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»Das ist eine Schande«

Rudolf Augstein über Papst Pius XII. und den Holocaust
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 43/1997

Die Zeit der großen Abrechnungen ist vorbei. Nachdem nun die Schuldigen an der Vernichtung der Juden gestorben oder so gut wie gestorben sind, beginnt die Ära der halbherzigen Entschuldigungen.

Die katholischen Bischöfe im französischen Drancy beschränkten sich auf die 16 Diözesen, wo sich ehemals Konzentrationslager befanden, als sie im September eine Erklärung verlesen ließen, in der die offizielle katholische Kirche erstmals ihre »Reue« über »Irrtümer der Vergangenheit« bekannte.

Ein neuer Entschuldigungshöhepunkt wird nun möglicherweise zwischen dem 30. Oktober und dem 1. November auf einem Konvent in Rom stattfinden. Der heutige Papst Johannes Paul II. ("Abtreibung ist Hinrichtung") will - so die römische Tageszeitung »La Repubblica« unter Berufung auf Vatikankreise - ein »feierliches mea culpa« sprechen über die »Sünde des Antijudaismus, die die Kirche über Jahrhunderte begangen hat«.

Da der christliche Antijudaismus kein rassischer war und kein rassistischer, wird sich der jetzige »Stellvertreter Christi auf Erden« nicht sonderlich mit den Taten und Unterlassungen eines seiner Vorgänger, des Papstes Pius XII., befassen müssen. Hier würde die Diskussion brisant, und deswegen wird man sie vermeiden.

Nie, bis zum Falle Rolf Hochhuth, hat die Kirche gegen einen einzelnen Schriftsteller Stellung bezogen, wie Papst Paul VI. dies angesichts der ewigen Stadt Jerusalem tat. Hochhuth hatte sich des Vergehens schuldig gemacht, den »Stellvertreter Christi auf Erden« ernst zu nehmen.

Ist ein »mea culpa« der Kirche und vor allem dieses Papstes unwahrscheinlich, so wird er doch auf die jahrhundertelang bewährten salvatorischen Klauseln zurückgreifen, mit denen Verbrechen der Kirche und ihre Sühne stets abgewehrt worden sind.

Das Salvatorische interessiert heute kaum noch jemanden. Hingegen brachte ein Vortrag des amerikanischen Professors und Rabbiners David Blumenthal an der Päpstlichen Gregoriana-Universität Ende September doch einiges zutage. Während dieser Zusammenkunft in Rom hat er unter anderem zur Diskussion gestellt, ob und unter welchen Bedingungen durch eine Intervention von Papst Pius XII. - bürgerlich Eugenio Pacelli - mindestens ein Drittel der ermordeten Juden hätte gerettet werden können.

Das mit dem Drittel mag stimmen. Aber Blumenthal irrt sich, wenn er meint, der Papst hätte Adolf Hitler, der bis zu seiner Machtergreifung Kirchensteuer zahlte, und andere prominente katholische Nazis mit dem Ausschluß aus der Kirche von irgend etwas abhalten können. So wie der Führer selbst aus der römisch-katholischen Kirche nicht austrat, ermahnte er auch seine offiziell kirchlich gebundenen Satrapen, nicht auszutreten.

Hitler muß instinktiv gewußt haben, daß er seine beiden eigentlichen Ziele, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Ausrottung des europäischen Judentums - die er schon lange vor der Machtergreifung zu erkennen gab -, nicht gegen den erklärten Widerstand der beiden Kirchen, vor allem der römisch-katholischen, würde erreichen können.

So schloß er am 20. Juli 1933 das Konkordat des Reiches mit der Kurie, von dem er mit Recht annahm, daß es ihm Vorteile einbringen würde. Der Vatikan hatte zuvor ziemlich weitgehende Forderungen gestellt, um Hitlers Wunsch entgegenzuwirken. Die Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz erreichte Hitler mit Hilfe seiner Zustimmung zu den Konkordatsverhandlungen. Letztendlich gelang es ihm damit, die katholischen Parteien aufzulösen und die Geistlichen aus der Politik auszuschließen.

In Rom war ein Mann federführend, der Deutschland und Italien gleich gut kannte: der damals 57 Jahre alte Kardinalstaatssekretär Pacelli. Als Italiener mußte er wohl auch Italien lieben. Aber gewiß liebte er Deutschland - nicht gerade das Reich Hitlers - bis zu seinem Tode 1958. Es ergab sich so, daß Pacelli unter der offiziellen Verantwortung seines Vorgängers Pius XI. mit diesem Konkordat Hitler den Eintritt in den europäischen Salon eröffnete.

Mit deutschen Angelegenheiten war er befaßt gewesen, seit er 1917 Nuntius in der bayerischen Hauptstadt München und zwischen 1925 und 1929 Nuntius in Berlin gewesen war, von wo der Vatikan ihn nach Rom zurückberufen hat. Schwerlich hat sich der junge, hochgewachsene und majestätisch daherkommende Diplomat damals träumen lassen, daß er einmal im Mittelpunkt der schlimmsten Papstkrise des 20. Jahrhunderts stehen würde.

Hätte er als Papst Pius XII. die vom Holocaust bedrohten Juden tatsächlich vor ihrem schrecklichen Schicksal bewahren können, hätte er gar die Hälfte von ihnen wirklich retten können? Da gibt es keine Beweise, nur innere Überzeugungen.

Die bis heute kirchenamtliche Antwort lautet immer noch: Ein öffentliches Eingreifen des Papstes hätte die Situation der Juden noch verschlimmert. Auch Pacelli selbst, am 2. März 1939 im dritten Wahlgang zum Nachfolger Pius XI. erwählt, nahm 1942 gegenüber amerikanischen und anderen diplomatischen Vertretungen auf ihre Forderung, sich für das Schicksal der Juden einzusetzen, diese diplomatisch nicht zu widerlegende Haltung ein. Wie er sich dabei noch als »Stellvertreter Christi auf Erden« hat sehen können, muß der uns nicht zugänglichen Psychologie des Papsttums überlassen bleiben. Daß Pius XII. als Mensch Hitlers kriegerische Pläne nicht wollen konnte, versteht sich von selbst.

Eine von dem vitalen und temperamentvollen Pius XI. bereits im März 1937 veröffentlichte Enzyklika »Mit brennender Sorge« war direkt gegen das Hitlertum und dessen Gottlosigkeit gerichtet. Das Wort Jude oder Antisemitismus kam nicht vor.

Ein Jahr später gab er den Entwurf einer weiteren Enzyklika »Die Einheit des Menschengeschlechts« in Auftrag. Rassismus, so lautete ein Fazit, stehe »im Widerspruch zur katholischen Glaubens- und Sittenlehre«. Man häufe »Unrecht auf Unrecht, Lieblosigkeit auf Lieblosigkeit« und beseitige die Juden oder unterdrücke sie völlig. Die Weitergabe dieser umfangreichen Schrift wurde auf dem Dienstwege so lange verzögert, bis Pius XI. immer gebrechlicher war und 81jährig am 10. Februar 1939 starb.

Umstritten ist, warum Pius XII., der die Enzyklika »Mit brennender Sorge« noch als Kardinalstaatssekretär verschärfte, diese darauffolgende Enzyklika nicht erlassen hat. Der Jesuitengeneral Ledóchowski, ein Pole, soll ihn von der Veröffentlichung abgebracht haben. Diplomatischen Einwänden war Pius XII. immer zugänglich. Der Papst glaubte wohl, dadurch etwas für den Frieden tun zu können, was zwar ehrenvoll, aber falsch gedacht war. Der Heilige Stuhl sah zudem eine die Juden diskriminierende Gesetzgebung nicht im Widerspruch zur katholischen Lehre, jedenfalls in Friedenszeiten nicht. Die Juden waren für den Episkopat ein ihm »in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehender Interessenkreis«.

Freilich, ein Weltkrieg hätte die Kirche in mehrerlei Zwangsjacken gesteckt, und Pius XII. sah sich nicht als den Mann, der sie daraus hätte befreien können. Er selbst, die Kurie, der Heilige Stuhl, sie blieben neutral. Es gibt nur einen persönlichen Akt des Eingreifens von Pius XII. während des ganzen Krieges. Als Hitler 1940 die drei neutralen Länder Holland, Belgien und Luxemburg überfiel, drückte der Papst den Regierungen sein Bedauern aus, benannte aber nicht die Täter. Dafür rechtfertigte er sich vor den deutschen Bischöfen, die den Angriffskrieg ja begrüßt hatten. Er tat dies auf die für ihn typische Weise: Alle drei Staaten seien beim Vatikan durch ihre Nuntien akkreditiert gewesen. So habe er wohl das Recht gehabt, diesen bis dahin Neutralen seine Anteilnahme auszusprechen. Als ihm dann noch die italienische Regierung Vorwürfe machte und drohte, den Verkauf der halboffiziösen Zeitung »L''Osservatore Romano« zu verbieten, verfügte der Papst: Über den Sender Vatikan und den »Osservatore Romano« werden nur strikt neutrale Nachrichten verbreitet.

Er schwieg zu den unter den Augen der Wehrmacht begangenen Greueltaten der SS in Polen, von denen nicht wenige katholische Priester betroffen waren. Wir glauben dem vor kurzem in »arte« gesendeten Fernsehfilm von Guido Knopp über die Päpste gern, daß Pacelli darüber entsetzt war. Aber entsetzt zu sein allein genügt nicht.

In seiner ersten Weihnachtsansprache suchte Pacelli seine Amtsauffassung zu formulieren: *___Wir fühlen Uns Unserem Amte wie auch Unserer Zeit gegenüber zu ____nichts mehr verpflichtet als dazu, mit apostolischer Festigkeit ____Zeugnis abzulegen für die Wahrheit: testimonium perhibere ____veritati. Diese Pflicht schließt notwendig die Bloßstellung ____ ____und Widerlegung von Irrtümern und menschlichen Fehlern in sich. *___Gehandelt hat er danach nicht, wie man einer anderen ____Weihnachtsansprache zwei Jahre später entnehmen kann, als die ____Einsatzgruppen des SD in der Sowjetunion wüteten: *___Wie ein Leuchtturm muß es (das christliche Sittengesetz) mit ____den Strahlen seiner Prinzipien das Wirken der Menschen und der ____Staaten lenken, die seine mahnenden, heilsamen und ____nutzbringenden Anweisungen zu befolgen haben.

Welche Macht die Kirchen, besonders die römisch-katholische - in Deutschland war fast ein Viertel der SS-Mitglieder katholisch -, damals noch hätten ausüben können, zeigte sich bei dem einzigen Massenmordbefehl, den Hitler jemals unterzeichnet hat, bei dem zur Auslöschung lebensunwerten Lebens.

Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, sprach aus, was Amtsbrüder in energischen Protestschreiben an den Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten, Hanns Kerrl, verurteilt hatten. In einer Predigt am 3. August 1941, sechs Wochen nach dem Überfall auf die Sowjetunion, mahnte er, daß bald allen »unproduktiven Volksgenossen«, Altersschwachen, Invaliden, Kranken bis zu Kriegsversehrten, die Vernichtung drohe.

Es wurde erwogen, den Bischof von Münster zu verhaften, es fiel auch das Wort liquidieren, und Joseph Goebbels, der das katholische Rheinland kannte, schrieb in sein Tagebuch, ganz Westfalen würde für den Nationalsozialismus verloren sein, täte man dem Bischof etwas an.

Dieses Auftreten brachte Galen über sein Bistum Münster hinaus den Ruf als »Löwe von Münster« ein, als Widerstandsfigur gegen den Nationalsozialismus, die er keinesfalls jemals war. Ein mutiger, hochgemuter Mann, das war er.

Hier zeigten sich die Grenzen des Hitler-Regimes. Einen Mann wie Galen zu liquidieren, das hätte bedeutet, auch überzeugte Nazi-Bischöfe wie den Erzbischof Konrad Gröber von Freiburg - schon 1933 wurde er förderndes Mitglied der SS - gegen die Nazis aufzubringen. Divisionen hatte der Papst nicht, wie Stalin richtig bemerkte. Er wäre aber gezwungen worden, aus seinem neutralen und friedlichen Dasein herauszutreten - auf den Spuren Jesu Christi. Hitler wäre ein empfindlicher, ein tödlicher Schlag versetzt worden.

Galen war, sieht man von der Euthanasie-Frage ab, bei der auch er später resignierte, vor allem um seine Diözese besorgt. Die deportierten Juden kümmerten ihn wenig, allenfalls die zum katholischen Glauben konvertierten, die christlichen Juden. Wie nahezu alle katholischen Bischöfe den Beginn des Hitler-Krieges 1939 begrüßt hatten, so predigte auch Bischof Galen zugunsten Hitlers, als der die antichristliche Sowjetunion überfiel. Er sprach nicht gerade von »zu Tieren entarteten« Russen wie sein Kollege Erzbischof Lorenz Jaeger von Paderborn, aber von »der drohenden Roten Flut«. Noch nach Kriegsende bedauerte er, daß Hitler diesen grausigen Krieg verloren hatte.

Erzbischof Gröber von Freiburg äußerte sich ähnlich drastisch, bis klar wurde, daß nach Stalingrad und Kursk Hitlers Krieg verloren war. Bis dahin sprach die römische Papstkirche als eine nur um sich selbst besorgte, im übrigen aber die Verbrechen der Nationalsozialisten letztendlich tolerierende Organisation.

Unter den deutschen Bischöfen gab es nur einen, der zwar keinen Widerstand leistete, aber strikt gegen das Nazi-Regime war: Konrad Graf von Preysing, Bischof von Berlin. (Ihm verdankte Hans Globke die einflußreiche Stellung im Staate Konrad Adenauers.) Pius XII. scheint Preysings Einschätzungen vertraut zu haben, bestärkte ihn aber überhaupt nicht in dessen antinazistischen Bestrebungen, die über das sonstige Kirchengefasel des deutschen Episkopats hinausgingen.

Der Papst hatte keine klaren Fronten vor sich. Er wünschte sich den Sieg Deutschlands über Sowjetrußland, durfte seiner Doktrin gemäß aber nichts verlautbaren lassen. Die Hitlers würden kommen und gehen, der Bolschewismus aber würde sich über ganz Europa ausbreiten, so seine Einschätzung. Genaue Kenntnisse darüber, daß mit der systematischen Vernichtung aller jüdischen Männer, Frauen und Kinder Europas begonnen worden war, erhielt er spätestens im Sommer 1942 - schließlich war er sein eigener Außenminister. Nachrichten wie die eines italienischen Feldgeistlichen - vorsichtshalber in lateinischer Sprache - haben ihn aus Polen erreicht: »Wir sind aller Menschlichkeit beraubt, der Grausamkeit von Leuten ausgeliefert, denen jedes menschliche Gefühl fehlt. Wir leben ständig unter entsetzlichem Terror, ständig in Gefahr, im KZ zu enden.« Pius soll, als er dies las, geweint haben.

Spätestens jetzt wäre eine öffentliche Enzyklika geboten gewesen.

Wir wissen nicht wirklich, was der Papst damals dachte. Wir haben aber Grund zu der Annahme, daß er die römisch-katholischen Einrichtungen - Lehrstühle, Schulen, Seminare, Kindergärten - erhalten wollte. Zu seinen Gunsten wollen wir das annehmen, denn sonst wäre sein Verhalten nur noch als feige zu deuten.

Vielleicht war es auch reine Bequemlichkeit, wie ein Briefwechsel zwischen dem Erzbischof von Paris, Kardinal Emmanuel Suhard, und Kardinal Eugène Tisserant, einem hohen Beamten der Vatikan-Bibliothek, zeigt. Im Juni 1940, kurz vor der Kapitulation Frankreichs, als die Greueltaten der Nazis in Polen zumindest den obersten Diplomaten bekannt waren, schrieb Tisserant nach Paris: *___Ich fürchte, die Geschichte wird dem Heiligen Stuhl vorzuwerfen ____haben, er habe eine Politik der Bequemlichkeit für sich selbst ____verfolgt, und nicht viel mehr. Das ist äußerst traurig, vor ____allem, wenn man unter Pius XI. gelebt hat. Und jedermann ____verläßt sich darauf, daß, nachdem Rom zur Offenen Stadt erklärt ____ist, von der Kurie niemand etwas zu leiden haben wird, das ist ____eine Schande.

Vielleicht muß man doch Zweifel am Wirken des Heiligen Geistes anmelden, der offenbar den Kardinälen nicht zur Seite gestanden hat, als sie Pacelli zum Papst wählten. Einen Moment sollte man auch daran verschwenden, sich zu fragen, was wohl aus dem Evangelium geworden wäre, wenn der dort beschworene Jesus Christus die Gesinnung gehabt hätte, mit der seine angeblichen Stellvertreter all die Jahrhunderte bis heute so sorglos umgegangen sind.

Die beiden Kardinäle wußten seinerzeit nichts von der so viel schlimmeren Schande, die noch passieren sollte. Sie wußten nicht, daß längst die Ausrottung des europäischen Judentums beabsichtigt war, für die man sich nun wortreich - wie jüngst in Frankreich - entschuldigt; und man wartet gespannt auf die Worte des Papstes. Zeigt er Reue oder nicht?

Die Kernfrage ist und bleibt, ob Pius XII. den Nazis durch eine öffentliche Verdammungsrede hätte in den Arm fallen können. Es gab Beispiele aus den Niederlanden, wo Proteste seitens der Kirche nur zur Verschärfung der mörderischen Maßnahmen geführt hatten.

Das hieße aber, die Macht der römischkatholischen Kirche, die sie heute nicht mehr hat, damals aber hatte, zu unterschätzen. Auch wenn 1941 noch so viele katholische Bischöfe für den Feldzug gegen Stalins Sowjetunion zustimmende Hirtenbriefe hatten verlesen lassen, sie hätten sich doch nicht weigern können, eine ihnen vom Papst befohlene Enzyklika gegen die Judenverfolgung öffentlich zu verkünden.

Das hätte Hitlers Armee, der Millionen Katholiken angehörten, nicht ausgehalten. Der Diktator hätte zurückweichen müssen, um den Mitte 1942 schon auf der Kippe zur Niederlage stehenden Krieg überhaupt fortführen zu können. Und wäre dadurch auch nur ein Viertel der Juden gerettet worden - die durch vielerlei Schandtaten befleckte römisch-katholische Kirche hätte eine Sternstunde gehabt*.

In dem »arte«-Film über die Päpste wird so getan, als sei Pius XII. persönlich bereit gewesen, sein Leben hinzugeben oder in ein Konzentrationslager verbracht zu werden. Beides war höchst unwahrscheinlich. Die Amtskirche schätzt Märtyrer nicht, es sei denn, die frühen, beides drohte nicht. Märtyrer heiligzusprechen ist eine andere Sache, als zum Märtyrertum bereit zu sein.

Hätte man Pius XII. irgend etwas angetan, wie hätte das dem deutschen Heer verborgen bleiben können? Auch Napoleon hat dem von ihm 1809 aus Rom entführten Papst Pius VII. nichts angetan, sondern ihn nur in Savona festgesetzt.

Man vergißt zu leicht, daß der Nachfolger eines angeblichen Petrus auch Bischof von Rom war. Quasi unter seinen Augen hatten die Nazi-Schergen am 18. Oktober 1943 jüdische Frauen und Kinder aus Rom direkt nach Auschwitz verschleppt. Was wäre denn gewesen, wenn der Stellvertreter Christi auf Erden sich persönlich, begleitet von sechs Schweizergarden, zur Abfahrtstelle begeben hätte? Wir verlangen ja gar nicht von ihm, daß er sich, wie es von König Christian X. von Dänemark heißt, einen Judenstern angeheftet hätte.

Ob das Verhalten des Papstes nun Ängstlichkeit oder Bequemlichkeit war, es bleibt »eine Schande«. Pius XII. wird viele Verteidiger finden, unter ihnen auch solche, die ihn sogar seliggesprochen wissen wollen.

*Besonders menschenfreundlich ging es auch zu Zeiten der spanischen Armada zu, als Papst Sixtus V. den Mord an der englischen Königin Elizabeth I. für erlaubt und damit bar jeder Sünde erklärte.

Wahr ist, daß Pius mitgeholfen hat, Juden in Klöstern und Kirchen und »sogar!« im Vatikan zu verstecken. Ob dies mehr Leute waren, als der in Österreich geborene Bischof Alois Hudal, Direktor des Deutschen Priesterkollegs in Rom, nach dem Krieg Nazis nach Südamerika geschleust hat, muß offenbleiben.

Daß die Nationalsozialisten überhaupt Gelegenheit erhielten, die Ewige Stadt nach Juden zu durchkämmen, lag auch an Unstimmigkeiten in der Führung der Alliierten. Die Hitler-Truppen bekamen die Möglichkeit, Rom einzunehmen und länger als ein halbes Jahr zu behaupten. Pius zeigte sich wegen der Verhaftung der Juden in Rom indigniert, intern gab er seinem Ärger Ausdruck; aber auch darüber, daß man auf Kairo als Zentrum des Islam mehr Rücksicht genommen habe als auf Rom.

Für die in der Ewigen Stadt residierenden Achsen-Diplomaten galt es nun, den Pontifex von einem öffentlichen Protest zurückzuhalten. Allen voran Bischof Hudal, der von jeher die Nürnberger Gesetze und jede andere Diskriminierung der Juden guthieß.

Da war weiter der im April 1943 zum Botschafter am Vatikan ernannte Ernst von Weizsäcker, zuvor Staatssekretär Ribbentrops im Auswärtigen Amt, der dies ebenfalls zu verhindern suchte. Trotz der über tausend römischen Juden, die nach Auschwitz abtransportiert worden waren - nur 15 Menschen kehrten zurück -, berichtete der Botschafter seiner Zentrale in Berlin: *___Der Papst hat sich, obwohl dem Vernehmen nach von verschiedenen ____Seiten bestürmt, zu keiner demonstrativen Äußerung gegen den ____Abtransport der Juden aus Rom hinreißen lassen. Obgleich er ____damit rechnen muß, daß ihm diese Haltung von seiten unserer ____Gegner nachgetragen und von den protestantischen Kreisen in den ____angelsächsischen Ländern zu propagandistischen Zwecken gegen ____den Katholizismus ausgewertet wird, hat er auch in dieser ____heiklen Frage alles getan, um das Verhältnis zu der Deutschen ____Regierung und den in Rom befindlichen deutschen Stellen nicht ____zu belasten. Da hier in Rom weitere deutsche Aktionen in der ____Judenfrage nicht mehr durchzuführen sein dürften, kann also ____damit gerechnet werden, daß diese für das deutsch-vatikanische ____Verhältnis unangenehme Frage liquidiert ist.

Das Wort »liquidieren« stört hier besonders. Sohn Richard von Weizsäcker zur Verhaltensweise seines Vaters in der »arte«-Sendung: *___Es stand ja immer so halb und halb im Raum die Frage, ob die ____ursprünglichen Absichten bei Hitler, möglicherweise den Vatikan ____zu besetzen oder gar den Papst zu entführen, ob die nicht ____vielleicht neue Belebung erfahren würden, wenn es hier zu einer ____weltöffentlichen Karambolage kommen würde.

Worin sollte diese »weltöffentliche Karambolage« wohl nun noch bestanden haben? Man konnte nicht allen wütigen Ausbrüchen Hitlers eine echte Absicht unterstellen. Wie hätte er noch wirkungsvoller karambolieren können, indem er den Vatikan besetzen und den Papst irgendwo wegsperren ließ? Ganz Rom samt Petersdom zu zerbomben, hatte Hitler ja in seinen schlimmsten Ausbrüchen nicht angedroht.

Die Haltung des deutschen Episkopats war von Beginn des Krieges an nicht zweideutig, sondern eindeutig. Die Soldaten sollten, so wurde ihnen von Kanzeln und in Hirtenbriefen eingeschärft, für Führer und Vaterland freudig ihr Leben aufs Spiel setzen. Tonart und Sinn der Aufrufe änderten sich zwar während des Krieges, aber die Hirtenbriefe hielten sich trotz mancher Kritik doch immer noch im Rahmen des Systems, sogar die des aufmüpfigen Erzbischofs Joseph Frings von Köln, neben Galen eine der Galionsfiguren des katholischen, angeblichen Widerstandes. Man verurteilte wohl den Bombenkrieg und die Ermordung schuldloser Zivilisten, aber Täter waren dann alle am Krieg Beteiligten. Das Schicksal der nichtkonvertierten Juden wurde nicht benannt.

Als der Vatikan von den schlimmsten Verbrechen des Hitler-Regimes erfuhr, wurde dem Papst mehrfach angeraten, seinen faschistenfreundlichen Nachfolger in Berlin, Nuntius Cesare Orsenigo, abzuberufen. Die Reaktion des Papstes ist bezeichnend für dessen feinsinnige Diplomatie. Er fürchtete, was er doch hätte hoffen sollen: daß die Reichsregierung keinem neuen Nuntius mehr das Agrément erteilen würde. Für das Kirchenvolk hätte das aber zumindest ein Signal bedeutet.

Hitler, der bei seinen Euthanasie-Erlassen schon offiziell zurückgewichen war und die Vernichtung »lebensunwerten Lebens« eine Weile heimlich weiter betrieb, hätte bei einem offenen Konflikt mit dem Vatikan nur den kürzeren ziehen können.

Der moralische Verlust, den die römischkatholische Kirche durch das weltlich-diplomatische Verhalten ihres Papstes erlitten hatte, wurde nach dem Krieg durch die enthusiastische Begeisterung der Römer für Pius XII. zugedeckt. Während des Krieges hatte der Papst Rom nicht wie König Viktor Emmanuel III. und dessen Übergangsregierungschef Badoglio verlassen, sondern hatte tapfer und beherzt im Vatikan ausgeharrt.

Die Kirche Jesu Christi war durch ihren heuchlerischen Sprachgebrauch zur Diplomaten-Schule degradiert. Bei Päpsten weiß man ja nie, ob sie sich wirklich für die Stellvertreter Jesu Christi auf Erden halten oder ob sie sich nur als Chef einer menschenfreundlichen und mächtigen, auch geldgierigen Organisation sehen.

Bei dem jetzigen Papst Johannes Paul II. müssen wir nun abwarten, wie er die Bitte um Vergebung formuliert. Keinesfalls wird er einen seiner Vorgänger beim Namen nennen, und gewiß nicht Eugenio Pacelli. Unter Pius XII. ging die moralische Instanz in die Brüche. Dafür hat er allen Katholiken ein Geschenk gemacht: das Dogma der »leiblichen Himmelfahrt Mariä«.

Wir fühlen Uns Unserem Amte wie auch Unserer Zeit gegenüber zu

nichts mehr verpflichtet als dazu, mit apostolischer Festigkeit

Zeugnis abzulegen für die Wahrheit: testimonium perhibere veritati.

Diese Pflicht schließt notwendig die Bloßstel

lung und Widerlegung von Irrtümern und menschlichen Fehlern in

sich.

Gehandelt hat er danach nicht, wie man einer anderen

Weihnachtsansprache zwei Jahre später entnehmen kann, als die

Einsatzgruppen des SD in der Sowjetunion wüteten:

Wie ein Leuchtturm muß es (das christliche Sittengesetz) mit

den Strahlen seiner Prinzipien das Wirken der Menschen und der

Staaten lenken, die seine mahnenden, heilsamen und nutzbringenden

Anweisungen zu befolgen haben.

Ich fürchte, die Geschichte wird dem Heiligen Stuhl vorzuwerfen

haben, er habe eine Politik der Bequemlichkeit für sich selbst

verfolgt, und nicht viel mehr. Das ist äußerst traurig, vor allem,

wenn man unter Pius XI. gelebt hat. Und jedermann verläßt sich

darauf, daß, nachdem Rom zur Offenen Stadt erklärt ist, von der

Kurie niemand etwas zu leiden haben wird, das ist eine Schande.

Der Papst hat sich, obwohl dem Vernehmen nach von verschiedenen

Seiten bestürmt, zu keiner demonstrativen Äußerung gegen den

Abtransport der Juden aus Rom hinreißen lassen. Obgleich er damit

rechnen muß, daß ihm diese Haltung von seiten unserer Gegner

nachgetragen und von den protestantischen Kreisen in den

angelsächsischen Ländern zu propagandistischen Zwecken gegen den

Katholizismus ausgewertet wird, hat er auch in dieser heiklen Frage

alles getan, um das Verhältnis zu der Deutschen Regierung und den

in Rom befindlichen deutschen Stellen nicht zu belasten. Da hier in

Rom weitere deutsche Aktionen in der Judenfrage nicht mehr

durchzuführen sein dürften, kann also damit gerechnet werden, daß

diese für das deutsch-vatikanische Verhältnis unangenehme Frage

liquidiert ist.

Es stand ja immer so halb und halb im Raum die Frage, ob die

ursprünglichen Absichten bei Hitler, möglicherweise den Vatikan zu

besetzen oder gar den Papst zu entführen, ob die nicht vielleicht

neue Belebung erfahren würden, wenn es hier zu einer

weltöffentlichen Karambolage kommen würde.

* Nach der Gratulation zum Mißlingen des Attentats auf Hitleram 8. November 1939 beim Verlassen der Reichskanzlei.* Besonders menschenfreundlich ging es auch zu Zeiten derspanischen Armada zu, als Papst Sixtus V. den Mord an derenglischen Königin Elizabeth I. für erlaubt und damit bar jederSünde erklärte.

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