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FOTOGRAFIE Das Jahr der Doppeltürme

»Rückblende 2001": In Berlin werden die besten politischen Fotos des vergangenen Jahres prämiert. Sie fangen Momente ein, in denen die Züge der Mächtigen zur Kenntlichkeit erschlaffen.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Das politische Foto des Jahres 2001 ist eine Doppelbelichtung. Es geht nicht anders, denn jedes Foto ist durch die Ereignisse vom 11. September nachbelichtet worden. Das Bild der rauchenden Doppeltürme in New York hat sich so in die Netzhaut eingebrannt, dass es sich wie ein Schatten auf jedes Foto legt, das beansprucht, die Wirklichkeit dieses politischen Jahres eingefangen zu haben.

2001 war auch das Jahr der Antipoden, das Jahr der großen Zweikämpfe. George Bush Jr. gegen Osama Bin Laden, Ariel Scharon gegen Jassir Arafat, Edmund Stoiber gegen Angela Merkel und, auf ihre re eigene Art, Joschka Fischer versus Gerhard Schröder. Ob erzwungener Männerbund, kultivierte Zwietracht, uralter Hass oder Zweikampf bis zur Vernichtung des anderen - es war die Umgangsform des Duells, das dieses Jahr ausgezeichnet hat, mal mit Säbel, mal mit Florett.

So sind auch die beiden Hauptpreise der »Rückblende 2001« Fotografen zuerkannt worden, die es verstanden haben, die Beziehung von Gegenspielern im Bild zu bannen.

Die Bildserie von Stephanie Pilick, sie bekam den ersten Preis, zeigt die CDU-Vorsitzende mit dem bayerischen Ministerpräsidenten auf dem Dresdner Parteitag im Dezember. Pilicks Dreierbild offenbart uns ein Menuett, höfischer mehr als höflich. Eine Zweierszene auf offener Bühne, so verkrampft, bigott und gestelzt wie die Bücklinge und Kratzfüße am französischen Hofe kurz vor der Revolution.

Die Bilderserie liefert den Beweis für die ungeheure Macht der politischen Fotografie. Auf dem Parteitag haben Stoiber und Merkel alles daran gesetzt, den Konflikt zwischen ihnen zum Hirngespinst zu erklären und eine Veranstaltung der großen Harmonie zu inszenieren. Sie wussten, dass alle Journalisten nur darauf lauerten, sie der Zwietracht zu überführen. So setzten sie alles daran, dies zu vermeiden. Und dann drückt ein Fotograf dreimal auf den Auslöser, hält die Zeit an - und wer Augen hat zu sehen, der sieht, was zwischen diesen beiden Parteifreunden passiert.

Sehr viele Worte sind nötig, um das Verhältnis zwischen dem Bundeskanzler und seinem Außenminister zu beschreiben. Dem guten Fotografen genügt im Idealfall eine 250stel Sekunde, um dem Betrachter alles Nötige zu sagen. Die Juroren der »Rückblende 2001« erkannten den zweiten Preis einem Foto aus der Haushaltsdebatte vom 26. September zu. Ist es die Schuld des Fotos, wenn es einer Karikatur gleicht?

Auf dem Foto sind zwei Komödianten zu sehen, die sich höchst amüsiert zur Galerie hin verneigen und zu sagen scheinen: »Voilà, es ist doch alles nur Cabaret! Theater! Seid nachsichtig. Wir sind alle nur Staatsschauspieler, manche machen's besser, manche schlechter, und wir sind die besten.«

Das Bild ist gelungen, weil es einen Wesenszug der Schröderschen Politik ans Licht bringt: das »Mal halblang«, eine Distanz zu Amt und Würden, die nur mit allen Wassern der Rebellion gewaschene Nachkriegsjungs mitbringen können.

Der Jury lagen 57 Mappen vor. Sie wählte 107 Bilder aus für den Katalog und die Ausstellungen in Berlin, Bonn, Brüssel, Hamburg und Leipzig.

In den Katalog sind Bilder gekommen, die eine Pose entlarven, weil der Fotograf beim Hofberichtstermin einen Augenblick länger verharrte als die anderen und so den Moment einfangen konnte, in denen die Züge des Mächtigen zur Kenntlichkeit erschlafften.

So wird die andere, tragische Seite der rot-grünen Politik von einem Foto erzählt, das nur knapp eine Auszeichnung verpasste. Es ist das Porträt der Gesundheitsministerin Andrea Fischer an dem Tag, als sie wegen der BSE-Krise ihren Rücktritt erklärte.

Das Bild ist der Gegenpol zur selbstgewissen Männerpose, die sonst am Kabinettstisch demonstriert wird. Da sitzt eine gescheiterte Reformerin. Fallen gelassen von ihren politischen Freunden und von den Verhältnissen. Sie ist bitter. Sie ist zerbrechlich und angespannt, weil sie ein letztes Mal Fasson bewahren muss. Die Fasson ist das Gesicht der Macht, und in diesem Moment ist es nur noch ein hauchdünnes Make-up, in dem die Haarrisse zu ahnen sind. ALEXANDER SMOLTCZYK

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