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»Das ist kein guter Stil«

Verbraucherschutzminister Horst Seehofer, 57, über seine Ambitionen auf den CSU-Vorsitz und die Berichterstattung über seine außereheliche Affäre
aus DER SPIEGEL 4/2007

SPIEGEL: Herr Seehofer, bevor Sie in den Machtkampf um die Nachfolge von Edmund Stoiber eingreifen konnten, haben die Führungsleute in München die frei werdenden Posten unter sich verteilt. Haben Sie überhaupt noch Chancen auf den Parteivorsitz?

Seehofer: Ich bin in der Tat mit einer Absprache konfrontiert worden, die im klaren Widerspruch zu den Beteuerungen steht, dass erst einmal ausführlich beraten wird, bevor man gleich wieder Posten verteilt. Der Maßstab für jeden Parteivorsitzenden ist die Frage, ob er die Partei erfolgreich führen kann. Die CSU hat zwei Megawahljahre zu bestreiten, Kommunalwahlen und Landtagswahlen in Bayern und danach die Bundestagswahl im Herbst 2009. Deshalb habe ich erklärt, dass ich kandidiere.

SPIEGEL: Sehen Sie überhaupt jemanden, der Sie unterstützt?

Seehofer: Ich habe in meiner ganzen politischen Laufbahn noch nie mit doppelten Netzen gearbeitet. Ich versuche meinen Teil dazu beizutragen, dass die CSU ihre einzigartige Erfolgsgeschichte weiterführen kann. Bislang ist mir das ganz gut gelungen.

SPIEGEL: Nicht einmal in Berlin scheinen Sie besonders beliebt zu sein. Bei einer Sondersitzung der CSU-Landesgruppe am Donnerstagabend gab es breite Zustimmung für Ihren Konkurrenten, den bayerischen Wirtschaftsminister Erwin Huber.

Seehofer: Ich kann dazu nur sagen, dass der Landesgruppenchef Peter Ramsauer mit mir am Donnerstagmorgen gesprochen hat. Er hat mir erklärt, dass Berlin in der Parteispitze vertreten sein muss und er deshalb die beiden CSU-Ministernamen nennen wird, den von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos und meinen. Für mich gilt diese Aussage.

SPIEGEL: Nach den Chaoswochen gibt es in Ihrer Partei ein überwältigendes Bedürfnis nach Ruhe. Ihre Kandidatur beschert der CSU einen neuen Machtkampf. Auch der designierte Ministerpräsident Günther Beckstein fordert Sie zum Verzicht auf.

Seehofer: Es ist schon ein eigenartiger Vorgang, wenn Günther Beckstein mich dazu drängt, meine Kandidatur aufzugeben, ohne dass er zuvor überhaupt mit mir gesprochen hat. Das ist kein guter Stil.

SPIEGEL: Viele in der CSU halten Sie für einen Störenfried, der mehr an sich als an das Wohl seiner Partei denkt.

Seehofer: Es gab in den vergangenen Jahren nur einen einzigen zentralen Punkt, wo ich eine von meiner Partei abweichende Meinung hatte, das war beim Streit um die Gesundheitsprämie im Jahr 2004. Die Entwicklung hat mir im Nachhinein recht gegeben. Natürlich wird nun versucht, mich in die Rolle des Solitärs und Einzelspielers zu drücken, aber man wird dafür nicht viele Belege anführen können. Ich habe jedenfalls seit einem Vierteljahrhundert kräftig mitgeholfen, dass die CSU erfolgreich bei Wahlen abschneidet. Das ist auch jetzt mein Ziel.

SPIEGEL: Eine Verlängerung des Machtkampfs bedeutet, dass die CSU nicht aus den Schlagzeilen kommt.

Seehofer: Ich habe zu keiner einzigen CSU-Schlagzeile in den letzten vier Wochen beigetragen. Das waren vor allem diejenigen, die jetzt Geschlossenheit und Ruhe fordern. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass es eine Belastung für eine Partei ist, wenn sie auf einem Parteitag unter mehreren Kandidaten auswählen kann. Entscheidend ist doch, wie man einen solchen Wettbewerb austrägt. Ein fairer Streit ist ein Gewinn für eine Volkspartei und keine Belastung. Wenn der Stil der letzten vier Wochen fortgesetzt würde, wäre das von Schaden, aber das habe ich nicht vor.

SPIEGEL: Wie erklären Sie es sich, dass Sie bei den Personalvorschlägen, die aus München kommen, keine Rolle spielen?

Seehofer: Ich habe mich bei meiner Politik immer am Vorbild Franz Josef Strauß orientiert, der auf die Leute gehört hat und weniger auf die Würdenträger. Ich kann mich über die Zustimmung auf den Parteitagen, bei denen ich direkt kandidierte, nicht be-

schweren. Es gibt in der Politik nur eine Wahrheit, und die liegt in der Wahlurne.

SPIEGEL: Ist es ein Nachteil, dass Sie in Berlin sind, weit weg von den Hinterzimmerrunden, in denen nun das neue Spitzenpersonal bestimmt wird?

Seehofer: Es mag sein, dass ich da zu desinteressiert bin. Nach meiner Erfahrung haben diese Absprachen in kleinem Kreise auf Dauer keinen Bestand. Man kann solche Personalentscheidungen nicht im Hinterzimmer auskungeln.

SPIEGEL: Was halten Sie von der Idee, dass man die Parteimitglieder über ihren neuen Vorsitzenden entscheiden lässt?

Seehofer: Ich stehe vor einer ganzen Reihe von Gesprächen, und ich muss erst einmal sehen, was es eigentlich an Argumenten gibt. Ich will auch wissen, warum man mit mir nicht beizeiten gesprochen hat. Ich bin immerhin stellvertretender Parteivorsitzender und musste trotzdem aus den Agenturen entnehmen, dass sich Günther Beckstein und Erwin Huber in Kreuth über das Erbe Edmund Stoibers verständigt haben. Wenn das jetzt so weitergeht, taucht schon die Frage auf, ob sich eine Partei das auf Dauer gefallen lassen sollte.

SPIEGEL: Wie wichtig ist ein intaktes Familienleben für einen CSU-Parteichef?

Seehofer: Sie brauchen immer die Rückendeckung von zu Hause und die Ruhe, wenn Sie einen so fordernden Job ausüben.

SPIEGEL: Und wie bedeutsam ist es nach Ihrer Meinung für eine konservative Partei wie die CSU, dass bei ihrem Parteichef das Familienleben stimmt?

Seehofer: Das kann ich nicht einschätzen, und ich will es auch gar nicht. Ich habe mir vorgenommen, mein Privatleben jetzt nicht auch noch von mir aus in die Politik einzuführen.

SPIEGEL: »Veränderte Lebensperspektiven und Lebensformen haben zu neuen, vielschichtigen Familienproblemen geführt«, heißt es im Grundsatzprogramm verständnisvoll, darauf müsse sich die CSU einstellen.

Seehofer: Auch das Parteiprogramm der CSU reflektiert die Lebenswirklichkeit, wie Sie sehen können.

SPIEGEL: Die Leute in Ihrem Wahlkreis Ingolstadt, die Sie mit 65,9 Prozent in den Bundestag gewählt haben, sind wie vor den Kopf geschlagen durch die Enthüllungen über Ihr Privatleben. Haben die nicht ein Anrecht auf ein klärendes Wort ihres Abgeordneten?

Seehofer: Das ist wahr, aber man muss mir die Chance für die nötige Klärung zubilligen. Dafür braucht es Zeit, und die nehmen wir uns.

SPIEGEL: Werden Sie juristisch gegen die Berichterstattung über eine außereheliche Affäre vorgehen?

Seehofer: Ich habe durch meine Anwälte darauf hinweisen lassen, dass auch in meinem Fall die Persönlichkeitsrechte gelten und bei Überschreitung des Zulässigen Konsequenzen zu ziehen sind. Ansonsten bewerte ich die Berichterstattung nicht.

SPIEGEL: Sie selbst haben Ihr Familienleben immer wieder zum Thema gemacht, als noch alles gut war. Muss man es sich als Politiker dann nicht gefallen lassen, wenn sich die Medien auch dann für das Privatleben interessieren, wenn es nicht erwünscht ist?

Seehofer: Es gibt Leute, die stellen die Frage, warum die Berichte ausgerechnet jetzt aufgetaucht sind. Aber ich kann dazu nichts sagen, das ist alles Spekulation.

SPIEGEL: Haben Sie Hinweise, dass die Privatgeschichte lanciert wurde, um Sie als Parteichef zu verhindern?

Seehofer: Ich recherchiere da nicht. Im Übrigen wissen Sie selber, dass Sie das nie erfahren würden, weil Journalisten ihre Quellen aus gutem Grund schützen müssen.

SPIEGEL: Erwarten Sie, dass Stoiber bis September wie angekündigt Ministerpräsident bleibt?

Seehofer: Aber sicher, wir können ja nicht jede Woche einen Zeitplan in die Welt setzen, der schon die Woche drauf nicht mehr gilt.

SPIEGEL: War es die richtige Entscheidung Stoibers, zurückzutreten?

Seehofer: Ich halte sie für falsch. Ich habe von Helmut Schmidt bis Helmut Kohl, von Franz Josef Strauß über Theo Waigel bis Edmund Stoiber alle großen Politiker hautnah erlebt, und die Alphatypen in der Politik sind nicht besonders breit gesät. Darum ist es sehr betrüblich, wenn auf diese Art und Weise eine politische Karriere zu Ende geht, wie das nun bei Edmund Stoiber geschehen ist. Das beschwert mich sehr.

SPIEGEL: Sie hätten Stoiber geraten, dem Druck aus der Partei zu widerstehen?

Seehofer: Das war immer mein Rat. Erst vor zwei Wochen hat das CSU-Präsidium den Beschluss gefasst, dass Edmund Stoiber 2008 noch einmal als Ministerpräsident zur Landtagswahl antreten soll. Für mich gab es keinen Grund, von dieser Entscheidung abzurücken. Aber manchmal nehmen die Dinge eben emotionale Wendungen und führen zu gruppendynamischen Prozessen, dass man als Politiker so handeln muss, wie er es getan hat.

SPIEGEL: Sie glauben also, dass die CSU es noch einmal bereuen wird, dass sie Stoiber in den Rücktritt getrieben hat?

Seehofer: Wir müssen jedenfalls sehr, sehr hart arbeiten, wenn wir ihn ersetzen wollen. Wir sind in der vielleicht schwierigsten Situation unserer Geschichte, und der über vier Jahrzehnte anhaltende Erfolg ist uns nie geschenkt worden von der Bevölkerung. Dieser Erfolg ist das Ergebnis einer Anstrengung, die wir jetzt noch einmal verdoppeln müssen.

INTERVIEW: JAN FLEISCHHAUER, RENÉ PFISTER

* Bei der Eröffnung der »Grünen Woche« in Berlin am vergangenen Donnerstag.

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