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» . . . das ist hier Vergangenheit«

aus DER SPIEGEL 15/1991

Als am 30. Juni 1988 gegen Isolde Oechsle-Misfeld, heute 43, eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und neun Monaten erging, wurde dieses Urteil rasch als milde, als überaus glimpflich empfunden. Schließlich hatte die Staatsanwaltschaft wegen Mordes, zweier Mordversuche und einer Tötung auf Verlangen - nebst weiterer Delikte - angeklagt. Bestraft aber wurden unter anderem nur fahrlässige Tötung und Beihilfe zur Tötung auf Verlangen.

Überdies wurde Isolde Oechsle-Misfeld einen Monat später bereits von der Haft verschont, denn sie befand sich in einem bedenklichen körperlichen und einem noch elenderen seelischen Zustand. Das Verfahren hatte sie damals dadurch überstanden, daß sie sich wie tot stellte. Sie aß kaum noch, die Kleider hingen ihr erbarmungswürdig am Leib. Schuhe paßten ihr nicht mehr wegen der Ödeme an den Füßen. Sie, die Rechtsanwältin, las nicht einmal die Anklageschrift.

In der »sehr relativen Freiheit«, die Frage der Haft war ja nicht erledigt, hangelte sie sich fortan im Schwarzwald von Klinik zu Klinik, von Behandlung zu Behandlung. Reporter hetzten sie durchs Land wie ein weidwundes Tier.

Finanziell ging es einigermaßen, dank unvoreingenommener Bemühungen der Freiburger Behörden. Es ließ sich ein Weg finden, daß sie vorübergehend für die überlastete Widerspruchsstelle des Freiburger Sozialamts arbeiten konnte. Man gestattete ihr, Akten mitzunehmen, um sie zu Hause zu bearbeiten. So kam sie monatlich auf 1800 Mark netto. Nach einem Jahr allerdings stand sie wieder auf der Straße.

Weitere Rückschläge ließen nicht auf sich warten. Am 28. November 1989 hob der 5. Senat des Bundesgerichtshofs das milde, glimpfliche Urteil auf. »Ich bin da in der Nacht ziemlich abgedreht«, sagt sie auf die Frage, warum sie am nächsten Tag schon wieder stationär in eine Klinik kam. »Es ging plötzlich wieder alles los. Ich hatte gerade eine einigermaßen geordnete Welt. Da rief schon wieder einer von der Presse an. Ich habe bestritten, daß ich ich bin . . .«

Seit vergangenem Mittwoch steht die Rechtsanwältin Isolde Oechsle-Misfeld nun zum zweitenmal vor Gericht, und dies ist für sie eine Strafe, vor der sie nicht zu verschonen war. Denn einer Großen Hamburger Strafkammer mit dem Vorsitzenden Richter Erich Petersen, 54, war seinerzeit ein Fehler unterlaufen, den der Bundesgerichtshof nicht übergehen konnte: Das Tatgeschehen war nicht auch unter dem Gesichtspunkt der Beihilfe zur Geiselnahme geprüft worden. Erst der Bundesanwaltschaft war überdies aufgefallen, daß über Beihilfe zum Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ebenfalls hätte befunden werden müssen.

Der Bundesgerichtshof hatte an dem 514 Seiten starken, überaus gründlichen Urteil ansonsten nichts auszusetzen, im Gegenteil, denn es ist alles darin enthalten, was zum Fall Oechsle-Misfeld zu sagen ist. Daß es auf Betreiben der Staatsanwaltschaft wegen eines Fehlers aufgehoben wurde, der auch ihrem Sitzungsvertreter Peter Stechmann nicht aufgefallen war, ist ein trauriger Witz.

Ausdrücklich widersprach das erste Gericht der These der Staatsanwaltschaft, die Angeklagte sei ein Werkzeug des organisierten Verbrechens auf St. Pauli gewesen: »Daß im St.-Pauli-Milieu Pläne bestanden, Werner Pinzner _(* Mit Verteidigern Römmig (vorn), Börner ) _((hinten). ) und/oder Ermittlungsbeamte zu töten, um die Ermittlungen über die Auftragsmorde zu blockieren oder mindestens zu behindern, ist nicht festgestellt worden.«

Doch die Staatsanwaltschaft hält weiterhin an ihrer »Mafia-Theorie« fest. Sie klagt wiederum wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes und zweier Mordversuche und Tötung auf Verlangen an. Sie unterstellt unbeirrt, Isolde Oechsle-Misfeld als Rechtsanwältin Werner Pinzners, der fünf »Auftragsmorde« gestanden hatte, habe ihren in U-Haft sitzenden Mandanten nicht nur mit einer Waffe versorgt; sie habe ihn und seine Frau Jutta auch zum gemeinsamen Selbstmord angestiftet - und sie habe Pinzner angehalten, auf Betreiben der Hintermänner, die angeblich weitere Ermittlungen gegen sich unterbinden oder erschweren wollten, den die Ermittlungen führenden Staatsanwalt Bistry und weitere Beamte zu töten. Die Tragik des Kollegen, der bei dem Versuch aufzuklären vielleicht zuviel riskierte, ignoriert die Staatsanwaltschaft.

Isolde Oechsle-Misfeld war dabei, als Pinzner am 29. Juli 1986 anläßlich einer Vernehmung im Hamburger Polizeipräsidium plötzlich eine Waffe zog, Bistry niederstreckte, dann seine Frau und zum Schluß sich selbst umbrachte. Sie hatte Jutta Pinzner die Waffe zukommen lassen, sie hatte ihr geholfen, diese ins Polizeipräsidium zu schmuggeln, sie hatte es ermöglicht, daß Pinzner die Waffe aus der Handtasche seiner Frau nehmen konnte.

Sie hatte sich, ihr Anwaltsprivileg des ungehinderten Zugangs zu inhaftierten Mandanten mißbrauchend, als Kurier benutzen lassen. Sie hatte sich in das Milieu ihres Mandanten Pinzner hineinziehen, in die privaten Verstrickungen der Eheleute Pinzner verwickeln lassen. Sie hatte ihre eigene Ehekatastrophe mit der Jutta Pinzners zusammenfließen lassen und ging in dieser Flut unter. Sie engagierte, sie identifizierte sich, sie wollte helfen und kam dabei vom Weg ab. Sie verlor die notwendige Distanz zum Mandanten vollständig aus den Augen.

Wäre Isolde Oechsle-Misfeld seinerzeit nicht von dem klinischen Psychologen Dr. Herbert Maisch, Hamburg, begutachtet und dieser von dem Gütersloher Psychiater Professor Klaus Dörner unterstützt worden, das milde, glimpfliche Urteil wäre kaum zu begründen gewesen. Es wäre nicht verstanden worden. (Staatsanwalt Stechmann, Maischs erbittertster Widersacher in der Rolle des rächenden Kollegen, hat bis heute nichts verstanden.)

Dörner schilderte, womit Angehörige psychisch kranker Menschen - und Isolde Oechsle-Misfelds Ehemann, fünf Jahre jünger als sie, ebenfalls Jurist, war erheblich suchtkrank und gestört - beschwert werden und wie sich diese Beschwernis wiederum auf die kranken Angehörigen auswirkt. Wie einer den anderen krank macht, und der andere den einen . . .

In dem jetzigen Verfahren vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg unter Vorsitz von Günther Heinsohn, einem kantigen, gleichwohl einfühlsamen, besonnenen und erfahrenen Richter, wird die Angeklagte von dem Psychiater Professor Norbert Leygraf, 37, Essen, begutachtet werden. Er hat es ungleich schwerer als Maisch im ersten Verfahren. Denn er muß sich mit der Frau zur Tatzeit befassen, die heute eine andere ist.

Es ist wie so oft in Verfahren, deren Wiederholung das Rechtsmittel erzwingt: Zwischen dem Tatgeschehen, den vielfältigen Handlungssträngen, die zu ihm führten, und der neuerlichen Begutachtung liegen mehrere Jahre. Im Fall Oechsle-Misfeld sind es fast fünf. In dieser Zeit hat sich das Leben der Untersuchten zwangsläufig erheblich verändert. Die jetzt wieder vor Gericht stehende Frau hat in Untersuchungshaft gesessen, sie hat im Mittelpunkt öffentlichen Interesses gestanden. Beruf, Privatleben - nichts ist so, wie es war.

Isolde Oechsle-Misfeld war in der Zwischenzeit zudem einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung während der U-Haft und danach zwei stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen sowie einer ambulanten Psychoanalyse ausgesetzt. Leygraf ist der sechste Psychiater, der sich mit ihr befaßt hat, von zahlreichen Therapeuten ganz abgesehen. Vom jetzt sichtbaren Persönlichkeitsbild sind vermutlich nur bedingt Rückschlüsse auf ihren damaligen Zustand möglich.

Ihre Aussagen sind abgenutzt. Formulierungen haben sich eingeschliffen. Sie kennt die Fragen von Sachverständigen, weiß, was sie hören wollen. Sie weiß, welche Schlüsse woraus gezogen werden, schon von Berufs wegen.

Damals, abgemagert, verstört wie ein trotziges Kind, hat sie den Eindruck einer rat- und hilflosen 17jährigen erweckt, deren man sich ein wenig angewidert erbarmte. Inzwischen sind die blonden Haare ergraut, die große Erscheinung hat sich gefestigt. Am ersten Tag trägt sie einen taubenblauen Hosenanzug, das lange Haar hat sie mit Perlenkämmchen zu einem Zopf gesteckt. Das mädchenhaft Zarte ist verschwunden, die Diskrepanz zwischen ihrem tatsächlichen Alter und ihrem Nicht-Erwachsensein weit weniger auffällig. Es drängt sich nicht mehr die Notwendigkeit auf, sich ihrer zu erbarmen.

Erst wenn sie länger spricht, wenn sie Gelegenheit hat, den wohlformulierten Sätzen jeweils ein knappes Repertoire an Mimik vorauszuschicken, mit den Händen die immer gleichen Bewegungen zu vollführen, mit unruhigen, hektischen Schultern das auszudrücken, was sie durch verwaschene Antworten zudeckt - erst dann scheint wieder auf, daß die Fassade von einem Windstoß zum Einsturz gebracht werden kann.

Richter Heinsohn in seiner sachlichnoblen Art spricht sie als »Frau Rechtsanwältin« an. Sie sitzt zwischen ihren Verteidigern Wolf Römmig, Hamburg, und Bertram Börner, Hannover. Vor ihr liegt der Kurzkommentar zum Strafgesetzbuch. Ob sie sich daran halten wird, daß ihre Anwälte ihre Verteidigung zu führen entschlossen sind? Auch daran wird abzulesen sein, wie weit sie sich mittlerweile mit der Realität auseinandersetzen kann.

Nach Verlesung der Anklageschrift wird gefragt, ob die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft zutreffend seien. »Nein«, antwortet sie mit weinerlicher, jämmerlicher Stimme. Dann nimmt sie sich zusammen und beginnt, über Kindheit und Jugend zu berichten.

Es folgt die Geschichte eines Kindes, wie es in den Jahren nach dem Krieg in der niedersächsischen Kleinstadt Nienburg aufwuchs, als zweites von fünfen, mit einer um sieben Jahre älteren Schwester und drei kurz hintereinander geborenen kleinen Brüdern, für die die beiden Töchter wie Kindermädchen zu sorgen hatten. Das Kind Isolde Oechsle empfand sich dabei zwischen allen Stühlen und immer im Schatten: Der Vater bevorzugte von den Töchtern die Ältere, die gegenüber der Jüngeren einen uneinholbaren Vorsprung hatte und diesen auch ausspielte. Die Mutter erlebte das Kind bewußt vor allem schwanger oder mit Säuglingspflege beschäftigt.

Von klein auf war der Tag mit Pflichten ausgefüllt: Schularbeiten, Brüder beaufsichtigen, einkaufen, mithelfen. Kontakt zu Gleichaltrigen wurde von den Eltern nicht gutgeheißen, weil man schlechten Einfluß fürchtete. »Die Eltern waren aktive Mitglieder der Neuapostolischen Kirche«, berichtet Isolde Oechsle-Misfeld. »Ihre Sicht war sehr einfach - alles, was nicht Kirche war, war weltlich und also mit Vorsicht zu genießen. Was die anderen machen, hieß es, ist für uns kein Maßstab.«

Es durfte nicht ins Kino gegangen oder ferngesehen werden. Tanzstunde, »das kam überhaupt nicht in Frage«. Alles, was von »draußen« kam, wurde ferngehalten, nicht nur von den Kindern. Auch die Eltern lebten völlig abgekapselt, die Mutter ging nicht einmal zum Einkaufen. Probleme in der Familie wurden nicht gelöst, sondern es wurde um deren Lösung gebetet. Oder es wurde so getan, als gäbe es keine Probleme.

Als die Schwester einen »Andersgläubigen«, einen Katholiken, heiratete, weil ein Baby unterwegs war - das Kind Isolde war damals 13 -, kam es zu einem Zerwürfnis zwischen den Eltern. Der Vater, Vorsteher der Nienburger Gemeinde, warf der Mutter vor, sie habe der Ältesten »zuviel durchgehen« lassen. »Bei mir, bei der zweiten, wollten sie es dann ,besser'' machen.«

Das sei so weit gegangen, berichtet sie vor Gericht, daß es sehr ungern gesehen wurde, wenn sie Bücher las - es sei denn die Bibel oder »Schriften aus dem religiösen Bereich«. »Ich führte ein Leben in der Diskrepanz zwischen dem, was ich gern getan hätte und gar nicht als verboten ansah, und dem, was verboten war, was Angst erzeugte und ein schlechtes Gewissen, was man nicht genießen durfte, woran man sich nicht freuen durfte. Wenn man in einem solchen Glauben aufwächst und nichts anderes kennt, ist man zunächst nicht in der Lage, sich damit auseinanderzusetzen. Die Eltern hätten eine kritische Auseinandersetzung auch gar nicht geduldet.«

So lebte das Kind in der Furcht einer von der Neuapostolischen Kirche damals beschworenen nahen Wiederkehr Jesu, der die Guten in den Himmel nehmen und die anderen der ewigen Verdammnis überlassen werde. »Ich hatte immer Angst, wenn ich heimkomme, daß dann die Eltern weg sind und ich als Kind allein dastehe. Das war kein angenehmer Gedanke für ein Kind und auch später nicht. Es hätte ja was dran sein können . . .«

Verhaltensweisen, die sie als Kind in diesem engen, bedrängenden religiösen Milieu erlernt hat, setzen später wieder ein, vor allem dann, wenn sie nicht mehr aus noch ein weiß. Wenn sie anderen »hilft« bis zur Selbstaufgabe, wenn sie die Augen verschließt vor der Wahrheit. Sie hat sich in ihrer Ehe mit dem zunehmend kränker werdenden Mann so verhalten, wie es ihr eingeprägt worden war, ebenso gegenüber Jutta und Werner Pinzner.

»Wie geht es Ihnen heute?« fragt Heinsohn. »Schwer einzuschätzen«, antwortet sie und überlegt einen Augenblick. »Ich sehe viel konkreter und unmittelbarer, was damals war. Hier in Hamburg ist eine völlig andere Welt. Sie hat nichts mehr mit der Welt zu tun, in der ich jetzt lebe. Das ist hier Vergangenheit.« o

* Mit Verteidigern Römmig (vorn), Börner (hinten).

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