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MASINA Das kunstseidene Mädchen

aus DER SPIEGEL 17/1959

Als in der vergangenen Woche in den Ateliers von Berlin-Tempelhof die Dreharbeiten zu dem Film »Jons und Erdme« begannen, stand zum erstenmal vor der Kamera einer deutschen Produktionsgesellschaft das Idol der Cineasten und, wie ein Kritiker schrieb, »schönste Geschenk, das der italienische Film in den letzten Jahren dem Publikum in aller Welt gemacht hat": Giulietta Masina, 38, die zierliche, kulleräugige Hauptdarstellerin aus »La Strada« und »Die Nächte der Cabiria«.

Ausgerechnet dem Berliner Heimatfilm-Millionär, Romy-Schneider-Entdecker und Eddie-Constantine-Importeur Kurt Ulrich, der durch Filme wie »Schwarzwaldmädel« reich geworden ist und sich durch einen besonders unkomplizierten Denkapparat einen anekdotenreichen Ruf verschafft hat, war der filmgeschäftliche Coup gelungen, die Masina für ihren ersten ausländischen Film zu verpflichten und sie darüber hinaus bis 1961 exklusiv für das deutschsprachige Gebiet unter Vertrag zu nehmen.

Ulrich hat damit nicht nur seine bundesdeutschen Konkurrenten ausgeschaltet, ihm glückte auch das erstaunliche Kunststück, die Hollywood-Produzenten abzuhängen, die - wie Herstellungsleiter Heinz Willeg berichtete - »bei ihr in Rom wie im Bäckerladen angestanden und ihr jeden Preis geboten haben«.

Offensichtlich war die Masina nicht allein durch imposante Geldangebote zu beeindrucken - sie gehört ohnehin zu den ganz wenigen Spitzenstars, die ihre Gage praktisch diktieren können -, sondern vielmehr durch einen Stoff, der nicht die bisherigen Masina-Rollen aufwies, die einfältigen Wunderwesen und wundergläubigen Prostituierten.

Einen solchen Stoff besaß Produzent Ulrich freilich auch nicht, als ihn das Verlangen überkam, das »Wunder von Rom« in sein Darsteller-Arsenal einzuordnen. Als rettichköpfige Gelsomina in »La Strada« hatte die Masina ihn noch »nicht doll« zu beeindrucken vermacht; erst nachdem er die Doktorin der Philosophie in der Dirnenballade »Die Nächte der Cabiria« gesehen hatte, eilte Ulrich nach Rom, um der Darstellerin seinen Wunsch zu unterbreiten.

Die Masina, durch Ulrichs branchenbekanntes treuherziges Gebaren offensichtlich beeindruckt, ermunterte ihn zu Stoffangeboten, und bevor der Produzent zum zweitenmal nach Rom flog, entsandte er den »Berliner Ballade«-Regisseur Robert Adolf Stemmle und seinen Hausdramaturgen Dr. Manfred Barthel auf die Suche nach einem geeigneten Thema. Die beiden stöberten einen Roman hervor, von dem sie annahmen, daß die Masina »nur so drauf fliegen« würde: »Das kunstseidene Mädchen« von Irmgard Keun.

Barthel und Stemmle waren von der Keun-Geschichte entzückt, weil »es eine sentimentale Clownerie, eine traurige Geschichte mit vielen komischen Akzenten ist«. Sagt Barthel: »Würde dieses kunstseidene Mädchen von einer der bei uns dazu prädestinierten Darstellerinnen als Prostituierte gespielt, wäre es nicht mehr als ein dummer alberner Sittenfilm. Eine Frau wie die Masina aber strahlt in dieser Rolle Zauber aus.«

Die Masina hatte sich indes für Ulrichs zweiten Besuch eine Überraschung zurechtgelegt: Sie präsentierte ihm eine italienische Übersetzung von »Jons und Erdme«, einer der grobgewirkten »Litauischen Geschichten« des vollbärtigen Ostpreußen Hermann Sudermann (1857 bis 1928). Die Sudermann-Story bot der Masina tatsächlich eine Rolle, in der sie nicht, wie in ihren bisherigen Filmen, den Männern nachstellt, sondern selbst das Objekt männlicher Begehrlichkeit ist.

Sudermann schilderte das Schicksal des Knechts Jons und des Schankmädchens Erdme, die sich im Moor ansiedeln. Ein Nachbar, der, wegen eines Sexualdelikts verfemt, ins Moor gegangen war, bandelt schließlich mit Erdme an. Als Jons seine Frau verprügelt, weil ihre Töchter verludern, räumen Erdme und die Töchter die Wirtschaft aus und brennen durch. Das Happy-End: Jons und Erdme, alt und arm, finden wieder zusammen.

Ulrich war bereit, die Geschichte mit einem Kostenaufwand von zweieinhalb Millionen Mark zu verfilmen, und die Masina verpflichtete sich, »zu einer christlichen Gage« (Ulrich) zu spielen. Schwierigkeiten bereitete lediglich die Frage, welcher Regisseur zu dingen sei. Ulrich: »Erst wollte der Siodmak. Den: kenn ich seit dreißig Jahren, und sonst finden wir uns immer, aber in dieser Richtung fanden wir uns nicht ... Siodmak wollte die ganze Geschichte umkrempeln und auf Wildwester machen, gleich mit Knallerei am Anfang. Das war also nichts...«

Ulrich war »schon ganz verzweifelt«. Endlich stieß er auf den ebenso bescheidenen wie fleißigen und sprachgewandten Amerikaner Victor Vicas (40), dessen Ost-West-Opus »Weg ohne Umkehr« 1954 mit dem Bundespreis für den besten deutschen Spielfilm bedacht wurde und dessen Maria Schell-Film »Herr über Leben und Tod« sich zwar keineswegs durch das Drehbuch, jedoch durch eindrucksvolle Bildpassagen auszeichnete.

Gemeinsam begab man sich auf die Suche nach einem rechten deutschen Masina-Partner. Da das Drehbuch sich weitgehend an die Sudermann-Vorlage hält, sollen die beiden »Habenichtse, die ihr Glück schmieden, damit ihre Kinder mal in Samt und Seide gehen können«, auch den Anweisungen des ostpreußischen Naturalisten entsprechen: »Jung, stark und hübsch sind sie beide ... und finden, daß sie ein Paar sind, das sich sehen lassen kann. Er - straff, breit, knorrig, mit waagerechten Trageschultern und zwei Fäusten, die nicht mehr loslassen, wo sie einmal zugepackt haben. Sie - eine richtige Scharwerksmarjell - hochbusig, mit federnden Armen und Schenkeln von Eisen, mit flinkem Halse und blanken Backen, in denen zwei Augen listig und lustig Nähe und Ferne nach Beute durchmustern . ..«

Und am Schluß der Geschichte: »Ja, die Erdme! Nun lebt sie mit dem Jons schon an die fünfundzwanzig Jahr. Sehr schön ist sie nicht mehr, und ihr Fleisch hat auch nachgelassen ... Der Jons ist ein ziemlich alter Mann geworden. Sein Haar ist grau, und sein Gesicht sieht aus wie ein dürrer Kartoffelacker bei Nachtfrost ...«

Erst fanden die Filmleute, daß Bernhard Wicki der gesuchte Darsteller mit dem Kartoffelacker-Gesicht sei, doch während die Verleihfirma »Deutsche Film Hansa« den Kinobesitzern bereits ankündigte, daß die Erdme »schon von Sudermann her ein echtes Masina-Geschöpf« sei, wurde schließlich statt Wicki der vom Filmbetrieb seit Jahren vernachlässigte Berliner Theaterspieler Carl Raddatz verpflichtet.

Wo freilich die Filmleute die von Sudermann skizzierte Moorlandschaft des Memellandes finden sollten, war ungeklärt. Sudermann hatte die Szenerie präzise geschildert: »Die Wohnhäuser werden ärmlicher, demütiger ... und statt der beackerten Felder breiten sich kahle Moorheiden aus bis ins Endlose hin, von viereckigen schwarzen Teichen unterbrochen, die vom Torfstechen übriggeblieben sind. Auf denen sprießt ein junges Sumpfgrün. Sonst ist alles braun ... Wie beschorft ist das alles ... »

Die Filmleute bestellten sich bei der Westberliner Freien Universität eine Arbeit über Naturmoore in Deutschland und durchstreiften nach dieser Vorlage das Bundesgebiet. Herstellungsleiter Willeg: »Aber da ist alles tot, da hätten wir erst Landschaft machen müssen, und so fuhren wir nach Masuren, und da war wieder alles viel zu weich und viel zu lieblich...«

Deprimiert stiegen Willeg und Vicas wieder in den Wagen und rumpelten nach Warschau zurück. Vierzig Kilometer vor der polnischen Hauptstadt trat Willeg auf die Bremse: »Wir standen mitten in der idealen Gegend!«

Was niemand erwartet hatte, geschah: Nach der Lektüre des Film-Exposés besorgte die polnische Polski-Filmgesellschaft der Berliner Filmfirma die Erlaubnis zu Außenaufnahmen in der Volksrepublik Polen - die erste, die überhaupt für einen deutschen Film erteilt wurde.

Mittlerweile ist es Ulrich auch gelungen, die Masina doch noch für die Rolle des »kunstseidenen Mädchens« zu gewinnen. Der Film soll im Anschluß an das Sudermann-Epos gedreht werden, und der Berliner Produzent ist von der Ergiebigkeit und der Dauerhaftigkeit des Masina-Kults so überzeugt, daß er bereits ein drittes, enorm kostspieliges (vier Millionen Mark) Masina-Projekt vorbereitet: die Verfilmung der »Drei-Groschen-Oper« mit der winzigen Masina als Partnerin des schrankhohen Curd Jürgens.

Schriftsteller Sudermann Grobgewirkte Geschichte...

Produzent Ulrich, Giulietta Masina ... von einer ostpreußischen Marjell

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