festspielidee« und der Stiftungssatzung, er sei »unrealistisch und unrealisierbar«. Ganz falsch war das nicht.

Derweil kündigte auch das Rumpf-Duo Eva Wagner / Wieland Lafferentz seine Nibelungentreue auf. Eva, so Lafferentz, habe den Gedanken gleichberechtigter Geschäftsführer »verraten« und »unter Berufung auf die Bayreuther Hierarchie eindeutig ihren Willen bekundet, offiziell als Festspielleiterin aufzutreten«. Die liebe Base habe sich den Job »reichlich naiv« vorgestellt, so nach dem Motto: »Ach, ich geh mal hin und mach mal was.«

Von wegen. Ihr Cousin habe »versucht«, sie »auszubooten, indem er eine Woche vor der Präsentation ein neues Konzept wollte, sich dann von mir getrennt hat, vielleicht auch, weil der Grüne Hügel ihn bearbeitet hat, ihn meiner Stiefmutter zur Seite stellen wollte«.

Na und? Dann mache sie es eben allein. Jedenfalls stimmte ihr Programm der dezenten Retuschen - im Klartext: Bayreuth bleibt Bayreuth - die Stiftungsräte gnädig: nur keine Experimente, das wollten auch sie. Für das Gremium war Eva so gut wie inthronisiert.

Doch im Oktober 2000 - Vater Wolfgang hatte die Nachfolgediskussion gerade mal wieder für beendet erklärt - schmiss die Gebenedeite hin. Ihr Vater weigere sich, einen Rücktrittstermin zu nennen; sie aber wolle nicht auf die lange Bank geschoben werden; ihr derzeitiger Job bei den Festspielen von Aix-en-Provence vertrage sich nicht mit dem Bayreuther Vabanque.

Eineinhalb Jahre hatte der Stiftungsrat - lange Zeit ein Schnarchverein aus hausbackenen Bayreuthianern und politischen Leisetretern - dem Mummenschanz der Wagner-Sippschaft seelenruhig zugesehen. Doch jetzt riss selbst ihm der Geduldsfaden. »Wir lassen uns nicht länger an der Nase herumführen«, wetterte der oberfränkische Regierungspräsident Hans Angerer; es müsse jetzt endgültig »zum Generationswechsel kommen«, forderte Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Ende der leisen Diplomatie.

Damit schlug die Stunde des bayerischen Kunstministers Johannes Baptist Zehetmair, der den Hügel im Handstreich als weiß-blaue Domäne besetzte. Über viele Jahre hatte sich der Christsoziale mit dem Festspielchef bestens verstanden. Aber

jetzt war Schluss, Tacheles, »Daumenschrauben": »Diesem Bub müssen wir endgültig die Bomben aus der Hand nehmen.«

Nur, bitte, wie? Wolfgang Wagner blieb stur: »So auf die krumme Tour wird mich der Stiftungsrat nicht los.« Kein verbindlicher Abtrittstermin, nicht mal ein vages Versprechen: »Ich will mich doch nicht selbst kastrieren.«

Zehetmair begann ein Ping und Pong mit Lock- und Druckmitteln. Erst rechnete er eine satte Abfindung hoch, wenn der Alte verzichte; wenn nicht, könne ihm entweder der Mietvertrag über das Festspielhaus gekündigt oder ein Aufpasser zugeordnet werden, beides juristisch windige Tricks.

»Was die da vorhaben, sehe und erwarte ich ganz gelassen«, konterte Wolfgang Wagner; Zehetmair verbreite »frei erfundene Behauptungen«, betreibe die »Demontage meiner Persönlichkeit« und habe ihn »in unglaublicher Weise verleumdet«.

Man kenne ja »die Entwicklungen, die mit erhöhtem Alter eintreten«, ließ Zehetmair daraufhin in hinterfotziger Pastorenmilde verbreiten; den greisen Prinzipal mit seiner »Unbeweglichkeit und seinem Starrsinn« lasse »offensichtlich das Gedächtnis im Stich«; was dieser von sich gebe, gehöre »in die Abteilung Rumpelstilzchen«.

Nun hatte sich der Erbfolgekrieg endgültig ins Märchenhafte vergeistigt, und da war, kurz vor dem letzten Weihnachtsfest, auch die gute Fee nicht weit: Comeback von Eva, die Zehetmairs Drängen nachgegeben hatte und neuerlich kandidierte. »Bayreuth wird weiblich«, titelte der »Stern« in vorauseilendem Jubel. Ende März dieses Jahres wurde sie vom Stiftungsrat mit klarer Mehrheit zur künftigen Festspielleiterin ernannt. Amtsantritt: »So bald wie möglich«.

Gut gesagt, dumm gelaufen. Am 15. Juni gibt Zehetmairs Wunschmaid zum zweiten Mal auf, lässt aber sogleich durchblicken, dass ihr der Stiftungsrat bei Gelegenheit durchaus ein neues Angebot unterbreiten könne. Wenig später teilt Nike Wagner mit, sie kandidiere weiter, jetzt, gültig ab 2006, im Tandem mit dem erfolgreichen Stuttgarter Opernchef Klaus Zehelein. Der wiederum sieht sich »nicht in der Warteschleife« und ist »nicht bereit, für Bayreuth irgendwelche Pläne zu machen«. Kaum hat Wolfgang Wagner versichert, »alles fest in meinen Händen« zu haben und für eine »Zukunft« zu planen, »die ich bestimmen werde«, da setzte er zum Beweis seines ungebrochenen Tatendrangs seine beim Stiftungsrat durchgefallene Gattin Gudrun im Handstreich als neuen Bayreuther Orchestervorstand ein. Seit letzter Woche verdichten sich auf dem Hügel Gerüchte, Wolfgang wolle den Berliner Generalmusikdirektor Thielemann, der am Mittwoch fulminante »Meistersinger« dirigierte, in die Festivalleitung berufen. »Bunte": »Bayreuth dröhnt vom Lachen des Alten.« Es stimmt: Das Festspielhaus 2001 ist ein Tollhaus.

Nun waren die Wagners schon immer ein besonderes, sonderbares Geschlecht, ein »eigensüchtiger, erbedünkliger, zinkennasiger, kinnlastiger Atridenclan«, wie Mitglied Nike erfrischend respektlos festgestellt hat. Spätestens seit der Übervater Richard 1883 vermutlich durch eine Ruptur der rechten Herzkammer in Venedig entschlafen war, gehörte Stunk zur Sippe wie Tristan zu Isolde. Und die Welt hatte stets ihren Spaß an den Kesselflickern aus dem Frankenland.

Aber ein richtiger Familienkrach bei den Wagners war auch schon immer mehr als das übliche Gezänk unter lieben Verwandten. Er war Machtkampf um die Bühne Bayreuth. Und je fruchtbarer sich die Dynastie des sächsischen Genies vermehrte und je üppiger sich dessen Stammbaum verzweigte, umso verbissener rissen sich die Abkömmlinge um einen Zipfel vom Mantel der Geschichte, dem kostbarsten Requisit Bayreuths.

Viel mehr war ihnen ja auch nicht geblieben. 1973 hatte die Sippschaft nämlich den wertvollen Nachlass, vor allem Festspielhaus und Villa Wahnfried, in eine Stiftung eingebracht und dafür 12,4 Millionen Mark in drei Raten kassiert. Damit war aus der Privatfirma eine staatlich abgesicherte Institution geworden, mit einer folgenschweren Fußnote: Alleiniger Geschäftsführer der Festspiele und Mieter des Festspielhauses wurde Wolfgang, durch ein Geflecht von 26 Verträgen bis ans Ende seiner Tage abgesichert.

Nun war Richards Festspielhaus mit einer jährlichen Spielzeit von gerade mal fünf Wochen und mit einer Monokultur - Wagner, Wagner, nichts als Wagner - nie ein stinknormales Opernhaus. Es war auch immer eine Kathedrale, wo eingefleischte Wagnerianer Leitmotive kifften und deren Schöpfer im Rausch zu ihrem Heiland erkoren, und es war, jedenfalls nach dem Hohelied der reaktionären »Bayreuther Blätter«, vor allem eine »herrliche Arierburg«, ein »Kunsttempel zur Erfrischung des arischen Blutes«.

Auf dem Grünen Hügel hatte sich nicht nur der 1,53 Meter kleine Sachse zum »Schöpfer der überwältigendsten dramatischen Vision und Schaustellung des modernen Abendlands« (Thomas Mann) ausgewachsen, sondern hier hatte auch der Chauvinismus einen gefährlichen Nährboden gefunden, hier lag viel völkisches Gedünst in der Luft.

So war Bayreuth, nachdem Wagner dort erst einmal seine Wahlstadt und Wirkungsstätte gefunden hatte, nie wieder das verschlafene Nest im oberfränkischen Herrgottswinkel, mit 14 000 Seelen, 11 Brauereien und 76 Wirtshäusern. Es war vielmehr eine Hauptstadt der - rechten - Bewegung geworden, wo »das Deutschtum in seiner wahrsten Gestalt« auftrat.

Die erschien endgültig 1925 mit Adolf Hitler, der damals, bei seiner ersten Bayreuth-Visite, tagsüber »in der kurzen Wichs« eines Sommerfrischlers durch die Stadt geschlendert war und Frack oder Smoking erst angelegt hatte, wenn er abends im Festspielhaus dem »größten Deutschen« huldigte, »der je gelebt hat«.

In dem Bewusstsein, dass Bayreuth »das geistige Schwert geschmiedet« habe, »mit dem wir heute fechten«, wurde er nach seiner Machtübernahme Stammgast, verbrachte pro Saison bis zu 40 Stunden im Festspielhaus, hörte sich dort im Sommer 1936 seinen Jugendtraum »Lohengrin« gleich dreimal hintereinander an und band Bayreuth regelrecht in seine Reiserouten ein: Einmal hob er in Bayreuth morgens um acht mit einer JU 52 nach München ab, schüttelte dort italienischen Faschisten die Hände, setzte um 11.30 Uhr in Berlin auf, um einen Admiral zu bestatten, und hockte am Nachmittag schon wieder für »Siegfried« in der Loge.

Dort saß, ihm zur Seite, die junge Festspielchefin Winifred Wagner, Witwe von Richards Sohn Siegfried, und lächelte - der »Wolf« neben »Winni«. Gut Freund waren sie, ein Herz und eine Seele im Zeichen des Meisters, dessen Werke nach Ansicht des Führers »alles in sich schließen, was der Nationalsozialismus erstrebt«. Und wenn zum Schluss des »Ring« die Götterburg zusammenkrachte, küsste der Gast Frau Winni ergebenst die Hand.

Im Gegenzug spekulierte die Hofierte, die bei ihrem Hausfreund »vor allen Dingen das Auge, ganz blau, ungeheuer anziehend« fand, auf Subventionen aus der großdeutschen Kasse; mit Erfolg. Gern ließ Hitler Bares springen, und notfalls kaufte das Reich auch Restkarten auf. Nach Kriegsausbruch kamen Kraft-durch-Freude-Kunden und verstümmelte Landser gratis ins Festspielhaus, auf Kosten Berlins.

1944, kurz vor dem Attentat vom 20. Juli, schaute Hitler ein letztes Mal in Wahnfried vorbei: »Ich höre die Flügel der Siegesgöttin rauschen«, sagte er beim Abschied. Ende des Jahres kam sein letztes Weihnachtspaket mit echtem Bohnenkaffee. Am 5. April wurde die Heimstatt der Wagners von Bomben zerstört. Bayreuth lag am Boden.

War mit der realen Apokalypse nun auch der ganze theatralische Spuk vorbei, war Götterdämmerung auch im Festspielhaus, dieser Trutzburg deutscher Großmannssucht? Hatten sich mit den braunen Schwaden auf dem Hügel und den Brandwolken über den brennenden Städten auch Wagners Phantastereien und die seiner Paladine in nichts aufgelöst?

Fast schien es so. Winifred Wagner hatte sich ins Fichtelgebirge verkrochen, ins »Exil«, wie sie schrieb, und erwartete ihr Entnazifizierungsverfahren. Dort war auch ihr Sohn Wolfgang untergekommen. Wolfgangs älterer Bruder Wieland hingegen lebte in Nußdorf am Bodensee, französische Zone, die er als ehemaliger Parteigenosse nicht verlassen durfte. Schwester Friedelind, die Deutschland schon vor dem Krieg den Rücken gekehrt hatte, weilte in den USA und schickte von dort Care-Pakete.

Doch was eine Renaissance der Festspiele am meisten erschwerte: Richard Wagner selbst war in Verruf. Nach Kriegsende galt er, obwohl über 60 Jahre tot, als Hofkomponist der Nazis, sein Werk als ideale Stimmungsmache für den großdeutschen Schlachtenlärm.

Skrupellos hatten sich die braunen Machthaber für ihre Propaganda seiner effektvollen Tonsprache bemächtigt und deren theatralischen Pomp, ein Sound wie von Krupp, als martialisches Aufputschmittel missbraucht - ein Umstand, der erst jüngst wieder, beim Israel-Gastspiel von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin, zu glaubenskriegerischen Tumulten führte.

Gleichzeitig war aber auch im Jahr der Kapitulation der Rang des Dichter-Komponisten global unbestritten, Wagner - heftig befehdet und kultisch verehrt - eine Jahrhundertfigur. Verwurzelt in der Tradition Beethovens und Carl Maria von Webers, hatte er die Möglichkeiten des Orchesters in ungeahnte dynamische Extreme und harmonische Finessen ausgereizt und das traditionelle Prinzip der Nummernoper (Rezitativ, Arie, Ensemble) durch sein Ideal der »unendlichen Melodie« ersetzt. Aus dem übersichtlich gegliederten Singspiel wurde das pausenlose Musikdrama, aus dem Tutti, das begleitet, ein sinfonischer Machtapparat. Und nirgends schienen diese endlosen Kunststücke aus Mythos und Psychologie besser aufgehoben als in des Meisters guter Stube.

Nun hatte, o Wunder, das Festspielhaus nicht nur die alliierten Bombenangriffe überstanden, sondern auch den Amüsierbetrieb der Besatzer, die dort in Germanenfellen aus dem Fundus gebechert und mit fränkischen Frolleins Jitterbug getanzt hatten. Das Haus war beschlagnahmt, aber intakt.

Doch »mir persönlich ist völlig gleichgültig«, gestand Wieland seinem Bruder 1947, »in welches Verhältnis unsere Familie zu dem Haus da oben zu stehen kommt, da ich unsere Familie für diese Aufgabe unfähig halte«.

Umso eifriger überlegten die amerikanischen Aufseher und eilfertige deutsche Neudemokraten, wie der stillgelegte Singtempel genutzt werden könnte. Als Kino? Als ein Uraufführungstheater für zeitgenössische Opern? Oder lieber doch als Gedenkstätte für NS-verfolgte Tonschöpfer? Vielleicht gar als internationale Stiftung mit Thomas Mann als Präsident?

Derlei Spekulationen verfolgten die Wagners, allen Schwüren zum Trotz, mit Neugier und Unbehagen. Das Haus war laut Siegfrieds Testament schließlich Wagnersche Scholle, da wollten sie denn doch auch mitreden.

Nur die »Herrin von Bayreuth« durfte nicht mehr. Hitler-Freundin Winifred wurde 1948 als »Minderbelastete« zu zweieinhalb Jahren Bewährungsfrist, 6000 Mark an einen Wiedergutmachungsfonds und der Zusage verdonnert, nie mehr ein Unternehmen zu führen. Im Januar 1949 verzichtete sie schriftlich auf jedes Mitspracherecht bei den Festspielen und bevollmächtigte zugleich ihre Söhne Wieland und Wolfgang, »im Namen der Familie zu sprechen und zu handeln«.

Nun fanden auch die beiden Komponisten-Enkel langsam wieder Spaß an einem Festspiel-Revival. Stiekum hatten sie sich schon lange vorher belauert und jede verdächtige Aktivität des anderen argwöhnisch verfolgt. Wieland hatte sogar schon den Verdacht, der Bruder habe den Hausfreund Hitler zur Sicherung einer Vormachtstellung einzuspannen versucht; bereits 1940 hatte wiederum Wolfgang seinem Bruder eine Art Teilung der künftigen Festspielleitung vorgeschlagen, was Wieland verschnupft quittierte: »Traust du mir so wenig über den Weg, dass du mich schriftlich oder mündlich für die Zukunft festlegen willst?«

Derlei Scharmützel waren nicht vergessen, als die Youngsters an den Neustart gingen. »Sowohl dem böse mitgenommenen deutschen Namen wie der diskreditierten deutschen Kultur« werde mit Bayreuths Wiedergeburt »ein guter Dienst erwiesen«, tönte der örtliche Kulturreferent Karl Würzberger in patriotischem Tremolo, und die weltweite Wagner-Gemeinde vernahm es mit wonnigem Schauder.

Sogleich wollten auch andere Abkömmlinge des Komponisten bei der Rekultivierung des Grünen Hügels mitmischen. Aus der Schweiz meldete sich Franz Wilhelm Beidler, Sohn der ersten Tochter von Richard und Cosima Wagner, und schlug die Gründung einer Stiftung vor, was die restliche Sippe misstrauisch ablehnte. Aus Amerika ließ Friedelind Wagner wissen, dass auch sie Ansprüche geltend mache und gegen Exklusivrechte und Extrawürste ihrer Brüder gerichtlich vorgehen werde (was sie dann erfolglos versuchte).

Um zu verhindern, dass sich die Brüder wegen der Festspielleitung weiter verzankten, verabschiedete der Familienrat eine »Vereinbarung« mit klaren Kompetenzen: Beide würden die Festspiele »als Veranstalter im eigenen Namen und auf eigene Rechnung fortführen«; beim Tod des einen trete »der Überlebende in dessen Rechte und Pflichten ein«.

Okay, Deutschland war entnazifiziert, die Deutsche Mark in Umlauf. Da konnten im Sommer 1951 auf dem Grünen Hügel auch endlich wieder die Walküren reiten.

In die letzten Vorbereitungen platzte ein Donnerwetter. Mitte Juni zerstörte ein Hagelschlag den Blumenschmuck der Stadt (Gesamtschaden: 1,5 Millionen Mark) und verpasste dem renovierten Festspielhaus einen Dachschaden (Kosten: 15 000 Mark). Zu allem Unglück sagten Bundespräsident Theodor Heuss und drei Mitglieder des ägyptischen Königshauses ihren Besuch ab.

Der städtische Quartiermeister Georg Arzberger, vom Volksmund damals »Matratzendirektor« genannt, hatte kurz vor dem Festspielstart immer noch nicht genügend Privatquartiere für die auswärtigen Gäste requiriert, und die Eintrittskarten waren auch noch nicht alle verkauft: Um unliebsame Lücken im Parkett auszuschließen, verschenkte Komponisten-Enkel Wieland sogar Billetts in einer Fleischerei. Kleinlaut bibberte das einst großspurige Bayreuth, Wagners Weimar, seiner Wiedergeburt als Wagner-Metropole entgegen.

Doch pünktlich zum Auftakt der ersten Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg war reichlich frischer Blumenschmuck aus den Nachbargemeinden rangekarrt, die Nasszelle im Festspielhaus abgedichtet, das erforderliche Bettenkontingent erstellt und allenthalben für gutbürgerliche Stimmung gesorgt worden: Ein Einzelzimmer kostete gerade mal 8 Mark, eine Mahlzeit mit Suppe und Fleischgericht 1,50 Mark, ein Abend im Festspielhaus höchstens 50 Mark.

In Vertretung des Wagner-Verächters Heuss reiste Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm an und ließ sich gleich am Bayreuther Bahnhof von sudetendeutschen Flüchtlingskindern blühende Gebinde überreichen. Die drei Hohen Kommissare John McCloy (USA), André François-Poncet (Frankreich) und Sir Ivone Kirkpatrick (Großbritannien) rollten in eigenen Sonderzügen vor. An die planmäßigen Schnellverbindungen von Amsterdam, Salzburg, Zürich und Wien wurden besondere Kurswagen gehängt, Zielort: Bayreuth. Der Express von Prag nach Brüssel legte im benachbarten Schnabelwaid einen Extra-Halt ein, um Festspielgästen ein bequemes Umsteigen zu ermöglichen.

Am 29. Juli, zur Feier der Wiedergeburt, fuhren 753 Automobile aus 22 Ländern unter einer internationalen Flaggenparade hügelan, 12 000 Bayreuther säumten die Straßen, winkten und jubelten: Erst jetzt, beim lang ersehnten Comeback der Promis, war für sie der Krieg richtig zu Ende.

Bilder wie aus alten, besseren Tagen. Groß und gewichtig schritt beispielsweise der graubärtige Minister Alois Hundhammer als Repräsentant des Freistaats Bayern durch das Spalier der Zaungäste. Auch Tennis-As und Wagner-Freak Gottfried von Cramm suchte nach diversen Davis-Cup-Runden Erholung am Gral. Der in Sekt reisende Max Schmeling hatte den örtlichen Hoteliers sein Schaumwein-Trio »Schmeling-Privat«, »Schmeling-Gold« und »Schmeling-Trocken« andienen können und ging deshalb dankbar mit Ehefrau Anny Ondra auf Freikarten ins Festspielhaus: »Offen gesagt, ich verstehe nichts von Musik.«

Kaum anders dürfte es auch der Fußball-Elf von Schalke 04 ergangen sein, die damals komplett zur Wagner-Feier antrat und ihre Reisekosten durch ein Freundschaftsmatch gegen den 1. FC Bayreuth einspielen musste.

So war sie also schon im Sommer 1951 wieder beisammen - Bayreuths große Koalition aus Eingeweihten und Kannitverstans. In Hochachtung einig schien die Nachkriegskundschaft allerdings über das jugendfrische Doppel, das sich am Königsportal des Singtempels postiert hatte. Da standen Wieland, 34, und Wolfgang, 31, Enkel und Festspielleiter, als Empfangschefs und bewiesen mit kräftigem Händedruck den Tatendrang nach Art des Hauses.

Für die beiden Enkel, die in Regie, Theaterpraxis, Organisation und Buchführung wenig Erfahrung hatten, war der Neubeginn zweifellos ein Himmelfahrtskommando. Zwar hatten die öffentliche Hand und private Gönner zur Begleichung der Anlaufkosten sechsstellige Summen lockergemacht, und für die 21 Vorstellungen konnten immerhin 37 800 Eintrittskarten an rund 12 000 Besucher abgesetzt werden. Die Starsänger kassierten nur 800 Mark Abendgage, selbst Shooting-Star Herbert von Karajan begnügte sich für ein »Ring«-Dirigat mit 12 000 Mark pauschal. Am Ende der Festspiele ergab sich bei einem Gesamtetat von knapp zwei Millionen Mark nur ein geringes Defizit. Die befürchtete Pleite wurde abgewendet.

Aber was Publikum und Kritik mehr beschäftigte als ein glücklicher Kassensturz war die Bayreuther Bühne, wie die Brüder sie an-, aus- oder zurichten würden. In einem beispiellosen Kraftakt hatten die Geschwister gleich sechs Neuinszenierungen auf ihr Startprogramm gewuchtet, und den Löwenanteil - »Parsifal« und den viermal abendfüllenden »Ring« - mutete sich Wieland auch noch als Regisseur zu.

Und dann das: der blanke Hohn, ein pures Nichts; der Gral im Sommerloch, »Parsifal«, Wagners Evangelium, als Nulllösung. Keine Aue, kein Schwan, nichts von all dem heiligen Bimbam des Stücks war zu sehen; stattdessen gleißende Lichter, magische Spots, eine Radikal-Ästhetik in Watt und Volt. »Und das von einem Wagner-Enkel!«, entfuhr es der entsetzten Winifred, und die sprach damit allen Oldtimern aus dem Herzen. Alte Kameraden gründeten alsbald eine »Vereinigung für die werktreue Wiedergabe der Dramen Richard Wagners«.

Dabei wurde die vermeintliche Schändung der Schlager der Saison: Endlich war der ganze völkische Plunder der letzten Jahrzehnte entsorgt, mit einem Schlag die Bühne von allem wilhelminischen Muff und bräunlichen Müll befreit. »Entrümpelung« nannte der gescholtene Regisseur seine Radikalkur. Voilà, Vorhang auf für »Neu-Bayreuth« - und für neuen Knatsch hinter den Kulissen.

Je eindeutiger sich Wieland mit flotten Sprüchen ("Walhall ist Wall Street") und entschlackten Inszenierungen zum Star der Festspiele profilierte, umso mehr fühlte sich Bruder Wolfgang, für Finanzen und Verwaltung zuständig, ins Bayreuther Kontor abgeschoben. Aber auch er - nominell schließlich gleichberechtigter Festspielleiter - wollte an die Rampe.

Die unvermeidlichen Reibereien zwischen den Brüdern wurden hitziger, als sich ein Teil der Wagners nach dem Neubeginn der Festspiele auch privat wieder im Schatten des Grünen Hügels niederließ und so richtig schön auf die Pelle rückte.

Nachdem Winifred angefangen hatte, gelegentlich mit Edda Göring, der Tochter des Reichsmarschalls, und Frau Ilse Heß bei Kaffee und Kuchen zu plaudern, zog Wieland eine Mauer durch den Garten von Wahnfried, »um diese Mischpoke nicht ewig sehen zu müssen«. Als Wielands Kinder ihrer Oma entsetzt von KZ-Filmen berichteten, wurden sie aufgeklärt: »Alles gefälscht, alles entstellt.« Wielands Sohn Wolf Siegfried ("Wummi") beschmierte eine Tür mit Kaffeesatz: »So braun war meine Großmutter.«

Mitten in diese häusliche Idylle platzte 1953 die Amerika-flüchtige Friedelind. Wolfgang wähnte in der Schwester sofort eine weitere Konkurrentin um den Festspielthron und wollte sie am liebsten als »Werbeagentin« gleich wieder in die USA abschieben. Doch Wieland half der Heimkehrerin bei der Gründung der »Bayreuther Festspiel-Meisterklassen«, die Wolfgang als einen Haufen »neugieriger Dilettanten« verspottete.

Als der konservative Wolfgang 1960 einen »Nibelungen-Ring« mit viel germanischem Krimskrams in altdeutscher Verpackung herausbrachte, tobte Wieland los: »So etwas darf in Bayreuth einfach nicht passieren.« Fortan hatten die Brüder nur noch schriftlich Kontakt, oder sie brüllten sich an. Ihre Kinder durften nicht mehr miteinander spielen, dasselbe Internat besuchen oder die jeweiligen Aufführungen des bösen Onkels angucken.

Für eine pikante Zuspitzung in der Bluts-Bande sorgte die junge Sopranistin Anja Silja, die, erstmals 1960 engagiert, gern im Mini über den Hügel schritt und angeblich ein lustvolles Dasein pries: »Ich schlafe mit jedem Mann nur einmal, nur mit Wieland mach ich''s anders.« Danach war die kesse Berlinerin für Winifred nur noch die »Kurfürstendammnutte«, was Wieland mit juristischen Schritten zu ahnden drohte.

Jedenfalls wurde in der Beziehungskiste, in der sich Wieland, seine Ehefrau Gertrud und, als dritte Kraft, Anja Silja einzurichten versuchten, »gelogen und betrogen, geliebt und gelitten«, wie der Wagner-Biograf Hans-Joachim Bauer in seiner neuen Familienchronik »Die Wagners« schreibt. Mal gingen die beiden Rivalinnen gemeinsam spazieren, dann wieder erteilte Gertrud Anja Hausverbot. Bayreuth hatte viel zu tuscheln.

Damit war kurze Zeit Schluss, als im Oktober 1966, genau 15 Jahre nach dem Neubeginn der Festspiele, Wieland in München starb. Doch der inzwischen weltweit angesehene Regisseur war kaum beigesetzt, da probte der Clan erneut Ramba und Zamba.

Witwe Gertrud sah sich nach Jahren der ehelichen Zusammenarbeit »verpflichtet, das künstlerische Erbe Wielands fortzusetzen«. Wolfgang bestand auf seiner Rolle als »alleiniger Verwalter des Erbes« und untersagte der Schwägerin, vorerst auch nur irgendeine Wagner-Oper anzurühren: »Wenn du redest, inszenierst, schreibst, sperr ich dir das Geld!« »Eine heimtückische Erpressung«, schäumte die Choreografin. Gleichzeitig kündigte Winifred ihrer Schwiegertochter und ihren vier Enkelkindern das Wohnrecht in Wahnfried: »Wenn der Förster stirbt, dann hat die Förstersfamilie das Forsthaus zu verlassen.«

Nun, hojotoho, war die Sippschaft so richtig in Fahrt. »Wer etwas Gutes über meinen Vater sagte«, erinnerte sich Wielands Tochter Nike, fiel bei Wolfgang in Ungnade. Winifred verbot ihrer Tochter Friedelind - »Das ist nicht dein Sitz« - das Bänkchen in der Familienloge und ließ dort lieber Edda Göring und andere rechte Promis Platz nehmen. Wolfgang untersagte seiner Schwester sogar das Betreten des Weiheareals.

Nach dem Vorbild der Ahnen motzte bald auch die nächste Generation, Richards Urenkel. Wieland-Sohn Wolf Siegfried kündigte an, sich »auf dem Weg durch die Provinz natürlich für Bayreuth zu profilieren": »Ich heiße Wagner, ich inszeniere Wagner«, und Wolfgang solle sich »keinen Illusionen hingeben«, »ich kämpfe um Bayreuth«. Wolfgang erließ Hausverbot.

Auch Wolf Siegfrieds Schwester Nike ließ an Wolfgangs Bayreuth und ihrem Onkel kein gutes Haar. Er sei »der Striese seines Ahnen«, lästerte die streitbare Publizistin, seine Festspiele wirkten »verkalkt, verkrampft, verkrustet«; er habe »die Familienbande gelöst«, Wahnfried sei »ein Friedhof«. Der Festspielchef: »Eine einmalige Niedertracht.«

Ungleich leiser, dafür besonders innig hatten sich derweil Wolfgang und seine Tochter Eva auseinander gelebt. Als der Festspielleiter sich von seiner Frau trennte, um 1976 Gudrun Mack zu ehelichen, hielt Eva zu ihrer Mutter und musste bald den Hügel verlassen. »Leider ist Eva weggegangen«, sagte Wolfgang. »Mein Vater hat mich rausgeschmissen«, korrigierte Eva. Seitdem schweigen sich beide an.

Besonders ruppig ging der Musikwissenschaftler Gottfried mit dem Festspielleiter Wolfgang ins Gericht, der Sohn mit dem Vater. Auf Fragen zur Nazi-Zeit habe er daheim »immer nur schrille und grelle Lügen« gehört, ließ Gottfried den Rest der Welt wissen; die »Aushängeschilder Levine und Barenboim«, zwei jüdische Dirigenten, habe der Herr Papa nur als »Alibijuden« engagiert; unter der väterlichen Ägide sei Bayreuth zum »Mittelding zwischen Investitionsbörse und Alteisenmarkt« verkommen. Per Fax ließ daraufhin der Festspielchef seinen Filius wissen, »künftig inner- und außerhalb Bayreuths nachdrücklich auf absoluter Distanz zwischen Dir und mir sowie den Bayreuther Festspielen bestehen zu müssen«.

Und damit der Nachwelt von all dem toxischen Tratsch auch nur ja kein böses Wort verloren ging, gaben die Streithähne eifrig zu Protokoll; seitdem fliegen die Fetzen auch noch mal zwischen Buchdeckeln: Wolfgang veröffentlichte seine »Lebens-Akte«, Friedelind die »Nacht über Bayreuth«, Nike das »Wagner Theater«, Gottfried »Wer nicht mit dem Wolf heult«; Gertrud Wagner wurde durch ihre Biografin Renate Schostack gewürdigt ("Hinter Wahnfrieds Mauern"), Anja Silja ("Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren") von eigener Hand; alles keine Poesiealben.

Aber nun reicht es. Mag ja sein, dass dieses vermaledeite Herrschergeschlecht Ballast abwerfen und sich Frust von der Leber schreiben musste, und der Versuch, so was wie reinen Tisch zu machen, ist auch im Fall der Wagners nicht unehrenhaft, wenn auch, wie sich gezeigt hat, untauglich.

Aber gerade in dem letzten halben Jahrhundert, wo die große Chance zur Wende bestanden hat und Bayreuth gleichzeitig sein historisches Charisma hätte erneuern und stabilisieren können, hat sich der Clan mehr mit sich und seinen Verfallserscheinungen beschäftigt als mit der Idee, die diese Festspiele auch noch im 21. Jahrhundert rechtfertigen könnte. Jedenfalls ist der kategorische Imperativ des Ahnherrn Richard - »Kinder, schafft Neues!« - auf dem Hügel nur mehr historisches Zitat, nicht aktuelle Devise.

Spätestens seit dem Tode des genialischen Enkels Wieland liefern die Festspiele vor allem Mittelmaß und Hausmannskost. Die allerorts gängigen Regisseure haben längst auch hier solide abgeliefert; bewegt hat das wenig. Die allgegenwärtigen Kapellmeister sind auch hier verlässlich aufs Podium gestiegen; Sternstunden waren das nicht.

Brillante Ausnahmen bestätigen die beschämende Regel. 1974 übernahm der Dirigent Carlos Kleiber den »Tristan« und versetzte das Publikum mit seiner Ekstase in geradezu hypnotische Räusche; Glanz von gestern. Zwei Jahre später stellte der französische Regisseur Patrice Chéreau, damals 31 und Wagner-Novize, einen von psychologischer Hochspannung und phänomenaler Bühnenvirtuosität geprägten »Ring« vor, der das Bayreuther Publikum radikal entzweite: Die Premiere drohte im Tumult trillerpfeifender Radaubrüder unterzugehen, Chéreau und Wolfgang Wagner erhielten Morddrohungen, Wagners Frau Gudrun wurde von einem Aufrührer das Abendkleid zerrissen; die letzte Aufführung dagegen endete bei 101 Vorhängen und 85 Minuten Beifall. »Ich wage zu behaupten«, urteilte der Festspielleiter in seiner »Lebens-Akte«, »dass sich bisher wohl noch in keinem Theater der Welt Vergleichbares ereignete.«

Richtig, aber auch Bayreuth hat Vergleichbares nicht mehr geschafft, nicht mal ein paar Nummern kleiner und ein paar Phon weniger. Musikalisch und szenisch hat es sein Ziel verpasst, in Sachen Wagner spitze zu sein, gar Avantgarde. In den 25 Jahren seit jenem »Ring«-Skandal haben andere Theater, normale Opernhäuser mit vollem Spielbetrieb, der fränkischen Vorzeigebühne die Show gestohlen.

Brüssel ließ sich auf das Risiko ein, den ganzen »Ring« erstmals in einem einzigen Bühnenbild zu inszenieren; ein radikaler, imposanter Versuch. Stuttgart wagte einen anderen Coup und überließ die Tetralogie Stück für Stück vier verschiedenen Regisseuren; ein kolossales, sogar amüsantes Experiment. Selbst das sonst eher provinzielle Meiningen nahm sich, alle Achtung, mehr heraus als das saturierte Bayreuth: Im vergangenen Frühjahr spielte das thüringische Theater den »Ring« erstmals in einem viertägigen Durchlauf ohne Ruhetag, dafür mit zwei verschiedenen Orchestern.

Bayreuth dagegen, einst eine erste Adresse, hat heute vor allem mit dem Theater der Wagners und dem Theater um die Wagners zu tun: mit einem grantelnden Greis, der gehen soll, aber nicht will und nicht muss; mit Nichten und Neffen und Basen, die sich liebend gern in den Haaren liegen und die allein ihren Nachnamen schon für einen Führungsausweis halten; und mit einem Stiftungsrat, der zahnlos um sich beißt.

So stimmt also, was die Nornen am Hügel schon lange raunen: Nach mehr als einem Jahrhundert hat der Stammbaum des großen Richard seine letzten Ruhmesblätter verloren. Die Wagners haben ausgedient - und Bayreuth gleich mit.

* Schlagersänger Roberto Blanco, Ehefrau Mireille;Grünen-Chefin Claudia Roth; Angela Merkel mit Ehemann JoachimSauer, Friedrich Merz, Ehefrau Charlotte.* Richard Wagner mit Kaiser Wilhelm I.* Ehefrau Cosima, Richard Wagner, Schwiegervater Franz Liszt;Komponisten-Sohn Siegfried, Ehefrau Winifred, Kinder.

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