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Das ist ja Mord

aus DER SPIEGEL 29/1949

Seine Felder neben dem Flüchtlingslager in Drochtersen bei Stade (Unterelbe) seien seit Jahren beliebte Freibeute der Flüchtlinge gewesen, klagt Bauer Robert Eylmann. »Sogar den Drahtzaun haben sie mir abgerissen und das Korn vernichtet.«

Seine Knechte machten ihn aufmerksam, als es jüngst wieder im Kornfeld raschelte. Robert Eylmann nahm seinen scharfen Hund Rolf an die Leine - elf Wochen vorher erst hatte er ihn in Hamburg abrichten lassen - , stieg aufs Fahrrad und pirschte sich an die Flüchtlinge heran.

Olga Knauder - mit zwei anderen Flüchtlingsfrauen und den Flüchtlingskindern Horst, Günther, Rolf und Alfred - war, mit einem Küchenmesser bestückt, zum Kaninchenfuttersammeln gegangen. Weil es näher war, benutzte man Bauer Eylmanns Privatweg zum nahebei gelegenen Moor.

Robert Eylmann schlich durch das Kornfeld Nachbar Mücks, dann schrie er: »Satansbrut, jetzt hab' ich euch!« Horst zeterte: »Eylmann kommt!« Erna Meick, Helene Krüger und die vier Jungen schlugen sich eilends seitwärts in die Kornfelder. Olga Knauder konnte nicht so schnell.

»Faß sie«, hetzte Eylmann seinen Hofhund Rolf. In langen Sprüngen setzte der Hund Olga Knauder nach, packte, warf sie zu Boden und biß sie über dem Auge. »Du alte Hexe, wenn du noch flennst, werde ich dir mit deinem Küchenmesser die Kehle durchschneiden«, schäumte Eylmann, trat die Frau in den Rücken, in den Brustkorb und zog sie am linken Bein hinter sich her zum Wassergraben.

»Ich habe sie nur leicht mit dem Fuß angestoßen, damit sie aufstehen solle«, klagt Bauer Eylmann, total zerschlagen, in seinem Bett im Stader Krankenhaus.

Flüchtlingsjunge Günther hatte Vater und Sohn Knauder alarmiert: »Eylmann schlägt deine Mutter tot!« »Wir sahen Eylmann 500 Meter vor uns«, erzählt Knauder jun. »Und dann kreisten wir ihn mit alt-ostpreußischer Fronterfahrung von drei Seiten ein.«

Die dritte Seite war die Wettern, der Schicksalsgraben. Kurzer Wortwechsel: »Was hast du mit meiner Frau gemacht?« Eylmann: »Du bist auch so ein Hund!« Rolf setzt auf Knauder senior. Der nimmt die erstbeste Zaunlatte, schlägt Rolf in die Flucht und Eylmann nieder.

»Ich gestehe, laßt mich am Leben, laßt mich am Leben. Ich will auf Knien ins Lager rutschen und Abbitte tun.« Schwer angeschlagen stöhnt Eylmann. Das ganze Lager ist inzwischen angerückt, auch mit Knüppeln.

Die Spannung, die so lange über Drochtersen geknistert hat, die Spannung hie 2429 Flüchtlinge, hie 4616 Bauersleute, entlud sich. »Ersäuft ihn!« schrien die einen, während die andern Eylmann, ununterbrochen prügelnd, in die Wettern trieben.

»Nur die Haare waren noch ohne Schlamm«, erzählt Eylmanns Wirtschafterin Frieda Kossak. Knauder jun. und der herbeigerufene Dr. Wilkens waren inzwischen zu Olga Knauder getreten. »Sie ist in Lebensgefahr«, sagte Dr. Wilkens. Er verordnete Krankenhaus.

Knauder jun, telefonierte nach dem einzigen verfügbaren Wagen in Drochtersen. Schlachtermeister Steffen murrte. Wenn es im Dorf brennt, fährt er den Feuerwehrwagen. »Sie müssen sofort kommen«, schrie Arthur Knauder ins Telefon. »Was heißt hier müssen? Von Müssen kann keine Rede sein. Bin gerade beim Schlachten.« Er kam aber doch.

Im aufgeregten Durcheinander rettete Schlachtermeister Remcke seinen Nachbarn Eylmann vorm Ertrinken und brachte ihn ins Dorf. »Wenn der Satan in dieser kurzen Zeit den Weg geschafft hat, ist er noch klar im Kopf«, sagte Knauder jun. (Arthur) und organisierte einen Flüchtlingstrupp, der Eylmann ins Lager holen sollte. »Wenn Mutter liegen bleibt, bleibt er hier liegen.«

Schlachtermeister Remcke sah die Menge anrücken. »Das ist ja Mord. Laßt ab, Leute.« Es nützte nichts, weil Einheimische von »Flüchtlingspack« und »Man sollte Geld sparen und alle vergasen« sprachen. Aus allen Ecken kamen die Flüchtlinge, verprügelten den halblahmen Eylmann noch einmal. Und drum herumstehende Einheimische gleich mit.

Wachtmeister Schmidt setzte dem Tumult ein Ende. »Ich muß ihn in Schutzhaft nehmen.« »Herr Schmidt, Herr Schmidt, retten Sie mich vor der Menschenmenge«, brachte Eylmann noch mühsam hervor. Und: »Ich will ja mit ins Lager und Abbitte tun. Ich habe schuld.« Seit der Zeit weiß Robert Eylmann nichts mehr. Im Krankenhaus wachte er wieder auf.

Es war keiner dabei, als es mit Olga Knauder und Bauer Eylmann losging. Nur die vier Flüchtlingsjungen. Während die Frauen davonliefen, versteckten sich Rolf, Horst, Günther und Alfred im Kornfeld. Von Polizeimeister Wolf vernommen, sagten sie übereinstimmend aus: »Er hat schuld, sie nicht.«

Im morgendlichen Stader Polizeibericht war von doppelten Schädelbrüchen die Rede. »In Wirklichkeit ist es nur eine Gehirnerschütterung«, sagt Eylmanns rothaarige Schwester.

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