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Prag/Bonn »Das ist für den Hund«

Eine neue, bessere Ära in ihren Beziehungen wollten Tschechien und Deutschland nach der Wende im Osten beginnen. Ein Reinfall: Gegenseitige Wiedergutmachungsansprüche blockieren die Versöhnung, im Grenzgebiet machen sich deutsche Touristen unbeliebt. Das Verhältnis bleibt verkorkst.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Der Saal im Grandhotel Pupp zu Karlovy Vary (Karlsbad) war gerammelt voll. Festlich gekleidete tschechische und deutsche Zuhörer zelebrierten Harmonie.

Das Konzert für Jazzquartett und Orchester nach Motiven der Slawischen Tänze von AntonIn Dvorak - eine ungewöhnliche Komposition des Prager Saxophonisten JirI StivIn - war der Höhepunkt eines grenzüberschreitenden Kulturfestivals: Völkerverständigung auf hohem Niveau.

Doch nach der Musik gab es einen unerfreulichen Zwischenfall. Tschechische Polizisten nahmen den Konzertbesucher Philipp Thomaschke, 23, aus Köln fest, sperrten ihn ein und bedrohten ihn handgreiflich. Begründung: Der Gast habe falsch geparkt.

Eine Stunde mußte der Student - Sohn des Festival-Initiators und Kammersängers Thomas Thomaschke - in Polizeihaft verbringen. Dann führten ihn die Polizisten in ein nahe gelegenes Hotel, wo - so ein Zufall - mitten in der Nacht um 0.45 Uhr die Wechselstube geöffnet hatte. Für 30 Mark Zwangsumtausch konnte sich Thomaschke schließlich freikaufen.

»Ein Horrorerlebnis«, findet der angehende Jurist noch heute, »ich kenne die Tschechen eigentlich als offene und freundliche Leute.«

Eigentlich. Doch das groteske Einschreiten der Polizei gegen einen Falschparker ist ein Indiz für die dünne Decke der Freundlichkeiten zwischen Tschechen und Deutschen.

Es herrscht miese Stimmung im ehemals eisernen Grenzgebiet von Böhmen, Sachsen und Bayern. Längst ist die Euphorie der Nachwendejahre einer konfliktgeladenen Spannung gewichen, die viele hoffnungsvolle Ansätze der Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen zu überdecken droht.

Zwar gibt es wohlmeinende Versuche der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit - etwa in der »Euregio Egrensis«, einer Arbeitsgemeinschaft auf regionaler Ebene, die das Grenzgebiet von Bayern, Sachsen, Thüringen und Böhmen umfaßt.

In zähen Sitzungen werden hier Konzepte zur Müllentsorgung und Biotop-Pflege verwirklicht und gemeinsame Loipen und Wanderwege angelegt. Sprachkurse und Kulturveranstaltungen sollen das gegenseitige Verständnis fördern. Die ernsten Probleme zwischen den schwierigen Nachbarn aber überwiegen.

Beide Völker trennt eine 810 Kilometer lange Wohlstandsgrenze, an der sich ein unheilvolles Gemisch aus Kriminalität, Prostitution und nationalem Eiferertum ausbreitet. Politiker in Bonn und Prag sehen ratlos zu.

Die wachsenden Spannungen in der Grenzregion sind auch Reflex auf die Unfähigkeit der Politik, fast 50 Jahre alte Streitpunkte zwischen beiden Staaten aus dem Weg zu räumen.

So weigert sich die Bundesregierung beharrlich, nach allen anderen Nachbarstaaten endlich auch die tschechischen Opfer der Nazi-Barbarei zu entschädigen. Erst müsse über die Ansprüche der nach 1945 aus der Tschechoslowakei vertriebenen über drei Millionen Sudetendeutschen gesprochen werden - dagegen aber stemmt sich Prag. Der politische Hader in den Hauptstädten sorgt für dicke Luft in den böhmischen Dörfern.

Und vor Ort tun die Deutschen viel dazu, die Stimmung weiter zu vergiften: Ausflügler aus dem reichen Nachbarland führen sich jenseits der Grenze wie Herrenmenschen auf.

»Kaufen Sie mit Ihrer D-Mark ein wie ein König«, wirbt ein fränkischer Busunternehmer für Butterfahrten nach Tschechien - viele nehmen das wörtlich.

»Überall machen sie sich breit, die ganze Stadt ist vollgepflastert von ihren Autos«, klagt Petr KosIk, Arbeiter aus Cheb, dem Grenzstädtchen, das die Deutschen hartnäckig Eger nennen. »Am Tag kaufen sie alles auf, was sie nur können, und nachts toben sie in den Kneipen oder mit den Nutten.«

»Einige Touristen benehmen sich so, wie sie es zu Hause nie tun würden«, umschreibt der Bürgermeister vom Grenzort As (Asch), Libor Syrovatka, diplomatisch das handfeste Problem. »Die lassen drüben regelrecht die Sau raus, da kennen die keine Hemmungen mehr«, sagt es krasser Franz Kaupper, Grenzbeauftragter der bayerischen Polizei in Furth im Wald.

Hordenweise ziehen sächsische Kampftrinker durch Cheb, brüllen nach billigem Bier. Schwankende rotgesichtige Säufer belästigen Frauen, von denen die Ritter der D-Mark glauben, daß sie ebenso käuflich sind wie die feinen Fleischwaren in der Metzgerei.

Polizist Kaupper kennt solche Szenen: »Die gehen in den Laden, verlangen die teuerste Wurst, und wenn die Verkäuferin fragt, wieviel es denn sein darf, sagen sie: ,Ich nehm'' alles, ist eh nur für den Hund.''«

Die Überreaktion mancher Polizisten gegen die Verkehrsverstöße deutscher Autofahrer kommt nicht von ungefähr. Tschechische Straßen gelten den Gästen mit den glänzenden Karossen als rechtsfreier Raum.

Jeder fährt so schnell er will und wann er will. Und wenn nicht, dann parkt er eben, wo er will. Promillegrenze - was ist das?

Bei Polizeikontrollen gibt es dann häufig Zoff. Die Forderung nach einem Bußgeld quittieren die Ertappten mit Rotzigkeit: Viele werfen den Ordnungshütern gern mal statt verlangten 100 Kronen (etwa 6 Mark) 500 Kronen vor die Füße - eine Menge Geld bei einem durchschnittlichen Polizistengehalt von 7200 Kronen (umgerechnet 400 Mark). Kein Wunder, daß die so gedemütigten, völlig überforderten und kaum ausgebildeten Beamten da schon mal die Nerven verlieren.

Das kann tödlich sein: Im September vergangenen Jahres wurde ein 23jähriger Deutscher erschossen, weil er angeblich ein Haltesignal ignoriert hatte.

Im Oktober starb ein 26jähriger Urlauber aus Waldmünchen nach Handgreiflichkeiten bei einer Verkehrskontrolle. Der Polizist hatte nach eigenen Angaben dem Mann aus Notwehr einen Schlag mit seiner Pistole versetzt, wobei sich ein Schuß gelöst habe. Das von den tschechischen Behörden eingeleitete Ermittlungsverfahren gegen den Beamten wurde kürzlich eingestellt.

Rund 40 Klagen deutscher Touristen über Schikanen und Mißhandlungen durch tschechische Polizisten sind im vergangenen Jahr beim bayerischen Grenzbeauftragten Kaupper eingegangen: »Viele davon stehen offenkundig im Zusammenhang mit der Straßenprostitution.«

Viele Deutsche betrachten die Durchfahrtstraßen der grauen Städtchen als Drive-in-Zonen für den Geschlechtsverkehr. Oldrich Tomasek, Polizeidirektor von Cheb, klagt: »Wie soll sich ein Polizeibeamter verhalten, wenn er einen betrunkenen Deutschen kontrolliert, der mit seinem Fahrzeug mitten auf der Straße stehenbleibt und dort mit einer Prostituierten den Preis aushandelt?«

In Europas größtem Freiluftbordell stehen in der Grenzregion West- und Nordböhmens geschätzte 70 000 osteuropäische Frauen an den Straßen und hoffen auf Freier aus Deutschland. Waren es zunächst vor allem Lkw-Fahrer, die während der oft tagelangen Wartezeiten an den Grenzübergängen die Dienste der Damen in Anspruch nahmen, suchen heute vor allem junge Sachsen preiswerte sexuelle Abenteuer.

Die Szene kriminalisiert sich indes immer mehr: Menschenhandel, Drogendeals und Waffenschiebereien haben sich im Gefolge der Massenprostitution ausgebreitet. Schuld an der Misere geben die Tschechen den Deutschen. Argument: ohne Nachfrage kein Angebot.

Fast hämisch läßt die Presse denn auch Prostituierte die bizarren Wünsche deutscher Freier schildern: »Wir fuhren ein Stückchen hinter die Stadt, wo ich mich ausziehen, dem Deutschen auf die Schulter klettern und ihn anpinkeln mußte. Das erfolgte auch seinerseits, und er onanierte dabei. Dann peitschte er mich mit einem Gürtel aus.« Eine andere Prostituierte wußte von einer »schrecklichen Schlange« zu berichten, »die mir ein Kunde in einem gemieteten Zimmer in die Badewanne warf, und wie es ihn erregte, als ich vor Angst furchtbar schrie«.

Typisch, die Deutschen. Futter für die politischen Extremisten, die nicht müde werden, vor den Gefahren germanischen Einflusses zu warnen.

Vor allem die »Clubs der tschechischen Grenzgebiete«, die sich rühmen, 10 000 Mitglieder zu haben, vornehmlich Ex-Kommunisten, rasen gegen alles, was auch nur deutsch klingt: »Unterstützt die Einheit der slawischen Völker als Wall gegen die drohende Germanisierung.«

Ähnlich die rechtsextremistischen Republikaner, die schon mal versöhnlich gedachte, gemeinsame Totengedenkfeiern von Deutschen und Tschechen gewaltsam aufmischen. So geschehen im vergangenen Juli auf dem Nationalfriedhof von TerezIn (Theresienstadt), wo sie mit einem mutigen »Sie sollen nur kommen, die Säue, die deutschen« Teilnehmer attackierten, alte Männer über Gräber jagten, Eier warfen und Kränze zertrampelten.

Den meisten Tschechen sind solche Exzesse fremd - doch die Angst vor den Deutschen sitzt tief. Da nützt es nichts, an das jahrhundertelange friedliche Zusammenleben der Völker in Böhmen zu erinnern - was schwerer wiegt ist die jüngste Vergangenheit: Zweimal sind die Deutschen ins Land gekommen, zweimal brachten sie Unheil.

Das Wüten der Nazis und die Zerschlagung des Staates 1939 durch Hitler-Deutschland sind unvergessen. Und als der Warschauer Pakt 1968 den Prager Reformfrühling niederwalzte, da waren die (Ost-)Deutschen wieder dabei.

Der Prager Regierungschef Vaclav Klaus zieht eine für einen auf Völkerverständigung bedachten Staatsmann ungewöhnlich pessimistische Bilanz: Zwischen Deutschen und Tschechen werde es wohl nie mehr gut, das Problem sei »ewig«. _(* Bei der Verhinderung einer ) _(Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof von ) _(TerezIn im Juli 1994. )

Daß er recht behält, dafür sorgen nicht zuletzt die Vertriebenenverbände. Kaum war der eiserne Vorhang gefallen, meldeten sie Ansprüche auf alte Besitztümer an oder forderten Entschädigung.

»Da kamen Briefe mit Inventarlisten bis zur letzten Schraube«, sagt Frantisek Cerny, tschechischer Gesandter in Berlin. »Das hat die Leute sehr verunsichert.«

Ganz ohne kommunistische Propaganda erregt denn auch heute noch jede - in der Bundesrepublik nahezu unbeachtete - Äußerung sudetendeutscher Funktionäre fast hysterische Aufregung und garantiert Schlagzeilen in der Presse. »Die drei bei uns bekanntesten deutschen Politiker sind Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker und Franz Neubauer«, weiß Diplomat Cerny.

Neubauer? Der Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft in München wird sich kaum geschmeichelt fühlen: Er gelte in der »Tschechei«, ahnt er ganz richtig, als »so etwas wie ein Unmensch«.

Die übermäßige Beachtung des 1930 in Marienbad geborenen Vertriebenenfunktionärs in der tschechischen Öffentlichkeit hat ihren Grund. Schließlich erfreut sich Neubauer größten Wohlwollens in Bonn und München. So haben sich CDU und CSU unausgesprochen sogar das sudetendeutsche Junktim zu eigen gemacht: ohne Entschädigung der Vertriebenen keine Wiedergutmachung für die tschechischen KZ-Überlebenden.

»Natürlich war die kollektive Vertreibung der Deutschen nach 1945 eine riesige geschichtliche Ungerechtigkeit«, räumt der frühere Dissident und Ex-Außenminister JirI Dienstbier ein. »Aber die Sudetendeutschen müssen sich auch klarmachen, was dazu geführt hat und welchen Anteil sie daran hatten.« Und was haben die Opfer des Nazi-Terrors damit zu tun?

Vor zwei Monaten beschloß die Regierung in Prag, den meist betagten etwa 17 000 KZ-Überlebenden selbst zumindest eine kleine, symbolische Wiedergutmachung zu zahlen. »Eine moralische Ohrfeige für die Deutschen«, urteilt Diplomat Cerny.

Die stört das offenbar nicht. Prag wird von Bonn als vernachlässigbare Größe gesehen: »Die deutsche Politik und die Öffentlichkeit sind traditionell geneigt, unter den Nachbarn die Tschechen eher an letzte Stelle zu rücken«, meint Ferdinand Seibt, Mitglied der deutsch-tschechischen Historikerkommission. »Uns trennt eine erschreckende Anzahl von Vorurteilen und Verallgemeinerungen, die sich rascher wecken lassen als ringsum in unserer Nachbarschaft.«

Das bekommen andererseits die wenigen, nach der Vertreibung in Böhmen geduldeten Deutschen zu spüren. Die deutsche Minderheit ist es gewohnt, ihre Volkszugehörigkeit zu verbergen.

Verstreut über das ganze Land konnten die Böhmen-Deutschen jahrzehntelang nur in harmlosen Sing- und Spielgruppen oder Zitherklubs Kontakt halten - wenn nicht auch diese wegen »mangelnden sozialistischen Niveaus« verboten wurden.

Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus, so hatten viele gehofft, werde eine neue Ära auch für die Deutschen im Osten beginnen. Doch nun sind sie unbeliebt wie zuvor.

Bei einer Zählung im Jahre 1992 haben sich gerade noch knapp 8000 zur deutschen Minderheit bekannt. »Ein paar mehr werden es sein«, vermutet Walter Piverka, Präsident der Landesversammlung der Tschechen-Deutschen. »Aber viele haben immer noch Angst.«

Nach dem Abschluß des deutschtschechoslowakischen Freundschaftsvertrages 1992 hatten Piverka und seine Mitstreiter auf bessere Verständigung gesetzt. Staatspräsident Vaclav Havel sprach damals vom »Beginn einer neuen Ära« im Verhältnis zwischen den Nachbarvölkern.

Der Beginn ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Y

Zweimal kamen die Deutschen ins Land - und brachten Unheil

* Bei der Verhinderung einer Gedenkveranstaltung auf dem Friedhofvon TerezIn im Juli 1994.

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