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»DAS IST DIE ABDANKUNG DER DEMOKRATIE«

aus DER SPIEGEL 29/1970

SPIEGEL: Herr Professor, Sie haben sich dem Kampfbund »Freiheit der Wissenschaft« angeschlossen, um zu verhindern, daß die Universitäten in »Hochburgen der Gegner unserer Demokratie« verwandelt werden. Glauben Sie, daß eine »rote Universität« droht?

LÖWENTHAL: Ja, und zwar einmal durch die Existenz aktivistischer studentischer Gruppierungen, die sich als Feinde unseres demokratischen Staates fühlen und die Hochschule bewußt benutzen wollen, um Positionen von Einfluß in der Gesellschaft zu erlangen und diese demokratische Ordnung zu untergraben. Zum zweiten dadurch, daß mißverständlich konzipierte Hochschulgesetze diesen Gruppen ihre Arbeit erleichtern.

SPIEGEL: Daher Ihr Wort von einer »Kaderschmiede für Feinde unserer Demokratie«?

LÖWENTHAL: Die studentische Reformbewegung hat eine Kehrtwendung gemacht und sich gegen den Versuch gewandt, »Spezialisten für die spätkapitalistische Gesellschaft« heranzuziehen. Ich bin dafür, daß kenntnisreiche Spezialisten für unsere Gesellschaft, für unsere demokratische Gesellschaft, ob man sie spätkapitalistisch nennt oder nicht, herangezogen werden, und ich bin dagegen, daß die Universitäten statt dessen zu ideologischen Spielwiesen erniedrigt werden.

SPIEGEL: Haben Sie deshalb gesagt, die Universität sei »auf der schiefen Ebene«?

LÖWENTHAL: Nicht nur deshalb, sondern auch wegen der Gefahr des Leistungsverfalls in Forschung und Lehre. In den »demokratisierten« Universitäten werden Prüfungsordnungen von denen mitbestimmt, die selbst diese Prüfungen noch nicht bestanden haben. Die Personalauswahl erfolgt zunehmend unter dem Druck ideologischer Bewegungen. Die Lehrpläne werden nicht nach dem bestimmt, was die Gesellschaft von ihren künftigen Lehrern, Richtern, Beamten und Journalisten an Kenntnissen erwarten muß, sondern nach dem, was radikalisierten Studenten und zum Teil Assistenten in die Richtung paßt. In keinem anderen modernen Land gibt es eine solche Emanzipation der Hochschule von den Bedürfnissen der demokratischen Gesellschaft.

SPIEGEL: Sie sind Mitglied der SPD und zugleich einer der außenpolitischen Berater Willy Brandts. Der erste SPD-Kanzler hat in seiner Regierungserklärung mehr Demokratie auch in der Gesellschaft verlangt. Fürchten Sie nicht, daß Ihr Engagement im Bund »Freiheit der Wissenschaft« im Widerspruch zu den Zielen steht, die von der SPD-geführten Bonner Regierung verfolgt werden?

LÖWENTHAL: Ich glaube das nicht. Ich glaube, daß überall in der Gesellschaft, in Parteien oder Verbänden oder vielen anderen Organisationen, wo es sich um den Ausgleich verschiedener Interessen, um die Entscheidung zwischen verschiedenen Zielen und Werten handelt, die Demokratie die einzige Form ist, in der diese Fragen gelöst werden können.

SPIEGEL: Das sagen die linken Studenten auch.

LÖWENTHAL: Ich glaube aber, daß überall da, wo es sich um funktionale Organe der Gesellschaft handelt, denen ihr Ziel, ihr Zweck, ihre Aufgabe von der Gesellschaft als ganzer vorgeschrieben ist, ein solches Organ nicht in sich sinnvoll demokratisiert werden kann. Ein Ministerium, in dem die Beamten demokratisch bestimmen, was es macht, ist nicht ein Ministerium einer demokratischen Regierung.

SPIEGEL: Wollen Sie die Befehlsstruktur eines Ministeriums auf die Universität übertragen?

LÖWENTHAL: Gewiß nicht. Ich bin auch nicht der Meinung, daß es in der Universität keinen Raum für autonome Selbstbestimmung gibt. Die Frage Ist bloß, auf welche Weise. Der Rahmen für diese Selbstbestimmung muß durch die Ziele, die die Gesellschaft der Hochschule setzt, eindeutig gegeben sein. Und er kann nicht dadurch geändert werden, daß man Entscheidungen über die Hauptrichtungen des Lehrplans willkürlich zusammengesetzten ständischen Institutionen innerhalb

* Bei einem Teach-in im Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin mit FU-Präsident Rolf Kreibich (3. v. l.).

der Hochschule überantwortet. Das ist für meinen Begriff nicht eine Demokratisierung, sondern eine Abdankung der Demokratie.

SPIEGEL: Einige Jura-Professoren der FU halten es für verfassungswidrig, wenn Ordinarien in den Hochschul-Gremien überstimmt werden können.

LÖWENTHAL: Ich halte es für normal, daß die Verteilung der Lehraufgaben zwischen den Lehrenden abgestimmt wird, aber nicht, daß willkürliche Mehrheiten den Hochschullehrern Vorschriften machen. Ich glaube, daß die Hochschule zunächst entscheidet, welche Lehrstuhlinhaber sie beruft, und daß dann der Lehrstuhlinhaber im Rahmen des Lehrplans entscheidet, was er lehrt. Sonst ist er zu nichts gut.

SPIEGEL: Der Bund, dem Sie angehören, bekämpft die Hochschulgesetze der sozialdemokratisch geführten Regierungen in Hessen, Berlin und Bremen. Was ist Ihr Haupteinwand gegen diese Gesetze?

LÖWENTHAL: Zunächst: Es gibt auch in diesen Gesetzen notwendige, ja überfällige Reformen -- etwa die größere Beweglichkeit der Präsidialverfassung sowie die Stärkung und Besserstellung des akademischen Mittelbaus. Es gibt andere Reformen, die mir noch fehlen -- vor allem die breitere soziale Öffnung der Hochschule auf der Grundlage des Leistungskriteriums. Mein Grundeinwand aber ist, daß man die sogenannten Interessentengruppen der Hochschullehrer, Assistenten, Studenten und Dienstkräfte zur Grundlage des Universitätsaufbaus gemacht hat. In der Universität gibt es auch Interessenfragen. Aber die Interessenfragen sind nicht die Hauptfragen der Universität. Die Hauptfragen der Universität sind Sachfragen. Und die Universität als ständischen Interessentenhaufen aufzubauen heißt nach meiner Meinung die Grundlagen wissenschaftlicher Entscheidungen zerstören.

SPIEGEL: Zu Ihrem Kampfbund gehören auch so konservative Politiker und Professoren wie Ex-Minister Gerhard Schröder, CDU, und der Münchner Professor Hans Maier. Empfindet der Sozialdemokrat Richard Löwenthal diese Koalition gegen die SPD-Hochschulgesetzgebung nicht als peinlich?

LÖWENTHAL: Nein, das stört mich nicht. Ich glaube, daß es hier ein gemeinsames Interesse von Sozialdemokraten und anderen Demokraten bei der Verteidigung bestimmter Grundsätze der Demokratie gegen Dinge gibt, die sich, auch wenn sie von Sozialdemokraten in gutem Glauben gemacht worden sind, jetzt als schädlich für die Demokratie herausstellen.

SPIEGEL: Man könnte etwas überspitzt formulieren: Hier will ein Sozialdemokrat mit dem Christdemokraten Gerhard Schröder die Demokratie retten vor dem SPD-Kultusminister Ludwig von Friedeburg.

LÖWENTHAL: Ich kenne Herrn Schröders Hochschulanschauungen nicht -- nehmen wir doch Paul Mikat, den Sprecher der CDU in Fragen der Bildungspolitik. Wenn Mikat bereit ist, für die notwendigen Reformen mit Sozialdemokraten zusammen zu arbeiten, warum soll ich nicht mit ihm gegen falsche Reformen zusammen arbeiten.

SPIEGEL: Auch gegen Ihren Parteifreund von Friedeburg?

LÖWENTHAL: Ich kenne Friedeburg, und ich habe mich sehr gewundert, ihn als sozialdemokratischen Minister wiederzufinden. Als prominenter Vertreter der Frankfurter Schule hat er immer ein sehr distanziertes Verhältnis zu unserem demokratischen Staat und -- solange ich ihn kannte -- ein ironisch-herablassendes Verhältnis zur Sozialdemokratie gehabt. Ich bedaure, daß die hessische Sozialdemokratie gerade ihm die Verantwortung für die Verwirklichung der Grundsätze der Demokratie in der Bildungspolitik anvertraut hat.

SPIEGEL: Der Bildungsexperte des SPD-Vorstands, der ehemalige Berliner Schulsenator Carl-Heinz Evers, hat Ihr Wort von der »Kaderschmiede« als Unsinn bezeichnet und die Beteiligung sozialdemokratischer Politiker am »Bund der Freiheit der Wissenschaft« eine »Desavouierung der sozialdemokratischen Hochschulpolitik« genannt.

LÖWENTHAL: Herr Evers ist nicht als Bildungsexperte, sondern als Exponent des linken Parteiflügels in den Vorstand gewählt worden. Ich glaube nicht, daß er viel davon weiß, was an Hochschulen vorgeht.

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