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WERTPAPIERE / IOS Das Kornfeld

aus DER SPIEGEL 9/1968

In der Halle des Hamburger Hauptbahnhofes winkten zwei prominente Herren einander zu: Quizmaster Peter Frankenfeld und IOS-Master Dr. Erich Mende. Nach kräftigem Händeschütteln bohrte Berufsfrager Frankenfeld sofort: »Sind Sie in Ihrem neuen Job unterwegs?«

Der abgewählte ehemalige FDP-Chef antwortete militärisch kurz: »Jawohl.« Bevor er weitersprechen konnte, lachte Frankenfeld wie auf der Studiobühne des Fernsehens: »Haha, ich war schon viel früher als Sie bei der IOS -- bin alter Kunde.«

Mende eilte weiter zum Bahnsteig und stieg in den Zug gen Norden. Sein Reiseziel: ein Barockschloß im holsteinischen Hasselburg bei Neustadt an der Ostsee. Der Schloßherr, Franz Graf zu Stolberg-Stolberg, selbst Starvertreter der weltweiten Investment-Organisation IOS, hatte sein Domizil der Firma für einen großen Werbecoup zur Verfügung gestellt.

In der Schloßhalle, unter farbigen Putten, zelebrierte der erste Mann der Investors Overseas Services (IOS) in Deutschland, Erich Mende, einen Empfang für Schleswig-Holsteins Landesvater Dr. Helmut Lemke, den schleswig-holsteinischen Innenminister Dr. Hartwig Schlegelberger und 50 erlesene Gäste. Auch alle großen IOS-Kunden des nördlichsten Bundeslandes, darunter viel Hochadel, waren zur politischen Geschäftsparty geladen worden.

Bei kaltem Puter und Sekt mit Orangensaft erklärte Mende den Versammelten die großen Vorteile

einer Kapitalanlage bei dem von ihm vertretenen Finanztrust. Am Schluß der Party scherzte Ministerpräsident Lemke: »Halten Sie mal einen Aufsichtsratsposten für mich frei.«

Eine Woche später vertrat Erich Mende die Investors Overseas Services bei der Prominenten-Show des Offenburger Großverlegers Franz Burda, der Bambi-Filmpreisverleihung im Münchner Fernsehstudio. Mendes flinke Augen suchten sofort die Weltstars Elizabeth Taylor und Richard Burton. Unter den Zuschauern sprach es sich schnell herum: »Die sind auch Kunden bei der IOS.«

Mit solchen Gala-Auftritten verdient Erich Mende nach dem Rückzug aus der Politik seine Gage. Jedes Lächeln in der großen Gesellschaft, jede Geste und jede Rede sind eine Dienstleistung für den stämmigen Boß des IOS-Konzerns, den amerikanischen Geschäftsmann Bernard ("Bernie") Cornfeld, 40, der den Verkauf von Investment-Zertifikaten zur höchsten Perfektion entwickelt hat.

In knapp einem Jahrzehnt baute der ehemalige Armenpfleger und Sozialfürsorger ein Finanzimperium auf, das vom Labradorstrom bis zum Kap der Guten Hoffnung reicht. Zu seinem Konzern (siehe Graphik> gehören:

> 16 Investmentfonds;

> fünf Banken und drei Finanz-Unternehmen;

> sechs Versicherungsgesellschaften (mit 2,8 Milliarden Mark Versicherungssumme);

> 32 weitere Tochtergesellschaften.

Mit seinem Privatjet landete Bernie Cornfeld kürzlich auf dem Rhein-Main-Flughafen. Stolz wie ein Catcher -König zog er in die deutsche Bankenmetropole ein. Im exklusiven Union International Club vor Finanz- und Industriemanagern -- gab er sein öffentliches Deutschland-Debüt. Die vorbereiteten Luncheon-Portionen Huhn auf Reis reichten nicht aus -- so stark war der Andrang.

In seinen blauen Augen blitzte Triumph. Cornfeld hatte allen Grund, guter Laune zu sein, denn mit Mende im Rücken hat er sein Ziel erreicht: Nach vierjährigem Slalomlauf wurde die IOS in der Bundesrepublik hoffähig.

Vorher oft als »zwielichtige Gesellschaft« apostrophiert, durfte sie jetzt mit amtlicher Genehmigung in München eine Bank unter dem Namen »Orbis« gründen und einen Investmentfonds deutschen Rechts auflegen. Die Bank arbeitet bereits an der Münchner Mauerkircher Straße; in Hamburg und Düsseldorf werden Filialen errichtet. Das Geldinstitut will nicht nur die 55 000 deutschen IOS-Kunden bedienen, sondern auch Industriegeschäfte machen.

Außerdem gründete die IOS noch die »Altersinvest Beratungsgesellschaft für Anlageplanung und Altersversorgung mbH« als Versicherungskonkurrenz. Cornfelds Vertreter belagerten bereits viele Direktionsbüros, um den Firmenchefs maßgerechte Kapitalanlageverträge für Betriebspensionen anzubieten.

Westdeutschlands Firmen dürfen jedes Jahr für Pensionszusagen an ihre Mitarbeiter hohe Beträge von der Besteuerung zurückstellen. Dieses Geld will Cornfeld in Zertifikaten seiner Investmentfonds anlegen, deren Wert während der letzten fünf Jahre um 138 Prozent stieg.

Die Bundesrepublik hatte sich schon im vergangenen Jahr zu Cornfelds größtem Markt entwickelt. Weltweit lenkte er bisher vier Milliarden Mark in seine Tresore, etwa 600 Millionen Mark kamen aus Westdeutschland.

Cornfelds Vertreter verkauften den Bundesbürgern dafür Anteilscheine seiner Wertpapiertöpfe Fund of Funds (FOF) und International Investment Trust (IIT), an deren Wertsteigerung die Kunden gut verdienten. Wer der IOS beispielsweise vor fünf Jahren 10 000 Mark anvertraute, hat heute 21 785 Mark auf seinem Konto.

Die Kunden zahlen entweder einen bestimmten Betrag (mindestens 4000 Mark) in die Fonds ein und erhalten dafür Zertifikate, oder sie schließen Kapitalansammlungsverträge ab und investieren in kleinen Beträgen, zum Beispiel 48 000 Mark in 120 Raten zu je 400 Mark. Bei monatlicher Ratenzahlung erstreckt sich das Programm über zehn Jahre.

Für die gewinnbringende Verwaltung dieser Gelder erhebt die IOS allerdings gleich nach Vertragsabschluß hohe Gebühren: bei sofortiger Einzahlung der ganzen Summe 8,5 Prozent, wenn das Investment 40 000 Mark nicht übersteigt; bei höheren Beträgen verringert sich die Gebühr.

Beim Ratensystem ziehen Cornfelds Fondsverwalter von den ersten 13 Raten etwa die Hälfte der Gebühren ab, mit denen die gesamte Vertragssumme belastet ist. Der Rest verteilt sich auf die übrigen Raten.

Diese hohen Startkosten zwingen die Kapitalanleger zum Durchhalten. Wer etwa schon nach 13 Monaten aussteigen wollte, würde die Hälfte der eingezahlten Summe verlieren. Wer aber beispielsweise seit Oktober 1962, als Cornfeld seinen Hauptfonds startete, die Raten brav überwies -- insgesamt 30 000 Mark -, verfügt heute über 46 416 Mark. Die Anfangsgebühren haben sich längst bezahlt gemacht.

Wohlhabenden Leuten bietet Cornfeld noch eine lukrative Rentner-Spezialität, den automatischen Abhebungsplan. Jeder Klient, der zum Beispiel vor fünf Jahren 100 000 Mark beim Fund of Funds unter der Bedingung anlegte, jedes Vierteljahr 2000 Mark wieder abheben zu können, kassierte inzwischen als Quartalsrente insgesamt 40 000 Mark. Gleichzeitig vermehrte sich sein investiertes Kapital dank ·der Wertsteigerung der Cornfeld-Effekten. Auf seinem Konto stehen heute rund 160 000 Mark.

Der goldene Faden der 105 zieht sich durch alle Stände. In Hamburg schlossen über 100 Taxichauffeure Ratensparverträge mit der 105 ab. Sie verpflichteten sich, zehn bis 15 Jahre lang jeden Monat 100 und mehr Mark in IOS-Papieren anzulegen.

In Rott am Inn verkauften eifrige Werber sogar der wohlhabenden Brauerstochter Marianne Strauß, geborene Zwicknagl, IOS-Zertifikate. Die Frau des Bundesfinanzministers ließ einen Teil ihres Vermögens bei IOS wachsen. Sie löste aber ihr IOS-Kundendepot auf, als Strauß-Gegner Mende sein Spitzen-Engagement antrat.

In Mendes Wohnbereich Bonn-Godesberg legten Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Ärzte, Notare und Rechtsanwälte, viel Adel und katholische Würdenträger ihr Geld bei IOS an. Ein Industrieller investierte gleich über eine Million Mark.

»Selbst zwei Bankdirektoren und ein Sparkassen-Filialleiter wurden meine Kunden«, sagt der erfolgreichste rheinische Anlageberater Rolf Reichelt, ehemaliger Regierungsoberinspektor im Bundeskanzleramt. Er gab nach zehn Jahren seine Beamtenlaufbahn auf, »weil ich so wenig verdiente. Heute würde ich nicht mit dem Staatssekretär tauschen«. Bei bisher 6,3 Millionen Mark Vertreterumsatz kassierte Reichelt in 18 Monaten über 100 000 Mark Provision.

»Wir betreiben unser Anlagegeschäft industriell«, so erklärt Cornfeld diese Umsätze und tut so, als habe er die Investmentidee erfunden. Sie ist aber achtmal so alt wie die IOS und kam nach dem Ersten Weltkrieg in den USA zur Blüte. Heute betätigen sich dort 350 Investmentfonds.

Jeder Fonds verkauft Zertifikate, das sind Anteilscheine am Vermögen dieser Kapitalsammelstellen, die für die Kundengelder Aktien und andere Wertpapiere anschaffen. Da die Ausgabepreise der Anteile von den Börsenkursen der in den Fonds angehäuften Effekten abhängen, unterliegen sie ähnlichen Schwankungen wie die Aktienkurse. Doch wegen der Risikostreuung wird der Zertifikatwert durch einzelne Kursstürze wenig beeinflußt. Er bildet sich aus dem Durchschnittskurs aller Aktien des Fonds.

Die große Kunst der Fondsverwaltung besteht darin, möglichst viel wachstumsträchtige Aktien in ihrem Portefeuille zu haben und sich rechtzeitig von stagnierenden Werten zu trennen. Mit diesem Geschicklichkeitsspiel an der Börse verdoppelten oder verdreifachten die gutgeleiteten internationalen Fonds während der letzten fünf Jahre die Einlagen ihrer Stammkunden.

Cornfeld nahm vor allem Papiere dynamischer US-Konzerne in seine Fonds, zum Beispiel Aktien der Elektronik-Tycoons IBM, Sperry Rand, Burroughs und Scientific Data Systems sowie des Photo-Riesen Polaroid.

Er konnte sich rühmen, daß die USA nur sieben solcher internationalen Kapitalsammelstellen wie die IOS bedürften, um die Lücke der amerikanischen Zahlungsbilanz endlich zu stopfen. Denn das meiste Geld, das die IOS-Gruppe bei ihrem Effektenhandel einnimmt, fließt über ihre internationale Inkassostelle, die Schweizerische

* Mit (v. l.) Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Helmut Lemke und Innenminister Hartwig Schlegelberger beim IOS-Empfang auf Schloß Hasselburg.

Kreditanstalt in Zürich, zu den amerikanischen Börsenjobbern und Banken.

Aber auch in Tokio, London, Paris und Frankfurt schöpfen Cornfelds Experten Börsenrahm ab. Sie legten jüngst 70 Millionen Mark in westdeutschen Aktien an und trieben mit ihren massierten Käufen die Kurse hoch. Eifersüchtig verfolgten die deutschen Kapitalanlage-Gesellschaften die Expansion des Mammuttrusts IOS.

In Deutschland wurden erst nach 1949 Investmentfirmen gegründet. Mittlerweile entstanden 27 Fonds, wie Akkumula, Investa, Concentra, Fondra und Tresora, die eng mit den Banken liiert sind.

Da die bedeutendsten Banken selbst an Aktiengesellschaften beteiligt sind und ihre Direktoren als Königsmacher in den Aufsichtsräten sitzen, kollidierten ihre primären Interessen nicht selten mit den Interessen der Investmentsparer. In den Fonds landeten neben erstklassigen Papieren auch Börsennieten, die keine Bank in ihrem Portefeuille haben wollte. Die Zertifikatbesitzer spürten es:

Wer zum Beispiel im Dezember 1962 ein Atlanticfonds-Zertifikat der Frankfurter Union-Investment-Gesellschaft mbH kaufte -- der Ausgabepreis betrug damals 37,30 Mark -, erhielt Mitte Februar dafür nur 35,34 Mark. Er hat inzwischen 8,25 Mark Erträge kassiert, aber 1,70 Mark verliert er an jedem Papier durch den minderen Wert seines Zertifikats. Bei dieser mageren Rendite verzinst sich seine Einlage nur mit jährlich 3,5 Prozent, das ist weniger als beim Prämiensparen.

Auch die besten deutschen Fonds florieren mäßig.

Freilich stieg zum Beispiel der Wert des Investa-Zertifikats in elf Jahren um 140 Prozent. Außerdem wurden auf je 100 Mark, die der Anleger 1956 für einen Investa-Anteil zahlte, insgesamt 122,50 Mark Dividenden und Kursgewinne ausgeschüttet**. Wer jedoch vor Beginn der Börsenflaute, etwa Ende 1961, Investa kaufte, als der Anteilschein 76,70 Mark kostete, büßt heute noch beim Wiederverkauf rund 15 Mark ein, obwohl sich die Aktienkurse im letzten Halbjahr erholten.

In dieses müde Geschäft, das ausschließlich an den Schaltern der Banken abgewickelt wurde, bliesen plötzlich schneidige junge Herren frischen Wind. Sie tauchten in Bungalow-Siedlungen und Bürgerhäusern auf und überraschten die Bewohner oft mit dem Spruch: »Herzlichen Glückwunsch. Dies ist der glücklichste Tag Ihres Lebens -- Sie werden viel Geld verdienen.« Heute leben in der Bundesrepublik bereits über 5000 »Anlageberater« von diesem neuen Beruf.

Die Zertifikatverkäufer dürfen allerdings nicht unangemeldet an der Wohnungstür läuten, sondern müssen sich das Entree durch Empfehlungen verschaffen; so schreibt es die Gewerbeordnung vor. Aber Cornfelds junge Leute sind um diese Einführung nicht verlegen.

Von Verkaufspsychologen in der Technik des Hard Selling -- des aggressiven Verkaufens mit suggestiven Mitteln und ausgeklügelten Argumenten -- genau unterwiesen, arbeiten sie nach einem Schneeballsystem. Der erste Kunde gibt eine Empfehlung an den nächsten und so fort.

Jeder Anlageberater ist selbständiger Handelsvertreter und hat die Chance, sich in der fast militärisch gegliederten IOS-Vertretergruppe

* Bei der Bambi-Preisverleihung in München mit Großverleger Franz Burda.

** Inzwischen wurde der ursprüngliche 100-Mark-Anteil zweimal gesplittet« das heißt, in vier Anteilscheine zerlegt. Gegenwärtiger Ausgabepreis pro Anteilschein: rund 63 Mark.

hochzudienen. Die Stufenleiter beginnt beim Trainee, dem Rekruten, der nach dreitägigem Einführungskursus in Begleitung eines »Unteroffiziers«, des lOS-Supervisors, seine ersten Hausbesuche machen darf.

Die Rangliste endet beim General-Manager, dem Chef einer los-Agentur, dem 400 bis 500 Vertreter unterstehen, die er überwacht, selektiert und fortbildet. Dazwischen liegen sieben Chargen. Jede Beförderung ist mit finanziellen Vorteilen verbunden. Wer für 1,2 Millionen Mark IOS-Verträge abgeschlossen hat, den machte Cornfeld sogar zum Aktionär seiner Hauptgesellschaft IOS Ltd. in Panama. Der erfolgreiche Vertreter darf zunächst 50 Aktien kaufen. Je höher seine Umsätze steigen, desto stärker beteiligt ihn der Boß an dem Gesamtunternehmen. Zur Zeit halten 1200 Vertreter, darunter über 100 deutsche, 82 Prozent des 105-Aktienkapitals. Der Rest gehört Cornfeld.

Da der Aktienkauf die fortgeschrittenen IOS-Leute finanziell stark belastet, müssen sie sich von Stufe zu Stufe mehr abstrampeln, um durch erhöhte Verkaufsabschlüsse größere Einnahmen zu erzielen. »Das ist das raffinierteste Sklavenhaltersystem der Welt«, spottete kürzlich der Hamburger IOS-Rekrutenausbilder Bergmann in einem Trainingskursus. »Cornfeld ist schon ein Genie.«

Vor 15 Jahren war der heutige Multimillionär, Sohn jüdischer Kleinbürger aus Brooklyn, selbst als kleiner Verkaufsrekrut von Haus zu Haus gezogen. Er hatte zunächst Marinezahlmeister werden wollen, aber nach einigen Seefahrten war ihm die Lust vergangen. Der 21jährige studierte dann Sozialpsychologie und betätigte sich, den Kopf voller linker Ideen, als Sozialfürsorger im Armenviertel von Philadelphia.

Mit 300 Dollar Monatsgehalt schlecht bezahlt, begann er Investment-Zertifikate für die Investors Planning Corporation in New York zu verkaufen. Dabei verdiente er so viel Provision, daß er sich 1956 eine Europa-Reise leisten konnte.

Paris, das Mekka aller Amerikaner, gefiel ihm so gut, daß er seinem Chef Walter Benedick telegraphisch vorschlug, zwischen Montmartre und Montparnasse eine Agentur zu eröffnen. Als Benedick ablehnte, kündigte Paris-Enthusiast Cornfeld. Er mietete am Boulevard Flandrin ein Appartement und schrieb an die Tür »Investors Overseas Services«.

Dann kaufte er sich einen alten Chrysler und begann auf eigene Faust, als Provisionsvertreter Zertifikate des Dreyfus Fund, des fünftgrößten US-Investment-Trusts, zu verkaufen. Kunden gab es zu Tausenden. Cornfeld suchte sie sich unter den vielen GIs.

Nachdem er in einem Jahr für eine Million Dollar Investment-Papiere umgesetzt hatte, inserierte er in der »New York Herald Tribune": »Suche Vertreter mit Sinn für Humor.« Es meldeten sich vier junge Leute, darunter »die Journalistin Gladis Solomon. Sie führt als »Mutter der IOS« noch heute im Geheimregister der Organisation die Kode-Nummer 002.

Die brünette Amerikanerin entpuppte sich als Verkaufskanone und machte in kurzer Zeit drei Millionen Dollar Umsatz. Dann schickte Cornfeld sie auf sogenannte Kunden-Safari nach Afrika. Begleitet von zwei IOS-Rekruten bahnte sie sich ihren Weg durch Busch und Savannen, um mit Pflanzern und Farmern Investmentverträge abzuschließen. Einmal becircte sie gleich eine ganze Gruppe von Plantagenbesitzern, die ihr 600 000 Dollar anvertrauten.

1958 mußte Cornfeld Paris plötzlich verlassen. Die französische Regierung stoppte seinen Zertifikatverkauf; sie wollte die Dollar der militärischen und zivilen Gäste im Lande behalten. Der IOS-Chef packte sein Büro und seine Mitarbeiter in seinen alten Chrysler und fuhr nach Genf. Dort, auf dem internationalen Geldverschiebebahnhof von vier Dutzend Banken -- dem Refugium arabischer Ölscheichs und entthronter Monarchen -, knüpfte er sofort weltweite Verbindungen an und gewann Kunden im Mittleren und Fernen Osten.

Noch immer ein Satellit des Dreyfus-Trusts, wagte er dann den nächsten Sprung. 1961 erwarb er den von Schweizern gegründeten International Investment Trust (JIT) mit Sitz im steuerbegünstigten Luxemburg.

Als Cornfeld 1962 bei starkem Schneefall mit einem Schlitten durch Kanada reiste, kristallisierte in seinem Händlerhirn eine neue Idee. Er gründete einen Holdingfonds, der entgegen der üblichen Praxis das Geld der Zertifikatkäufer nicht in Aktien anlegt, sondern es in erfolgreichen anderen Fonds investiert.

Der Konstrukteur nannte das neue Unternehmen anspruchsvoll Fund of Funds -- den Fonds aller Fonds, abgekürzt FOF -- und erwarb Anteile der zwölf ergiebigsten amerikanischen Investmenttrusts, an deren Kursgewinn er partizipiert. Mit dieser Vielfalt verschaffte er sich eine sehr breite Risikostreuung. Später untermauerte er sein FOF-Gebäude mit sieben eigenen Fonds, die er von gewiegten Börsenschnüfflern und einem 26jährigen Mathematikprofessor leiten läßt. Er nennt sie »meine großen Künstler« (siehe Interview Seite 46).

Die Investment-Holding war keine originale Cornfeld-Erfindung. Dachfonds gab es in den USA schon während der zwanziger Jahre. Sie gerieten in üblen Geruch, weil sie sich durch Syndikatoperationen der Aktienmajorität großer Industriegesellschaften bemächtigt hatten und deren Kurse an der Börse hinauf- und hinunterjagten. Oft wurden Baissen künstlich erzeugt.

Das makabre Spiel endete im Herbst 1929 mit dem großen Börsenkrach und einer Serie von Zusammenbrüchen, nachdem einer der größten Dachfonds, United Founders Corporation, schwach geworden war. Seine Unterfonds hatten fehlspekuliert. Die Zertifikatbesitzer verlangten in Panik ihr Geld zurück. In wenigen Jahren verlor die Gesellschaft 300 Millionen Dollar. Ihre Zertifikate, die vor der Katastrophe 75 Dollar pro Stück gekostet hatten, wurden für 75 Cents verschleudert.

Als Franklin Delano Roosevelt 1933 als Präsident ins Weiße Haus einzog, verkündete er: »Ich werde die Wechsler aus dem Tempel jagen.« Strenge Gesetze beendeten . die Börsenmanöver. Die Dachfonds wurden schärfsten Bestimmungen unterworfen und alle mit Effekten handelnden Firmen einer strengen Aufsicht, der Securities and Exchange Commission (SEC), unterstellt. Sie überwacht seither mit 1400 Mitarbeitern das gesamte amerikanische Börsengeschäft.

Obwohl Cornfeld diese anrüchige Vorgeschichte kannte, vertraute er auf seine Fortune. Seine Fund-of-Funds-Papiere gehören heute zu den größten Verkaufsschlagern des Wertpapiermarktes. In wenigen Jahren setzten seine 8000 Vertreter in aller Welt für 2,4 Milliarden Mark FOF-Anteile ab. Der Name erwies sich ais außerordentlich zugkräftig, da unbedarfte Kunden glauben, sie kaufen das beste Investmentpapier der Welt.

IOS-Mutter Gladis Solomon bildete neue Verkaufsagenten aus, die überall dort auftauchten, wo reiche Leute wenig Gelegenheit zum Geldausgeben hatten. Wenn amerikanische Öldriller in Venezuela oder in Persien ihre Sonden niederbrachten und die schwarzen Fontänen neuentdeckter Ölquellen gen Himmel schossen, dann waren auch schon die IOS-Anlageberater zur Stelle.

Von den hohen Provisionen angereizt, riskierten die Werber sogar ihr Leben. Am Kongo wurde ein IOS-Vertreter von einer Rebellenbande gefangengenommen. In Saigon warf eine Vietcong-Bombe einen IOS-Verkäufer zu Boden, als er einem Kunden im Hotel Caravelle das Vertragsformular präsentierte. Beide überlebten. Noch im Schock des Schrecks unterschrieb der Klient.

In Westdeutschland wurden Cornfelds Zertifikate zum erstenmal im Frühjahr 1963 angeboten. Der Propagandist hieß Raimund Herden, gelernter Bankkaufmann mit Auslandserfahrung. Ihn hatte Cornfeld als Vortruppagenten nach Düsseldorf entsandt. Drei Monate lang bemühte sich Herden um Kontakte.

Da die City ein schwieriges Pflaster war, ging er aufs Land und in die Kleinstädte. Nachdem Herden in seiner westfälischen Heimatstadt Rheine zwei Ärzte, einen Apotheker und einen Rechtsanwalt als Kunden geworben hatte, wurde er von Tür zu Tür empfohlen. Bald waren die vielen Hausbesuche auf Bestellung nur noch mit fremder Hilfe zu schaffen.

Als Herdens Umsatz auf eine Million Dollar angestiegen war, überreichte ihm Cornfeld eine goldene Uhr, auf deren Rückseite die Leistung ("One Million Dollar") eingraviert ist -- den seither zur Tradition gewordenen Leistungsorden der Vertreterarmee.

In Frankfurt etablierte der Konzernchef einen prominenten Olympioniken und ehemaligen Berufsoffizier der US-Army, den Goldmedaillen-Gewinner von Squaw Valley, Larry Palmer. Leutnant Palmer quittierte nach sechs Militärjahren den Fallschirmjägerdienst, um sich bei Cornfeld zum Divisional-Manager hochzudienen.

In Bayern brachte der ehemalige Schauspieler und Versicherungskaufmann Dr. Werner Kunkler den Landärzten, Krämern und Waldbauern das IOS-System der großen Geldvermehrung bei. Er war 1963 selbst IOS-Kunde geworden; einer von Cornfelds ersten Deutschland-Vertretern hatte ihn geworben.

»Hinterher habe ich mal durchgerechnet«, erzählt Kunkler heute, »was der Bursche an mir verdient hat, und da kam mir die Idee, das kannst du auch machen.« Er führte zunächst seinen großen Bekanntenkreis der IOS zu und machte diese Nebenbeschäftigung dann zum Hauptberuf.

Der diplomierte Psychologe ist heute Cornfelds geschäftstüchtigster westdeutscher General-Manager mit dem größten Gruppenumsatz (im letzten Dezember 30 Millionen Mark), an dem 425 Unterleute mithäkeln. Als Kenner der modernen Gebrauchsphilosophie steht er bei seinem Boß hoch im Kurs, weil er dessen hausbackene Spruchweisheit: »Sei kein Opfer des Kapitalismus -- nutze ihn aus«, volkstümlich interpretieren kann.

Cornfeld nennt seine Vertretertruppe in Anlehnung an den Namen der amerikanischen Entwicklungshelfer-Garde Peace Corps (Friedenskorps) »Piece Corps« (piece Stück), »weil sie ein Stück amerikanischen Kapitalismus unter das Volk bringen«. Kunkler kommentiert: »Je dichter wir unser Netz über den Globus strecken, je mehr Aktien der großen Industriekonzerne durch die IOS-Zentrifugen gedreht werden, um für das Massenpublikum entrahmt zu werden, desto näher bringen wir die Menschheit an das Ziel von Karl Marx heran: die Überführung aller Produktionsmittel in Gemeineigentum.«

Seine eigenen wirtschaftlichen Probleme hat Kunkler dank hoher Provisionseinnahmen -- jährlich rund 500 000 Mark brutto -- längst gelöst. Er kleidet sich wie ein bajuwarischer Künstler in Loden mit dunkelgrünem Stehkragen und brokatbesticktem Samtschlips. Nebenbei betreibt er als Hobby eine Malschule im Golf von Sorrent, wo Jungmeister kunstbegeisterte Damen und Millionärstöchter während der Urlaubssaison im Gebrauch des Pinsels unterweisen.

Seine ideologisch gefärbte Beredsamkeit und sein Talent, allen Mitarbeitern Cornfelds volkskapitalistische Theoreme einzuimpfen, haben ihm den Ruf eingetragen, der beste IOS-Missionar mit der geringsten »Deliquency rate« zu sein. In seinem Bereich annullierten bisher im Jahresdurchschnitt nur 0,2 Prozent der Kunden ihre Sparprogramme.

Sein pfiffigster Schüler ist adligen Geblüts und heißt Bernd von Lintel, 25, ehemaliger Gammelstudent an der Technischen Hochschule München. Er betet seinem Mentor geschwollen nach: »Wir sind der neue Kommunismus, der kapitalistische Kommunismus.«

Sunnyboy-Typ von Lintel, Enfant terrible seiner Sippe, fand bei IOS den einträglichen Job, von der er an der Seite seiner blonden, langbeinigen Frau Lore, einer Kosmetikerin, schon in der Studikerbude geträumt hatte.

Er kämpfte nicht gegen das Establishment, sondern dafür, möglichst schnell selbst ein Etablierter zu werden, was ihm mit Hilfe der bisherigen Provisionseinnahmen gelungen ist.

Die Chance, schnell Geld zu verdienen und Karriere zu machen, lockte auch viele unqualifizierte Jungmänner an. »Wir haben große Fehler gemacht«, bekennt Cornfelds erster deutscher Verkaufsmanager Raimund Herden, heute IOS-Statthalter in Hamburg. »Wir wollten Umsätze um jeden Preis und nahmen die Vertreter, wo wir sie kriegten. Oft stellten wir erst nach Monaten fest, daß krumme Hunde darunter waren -- Leute, die schon mehrmals den Offenbarungseid geleistet hatten.«

Sie versprachen jedem Naivling, daß er in zehn oder fünfzehn Jahren Millionär werden könne, und verkauften sogar hochbetagten Greisinnen noch Sparverträge mit 15 Jahren Laufzeit. Um sich die Arbeit zu erleichtern, zahlten sie Schmiergelder für Kundenempfehlungen, belagerten Ärztekongresse, überredeten weinselige Urlauber auf Capri oder umgarnten in den spanischen Ferienorten das gehobene deutsche Publikum.

Am Lago Maggiore legte ein Herr Müller von der IOS sogar den kritischen Schriftsteller und ehemaligen Posträuber Henry Jaeger ("Rebellion der Verlorenen«, »Das Freudenhaus") herein, der sich 4000 Mark abschwatzen ließ. Die Scheine sollten zehn Jahre lang im Fonds arbeiten und neues Geld hecken. Wenn der Autor aber seine Einlage vor Ablauf dieser Frist benötige, versicherte IOS-Müller, so könne er die volle Summe jederzeit zurückfordern.

Jaeger unterschrieb mehrere Formblätter und merkte nicht, daß sein Anlageberater die 4000 Mark als erste Einzahlungen auf zwei Ratensparverträge verteilte, deren Vertragssumme insgesamt 240 000 Mark betrug. Durch diese Täuschung vermehrte der Vertreter seine Provision auf etwa 1200 Mark. während er bei reellem Abschluß nur etwa 120 Mark kassiert hätte.

IOS-Kunde Jaeger kam erst dahinter, als er nach einem halben Jahr die 4000 Mark zurückverlangte. Die IOS-Zentrale kaufte seine Investmentpapiere zurück, aber überwies ihm nur 2600 Mark. 1400 Mark hatte sie als Gebühren einbehalten, die für die ganze Laufzeit des Zehnjahresvertrages erhoben werden.

Wütend drohte der knasterfahrene Sozialkritiker mit einer Betrugsklage. Da zeigte sich Cornfeld von seiner kulantesten Seite. Jaeger erhielt die volle Summe einschließlich Zinsen zurück. Werber Müller flog sofort aus der IOS-Organisation. Aber Hunderte seinesgleichen wilderten in derselben Manier weiter. Herden: »Es war eben die Zeit der großen Expansion:«

Aus der kleinen Winkelfirma am Pariser Boulevard Flandrin war ein weltumspannender Konzern geworden. Cornfelds größter Triumph: Er kaufte sogar die Firma seines ersten Investment-Arbeitgebers Walter Benedick auf, der 1956 Cornfelds Pariser Startplan nicht begriffen hatte.

Als Konzernherr baute der ehemalige Armenpfleger -- heute Pfleger der Reichen -- sein verschachteltes Großunternehmen so geschickt auf, daß er nur ein Minimum an Steuern zu zahlen braucht: Die Holding des Konzerns, IOS Ltd (SA), sitzt in der Steueroase Panama, dem lateinamerikanischen Liechtenstein, das keine Banken- und Börsenaufsicht kennt.

Zwei Management-Gesellschaften zum Manipulieren wurden im Steuerparadies Bahamas angesiedelt. Der lIT-Fonds und Cornfelds Versicherungstrust International Life Insurance (ILI) residieren im steuerbegünstigten Luxemburg. Die übrigen Fonds, wie FOF, sind in Kanada registriert, wo der Fiskus von derlei Firmen keine Einkommen- und Kapitalertragsteuer kassiert.

Alle Fäden dieses Imperiums laufen in der Genfer IOS-Zentrale, dem grauen Geschäftshaus an der Rue de Lausanne 119, zusammen -- dem »Playboy Bunny-Club«, wie IOS-Angestellte die Direktions-Etage nennen. Cornfeld regiert dort sehr souverän, umgeben von ausgesucht attraktiver Weiblichkeit und junger Intelligenz.

Er berief aber auch mehrere ältere Herren, bei denen es, wie bei Mende, auf die politischen Beziehungen ankommt, in seinen Brain-Trust -- so den ehemaligen Generalstaatsanwalt und Gouverneur von Kalifornien, Edmund G. Brown, und den stellvertretenden Gouverneur von Kentucky, Wilson W. Wyatt, der 35 Jahre lang im Regierungsdienst stand.

Die überragende politische Galionsfigur des Konzernschiffes, 1,90 Meter lang und glatzköpfig, ist James Roosevelt. Der Sohn des Börsentempelsäuberers Franklin Delano Roosevelt gab Ende 1966 seinen Botschafterposten als US-Delegierter beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen auf, um bei Cornfeld das große Geld zu verdienen. Er hatte schon immer einen Hang zum Big Business.

In jungen Jahren, während des Studiums, hatte er einer Versicherungsgesellschaft in Boston gestattet, sich seines Namens als Aushängeschild zu bedienen. Ihre Geschäfte brachten den Erstgeborenen des US-Präsidenten in kompromittierende Situationen. Später betätigte sich »Jimmy« Roosevelt in der Filmindustrie, der Versicherungsbranche und in der Politik.

Seine politische Karriere wurde 1954 durch eine Scheidungsaffäre gebremst. Seine zweite Frau hatte ihn mit Skandaldrohungen gezwungen, die Namen ihrer neun Rivalinnen in einem Schuldbekenntnis schriftlich niederzulegen. Mit Fleiß stellte sich der kinderreiche Herzensbrecher in den nächsten zehn Jahren auf den diplomatischen Dienst und die IOS um.

Cornfeld machte ihn zum Präsidenten mehrerer Konzern-Gesellschaften und benutzt ihn als Sonderbotschafter. Kürzlich wurde Roosevelt auch von Bundeskanzler Kiesinger empfangen.

In Genf führt Cornfelds Elite das Highlife der Rothschild-Kaste. Der Boß selbst residiert jenseits der schweizerischen Grenze in einem Alpenschloß aus dem 12. Jahrhundert. Er besitzt dort einen Weinberg, aus dessen Trauben seine Küfer einen Spezialtropfen keltern -- wie Cornfelds Glücksbringer »Fund of Funds« genannt.

Von seinem Château fährt der Schloßherr täglich zur Direktionszentrale an der Genfer Rue de Lausanne oder zu seiner Genfer Herrschaftsvilla Bella Vista, die er von der amerikanischen Industriellenfamilie Colgate erwarb.

Dort tagen einmal jährlich seine General-Manager aus aller Welt, und dort werden auch die kommerziellen Schlachtpläne -- Offensiven und Defensiven -- ausgebrütet. An den Wänden hängen eindrucksvolle weizenblonde Plakate: wogende Kornfelder -- die Symbole der Prosperität -- mit dem Aufdruck: »Yield« (Ertrag).

Über dieser Ährenpracht zogen plötzlich Gewitterwolken auf. In mehreren Ländern mit strengen Devisenbestimmungen hefteten sich Geheimpolizisten an die Fersen der IOS-Männer.

Die bedeutendste Wirtschaftszeitung der Welt, »The Wall Street Journal«, hatte gemeldet: »Es ist keine Frage, daß Mr. Cornfelds Vertreter genau wissen, wie man Geld aus einem Lande schleust. Sie holen aus legalen Schlupflöchern das Maximum an Vorteilen heraus« In Brasilien war die Regierung der Ansicht, daß die IOS-Künstler die Grenze der Legalität schon überschritten hatten.

Sie halfen vielen wohlhabenden Brasilianern, ihre schwindsüchtigen Cruzeiros -- auf dem grauen Devisenmarkt in Dollar umgewechselt -- in FOF-Papiere umzuwandeln. Wenn sie eine Dollar-Million aus dem Kaffeeland in die Schweiz geschleust hatten, gaben sie einflußreichen Freunden und bewährten Mitarbeitern eine Luxusparty mit schönen Frauen. Die galoppierende Inflation sorgte dafür, daß ihr Geschäft unter den verschiedensten Regimen florierte -- bis der Sicherheitsdienst eingriff.

Im Oktober 1966 wurden mehrere Cornfeld-Manager festgenommen und verhört. Untersuchungsbeamte krempelten ihre Büros um. Dann spielte Regierungschef da Costa e Silva die Affäre innenpolitisch hoch. Er ließ 550 Kapitalflüchtlinge in den Zeitungen anprangern und ihre Schweizer IOS-Konten veröffentlichen. Die ganze IOS-Sektion Brasilien flog auf.

Von Südamerika drang der Spektakel nach Washington, wo die amtliche Börsen- und Bankenaufsicht, die Securities und Exchange Commission (SEC), schon seit längerer Zeit die Expansion des Cornfeld-Trusts argwöhnisch beobachtete.

Vor sieben Jahren hatte sich Cornfeld mit seinen Überseefirmen freiwillig der strengen Aufsichtsbehörde unterstellt, um mit dem Hinweis auf die SEC-Kontrolle -- für alle Investmentexperten ein Gütesiegel -- werben zu können. Als die Kontrolleure aber 1966 interne IOS-Geschäftsvorgänge prüfen wollten, brauste er auf: »Uns ist nicht bekannt, daß wir Gelder der Mafia verwalten.«

Die SEC bezichtigte ihn, in den Vereinigten Staaten »nichtregistrierte Wertschriften« -- die in den USA nicht zugelassenen Zertifikate des Dachfonds FOF -- verkauft zu haben, und verlangte die Vorlage der Kundenlisten. Cornfeld weigerte sich; er behauptete, daß sich unter seinen Klienten mehrere Staatsoberhäupter und eine Anzahl Diplomaten aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang befänden, deren Namen er schützen müsse.

Da observierten die SEC-Prüfer Cornfelds US-Filialen. Geheimdienstbeamte fingen ein Warnschreiben seines Stellvertreters Edward Cowett ab, der einen Führungskollegen aufgefordert hatte, alle Schriftstücke verschwinden zu lassen, die »unsere offensichtlichen Gesetzesverstöße« beweisen. Diese Panne im Schriftverkehr verschlechterte Cornfelds Rechtsposition.

Um ein Urteil zu vermeiden, schloß er einen Vergleich. Freiwillig verlegte er seine solange in New York domizilierenden Unterfonds nach Kanada. Er verpflichtete sich, seine IOS-Zertifikate keinem US-Bürger mehr anzubieten auch nicht amerikanischen Staatsangehörigen außerhalb der Vereinigten Staaten -- und die bisher an sie verkauften Stücke zurückzunehmen.

Die Folgen des Vergleichs schlugen sich in der Bilanz nieder: Im ersten Halbjahr 1967 mußte der Fund of Funds 72,535 Millionen Dollar zurückzahlen -- fast sieben Millionen Dollar mehr, als er während dieser Zeit durch neue Abschlüsse eingenommen hatte. Nach Cornfelds Rückzug aus den USA unterliegen seine wichtigsten Fonds nicht mehr der SEC-Kontrolle.

Auch in Europa verlor Cornfeld einige Positionen. England stoppte den IOS-Kapitalexport in die Schweiz. Die Schweiz verbot den Hausierhandel mit IOS-Papieren in allen Kantonen und beschränkte die Zahl der Arbeitsgenehmigungen für Cornfelds Stabspersonal.

Er verlegte seine technische Administration hinter die Schweizer Grenze ins französische Ferney-Voltaire und errichtete dort sein modernes Elektronium. Aber IOS-Papiere darf er weder in Frankreich noch in Italien verkaufen.

Nach Italien wurden allerdings unterderhand Zertifikate des ersten nationalen Fonds der IOS ("Fonditalia") eingeschleust, dessen Portefeuille vorzugsweise italienische Aktien enthält. Sein Geschäftssitz ist Luxemburg. Erst seit kurzem dürfen die Papiere über eine Turiner Bank angeboten werden. Vorher belagerten deutsche IOS-Werber, Fonditalia-Scheine in den Aktentaschen, monatelang die Quartiere italienischer Gastarbeiter in der Bundesrepublik.

Die Deutschen sind überhaupt Cornfelds beste Verbündete. Während seine Midias-Türme in anderen Regionen wankten, während die IOS in den USA zum Rückzug blasen mußte, gelang ihr in der Bundesrepublik die große Invasion. In Cornfelds Stabskonferenzen war schon 1965 beschlossen worden: Gründung

> einer IOS-Bank in der Bundesrepublik,

> eines deutschen IOS-Fonds,

> einer Versicherungsgesellschaft und weiterer Tochtergesellschaften. Da die Bankgründung einer besonderen Genehmigung bedurfte, startete der Effekten-Grossist seine »German Operation« sehr überlegt und vorsichtig. Im Februar 1966 befahl die Genfer Zentrale sogar Postsperre für die fünf Hauptmanager in der Bundesrepublik. Die Stabsabteilung »General Service Department« richtete ein Spezialbüro »Hold Mali« ein, in dem sich die fünf Deutschland-Statthalter ihre schriftlichen Direktiven und vertraulichen Briefe selbst abholen mußten. Abwechselnd flog ein Top-Manager als Kurier nach Genf. Außerdem erhielten die Vertrauensleute Tarnnamen und Kode-Nummern.

Die Geheimniskrämerei sollte angeblich verhindern, daß die wenig verläßlichen unteren Chargen und Sekretärinnen in den deutschen Agenturbüros etwas von den internen Vorbereitungen erfuhren. Sie sollten zum Beispiel nicht wissen, daß der Münchner General-Manager Dr. Werner Kunkler (Tarnname: John Bill, Kode-Nummer 6883) mit dem ehemaligen Bundesfinanzminister Fritz Schäffer über den Eintritt in die 105 Deutschland GmbH verhandelte.

Schäffer sollte als würdiger Deutschland-Repräsentant aufgebaut werden und Schwierigkeiten bei der Bankgründung mit Hilfe seiner politischen Beziehungen aus dem Weg räumen. Als er im März 1967 starb, kam der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard in die engere Wahl. Doch der Maßhalter wollte sich nicht als mutiger Mauerbrecher betätigen, sondern den Job erst nach getaner Arbeit übernehmen -- wenn die Genehmigung erteilt sei.

Da fuhr ein in Cornfelds German Operation eingeweihter FDP-Politiker, Dr. Reinfried Pohl, von Hauptberuf Bezirksdirektor des Gerling-Konzerns in Gießen, zu Erhards ehemaligem Stellvertreter Erich Mende. Wenige Monate zuvor hatte der in mehreren Sätteln reitende Pohl seinem damaligen Parteivorsitzenden Mende einen IOS-Kapitalanlagevertrag vermittelt. Jetzt bot er ihm die Chance, Kapital zu verdienen. Der Ritterkreuzträger ließ sich anwerben und führte vier Monate lang einen harten Kampf.

Nachdem Cornfeld im Mai vergangenen Jahres seinen Bankantrag gestellt hatte, häuften sich beim Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen in Berlin die Beschwerden über die Usancen der IOS und ihrer aggressiven Vertreter. Die Banken halfen kräftig nach und sorgten dafür, daß Aufsichtsamtspräsident Heinz Kalkstein, geschockt von soviel bösen Geschichten, das Bundeswirtschaftsministerium und den Zentralbankrat in das Genehmigungsverfahren einschaltete.

Mende versuchte, die Vorwürfe abzuschwächen, Da er vom Bankwesen zuwenig verstand, übernahm sein früherer FDP-Ministerkollege Victor-Emanuel Preusker, Privatbankier und Cornfeld-Geschäftsfreund, die schwierigen Verhandlungen mit Kalkstein. Dann begann in der deutschen IOS-Organisation eine Säuberung wie in den Kadern kommunistischer Parteien. Unter Mendes Kontrolle wurde etwa jeder neunte IOS-Vertreter ausgeschlossen. Das war der Preis für die Bankgenehmigung.

Um zu beweisen, daß sich seine volkskapitalistische Heilsarmee in der Bundesrepublik völlig gewandelt hat. verordnete Cornfeld der deutschen IOS-Organisation ein bisher einmaliges Ausbildungssystem. Er gründete die sogenannte IOS-Akademie, eine wandernde Vertreterhochschule, an der Universitätsprofessoren, Dozenten und Diplom-Kaufleute den bereits praktizierenden Anlageberatern volks- und betriebswirtschaftliches Fachwissen sowie Grundlagen der Rechtslehre, der Soziologie und Psychologie vermitteln.

Der Akademieleiter Werner Rautenberg will den IOS-Leuten »20 Prozent des Stoffes, den ein Student der Volkswirtschaftslehre in 6000 Stunden bis zum Diplom bewältigen muß, in 600 Stunden« servieren.

Außerdem wertete die IOS ihre Reputation mit Novizen aus Akademikerkreisen auf. In Kiel ist zum Beispiel ein frühpensionierter ehemaliger Studienrat neuer lOS-Bestmann. In Flensburg betätigt sich der ehemalige Standortoffizier der Bundeswehr, Kapitänleutnant außer Diensten Hinrich Voigt, als honoriger IOS-Vertreter.

Auch Aristokraten wie der Schloßherr von Hasselburg, Graf zu Stolberg-Stolberg, der sein Landgut automatisierte und jetzt in Lübeck ein IOS-Büro betreibt, heben das Ansehen des geläuterten Cornfeld-Trusts.

Das übrige besorgt Erich Mende mit seiner repräsentativen Beflissenheit. Er bearbeitete in letzter Zeit eine Anzahl Berufs- und Fachverbände und sprach zum Beispiel vor Mitgliedern des Verbandes reisender Kaufleute und vor Funktionären des Deutschen Gewerbeverbandes, dem über 200 000 kleine Geschäftsleute angehören.

Der Präsident dieser Mittelstandsgruppe, Raststättenpächter Oswald Nippert, war bereit, Cornfelds Heilsarmee seine Verbandstore zu öffnen und jedem Mitglied zu empfehlen, FOF- oder IIT-Papiere zu kaufen oder sich ein Kapitalanlageprogramm maßschneidern zu lassen. Auf regionaler Ebene hatten solche Kollektivempfehlungen, etwa von Ärztevereinigungen oder Zahnärztebünden, der IOS schon Tausende neuer Kunden eingebracht.

Präsident Nippert war zu Vorspanndiensten bereit, wenn der Genfer Investment-Krösus der Organisation in drei Jahresraten insgesamt 2,34 Millionen Mark Subventionen zahle. Doch Cornfeld lehnte ab. Er fürchtete einen Wettbewerbsskandal, wenn herauskäme, daß er den Gewerbeverband »gekauft« habe.

Die Konkurrenz war ohnehin ständig auf seiner Fährte. Erst kürzlich hatte sich ein Commerzbank-Filialleiter an einem Hamburger IOS-Rekruten-Lehrgang beteiligt, um festzustellen, ob die Instrukteure die Neulinge mit rechtswidrigen Werbeargumenten ausrüsten. Außerdem wollte er von IOS lernen, denn ihr Modell wurde inzwischen von einer Vielzahl anderer Fonds kopiert.

Auch deutsche Großbanken und Sparkassen nahmen den Hausverkehr mit prospektiven Investment-Kunden auf. Die Commerzbank arbeitet seit Anfang Januar mit Anlageberatern, die Zertifikate der Allgemeinen Deutschen Investment-Gesellschaft mbH (Adig) und Papiere der amerikanischen Channing Funds in den Wohnzimmern offerieren.

Außerdem bieten die meisten deutschen Fonds jetzt IOS-ähnliche Investment-Sparverträge mit und ohne Versicherungsschutz an. Man kann sich für monatlich rund zehn Mark Gebühr gegen das Risiko versichern, durch Tod, Unfall oder Invalidität den Sparvertrag nicht mehr erfüllen zu können. Dann übernimmt die Versicherung die noch fehlenden Raten, oder sie zahlt auf Wunsch gleich die ganze Sparvertragssumme aus, einschließlich der bis dahin erzielten Wachstumsgewinne.

Sogar Versandhändler Neckermann und das brave Hausmütterchen Reader's Digest schalteten sich in das Investment-Geschäft ein. Die Verlagsgesellschaft gründete in Frankfurt am Main die Zweigfirma Reader's Digest Anlagen-Vermittlung GmbH, die Anteile des Bostoner Loomis Sayles Mutual Fund offeriert.

Wer auf ihre Werbung nicht reagiert, erhält einen Nachfaßbrief, dem ein blankes Markstück, frisch aus der Münze, beigefügt ist -- als Honorar für das Ausfüllen eines Fragebogens. So machen zur Zeit über 200 Fonds Treibjagd auf die westdeutschen Sparer.

Mende trommelt weiter vor Interessenverbänden und Mittelständlern: »Unsere Organisation ist der beste Garant für eine gesunde Eigentumsbildung. Sie trägt zur Immunisierung gegen den Kommunismus bei.«

Das Kornfeld der IOS wogt und wogt. Die Ähren hängen prall über den Halmen der Fonds. Die Schnitter raffen das Korn und bringen es in Mr. Cornfelds Scheuern. Dort stapeln sich die Erträge von FOF und IIT. Sie werden nicht ausgeschüttet, sondern immer wieder investiert und langfristig festgelegt. Wer zehn Jahre durchhält, kann womöglich eine reiche Ernte erwarten.

Mr. Cornfeld verhalf schon Tausenden von unkundigen kleinen Sparern zu Renditen, die ihnen Opas Sparkasse niemals ermöglichte. Er zeigte ihnen, was Volkskapitalismus ist, und rüttelte die müden deutschen Banken wach.

Mit dem massiven Vorstoß in die Bundesrepublik übernahm die IOS allerdings auch eine hohe moralische Hypothek. Jeder Zertifikatkäufer vertraut darauf, daß sein Geld bei der IOS sicher ist. Der Kunde kann aber nicht die Bilanzen aller Cornfeld-Gesellschaften und IOS-Unterfirmen in den verschiedensten Ländern kontrollieren, sondern muß sich mit dem pauschalen Vierteljahres-Testat eines Wirtschaftsprüfungsbüros begnügen.

Im Krisenfall würde aber weder Cornfeld noch der Wirtschaftsprüfer für die vier Milliarden Mark Fremdvermögen in den vielen verschachtelten Fonds haften. Mehr Publizität und detaillierte Offenlegung aller Bilanzen würden mehr Vertrauen wecken und die Warnrufe der Konkurrenz dämpfen.

»Wir beten alle, daß IOS nichts passiert«, so gibt der Deutsch-Kanadier Dr. Herbert Graf, Europa-Repräsentant des kanadischen Finanztrusts Investors Group, die Befürchtungen der alten Investment-Garde wieder. Investors-Group-Zertifikate werden nach wie vor nur an Bankschaltern verkauft.

Dr. Graf: »Wenn es bei IOS zum Krach käme, hätte das schlimme Folgen für die ganze Branche. Dann würden die Investmentfonds-Kunden in Scharen ihre Zertifikate zum Rückkauf anbieten. Das gäbe eine Katastrophe auf der ganzen Linie.«

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