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»Das ist die Zuwachsbranche schlechthin«

Organisiertes Verbrechen in der Bundesrepublik (IV): Rauschgifthandel Weltweit arbeitende Syndikate haben binnen weniger Jahre den westdeutschen Rauschgiftmarkt erobert. Internationale Finanzkreise unterstützen nach Feststellungen der Uno das Milliardengeschäft mit den harten Drogen. Mit Geheimdienstmethoden und straffem Management wird der Stoff tonnenweise ins Land geschafft und verteilt. Nie zuvor gab es so viel, so billiges, so reines Rauschgift auf dem westdeutschen Markt. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Im März 1979 ließ sich der Amerikaner Richard Tracy aus Santa Monica mit dem Taxi durch die Bundesrepublik chauffieren. Er suchte nach etwas Repräsentativem, geeignet als europäischer Wohnsitz für seinen Auftraggeber, einen südamerikanischen Geschäftsmann.

Bei Stuttgart wurde er fündig. Er ließ anhalten und bat seinen deutschen Begleiter, sich nach einem Preis für das herrliche Objekt zu erkundigen: das Schloß Solitude.

Aus dem Geschäft wurde nichts, obwohl es am Preis nicht gelegen haben kann. Tracys Chef, ein amerikanischer Milliardär, mußte fortan auf Geschäftsreisen in Deutschland vorliebnehmen mit der Präsidentensuite im Hamburger Atlantic Hotel.

Wie reiche Amerikaner so sind: Der Mann erkundigte sich, wo man Flugzeuge bauen lassen kann, ließ sich Leibwächter besorgen und gründete, angeblich um mit Luxusautos zu handeln, gleich eine kleine Firma. »Niemand wäre auf die Idee gekommen«, behauptet heute ein Hamburger Geschäftsfreund, womit der Mann wirklich sein Geld verdient.

Mittlerweile weiß man es. Der Milliardär war Carlos Lehder, 38, und zu jener Zeit, vor knapp zehn Jahren, begann sein kolumbianischer Konzern mit dem Export jenes Produktes, das mittlerweile den westdeutschen Markt überschwemmt: Kokain. Das kolumbianische Kokain-Syndikat aus der Stadt Medellin, dessen Kopf der mittlerweile in den USA inhaftierte Lehder war, hat es binnen weniger Jahre geschafft, den europäischen Markt fast ganz für sich allein zu erobern.

Medellin-Leute sitzen in Frankfurt ebenso wie in Hamburg, zwar nicht in Schlössern, aber in Villen im Taunus ebenso wie in feinen Anwaltskanzleien. 30 Tonnen Kokain im Jahr - vorsichtig geschätzt - gilt es in Westeuropa zu verteilen, Gramm für Gramm.

Bis in die Klassenzimmer westdeutscher Schulen hinein, beobachten Drogenfahnder, haben die Verteilerringe das Produkt aus den Anden mittlerweile verbreitet. Kokain, bis vor wenigen Jahren noch Gelegenheitsdelikatesse für schräge

Schickis, ist nach Ansicht von Drogenexperten wie des Frankfurter Kripomannes Klaus Krumb zum »Haschisch der achtziger Jahre« geworden. Nie zuvor, stellte Anfang diesen Jahres die Drogenkommission der Vereinten Nationen fest, war so viel Kokain in so guter Qualität zu so niedrigen Preisen in Europa verbreitet.

Die »Markteroberung«, so der badenwürttembergische Landespolizeipräsident Alfred Stümper, ist beispielhaft für das kriminelle Management des Rauschgifthandels. Kein anderer Zweig des organisierten Verbrechens ist so straff organisiert, kein Verbrechen sonst so weltumspannend geplant.

»Verbrecherorganisationen mit internationalen Verbindungen und mit Komplizen in Finanzkreisen« nennt die Rauschgiftstudie der Vereinten Nationen die Unternehmen. Der geschätzte Jahresumsatz der Drogenmafia ist mindestens so hoch wie der Umsatz von General Motors, des größten Industrieunternehmens der Welt: über 100 Milliarden Dollar. Ein guter Teil davon wird in der Bundesrepublik gemacht.

Der Drogenhandel in Deutschland, konstatierte kürzlich Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU), sei zum »Hauptbetätigungsfeld« der Organisierten Kriminalität (OK) geworden. An die zwei Milliarden Mark Gewinn ziehen die Syndikate aus dem westdeutschen Geschäft mit dem verbotenen Stoff: *___Zehn Tonnen Heroin pro Jahr werden nach Expertenansicht ____an westdeutsche Endverbraucher verkauft. *___Nahezu ebensoviel Kokain setzt, nach groben ____Schätzungen, das amerikanische Drogenkartell ab. *___Synthetische Drogen, deren Konsummengen noch niemand ____abschätzen kann, haben dramatische Zuwachsraten um 40 ____Prozent pro Jahr. *___Das Massengeschäft mit Millionen Haschisch-Pieces ist ____ebenfalls schwer überschaubar; eine Ahnung von den ____Dimensionen gibt die letztes Jahr von westdeutschen ____Fahndern sichergestellte Menge von zweieinhalb Tonnen.

Die Drogendrehscheibe Deutschland taugt für die Bedienung des ganzen Kontinents. Ein Mehrfaches der hierzulande verbrauchten Mengen - in Kilo- und Zentnerportionen abgepackt, gehandelt und deponiert - wird nach Amsterdam, Paris oder Mailand verschoben.

Auf dem Frankfurter Flughafen landet die weiße Ware mehrmals wöchentlich und manchmal zentnerweise: Der Lufthansa-Route Bogota - Puerto Rico - Frankfurt (Mittwoch, Freitag und Sonntag) gilt das besondere Interesse der Drogenfahnder auf Rhein-Main. Die Südamerikaflüge sind stets gut besetzt mit Kokain-Kurieren.

»Eine straff organisierte Reisegruppe« (so der Frankfurter Staatsanwalt Horst Kraushaar) kolumbianischer Frankfurt-Besucher fiel den Flughafenfahndern letztes Jahr auf: 14 Leute, fortlaufend numerierte Tickets, entstiegen der Maschine aus Bogota.

Brav ließ sich das Häuflein von vier Frankfurter Betreuern in Empfang nehmen. Die Gruppenreisenden wurden von den einheimischen Reiseleitern auf verschiedene

Hotels der Stadt verteilt, kleine Klitschen, die nur eine Bedingung erfüllen mußten: Zimmer mit WC. Denn jeder der Frankfurt-Touristen hatte ein Pfund Kokain im Bauch, eingeschweißt in Präservative.

Tausend Dollar zahlen die Versender in Kolumbien in der Regel für den Kurierdienst nach Frankfurt - viel Geld für arme Schlucker, denen im südamerikanischen Koks-Paradies das Festnahmerisiko, das sie eingehen, oft gar nicht klar ist. »Greise sind darunter, Kinder und arbeitslose Akademiker«, weiß der Frankfurter Kripomann Krumb.

An wen sie das Kokain abzuliefern haben, wissen die Jobber oft selber nicht. Viele haben in der Heimat den Schlüssel für eine Frankfurter Wohnung in die Hand gedrückt bekommen, die Adresse dazu. Dort legen sie die Ware ab, schlagen die Tür hinter sich zu und fliegen zurück in die Heimat - Himmelfahrtskommandos.

Denn wenige Fluggäste werden am Zoll so penibel kontrolliert wie Ankömmlinge aus Bogota. Für den Frankfurter Rechtsanwalt Edgar Liebrucks, zu dessen Klientel solche Kuriere gehören, ist es »völlig unverständlich, warum die immer noch den Weg über den scharf kontrollierten Frankfurter Flughafen nehmen«.

Die Antwort geben Kenner der kolumbianischen Drogenmafia. Den Auftraggebern ist es egal, wie groß die Verlustquote ist. »Was juckt die Leute schon der Verlust von 30 Kilo Kokain - die werfen das doch auf den Markt wie Waschpulver«, sagt der Frankfurter Drogenstaatsanwalt Kraushaar. »Zehn werden verhaftet, einer kommt durch« - so kalkuliere die Koks-Mafia das Geschäft, erfuhr in Frankfurt der Strafverteidiger Ulrich Koch.

Der Schmuggel per Magen ist dabei eine schon wieder veraltete Technik. Röntgengeräte beim Zoll, das hat sich auch in Südamerika rumgesprochen, stehen bereit, die Fluggäste zu durchleuchten, die während des langen Interkontinentalfluges dem Bordpersonal dadurch auffallen, daß sie nichts essen.

Die Schmuggel-Tricks werden immer aufwendiger: *___Kokain wird in Alkohol oder Chloroform aufgelöst, dann ____werden die Kleider der Kuriere damit getränkt. Mit ____Hilfe von Aceton wird die Ware zurückgewonnen. *___Mit Bindemitteln wird der Stoff zu Knetmasse geformt, ____aus der zierliche südamerikanische Volkskunstfiguren ____modelliert werden. *___Mit Kokain gefüllte Strohhalme werden in Wellpappe ____gesteckt - die Kartons selber enthalten ganz harmlose ____Importartikel.

Eine ganz neue Methode deckten die Zollfahnder auf Rhein-Main Anfang Februar auf. Ein Zentner Kokain war im Wasser eines Zierfischbehälters aufgelöst worden. Damit die Fische das Manöver überlebten, war das Fischwasser vom Koks-Wasser durch eine Zwischenwand getrennt.

Das erfolgreich eingeschmuggelte Rauschgift wird in Frankfurt für den Weitertransport gesammelt und umgeladen. Ein Teil geht mit Autos zum nahen Kleinflughafen Egelsbach und von dort mit Privatflugzeugen nach Amsterdam, ein anderer Teil wird in Privatwagen nach Holland oder Frankreich geschafft. »Für Profis«, sagt ein Frankfurter Ermittler, »ist die deutsche Westgrenze völlig risikolos zu überwinden.«

So risikolos ist der große Grenzverkehr, daß die Kokain-Manager tonnenweise Stoff von Deutschland nach Amsterdam bringen - nur um ihn von dort ansässigen Verteilerorganisationen, nochmals am Zoll vorbei, nach Deutschland vermarkten zu lassen.

Die holländische Metropole ist die Hauptstadt des europäischen Kokain-Großhandels. Der meiste Stoff für den norddeutschen und den nordwestdeutschen Markt wird von Amsterdamer Verteilerorganisationen geliefert, die manchmal in kleinen Hotels an idyllischen Grachten ihren Sitz haben.

In so einem Hotel, am Nieuwendijk, wohnte jahrelang die Kolumbianerin Clara Rojas, eine Frau, die Drogenermittler in Deutschland und in den Niederlanden als mächtige Zwischenhändlerin auf dem europäischen Kokain-Markt einschätzen. Ihre Firma war einem Branchenkollegen freundschaftlich verbunden, ebenfalls Kolumbianer mit Adresse Prinsengracht.

In der Prinsengracht, so meinen die Ermittler herausgefunden zu haben, sei 1986 der Nachschub knapp geworden. Die Firma geriet in Lieferschwierigkeiten. Clara Rojas soll Hilfe angeboten haben: Sie könne Nachschub via Frankfurt besorgen.

Die Organisation spurte. Am 24. März 1986 landete in Frankfurt der Lufthansa-Jumbo mit der Flugnummer 503, im Ladeteil hinter dem Passagierraum, versteckt hinter einer Wandverkleidung, verbarg sich die georderte Ware: 50 Päckchen Kokain, insgesamt 30 Kilo.

Alles weitere lief unter den Augen der Polizei. Die Ermittler hatten das Versteck entdeckt, die größte bis dato in einem Flugzeug auffällig gewordene Kokain-Lieferung aus Kolumbien. Weil die Ermittler das »Handeln und Vorgehen einer Organisation« im Hintergrund vermuteten,

tauschten sie das Kokain gegen Salz aus, versteckten einen Sender im Laderaum und warteten ab, was passierte.

Zunächst passierte gar nichts. Pünktlich um neun Uhr am nächsten Morgen erhob sich der Vogel mit dem Salz im Bauch wieder in die Lüfte und flog davon. Kreuz und quer über den Erdball verfolgten die Fahnder das Lufthansa-Flugzeug, bis es am 1. April erneut in Frankfurt landete.

Auf dem Flugfeld setzte sich alsbald ein Kleinbus der Lufthansa in Bewegung, der Fahrer, ein Lufthansa-Angestellter, schob eine Leiter an den Rumpf des Fliegers und holte eines der Pulverpäckchen aus dem Frachtraum.

Der Mann steht jetzt in Frankfurt vor Gericht: wieder nur ein kleiner Zwischenträger, der noch dazu beteuert, er habe lediglich dieses eine Päckchen abholen sollen. Von dem übrigen Transportgut habe er keine Ahnung gehabt.

Die Drahtzieher sind kaum je zu fassen. Die mutmaßliche Bestellerin Rojas verschwand nach dem mißglückten Geschäft Richtung Spanien. Die Leute, die verraten könnten, wo sie ist, schweigen aus Angst: »Die Frau ist lebensgefährlich«, sagt der Anwalt einer Zeugin.

Allenfalls »vage Informationen« (Staatsanwalt Kraushaar) haben die Ermittler über einige Köpfe des Kokain-Kartells in Westdeutschland. Im Taunus bei Frankfurt etwa, will ein Anwalt und Kenner der Drogenszene wissen, sei die Residenz eines Medellin-Vertreters.

Die Stützpunkte sind gut getarnt. Mit dem Ost-Berliner Spitzenspitzel Günter Guillaume vergleicht der Stuttgarter OK-Fachmann Stümper die Koks-Manager im Lande: »Es wird hier ähnlich wie im nachrichtendienstlichen Bereich mit regelrechten Perspektivplänen gearbeitet.«

Agenten »voller Legalität und Harmlosigkeit« (Stümper) werden in Westdeutschland aufgebaut, in Spitzenstellungen geschleust und erst Jahre danach als »Ansprechpartner des Syndikats« aktiviert. Wenn Stümpers These stimmt, ist anzunehmen, daß Medellin-Leute auch in den Spitzen westdeutscher Ermittlungsbehörden sitzen, um von dort aus ihre schützende Hand über das Milliardengeschäft zu halten.

Von den niederen Chargen fallen ab und zu mal welche auf: *___Depothalter, die Lieferungen in Westdeutschland oder ____Holland in Empfang nehmen; *___Koordinatoren ("Controller"), auf deren Anweisung der ____Stoff von den Depothaltern sodann in einem Mietwagen ____oder in einem Schließfach hinterlegt wird; *___Transporteure, die den dazu passenden Schlüssel ____bekommen und die Waren zu den örtlichen Drogenhändlern ____in Hamburg oder Nürnberg fahren.

Mindestens ebensoviel Stoff wie über den Frankfurter Airport kommt über die norddeutschen Häfen ins Land. Eingeschweißt hinter Stahlwänden oder versteckt in Containern, landen Zentner der profitablen Handelsware im Hamburger Freihafen. Um die ewig schnüffelnden Rauschgifthunde an der Nase herumzuführen, sind die Importeure nach Berichten von Zollfahndern dazu übergegangen, zwischen das heiße Containergut Trockenfisch zu mischen.

Im Hamburger Umland und in Schleswig-Holstein spürt die Kripo zur Zeit einer von den Ermittlern so genannten »Westküsten-Connection« nach: einem Kreis von Halbweltgeschäftsleuten, die in Abständen von mehreren Monaten Transporte von jeweils 50 Kilogramm Kokain in den Häfen von Brunsbüttel und Hamburg in Empfang nehmen.

Die Quelle der Connection soll das mittelamerikanische Costa Rica sein. Dort schauen sich Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) schon länger um. Das friedliche Land, in dem die Orchideen und die Demokratie blühen, ist bevorzugter Fluchtpunkt reicher Bordelliers aus dem deutschen Norden.

Auch der Hamburger Kiez-König Reinhard ("Ringo") Klemm, verdächtigt

mehrerer Mordaufträge im Zusammenhang mit Kokain-Handel, hatte sich nach Costa Rica abgesetzt, bevor er verhaftet und im Dezember letzten Jahres nach Hamburg ausgeliefert wurde.

Einer, der die Seefahrt für das Kokain-Geschäft geradezu meisterhaft erschloß, ist der Münchner Diamantenhändler Nikolaus Chrastny, laut Interpol »einer der meistgesuchten Männer der Welt«.

Mit einer ganzen Flotte von Hochseejachten organisierte er den Koks-Import nach Europa. Für die Beschaffung solcher Jachten gibt es Spezialfirmen, von denen Ermittler eine in Gibraltar vermuten. Auf Liegeplätzen in Marbella oder Antibes werden die Schiffe gestohlen und mit falschen Papieren ausgerüstet.

Organisator Chrastny, seit Jahren im Visier der amerikanischen und europäischen Drogenfahnder, war nie zu fassen. Er tarnte sich mit Toupets, falschen Bärtchen und diversen Brillen. Mehrfach unterzog er sich Gesichtsoperationen.

Allein zwischen März und Juni 1987 benutzte der »Mann mit den hundert Gesichtern« ("Quick") sieben verschiedene Pässe und unterschiedliche Photos und Aliasnamen. Während dieser Zeit passierte er 31 Paßkontrollen - die Beamten merkten allenfalls hinterher, wen sie durchgelassen hatten.

Nach einem »riesigen Mosaikspiel« (BKA-Drogen-Cheffahnder Jürgen Jeschke) wurde Chrastny schließlich Mitte Juni vergangenen Jahres in London gefaßt. 53 Kilogramm Kokain, zudem Koffer voller Bargeld, Pretiosen und Juwelen stellten die Fahnder sicher. Chrastny gab zu, fast zehn Zentner Kokain mit Schiffen von Kolumbien nach Großbritannien und dann weiter aufs Festland geschafft zu haben.

Der »Kopf des größten internationalen Kokain-Syndikats in Europa« (Jeschke) packte aus. Je mehr Scotland-Yard-Leute er dabei der bezahlten Mitarbeit bezichtigte, desto größer wurde die Sorge der britischen Polizei um seine Sicherheit. Schließlich wurde der zunächst in London verwahrte Großdealer in eine »Topsecurity«-Polizeizelle im nördlichen Dewsbury verfrachtet.

Dort pflegte der Gast aus Deutschland einen ungewöhnlichen Lebensrhythmus. Bis in die Nacht hinein sah er fern, erst gegen fünf Uhr morgens ging er zu Bett, dann schlief er bis zum Nachmittag. Die Bewacher wähnten den Gefangenen auch im Tiefschlaf, als er am 5. Oktober morgens um fünf flüchtete, statt schlafen zu gehen. Sein Verschwinden wurde erst Stunden später entdeckt.

Chrastny, dessen Zellentür stets offenstand, hatte mit Sägeblättern in dreimonatiger Haftzeit ein Korridorgitter der Sicherheitsstation geknackt. Seine Spur verliert sich in Holland.

Wo auch immer sich der Kokain-Händler jetzt aufhält, er muß um sein Leben fürchten: Die Leute von Medellin empfinden ihn als Konkurrenten und als Verräter dazu. Und sie fackeln gewöhnlich nicht lange.

»Knallhart«, sagt ein Kokain-Experte beim Bundeskriminalamt, sei die kolumbianische Mafia: »Wenn Mitglieder nicht mehr in der Spur laufen, werden sie ohne Vorwarnung umgelegt.« Vergleichsweise menschlich gehe dagegen die italienische Mafia mit Leuten um, die in Ungnade gefallen sind: »Die bekommen wenigstens noch eine Chance.«

Ohne Chance war Dietmar Traub, Ex-Chef des Hamburger »MB-Club«, einer polizeibekannten Kokain-Verteilerzentrale. Traub wurde im November 1984 vom St.-Pauli-Killer Werner Pinzner unter dem Vorwand eines Kokain-Deals in den Wald gelockt und hinterrücks, ohne Vorwarnung, erschossen.

Eine Auseinandersetzung zwischen Bordelliers, so hieß es offiziell, sei der Grund für den Mord an Traub gewesen. Als mutmaßlicher Auftraggeber ist derzeit in Hamburg der ehemalige St.-Pauli-Geschäftsmann Peter Nusser angeklagt. Der Fall Traub war kein Einzelfall. Pinzner erschoß mindestens vier weitere Kiez-Kollegen, und alle hatten ihre Hände im Geschäft mit kolumbianischem Kokain, ebenso wie wahrscheinlich der St.-Pauli-Wirt »Ringo« Klemm, der als

Hintermann einiger Pinzner-Morde verdächtigt wird.

Daß das mörderische Kokain-Kartell in Hamburg schießen ließ, scheint Ermittlern auch deshalb wahrscheinlich, weil Pinzner vor seinem Selbstmord auch jenen Mann erschoß, der drauf und dran war, die Hintergründe des Mord- und Kokain-Geschäfts aufzuklären: den Hamburger Staatsanwalt Wolfgang Bistry. Das war ein Mord, der eine Nummer zu groß war für die kleinen Könige von der Reeperbahn.

Der Aufbau einer weltumspannenden hierarchischen Organisation, die mit Geheimdienstmethoden das Drogengeschäft von der Herstellung bis zur Produktion beherrscht - das ist ein Phänomen der Organisierten Kriminalität, das erstmals mit dem Siegeszug des Kokain die deutschen Ermittler zu beschäftigen begann. Eine vergleichbare Drogenpower war auf dem schon länger etablierten Heroin-Massenmarkt unbekannt gewesen. Um die Heroin-Kundschaft konkurrieren, so ein Interpol-Bericht, »streng abgeschottete Tätergruppen türkischer, pakistanischer und chinesischer Herkunft, die voneinander unabhängig sind«.

Der Anbau von Opium im »Goldenen Halbmond« (Osttürkei, Iran, Afghanistan und Pakistan) oder im »Goldenen Dreieck« (Burma, Laos, Thailand) wird zumeist von selbstherrlichen einheimischen Diktatoren kontrolliert, die mit der Verteilung häufig gar nichts zu tun haben. Heroin-Küchen, in denen die Morphinbase verarbeitet wird, finden sich in Asien wie in Nordafrika, in Italien und auch in Südfrankreich. Der Verkauf wird von selbständigen Händlerringen organisiert.

Dennoch gibt es eine Dachorganisation, die weltweit einen großen Teil des Heroin-Markts steuert: die Mafia.

Anfang der siebziger Jahre, so ergibt sich aus den veröffentlichten Akten der italienischen Mafia-Prozesse, stieg die Ehrenwerte Gesellschaft in das Milliardengeschäft ein und erschloß den europäischen Markt. Die italienischen Mafiosi bekamen das Heroin-Geschäft so fest in den Griff, daß der Oberste Gerichtshof Italiens in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr feststellte, der gesamte internationale Rauschgifthandel sei ausschließlich in der Hand von Mafia, Camorra, ''Ndrangheta und Cosa Nostra.

Der Mafia-Experte und Autor eines Buches über die Ehrenwerte Gesellschaft,

Rolf Uesseler, rekonstruierte aus italienischen Mafia-Akten, wie die lenkenden Hände das Heroin-Geschäft organisiert haben: Am Anfang stehe, so Uesseler, der Kontrakt zwischen einer »für Finanz- und Handelsangelegenheiten zuständigen Person« der Mafia und einem Vertreter der Opium-Bauern. Verhandlungsort ist meist, wie unter Geschäftsleuten üblich, die Schweiz _(Rolf Uesseler: »Mafia. Mythos, Macht, ) _(Moral«. Verlag Dietz Nachf., Berlin/Bonn ) _(1987; 240 Seiten; 16,80 Mark. ) .

Der Transport zur See und die Belieferung der Heroin-Küchen sind Aufgabe des Mafia-Managements. Auch die Verteilung an europäische Großhändler über Mailand und Rom hat die Ehrenwerte Gesellschaft in der Hand. Die Großhändler, ebenfalls Mafiosi, organisieren den Transport auf dem Landweg nach Westdeutschland und Skandinavien via Triest oder auf dem Seeweg nach Spanien und Frankreich.

Anzahlungen für Großgeschäfte, fanden Drogenfahnder heraus, werden oft mit Falschgeld geleistet - nicht etwa, weil die Herren es nicht in echt hätten: In Mafia-Kreisen gilt ein Koffer falscher Dollarnoten als Bonitätsbeweis. Nur kriminelle Profis verfügen über genügend Selbstgemachtes.

Der Vertrieb an den Endabnehmer ist Kleinkram, der anderen überlassen wird: Die Feinverteilung wird, in Unterkommission, an die türkische Mafia oder an selbständige Händlerringe vergeben. Und nur die Kommissionäre sind es, die gelegentlich von Drogenfahndern geschnappt werden - die Mafia bleibt im Hintergrund.

Fast immer waren es türkische Ringe, die während der letzten Monate in Westdeutschland aufflogen. Vorletzte Woche erst verhafteten Kripoleute in Salzburg, Wien, Ankara, Istanbul, Mailand und München die Mitglieder einer Türken-Gang, die fast 300 Kilo Heroin in Westeuropa verteilt haben soll - Marktwert: 28 Millionen Mark.

Einer der fleißigsten Großdealer ist nach Polizeiansicht ein Deutscher gewesen. Der Spediteur Albert Knoll aus dem Allgäuer Waal steht im Verdacht, seine Lastwagen in den Dienst eines türkischen Dealerrings gestellt und sein Haus als Europa-Depot für Heroin benutzt zu haben. 52 Kilo des Opium-Produkts wurden bei ihm gefunden.

Ein kleiner Heroin-Mafioso, der aus Italien kam, war Francesco Di Bella. Fahnder erwischten ihn mit 15 Pfund in Weinheim an der Bergstraße. Die Ermittlungen um den Heroin-Händler Di Bella machten wie selten zuvor die Handelswege des Heroins deutlich.

Der Italiener, der schon 1983 in Heroin-Geschäften nach Deutschland reiste, hatte ein Uhrengeschäft in der Via Andrea Doria Nummer 12 in Mailand. Der kleine Laden war italienischen Mafia-Ermittlern gut bekannt: Dort trafen sich Mitglieder des Scambia-Clans, genannt nach Filippo Scambia, laut einem internen Ermittlungsbericht des Mailänder Strafgerichts »auf dem Mailänder Markt einer der größten Heroin-Lieferanten«. Der Scambia-Clan wiederum unterhält enge Beziehungen zur Familie Rappocciolo, deren Name im Heroin-Geschäft als Markenzeichen gilt.

Der Uhrenladen Di Bellas wurde regelmäßig mit Feigensaftkanistern beliefert. Eine Botin stellte die Behälter in der Nähe des Laden ab. Sobald sie gegangen war, sprang der Uhrenhändler auf die Straße und barg die Beute. Feigensaft war wirklich drin. Aber in den Zwischenwänden der Kanister steckte Heroin. Die Botin, eine Engländerin namens Maud Head, wurde einen Tag vor Di Bellas Verhaftung in Weinheim beim Flugtransit in Frankfurt festgenommen, mit Heroin im Koffer. Sie stellte sich den Frankfurter Ermittlern als Kronzeugin zur Verfügung und nannte den Staatsanwälten den Namen des Feigensaft-Lieferanten: Jussuf Hamije.

Hamije lebt in einer burgähnlichen Festung in Zahla bei Beirut. Per internationalem Haftbefehl wird er als einer der _(Oben: in Baden-Baden; ) _(unten: in Frankfurt. )

mächtigsten Organisatoren des Heroin-Geschäfts gesucht - ein Mann, dem beste Beziehungen zu Drogenfahndern nachgesagt werden: Kripo-Ersuchen, die über Interpol in Beirut eintreffen, gehen, wie ein Frankfurter Staatsanwalt vermutet, zuerst über seinen Schreibtisch, ehe sie in die Hand der Behörden gelangen.

Die Hamije-Familie ist weltweit verzweigt. Sippenmitglieder sind in Italien dabei, die heiße Fracht aus Beirut zu verteilen. Kein Wunder: »Hamije - das ist nur ein anderer Name für Mafia«, vertraute ein Hamije-Mann vor Zeugen einem Abnehmer an.

Jussuf Hamijes Gesicht kennt keiner, er läßt es ständig verändern. Immerhin ist seine Telephonnummer bekannt: 324 906.

Die Nummer ist aktenkundig beim Landgericht Mannheim, das bis zum Herbst vergangenen Jahres gegen den in Weinheim verhafteten Di Bella verhandelte. Um die Hintergründe des Heroin-Geschäfts aufzuklären, scheuten die Juristen keine Mühe: Sie riefen bei Hamije an, um ihn allen Ernstes als Zeugen zu laden, »freies Geleit« für den per Haftbefehl gesuchten Mann inbegriffen.

Doch die Wahrheitssuche beim Mafia-Boß scheiterte schon an der Post. »Mindestens 30mal«, vermerkte der Richter schließlich, habe er versucht, das Fernamt zu erreichen: »Dort war ständig besetzt.« Ein Dolmetscher stellte schließlich - ergebnislos - den Kontakt mit Hamije her.

Unbeantwortet blieb auch ein Justizbrief ("Für Ihre Bemühungen bedanken wir uns schon jetzt") an den Heroin-Gewaltigen. Enttäuscht notierte der Richter ins Protokoll, der Zeuge sei zum anberaumten Termin nicht erschienen: »Eine heute beim Kostenbeamten vorgenommene Nachfrage«, ob Hamije »zur Geltendmachung und Ersetzung von Auslagen erschienen« sei, »wurde verneint«.

Verdeckte Ermittler - einer brachte den Fall Di Bella ins Rollen - haben in der Heroin-Branche weitaus mehr Chancen, wenigstens bis zu den Zwischenhändlern vorzudringen, als im perfekt organisierten Kokain-Handel. Wer am Kokain-Geschäft beteiligt ist, berichten Fahnder wie Anwälte, lebe in Todesangst vor dem Kartell; auch im engsten Kreis verrate niemand etwas über die Hintermänner.

Im unübersichtlichen Heroin-Geschäft wird schon eher mal geredet. Zudem ist es für Fahnder relativ leicht, diesen Markt von der Basis her aufzurollen. »Einem Heroin-Abnehmer sieht man seine Sucht an«, sagt ein Frankfurter Drogenanwalt. Den hohläugigen Freaks braucht nur ein Fahnder auf den Fersen zu bleiben - prompt wird er zum Lieferanten geführt.

Das Kokain-Geschäft ist da für die Beteiligten viel risikoloser. Der Handel mit der Oberschicht-Droge läuft leise über die Veloursteppiche schicker Hotel-Etagen - die Opfer sehen meist so adrett aus wie die Täter. Kein Wunder, daß etwa die 1986er Bundeskriminalstatistik 5576 Fälle von Heroin-Handel und -Schmuggel, aber nur 1238 Kokain-Delikte verzeichnet.

Schwierigkeiten bereitet den Ermittlern allerdings die multinationale Organisation der Heroin-Gangs. V-Leute, die in die Drogenszene einsteigen wollen, müssen schon in der Zunge beispielsweise von Türken oder Pakistani reden können.

Die Frankfurter Kripo importierte eigens einen Ermittler aus dem Senegal, um mit einer Senegalesen-Gang ins Geschäft zu kommen, die in freundlicher Offenheit monatelang im Frankfurter Bahnhofsviertel Passanten anmachte, ob sie nicht ein bißchen Heroin wollten.

Und weil ein wegen Drogenhandels verurteilter Malaysier so schön Chinesisch konnte, verzichteten die Hamburger Behörden darauf, den Mann, wie vorgesehen, abzuschieben. Um für die Heroin-Fahnder V-Mann bei einer Chinesen-Connection zu spielen, wurde er sogar öfter mal unauffällig aus dem Knast beurlaubt.

Das kriminelle Management, zu dem die Fahnder auf diese Weise vorstoßen wollen, ist meist auf eine Drogensparte spezialisiert - zu sehr unterscheidet sich der Markt der Kokser von dem der Fixer. Wer auf dem Heroin-Markt verdient, hat mit der Kokain-Konkurrenz meist nichts zu tun.

Doch an der Basis, bei den regionalen Kleinverteilern, hat sich der bodenständige westdeutsche Mob breitgemacht, der nach dem Räuberbanden-Prinzip wahllos und überall mitmischt, wo es Teilhabe am kriminellen Profit gibt. Solche Drogenbanden beteiligen sich oft an Schutzgelderpressungen oder Raubüberfällen, um das nötige Kleingeld für den Einstieg in das Rauschgiftgeschäft zu verdienen. Bordelliers investieren, um die Umsatzdefizite auf dem Aids-geplagten Liebesmarkt wettzumachen.

Räuberromantik umgab auch eine Gemischtwaren-Bande, die vor wenigen Wochen von der Kripo in der Umgebung von Koblenz, der Heimat des Schinderhannes, ausgehoben wurde. Eine Industriekauffrau aus der Loreley-Gegend, von ihren Leuten »Miß Pompadour« genannt, war nach Ansicht der Ermittler die Chefin einer Bande von mehr als 100 Leuten.

Miß Pompadour ließ sich von fünf verschiedenen Fahrern immer reihum ins rechtsrheinische Wispertal hinter Lorch kutschieren. Ein richtiger Räuberwald säumt dort das idyllische Flüßchen. Mal an der Laukenmühle, mal beim Abzweig nach Wollmerschied stieg die Frau zu nächtlichen Solo-Spaziergängen aus; die Chauffeure mußten auf sie warten.

Aus Felsspalten und vergitterten Höhlen, aus Laubhaufen und Baumwurzeln zog die mutmaßliche Chefdealerin Bargeldbündel hervor. In »Marlboro«-Dosen

und Plastiktüten deponierte sie sodann Kokain und Haschisch. Die Fahrer wurden im Auto mit Zärtlichkeiten oder mit Bargeld belohnt, gelegentlich auch mal mit einem Gramm Ware.

Miß Pompadour schottete ihr Netz toter Briefkästen im rheinischen Schiefergebirge so konsequent von den wechselnden Chauffeuren ab, daß keiner das Ausmaß des Rauschgiftgeschäftes so recht mitbekam. Eineinhalb Kilo Kokain, ein Pfund Chemiedrogen und rund 80 Kilogramm Haschisch, räumte sie ein, habe sie seit 1984 verteilt. Die Kripo hält das für untertrieben.

Tote Drogenbriefkästen wie im Wispertal sind verteilt über das ganze Land. In West-Berlin etwa, stellten Ermittler fest, fungieren Blumenschalen in öffentlichen Grünanlagen als Heroin-Übergabestellen.

In der langen Verteilerkette - vom Anbau in Südamerika oder in Pakistan bis zu den toten Briefkästen in Deutschland - erwirtschaften Zwischenhändler auf allen Ebenen lohnenden Gewinn. So steigt der Preis für ein Kilo Morphinbase von 20 000 Mark ab Hersteller über Verarbeitung, Verlängerung und Portionierung bis zum Straßenverkauf auf 60 Millionen an. Ein Gramm Kokain kostet in Bolivien acht Mark. In Deutschland verkauft, bringt es 200 Mark oder mehr.

Der Heroin-Handel ist selbst im Verbraucherland noch unglaublich profitabel: Ein (gestrecktes) »Straßengramm« kostet in Berlin manchmal nur 100 Mark, in München läßt sich für das gleiche Zeug bis zu 800 Mark erlösen.

Der Grund für das Süd-Nord-Gefälle: Bayrische Richter sind bekannt dafür, daß sie über Rauschgifthändler drakonische Strafen verhängen. Die harte Linie schlägt auf den Preis.

Aber auch anderswo läßt sich genügend erlösen. Allein die kokainschnupfenden Prostituierten im Frankfurter Bahnhofsviertel, so schätzen die Experten im Polizeipräsidium um die Ecke, verbrauchen im Jahr für 50 Millionen Mark Koks.

Auf 60 Millionen Mark schätzen Hamburger Kripo-Experten die Summe, die allein die 3000 hanseatischen Heroin-Abhängigen für ihre Sucht aufbringen müssen. Kripo-Chef Wolfgang Sielaff: »Die Käufer müssen sich das Geld ja irgendwie beschaffen.«

Die Beschaffungskriminalität - Einbrüche, Diebstähle, Überfälle -, die allein durch Hamburgs Heroin-Markt ausgelöst wird, richtet alljährlich weit mehr als eine halbe Milliarde Mark Schaden an - rund 350 Mark pro Hamburger.

Westdeutsche Sicherheitspolitiker ängstigt nicht nur die wieder steigende

Zahl von Drogentoten (1987: 442) und das horrende Ausmaß der Beschaffungskriminalität, sondern auch ein anderer Effekt: Die gewaltige Vermögensumwälzung, die von der Organisierten Drogenkriminalität ausgelöst wird, hat für den OK-Experten Sielaff »systemverändernde Aspekte«.

Im Sog des Rauschgiftmarktes sammeln sich in den Händen weniger mächtiger Kokain-Könige und Mafiosi gigantische Vermögen an, zusammengekratzt und zusammengestohlen von Millionen Drogenabhängigen. Das von den europäischen Kokain-Unternehmern verdiente Geld läuft über ein verzweigtes Netz von Holding-Firmen, die als Geldwaschanlage dienen.

Oft sind es Rechtsanwälte, die, geschützt durch die anwaltliche Schweigepflicht, für ihre krim inelle Mandantschaft die Holdings halten. Gleich drei solcher Konstruktionen, die von der US-Rauschgiftbehörde DEA als »Geldschleusen« für das Kokain-Geschäft bezeichnet werden, sollen ihren Sitz in Anwaltskanzleien der Hamburger Innenstadt haben.

Die kriminellen Kokain-Gewinne, von US-Politikern als »Narco-Dollars« bezeichnet, fließen zum Teil in die Wirtschaft. Die Herren des Medellin-Kartells - die dem kolumbianischen Staat schon mal angeboten haben, die drückenden Auslandsschulden von 14 Milliarden Dollar zu übernehmen - können ganze Wirtschaftszweige aufkaufen oder auch Regierungschefs, nach US-Vermutung zuletzt den Panama-Machthaber Manuel Antonio Noriega.

Frei nach Bertolt Brecht - »Was ist die Plünderung einer Bank gegen die Gründung einer Bank«? - hat die italienische Mafia ihre Heroin-Gewinne in ein Netz von Privatbanken investiert. Schon der sizilianische Finanz-Mafioso und Bankier Michele Sindona, der 1986 in der Haft an Zyankali starb, arbeitete eng mit der italienischen Skandalbank Ambrosiano zusammen, die ihrerseits Gelder aus Waffen- und Drogengeschäften verschob.

Ein Teil der Rauschgiftgewinne dient der Finanzierung von Waffengeschäften zur Unterstützung von Terrortrupps in Südamerika wie in Irland. So finanzieren Heroin-Süchtige etwa in Hamburg den Waffenhandel mit dem Nahen Osten ebenso wie den Widerstand in Afghanistan. »Narco-Terrorismus« ist das Fachwort des Washingtoner State Department für diese politische Dimension des Drogengeschäfts.

Doch in wenigen Jahren schon können sich die Gesetze des Drogenweltmarktes umgekehrt haben: Immer mehr synthetische Drogen erobern den Markt,

deren Gewinnung und Verarbeitung in jedem gut eingerichteten Labor irgendwo auf der Welt möglich ist.

Marktführer ist das Aufputschmittel Amphetamin ("Speed"), das früher in winzigen Pervitin-Pillen genossen wurde und mittlerweile zur Massendroge gediehen ist (SPIEGEL 26/1987). Nach Ansicht des BKA-Chefermittlers Jeschke ist das Amphetamin-Geschäft »die Zuwachsbranche schlechthin«.

»Marktwirtschaftlich gesehen«, sagt der Bonner Drogenstaatsanwalt Jan van Rossum, gebe es derzeit einen »Verdrängungsmechanismus": Amphetamine setzten sich durch gegen die Sucht-Oldies Heroin und Kokain. Die Zahl der aktenkundigen Erstkonsumenten, wichtiger Indikator für neue Trends auf dem Drogenmarkt, stieg in nur zwölf Monaten von 194 auf 513.

Das kriminelle Management ist parat: Mehr als 50 Laboratorien entdeckten westdeutsche Drogenfahnder in den vergangenen zwei Jahren. Eines »der bedeutendsten der Nachkriegszeit« (Kripo) flog 1985 im pfälzischen Wachenheim auf: Zwei Chemiefacharbeiter stellten da eine ganze Produktpalette chemischer Rauschgifte her.

Daß der Drogenmarkt für Amphetamine ganz neuen Gesetzen folgt, mußten Rauschgiftfahnder letztes Jahr auch in Hamburg feststellen. In einer Mietwohnung machte ein Mann regelmäßig Tisch-Grillgeräte fertig für den Versand in die USA. Der Grill-Exporteur war, vermutet die Staatsanwaltschaft, ein Zulieferer der US-Mafia.

Den Empfängern kam es nicht auf die Wurstbratgeräte an, sondern auf die Propangasflaschen, die mitgeliefert wurden. Die Behälter waren gefüllt mit Phenylaceton, einem Grundstoff für die Amphetamin-Herstellung.

Phenylaceton spielt mittlerweile eine ähnliche Rolle wie andere Rauschgiftrohstoffe, etwa die Koka-Blätter aus Bolivien oder das Opium aus dem Goldenen Dreieck. Tonnenweise wird das Chemieprodukt von Deutschland aus auf verschlungenen Wegen in die Vereinigten Staaten transportiert, wo die Mafia daraus synthetische Drogen kocht. Ein Versandgeschäft über 5,4 Tonnen deckte das Landeskriminalamt Stuttgart beispielsweise im Dezember 1984 bei einer Chemiefirma in Ellwangen auf.

Der Aufwand lohnt sich, denn anders als in den USA ist Phenylaceton in der Bundesrepublik nicht dem Betäubungsmittelrecht unterstellt. »Unter irgendeinem Firmennamen«, berichtet ein Hamburger Chemikalienhändler, seien auch größere Mengen leicht beim Fachhandel zu ordern.

Die hierzulande billig und legal erhältliche Substanz läßt sich mit gehobenen Chemiebaukasten-Kenntnissen im Verhältnis eins zu eins in Amphetamin verwandeln. Und Untergrundlaboratorien, in denen die Kunstdrogen synthetisiert werden, schießen in den USA wie Fastfood-Restaurants aus dem Boden. 1981 wurden 103 solcher Speed-Küchen entdeckt, fünf Jahre später bereits 438 ausgehoben.

Vorstufen-Chemikalien wie Phenylaceton, fordert Klaus Mellenthin, Chef des Rauschgiftdezernats beim Stuttgarter Landeskriminalamt, sollten endlich in der Bundesrepublik schärferen Bestimmungen unterworfen werden. Dem Schmuggler, aber auch dem einheimischen Drogenbrauer sei eine Straftat ansonsten kaum nachzuweisen. »Praktisch«, sagt Mellenthin, »müssen wir warten, bis er kocht.«

Die Rechtslage eröffnet jedenfalls den heimischen Finanziers des organisierten Verbrechens in den nächsten Jahren ein neues Millionengeschäft.

Anders als beim Heroin- und beim Kokain-Geschäft sitzen sie diesmal selber an der Quelle.

Ende _(Oben: beim Stuttgarter ) _(Landeskriminalamt; ) _(unten: auf der Toilette des ) _(Hauptbahnhofs. )

Rolf Uesseler: »Mafia. Mythos, Macht, Moral«. Verlag Dietz Nachf.,Berlin/Bonn 1987; 240 Seiten; 16,80 Mark.Oben: in Baden-Baden;unten: in Frankfurt.Oben: beim Stuttgarter Landeskriminalamt;unten: auf der Toilette des Hauptbahnhofs.

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