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BRASILIEN Das Kalkutta-Syndrom

Schulen, Kindergärten und Säuglingskrippen wie vom Fließband - ein gewaltiges Regierungsprogramm soll das Bildungselend in Rio de Janeiro beenden. *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Oswaldo Luiz Machado schläft auf der Straße. Eine Bank, ein Haustor, ein paar alte Zeitungen aus der Mülltonne genügen dem 13jährigen als Lager. Einige Häuserblocks im Catete-Viertel von Rio de Janeiro sind sein Lebensbereich. Etwa 20 Mark verdient er im Monat damit, auf geparkte Autos aufzupassen. Kellner in den umliegenden Restaurants geben ihm hin und wieder einen Happen zu essen.

Sie waren es auch, die den heimatlosen Jungen auf den Neubau aufmerksam machten, der am Ende seiner Straße in die Höhe schoß: Fertigbauteile aus elegant geschwungenem Beton, Resopal-Täfelungen in fröhlichem Gelb und große, aluminiumgerahmte Fenster trugen den unnachahmlichen Stempel des brasilianischen Renommierarchitekten Oscar Niemeyer.

Seit vier Wochen ist Oswaldo nun einer von fast 600 Schülern des ersten »Integrierten Öffentlichen Schulzentrums« (Ciep). Hinter der umständlichen Bezeichnung verbirgt sich eines der vielleicht revolutionärsten Schulkonzepte der Dritten Welt:

In einem Frontalangriff gegen die Verelendung der Bevölkerung baut der Bundesstaat Rio de Janeiro in drei Jahren 300 Schulen für je 1000 Schüler, denen hier nicht nur Bildung, sondern auch vier Mahlzeiten am Tag sowie ärztliche und zahnärztliche Pflege geboten wird. Hinzu

kommen Hunderte von Kindergärten und Säuglingskrippen, die in einer »Schulfabrik« im Tempo von täglich einer Einheit als Fertigbauteile von den Fließbändern rollen - insgesamt 2000.

»Wir müssen den gordischen Knoten durchschlagen«, verteidigt der Anthropologe Darcy Ribeiro, Kultur- und Erziehungsminister von Rio de Janeiro, das von der Opposition als »größenwahnsinnig« geschimpfte Programm, »sonst holt uns das Kalkutta-Syndrom ein«.

So nennt der Wissenschaftler den Morast aus Hunger, Schmutz und Gewalt, in dem Großstädte der Entwicklungsländer zu versinken drohen. »Die Menschen werden auf der Straße geboren, verbringen ihr ganzes Leben im Asphaltdschungel und verenden auch im Häusermeer«, klagt Ribeiro. »Und infolge der Rationalisierung in der Landwirtschaft strömen immer mehr in die Städte ohne die geringste Chance, jemals Arbeit zu finden. Die Hoffnung auf ein würdigeres Leben bleibt eine Illusion.«

Tatsächlich ist das Angebot an städtischer Infrastruktur in der Sieben-Millionen-Einwohner-Metropole Rio de Janeiro dreißigmal geringer als etwa in Paris. Und das Mißverhältnis steigt. Im Jahr 2000 wird die »cidade maravilhosa«, die wunderbare Stadt, an die 17 Millionen Menschen beherbergen.

Vor allem die Schulbildung wurde in den vergangenen Jahrzehnten völlig vernachlässigt, steigende Nachfrage einfach mit reduziertem Angebot beantwortet. Der Schultag dauert in Brasilien nur viereinhalb Stunden, damit sich zwei Schichten die knappen Klassenzimmer teilen können. In den Großstädten ist eine dritte Schicht eingeführt, die tägliche Schulzeit auf drei Stunden beschränkt.

Ergebnis: »52 Prozent der Kinder verlassen die Schule vor Vollendung des zweiten Ausbildungsjahres, sie können nicht einmal richtig schreiben und lesen«, erklärt Riveiro. Allein in der Stadt Rio fehlen 700000 Schulplätze, im ganzen Bundesstaat 1,5 Millionen. 586987 eingeschriebene Schüler zählte das Kulturministerium 1984 im Bundesstaat Rio de Janeiro und 2350 Schulen.

»Wir machen hier nichts Revolutionäres«, meint Ribeiro, »wir erfinden ja nur die herkömmliche Schule wieder.«

So sieht das Ciep-Programm ganztägigen Unterricht vor. Neun Stunden verbringen die Kinder in dem mit Bibliothek und Sportplatz ausgestatteten Komplex. Von der ersten, vor einem Monat eingeweihten Einheit in Catete sind die Kinder begeistert: »Es macht Spaß, es ist phantastisch.«

Da jubelt natürlich manches Kind mit, das früher von den Speiseresten aus den Mülltonnen der Restaurants lebte. Hier gibts in der modernen Kantine Reis, Bohnen, Omelettes, Obst oder Milch auf glänzenden Chromstahl-Platten.

Der Unterricht wird aufgelockert durch Theateraufführungen, Malen und Sport. Und nach dem Turnen wird geduscht - für viele dieser Favela-Kinder etwas unerhört Neues. »Jene, die nie eine Chance hatten, bekommen nun ein Abendessen, Alphabetisierung und Hygiene angeboten«, so Teresa Graupner vom Kulturministerium.

Das Erstaunliche am ganzen Programm: Das System funktioniert - zumindest bisher. »Es ist gar nicht so teuer«, meint Ribeiro, »obwohl wir natürlich den größten Teil der Ressourcen des Bundesstaates dafür verwenden. Bauen wir eben vorübergehend keine Straßen mehr!«

Tatsächlich hatte die vorherige Regierung 80 Prozent ihres Etats für Investitionen in städtischen Neubaugebieten ausgegeben oder für Prachtviertel, wo sich an gleißend-weißen Stränden und breiten Boulevards unerschwingliche Luxuswohnungen erstrecken.

»Maravilhosa« ist Rio nur an jenem schmalen Südrand entlang der Strände, den die Touristen kennenlernen. Das Millionengewimmel der Elenden liegt versteckt hinter den Bergen.

Eine Ciep-Schule kostet weniger als vier Milliarden Cruzeiros (zwei Millionen Mark). »Aber der Cruzeiro ist ja nicht stabil«, schränkt Ribeiro ein, »ich schätze jedoch, daß die nächste Ausbaustufe von 100 Schulen rund 100 Millionen Dollar kosten wird.«

»Pharaonische Bauten« nennt dies das rechte Bürgerblatt »O Estado de Sao Paulo«. Denn die Opposition ist überrascht von dem sorgfältig vorbereiteten Programm und der genauen Finanzplanung und fürchtet die wachsende Popularität der Reformer.

Oswaldo Luiz Machado schläft noch immer in Hauseingängen, hütet noch immer geparkte Autos - doch nun nur noch abends, mit vollem Bauch und sauber geduscht.

Bald, so hofft er, wird auch dieses Leben der Vergangenheit angehören: Auf dem Dachgeschoß des Schulzentrums sind zwei Wohnungen für je zwölf mittellose Kinder eingerichtet. Oswaldo will aufgenommen werden.

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