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»Das kann lange dauern«

Durst, Hitze, Erschöpfung: Der Detmolder Rainer Bracht schildert das sechsmonatige Martyrium in der Wüste.
aus DER SPIEGEL 35/2003

Auch der Abschied war freundlich. »Hör mit dem Rauchen auf, Rainer«, rieten die Kidnapper, »und lass das Schweinefleisch weg, das ist ungesund.« Man freue sich auf ein Wiedersehen. »Ihr seid eingeladen, kommt zurück und macht Urlaub hier. Wenn wir dein Motorrad finden, schreiben wir eine E-Mail.« Und dann noch das: »Aber sagt allen anderen, es ist besser, wenn sie sich hier nicht sehen lassen.«

Rainer Bracht, 46, Gerüstbauer aus Detmold in Westfalen, tut sich schwer mit so viel Vertrautheit und Kaltblütigkeit. »Das ist doch Wahnsinn«, sagt er, »das glaubt man doch nicht, wenn man das hört.« Bracht ist zurück, nach 177 Tagen Gefangenschaft in der Sahara. Ein Hüne von Mann, mehr als zwei Meter groß, mit breiten Schultern. Ein Mann, den man sich gut unter freiem Himmel vorstellen kann und der nun in den engen Räumen seiner Wohnung in Detmold wirkt, als müsste er die Wände sprengen. Am vergangenen Mittwochmittag hat er sie zum ersten Mal seit Februar wieder betreten.

Bracht ist auch ein Mann, der wenig Gefühle zeigt. Der klar analysiert, gelassen antwortet. Etwas, das man in sechs Monaten Geiselhaft vielleicht automatisch tut, um zu überleben. Der sich angeblich auch nicht groß aufregte, als er seinen Kidnappern plötzlich gegenüberstand.

Purer Zufall war es wohl damals, doch er fesselte den Detmolder und seine Begleiter monatelang an die Wüste. Am 23. Februar schlugen Bracht, der Warngauer Martin Hainz, 38, Christian Grüne, 37, aus Berlin und der Niederländer Arjen Hilbers, 35, an der so genannten Gräberpiste im Südosten Algeriens ihr Nachtlager auf, versteckt hinter großen Dünen. Am Morgen waren sie mit ihren schweren Maschinen in Illizi aufgebrochen, vier Globetrotter, die sich schon vor Jahren in aller Herren Länder getroffen hatten.

Während Bracht nach dem Essen abseits in den Sand pinkelte, kletterten zwei seiner Begleiter auf den Hügel. Unübersehbar für den Konvoi mit 40 bewaffneten Gotteskriegern und ihren sieben Geiseln, der in diesem Moment die Stelle passierte. »Die haben uns nur geschnappt, weil wir sie gesehen hatten, sozusagen wegen der Sicherheit«, sagt Bracht jetzt.

Die Islamisten wedelten mit Kalaschnikows, befahlen, alles zusammenzupacken, und riefen: »Keine Angst, wir tun euch nichts.« Und höflich stellten sie sich vor, als wäre man nur eben mal zum Plausch vorbeigekommen. Sie seien Salafisten, von der 5. Division. Worte, die niemand begriff. Dann sprachen sie viel von Abu Sayyaf und den Philippinen. »Da wusste ich, das kann lange dauern«, sagt Bracht heute in seinem Wohnzimmer.

In der vorangegangenen Nacht hatten die Islamisten erste Beute gemacht. Die drei Motorradfahrer Sascha Notter, Frank Gottlöber und Jürgen Matheis wurden gegen ein Uhr nachts von fremden Stimmen aus dem Schlaf geholt, dann rissen Männer den Reißverschluss des Zeltes auf. Vier Stunden später überfielen die Islamisten die vier Schweizer Touristen Silja Stäheli, Sibylle Graf, Reto Walther und Marc Hediger. Walther blieben nur Sekunden, um seine Brille zu finden, »dann brach das Chaos um uns los«.

Kurz hatte das junge Trio um Notter wohl die Hoffnung, nun würden sie gegen eine neue Reisegruppe ausgetauscht. Vergebens, die Fahrt ging weiter, für die Biker offenbar kein ungefährlicher Trip. Ohne Helm, mit der Kalaschnikow des Bewachers im Rücken, fuhr man Stunden durch die Nacht. Immerhin, die Kidnapper fütterten ihre Opfer vom Rücksitz aus mit Keksen. »Um uns bei Laune zu halten«, meint Bracht.

Die Autos überschlugen sich, die Biker stürzten, Hilbers kugelte sich das Armgelenk aus. Die Bärtigen rasten, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

Es hätte schlimmer kommen können. Während der wochenlangen Fahrt durch die Wüste, des endlosen Ausharrens in Verstecken, der Suche nach Wasser blieben die Kidnapper zumindest freundlich. Todesangst, meint der Detmolder, habe er nie verspürt. »Die sagten immer, egal was passiert, sie tun uns nichts.« Die Bekehrungsversuche der extrem frommen Krieger seien das Lästigste gewesen.

Den Koran bekamen die Gefangenen bald erklärt und dass »alles, was Spaß macht«, verboten sei. Rauchen, Alkohol, Musik sowieso. Also rauchten die Geiseln heimlich, bis der Tabak zu Ende war, und einer hatte es geschafft, eine Flasche Whisky zu verstecken. »Die wurde dann«, sagt Bracht, »im Dunkeln ihrer natürlichen Bestimmung zugeführt.« Die Musik immerhin blieb der Gruppe noch bis zum Mai, und der Empfang der Deutschen Welle über ein einfaches Transistorradio lieferte die einzige Gewissheit, dass die Welt von ihrem Verschwinden Kenntnis hatte.

Doch als am 13. Mai die zweite verschleppte Touristengruppe freikam (SPIEGEL 21/2003) musste das Radio verschwinden. Dabei war den Geiseln längst klar gewesen, wer sie in Händen hielt. Man kommt sich eben näher, in zwei Meter breiten Felsspalten, in Tagen des Ausharrens und Hoffens. So berichteten die Gotteskrieger freimütig von ihrem Plan, mit dem erpressten Geld in Niger Waffen für den Kampf gegen das algerische Regime zu kaufen. Befohlen habe das alles der Emir, ein autoritärer Mann von 35 Jahren, der sich nur ab und an zeigte und unter seinem Kampfnamen auftrat.

Die Terrorgruppe der Salafisten, erzählten die Bewacher, habe sich 1998 von der radikal-islamischen GIA abgespalten. Man kämpfe gegen die Regierung und für einen Gottesstaat. Osama Bin Laden, sagten sie, sei ein Held, doch mit Saddam Hussein wolle man nichts zu tun haben.

Alle irgendwie, so schien es den Geiseln, nette Männer, der Jüngste höchstens 15, der Älteste 72, tief religiös und dem Emir bedingungslos ergeben. Wie sich die Entführung von Menschen denn mit dem Koran vereinbaren lasse, fragten die Deutschen. Es sei eben Dschihad, und im Heiligen Krieg sei das erlaubt. Rainer Bracht glaubt, wenn es den Befehl gegeben hätte, hätten die Kidnapper sie erschossen.

Als die Motorradfahrer und die Schweizer schon gut zwei Wochen Geiselhaft hinter sich hatten, schnappten sich die Salafisten die vier Augsburger Witek Mitko, Michaela Spitzer sowie Erna und Kurt Schuster, zufällige Passanten in der Sahara. Zwölf Wochen sollte die Gruppe insgesamt in ihrem ersten Versteck auf einem Hochplateau ausharren. Der Platz war offensichtlich sorgfältig präpariert worden.

Zunächst gab es genug Wasser aus dreckigen Brunnen und Tümpeln, karges, aber ausreichendes Essen. »Was die Bewacher hatten, teilten sie mit uns«, sagt Bracht. Und als die Suppe einmal dünner wurde und nur noch ein paar Bohnen im Wasser schwammen, da klaute ein Kämpfer seinen Kameraden das Mehl und buk nachts heimlich Fladenbrot für die Geiseln.

Die Distanzen begannen sich irgendwann aufzulösen. Ein Moment, in dem die Männer an Flucht dachten. Fünfmal täglich, wenn die Salafisten ihre Gebete anstimmten, lagen die Kalaschnikows achtlos abseits. Auch nachts hätten sich drei oder vier davonschleichen können. Doch das Risiko war für alle 15 zu groß. »Wir haben das diskutiert«, sagt Bracht, »und beschlossen: entweder alle oder keiner. Man wusste nicht, was dann mit den anderen passiert.«

Es war vor allem die Sorge um die Familien zu Hause, die die Touristen zu zermürben drohte. »Ich dachte nicht an den Tod, ich dachte an meine Frau«, sagt Bracht. Deshalb habe er überleben wollen. Und sei sicher gewesen, dass er eines Tages nach Hause zurückkehren werde.

Doch noch drei Monate nach der Gefangennahme war die Lage im Süden der algerischen Wüste für die Geiseln genauso aussichtslos wie am ersten Tag. Über ihnen kreisten täglich Hubschrauber des algerischen Militärs und zogen nach Stunden wieder ab.

Dass die Suchtrupps das Lager längst ausgemacht hatten, war auch den Entführern klar. Wenige hundert Meter entfernt landete eines Tages ein Helikopter, Männer stiegen aus und steckten den Pick-up der Salafisten in Brand. Mehr geschah nicht. Denn offenbar ging es auch beim Militär in Algerien streng nach Bürozeiten. Jeden Mittag um 13 Uhr, so Bracht, wurden die Hubschrauberflüge eingestellt. »Nachmittags, das wussten die Bewacher, konnten wir raus aus dem Versteck.«

Nicht einmal die von den Gotteskriegern schon vor Monaten angelegte Fahrbahn in das zerklüftete Gebiet wurde kontrolliert. Es sei, meinen die Geiseln heute, die einzige Möglichkeit gewesen, den Pickup in die Nähe des Lagers zu bringen, das hätte das Militär leicht erkennen können. Auch ihre Motorradspuren hätten sich wochenlang dort gehalten. Dennoch: Als der Konvoi nach Monaten Richtung Süden aufbrach, benutzte man dieselbe Piste - unbehelligt.

Ende Mai wurden auch die Bewacher der europäischen Wüstenfahrer unruhig. Dass der Spuk derart lange dauern würde, hatten auch sie nicht kalkuliert. Irgendwann wurde ein Video gedreht von den Geiseln und ein Bote damit in die nächste Stadt geschickt. Der erste Versuch, Kontakt zu den Behörden aufzunehmen. Die Verschleppten und ihre Bewacher quälten sich weiter durch die Wüste, die Hitze wurde Ende Juni unerträglich, das Wasser knapp.

Bis auf 50 Grad im Schatten kletterte das Thermometer tagsüber, das Wasser hatten die Entführer auf zwei Liter in 24 Stunden pro Person rationiert. »Das war hart«, sagt Bracht lapidar. Er trank in kleinen Schlucken, immer nach der Uhr, jede Stunde ein wenig. Und er träumte von Milchshakes und kaltem Bier.

Da war die Gruppe schon Richtung Mali aufgebrochen, die Touristen erkannten es mit einem Blick auf das GPS-Orientierungssystem, das ihnen die Kidnapper abgenommen hatten. Doch der Durst wurde unerträglich. Es war der 29. Juni, der Tag, den Michaela Spitzer nicht überleben sollte. Man lagerte mittags im spärlichen Schatten von ein paar Büschen, regungslos, um Kraft zu sparen.

Es sei, sagt Bracht heute, schon einigen aufgefallen, dass Michaela den ganzen Tag nicht geschwitzt habe. Ein schlechtes Zeichen. Doch »allen ging es damals schlecht«. Plötzlich sei die 46-Jährige aus dem Schatten fortgelaufen und habe sich hinter ein Auto gelegt, kurz darauf um Hilfe gerufen.

Sascha Notter, Rettungssanitäter aus Besigheim bei Stuttgart, tat sein Möglichstes. Michaela Spitzer fiel ins Koma, Mund-zu Mund-Beatmung und Herzmassagen blieben wirkungslos. In aller Eile legte einer der Kidnapper eine Infusion, doch der Beutel reichte nicht aus, um den Kreislauf zu stabilisieren. Aber mehr war nicht da. Wasser konnte man der Frau nicht geben, da sie bereits bewusstlos war.

Eine Stunde später war die zierliche Augsburgerin tot. Kurz vor ihrem Zusammenbruch hatte sie die Entführer noch um Wasser gebeten, das in Fässern auf dem Pick-up lagerte, die aber lehnten ab. Jeder, hieß es, muss mit seiner Ration auskommen. Eine fatale Härte, einen Tag bevor die Gruppe an eine neue Wasserstelle kam.

Die Bewacher, sagt Bracht, seien nach dem Tod ziemlich bestürzt gewesen. Immerhin, sie versprachen, die Koordinaten von Spitzers Grab den Deutschen zu übergeben. Abseits der Piste wurde die 46-Jährige im Sand begraben. Nachts, im Scheinwerferlicht der Autos, schaufelten ihre Begleiter ein ein Meter tiefes Grab, schmückten es mit Grasbüscheln. Steine oder ein Kreuz waren verboten.

Unglaublich erschütternd sei es gewesen, schildert Walther später, mit eigenen Händen Erde über den Körper eines toten Menschen zu werfen, mit dem man Monate gehofft und gelitten habe.

Man betete am Grab, jeder versuchte, einen Satz für sie zu sprechen. »Wir wollten«, sagt Bracht, »dem Ganzen einen halbwegs würdigen Rahmen geben. Es war extrem hart.« Notter trug danach schwer an seiner Hilflosigkeit. Der Tod, glaubt er, wäre vermeidbar gewesen, hätte man nur einen Erste-Hilfe-Kasten und etwas Wasser gehabt.

Nur zwei Wochen hätte Michaela Spitzer noch in Algerien aushalten müssen, dann endlich hatte der Konvoi die Grenze zu Mali überschritten. Und es gab erstmals Hoffnung auf konkrete Verhandlungen mit den Europäern. Was fehlte, war die Telefonnummer der Deutschen Botschaft in der malischen Hauptstadt Bamako.

Deshalb wurde der eloquente Berliner Christian Grüne zum Dolmetscher der Salafisten. Mit ihm zogen sie an einen geheimen Ort, von dort musste er seine Freundin in Berlin anrufen und sich die Nummer der Botschaft durchgeben lassen. Grüne blieb wochenlang an der Seite der Gotteskrieger - berichtete dem deutschen Krisenstab über den Zustand seiner Mitgefangenen und bat um Medikamente.

Ein zweites Video mit den unversehrten Geiseln und Briefe an die Familien zu Hause erreichten diesmal die Hauptstadt, das Papier säuberlich abgestempelt mit dem Emblem der Terrortruppe. Inzwischen waren sie in Mali, es regnete heftig, nachts schliefen sie unter den Autos. Von den Verhandlungen über ihr Leben erfuhren sie nichts.

Eines Tages, es müsste ein Sonntag gewesen sein, sagt Bracht, ging die Fahrt nach Süden, Richtung Gao. Beim Mittagessen fielen Schüsse, die Bewacher sprangen in ihre Kampfanzüge - das Begrüßungsritual für den Emir. »Dann kam Christian«, berichtet Bracht, »und sagte, es gibt kein Problem mehr, wir sind frei.« Dass alles so plötzlich ging nach sechs Monaten Trostlosigkeit, damit hatte niemand gerechnet.

Man telefonierte via Satellit mit den Familien, jeder hatte gut zwei Minuten, um das Nötigste zu sagen. Hallo, ich bin's, wie geht's euch, alles in Ordnung - was man so sagt in diesem Moment, auf den jeder Monate warten musste und auf den man sich doch nicht vorbereiten kann. Dann flossen die Tränen. Das sei, sagt der gefasste Bracht, schon sehr emotional gewesen.

In den Geländewagen der Tuareg raste die Gruppe nach Gao zum Gouverneurspalast, stieg in die Transall der Bundeswehr und in Bamako in den Airbus der Bundesregierung. Über Lösegeld will man nicht gesprochen haben, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, habe davon nichts erwähnt.

Erschöpft, abgemagert und sonnenverbrannt kehrten die 14 Geiseln am vergangenen Mittwochmorgen zu ihren Familien zurück. Äußerlich gesund und unversehrt, - alle außer Michaela Spitzer. Ein Tod, der das Glück der Übrigen trübt, über den keiner sprechen will. Die Stadt Augsburg hat für die beiden kleinen Töchter der Frau ein Spendenkonto eingerichtet. Zwei Mädchen, die im Mai schon die Wohnung schmückten, als es irrtümlich hieß, alle Geiseln seien frei.

Rainer Bracht wird all das dennoch nicht abhalten, weiterhin mit dem Motorrad durch Wüsten und ferne Länder zu fahren - wie in den 20 Jahren zuvor. »Ich werde meinen Lebensstil nicht ändern«, sagt Bracht. Auch die Gefahr schätzt der Gerüstbauer zumindest in Ländern, für die keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes vorliegt, minimal ein. Gefährlicher sei es da schon an deutschen Massenstränden: »Ich war dreimal im Sommer auf Norderney, da sind dauernd Menschen ertrunken.« Der Niederländer Hilbers ergänzt bissig: »Auch Wintersport ist gefährlich.«

CONNY NEUMANN, CAROLINE SCHMIDT

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