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Das Land, aus dein die Träume sind

aus DER SPIEGEL 51/1975

New York gehört allen. Es ist Amerikas große Stadt. Für einen großen Teil der Welt ist es Amerika. Für viele in Amerika ist es die Welt ...

Robert Wagner, Ex-Bürgermeister von New York.

Für Millionen, hätte Robert Wagner

hinzufügen können, war Amerikas große Stadt, und ist sie es noch heute, ein Traum. Für noch mehr Millionen aber war sie, und ist es erst recht heute, ein Alptraum. Und mag New York auch -- offene Arme hatte es immer -- allen gehören, haben will es keiner.

Die Stadt der Städte ist New York, trotz mancher Blessuren, nach wie vor -- schillernd und faszinierend, schmutzig, verderbt, voller Reichtum und Armut: 25 000 streunende Mädchen, 200 000 streunende Katzen, über acht Millionen Ratten, über siebeneinhalb Millionen Menschen.

*Protestschrift von Polizisten und Feuerwehrleuten gegen die geplante Entlassung von Tausenden ihrer Kollegen, mit »Oberlebenstips für die Bürger.

Zwar hat New York nicht mehr das höchste Gebäude der Welt (das steht jetzt in Chicago) und auch nicht mehr den schönsten Bürgermeister (John V. Lindsay, der 1973 abtrat), aber sonst: Superlative überall, im guten wie im schlechten, New York ist Glitzerding und Schreckensbild zugleich.

Die schönste Skyline, das größte Büro, die größten Firmenkonzentrationen der USA, der Welt -- New York City. Ein Drittel des gesamten Büroraums der USA -- New York City. Hauptsitz von knapp hundert der 500 größten US-Firmen -- New York City. Dazu die Banken, die Börsen -- eine Zitadelle des Kapitalismus, Kapitale des Kapitals.

New York ist aber auch die Stadt, in der mehr als die Hälfte aller Rauschgiftsüchtigen der USA lebt, in der alle sieben Minuten ein Raubüberfall, ein Autodiebstahl, alle zwei Stunden eine Vergewaltigung, alle sechs Stunden ein Mord geschehen.

Auf der Fifth Avenue, der wenn nicht schönsten, so doch wohl teuersten Einkaufsstraße der Welt, kreuzen die Cadillacs, die Lincolns, die Mercedes vor den Renommierläden von Tiffany, Bergdorf Goodman oder Cartier, wo sich New Yorks Reiche ihre Wünsche erfüllen. Das Weihnachtsgeschäft 1975 wird noch besser werden als das des Vorjahrs.

Zugleich aber: Deprimierende Armut an der Lower East Side von Manhattan, Strandgut der Zivilisation an der Bowery, über eine Million Wohlfahrtsempfänger, fast ebenso viele Arbeitslose.

Und -- trauriger Superlativ auch dies -- so viele Schulden wie keine andere Stadt. 4,54 Milliarden Dollar kurz-, 7,76 Milliarden Dollar langfristig, 1625 Dollar je Einwohner, die reichste Stadt der Welt am Rand des Bankrotts, mindestens ein halbes Dutzend Mal allein in diesem Jahr.

Am 1. Dezember, so hatten die Kämmerer von Stadt und Staat New York befürchtet, sei es endgültig um New York City geschehen, werde der Offenbarungseid unumgänglich sein.

Doch wieder einmal wurde er -- in letzter Minute -- abgewendet, diesmal durch Gerald Ford persönlich. Bis 1978, so verkündete der Präsident vor drei Wochen, wolle die Regierung in Washington der Stadt »zu strengen Bedingungen« drei Jahre lang je 2,3 Milliarden Dollar als Darlehen zur Verfügung stellen. Ford: »Alle Darlehen müssen ... voll zurückgezahlt werden. Für die übrigen Steuerzahler in den Vereinigten Staaten werden keine Kosten entstehen.« Im Gegenteil: Washington macht dabei sogar noch einen Schnitt, verdient an den Zinsen, die es New York abverlangt.

»Am Vorabend des Erntedankfestes«, so ein salbungsvoller Ford, »erinnern wir uns daran, daß die Amerikaner stets dafür waren, jenen zu helfen, die sich selbst helfen. New York hat letztlich die harten Entscheidungen getroffen, die es treffen mußte, um sich selbst zu helfen. Und durch diese notwendigen Opfer haben sich die Menschen von New York die Unterstützung durch den Rest des Landes verdient.«

Monatelang hatte Ford zuvor den Zuchtmeister der Nation gespielt, New York mit Hohn und herber Kritik überschüttet und war durch nichts zu bewegen gewesen, etwas für die Stadt zu tun, so etwa am 17. Oktober, als im Büro von Abraham Beame, dem 105. und ohnmächtigsten Bürgermeister der City, das Pressekommuniqué über den Konkurs bereits geschrieben war.

Ein Kriminalbeamter stellt den Angehörigen einer Erpresserbande. die einen gegen sie angesetzten Geheimpolizisten entlarvt und entführt hatte.

Lumpige 453 Millionen Dollar Schulden wurden an jenem »schwarzen Freitag« fällig -- aber im reichsten Land der Welt, das sich seinen Krieg im fernen Vietnam 150 Milliarden Dollar kosten ließ, das dieses Jahr über 90 Milliarden Dollar allein für seinen Verteidigungshaushalt aufwendet, das fast vier Milliarden Dollar unterentwickelten Ländern spendiert. schien niemand gewillt, auch nur einen Cent auf New York zu setzen.

0.25 Uhr: Beame ruft im Weißen Haus in Washington an, will den Präsidenten informieren, daß nicht einmal mehr 15 Stunden zur Verfügung stehen, um den Konkurs der Stadt abzuwenden. Doch Fords Mitarbeiter, auf den Hilferuf vorbereitet, entscheiden, der Präsident könne deswegen nicht geweckt werden.

5.37 Uhr: Gerald Ford wacht auf und wird über die Ereignisse der Nacht informiert, auch über Beames Anruf -- und läßt seinen Pressesprecher Nessen verkünden: »Der Präsident wird kein Geld nach New York schicken.«

9.00 Uhr: Die Züge der Lexington Avenue Subway bleiben liegen, wegen eines vorübergehenden Stromausfalls. Doch Tausende von New Yorkern glauben bereits, die Stunde sei da, die Elektrizitätsfirma Con Edison habe den Strom abgeschaltet, weil die Stadt ihre Rechnung nicht mehr bezahlen kann.

Pausenlos telephonierte Hugh Carey. Gouverneur des Staates New York, der faktisch längst auch die Führung von New York City übernommen hat, mit den mächtigen Bankern der Stadt, beschwört sie, ihre Schalterhallen nicht schon, wie sonst, um 15 Uhr zu schließen, sondern der Stadt noch einen neuen, einen letzten Aufschub zu geben. Carey telegraphiert an Ford: »Wir brauchen keine Almosen. nur das Anerkenntnis durch die Bundesregierung, daß wir ein Teil dieses Landes sind.«

New York überstand jenen schwarzen Freitag im Oktober nur, weil sich, von Carey bedrängt, der mächtige Chef der Lehrergewerkschaft, Albert Shanker, gegen 14 Uhr erweichen ließ, aus dem Pensionsfonds seiner Organisation 150 Millionen Dollar herzuleihen. Der Konkurs war abgewendet -- bis zum nächsten Zahlungstermin.

»Das kann man nicht mehr länger Finanzierung nennen«, klagte Felix Rohatyn, Chef der vom Gouverneur ins Leben gerufenen, von Bossen und Bankern geleiteten »Vereinigung zur Unterstützung der Stadt« (MAC), »das ist mehr eine Art »Operation Schnorren«, so ähnlich, wie man es bei der Army macht, wenn man einer anderen Einheit die Reifen klaut.« Und: »Das Eingreifen des Bundes ist einfach unausweichlich,«

»Würden die Briten London, die Franzosen Paris, die Sowjets Moskau bankrott gehen lassen?«, fragte hilflos und hilfesuchend Abraham Beame einen Kongreßausschuß in Washington.

Doch dieser Vergleich war -- absurd genug -- offensichtlich schief. Die Parlamentarier, die bei Beames Plädoyer wie ein Tribunal hoch über ihm thronten, wußten oder glaubten zu wissen, daß ihre Wähler kein Verständnis für irgendeine Art von New-York-Hilfe aufbringen würden.

»Jahrelang habt ihr gekauft, und nun kommt die Rechnung«, fuhr der Abgeordnete Kelly aus Florida den Bürger. meister an, »und ihr glaubt ernstlich, daß die Leute in Zephyrville für euch zahlen würden?«

Seine Wähler in Kentucky, höhnte der Abgeordnete Hubbard, »würden ihre Steuergroschen eher in ein neues Postamt in Seattle (4000 Kilometer entfernt) investieren als in Hilfe für New York City«.

Zur selben Zeit rief ein Fernseh-Showmaster in Los Angeles

spöttisch zu einer Sammelaktion für New York auf, schlug den Bau einer Zeltstadt am Pazifik vor und beschwor jeden Kalifornier, mindestens einen New-York-Flüchtling aufzunehmen.

Für Gerald Ford aber, den Zufallspräsidenten im Weißen Haus, dessen Ansehen fortlaufend schwindet, war die Krise in New York ein »gottgesandtes politisches Symbol« für das Wahljahr 1976, urteilte die »New York Times.

Wo immer er im Lande um Wählerstimmen warb, fragte er demagogisch, wie in Omaha, Nebraska: »Wie viele von Ihnen glauben, daß die Bundesregierung New York City freikaufen sollte?« Im Gelächter der Zuhörer erhob sich dann eine einzige Hand. Oder er behauptete wie in Skokie, Illinois, vor Kleinstadt-Bürgermeistern: »Ihre Wähler würden es nicht hinnehmen, wenn Sie Ihre Stadt so schlimm regierten, wie New York City regiert wird.«

Ende Oktober schließlich schlug Ford sogar zynisch vor, New York City solle ruhig erst einmal in Konkurs gehen, dann werde ein (Bundes-)Konkursrichter schon für Ordnung sorgen.

»Wir lassen uns nicht das ganze Land verseuchen.«

»Wir leben in einer Stadt«, klagte der demokratische Abgeordnete Edward Koch aus Manhattan, »die von mongolischen Horden umlagert ist. Aber wenn ich aus meinem Fenster blicke, erkenne ich, daß ihre Gesichter nicht die von Barbaren sind. Es sind die Gesichter der Leute im Weißen Haus.«

Und die liberale Zeitschrift »The New Republic« kommentierte: »Das Ziel des Tages ... ist New York, eine neue Episode in dem andauernden »Kulturkampf« der Rechten gegen städtische und rassische Widersacher.«

Tatsächlich mobilisierte der Präsident ("Wir lassen uns nicht das ganze Land verseuchen") unverhohlen jene Ressentiments und Haßgefühle, die seit Generationen das Verhalten der Amerikaner gegenüber ihren Städten -- und vor allem gegenüber ihrer größten Stadt -- prägen. Nur so ist zu erklären, daß Ford wie ein uriger King-Kong die bröckelnde Stadt an den Rand des Abgrundes stößt, um sie dann -- gutherzig wie King-Kong im Grunde ist -- vielleicht doch noch zu retten.

Er muß dabei gegen »eine der heiligsten und der haltbarsten amerikanischen Traditionen« (Historiker Arthur Schlesinger jr.) ankämpfen -- das Mißtrauen gegen die Städte. Amerika, so hatte Thomas Jefferson 1787 seine Landsleute beschworen, werde »auf Generationen rechtschaffen bleiben, solange wir nur eine vorwiegend agrarische Gesellschaft sind«. Große Städte im allgemeinen und New York im besonderen verwarf er als »Pestilenz für die Moral, für die Gesundheit und für die Freiheit«.

In der Folgezeit wandten sich bedeutende Köpfe der amerikanischen Geistesgeschichte, Poeten wie Philosophen, Historiker wie Sozialreformer und Architekten schaudernd von den Städten ab. brandmarkten illustre Männer wie Ralph Waldo Emerson, Henry James, Henry Thoreau, Walt Whitman, Theo-

dore Dreiser oder Henry Adams die * Betrunkene an der Bowery. SUd-Manhattan.

Stadt als Quelle allen Übels in der amerikanischen Gesellschaft, scheuten sie nicht davor zurück, Radikallösungen zu empfehlen.

Jefferson etwa fand Gelbfieber nützlich, die Stadtbevölkerungen zu reduzieren, der Dichter Nathaniel Hawthorne wollte die Städte periodisch abbrennen, der Schriftsteller William Dean Howells sie auflösen und -- wie die Hofhaltungen mittelalterlicher Herr-

* Harlem-Einwohner Richard Moore tötete die Ratte im Kinderbett seines Sohnes.

scher -- durch Wanderhauptstädte ersetzen.

Gegenbilder wurden entwickelt und zum Teil auch ausprobiert: Von den sozialutopischen Experimenten der neuenglischen Transzendentalisten bis hin zu der ländlichen Idealgemeinde »Broadacre City«, entwickelt von Frank Lloyd Wright, dem bedeutendsten und zugleich zutiefst anti-urbanen Architekten Amerikas.

Man, kann das stadtfeindliche Denken bis in die moderne Stadtplanung verfolgen: Neugegründete amerikanische Siedlungen wie Shaker Heights bei Cleveland, Manmont bei Cincinnati oder Columbia bei Washington sind stets um einen Teich herum gebaut worden, wie Thoreaus Einsiedelei »Walden«.

Für den Romantiker Thoreau stand die unverderbte Natur im Gegensatz zur vermeintlich heruntergekommenen Zivilisation in den europäischen Großstädten. Historische Erfahrungen verstärkten diese Haltung. Die Pioniere, die kleinen Farmer am Rand der Wildnis, die dankbar sein mußten für jede Mohrrübe, die sie sicher in ihre Scheunen einfahren konnten, sahen »mit Neid auf die unerlaubten Vergnügungen und Aufregungen, die es angeblich in den Städten geben sollte« (Schlesinger).

Und von da her entwickelte sich -- so der sozialkritische Journalist H. L. Mencken -- »der tief verwurzelte, unheilbare Haß des Bauerntölpels gegen den Stadtmenschen, sein äffischer Haß gegen jeden. der es leichter hatte als er«. Vor allem aber widersprach, was sich -- schon im frühen 19. Jahrhundert -- in den amerikanischen Städten abspielte, zutiefst dem amerikanischen Credo.

Wenn, nach John Locke, das Streben nach individuellem Glück ("pursuit of happiness") das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft sichern würde, durfte nicht sein, was da vor den Augen der jungen amerikanischen Nation geschah: der Aufstieg weniger Skrupelloser auf Kosten der machtlosen Massen. Den Städten lastete man stellvertretend alle großen Fehlentwicklungen Amerikas an.

Drei Viertel aller Amerikaner, so ergab noch vor kurzem eine Umfrage, würden am liebsten auf dem Lande leben. Tatsächlich aber wohnen heute 73,5 Prozent der Amerikaner in Städten mit mehr als 2500 Einwohnern. Denn einer »der deutlichsten Züge in der Geschichte der amerikanischen Nation« (so der Soziologe Morton White) war ausgerechnet die Urbanisierung eines ganzen Kontinents im Verlauf von drei Generationen.

So wuchs die Gesamtbevölkerung der USA von 1790 bis 1890 um das 16fache, die Bevölkerung der Städte mit mehr als 8000 Einwohnern jedoch um das 139fache.

1790 noch wohnte nur jeder 30. Amerikaner in Städten mit mehr als 8000 Einwohnern. 1840 bereits jeder zwölfte, 1860 sogar schon jeder sechste. Um die gleiche Zeit hatte New York 800 000 Einwohner, war Philadelphia mit 565 000 Bewohnern größer als Berlin. Beide Städte hatten ihre Einwohnerschaft innerhalb von 60 Jahren verzehnfacht, und in ähnlich hektischem Tempo entwickelten sich Amerikas Städte weiter.

In ihrem monströsen Wildwuchs entsprachen sie dabei oft durchaus den Schauerbildern, die Dichter und Denker von ihnen entworfen hatten. Bestechung und Betrug wurden zum selbstverständlichen Bestandteil unternehmerischen Handelns, die Kommunalpolitik entartete -- laut Historiker Arthur Schlesinger sen. -- zum »Hexenkessel der Korruption«.

Als Mitte des vorigen Jahrhunderts in den Städten der Ostküste die ersten Slums entstanden, war auch der Nährboden bereitet für jene allmächtigen politischen Maschinen wie Tammany Hall in New York, die sich auf die Slumbewohner, auf Kriminelle und Vereinigungen wie die freiwillige Feuerwehr stützten, einen schwunghaften Handel mit städtischen Konzessionen trieben und die Ausbeutung von kommunalpolitischer Macht für persönlichen und Parteien-Vorteil zum System erhoben.

»Von wenigen Ausnahmen abgesehen«, schloß daher 1888 der Historiker Andrew B. White, »sind die Stadtregierungen der Vereinigten Staaten die schlimmsten in der ganzen Christenwelt. die teuersten, die unfähigsten und die korruptesten.« In den Augen seines britischen Kollegen James Bryce stellten sie bereits um die Jahrhundertwende »das eine wirklich auffällige Versagen der Vereinigten Staaten« dar.

New York wurde zum »Feindesland« (Woodrow Wilsons Außenminister William Jennings Bryan), synonym für Kriminalität und lockere Sitten, abschreckendes Beispiel für Korruption und Verschwendung. New York wurde suspekt allein schon wegen seiner Größe. seiner Dynamik, seiner rassischen Vielfalt.

In keiner US-Großstadt

so viele städtische Bedienstete.

Eine ganze Portion nicht eingestandener Bewunderung war sicher auch dabei. »Es ist schierer Neid«, meinte Richard Wade, Geschichtsprofessor an der (städtischen) City University of New York. »New York ist die kulturelle und intellektuelle Hauptstadt der Welt. Das Theater ist besser, die Musik ist besser, und wir sind das finanzielle Zentrum des Landes. Wir vermitteln stets den Eindruck, als seien wir ein Stück fortschrittlicher.«

Tatsächlich wird der Bürger in keiner amerikanischen Großstadt von so vielen so gut bezahlten und sozial so verwöhnten städtischen Bediensteten so intensiv umsorgt wie in New York.

Obwohl die Einwohnerzahl der Stadt zwischen 1960 und 1974 von 7,8 auf 7,5 Millionen zurückging, schnellte die Zahl der städtischen Angestellten und Arbeiter im selben Zeitraum um über 100 000 hoch -- so als »gäbe es auf Kosten des Steuerzahlers Jobs für jedermann« ("Time"). Über 300 000 waren es im vorigen Jahr -- die genaue Zahl kannte wegen der schludrigen Buchführung der Stadt niemand.

Und selbst nach den drastischen Kürzungen, die Bürgermeister Beame in der gegenwärtigen Krise vornehmen mußte, ist New York City mit nunmehr 263 000 städtischen Bediensteten immer noch einer der größten Arbeitgeber der USA, übertroffen nur von der Bundesregierung und einer Handvoll Konzerne.

Dieses gigantische System jedoch wird mit den Methoden eines maghrebinischen Potentaten geführt, der es sich leisten kann, einen wild wuchernden Beamtenapparat aus einer unermeßlichen Privatschatulle zu finanzie-

* Hochbahn-Direktor Charles Harvey bei einer Probefahrt in einer Draisine auf dem Viadukt der ersten Hochbahn der weit.

ren. Allein die Bezahlung der Stadt-Diener verschlingt 60 Prozent des Haushalts: sieben Milliarden Dollar -- 2,8 Milliarden davon für ihre Sozialhilfen.

Obwohl die Lebenshaltungskosten in New York die höchsten des Landes sind, liegen die Gehälter der städtischen Bediensteten immer noch überproportional hoch. Während das Durchschnittseinkommen der amerikanischen Mittelklassenfamilie gegenwärtig 12 840 Dollar im Jahr beträgt, verdient ein junger New Yorker Polizist schon nach nur drei Dienstjahren 17 458 Dollar. Müllmänner können bis zu 18 000 Dollar jährlich nach Hause bringen -- fast das Durchschnittseinkommen eines New Yorker Professors, nur 1000 Dollar weniger, als der Senator Jake Garn aus Utah erhielt, als er noch Bürgermeister von Salt Lake City war.

Bereits nach 20 Dienstjahren dürfen sich städtische Angestellte zur Ruhe setzen -- mit einer Pension, die sich aus dem halben Gehalt des letzten Arbeitsjahres plus Überstundensalär zusammensetzt. Clevere New Yorker machen es so wie ein 40jähriger Müllarbeiter, den die »New York Times« vor kurzem auf ihrer Titelseite vorstellte: Er nahm seinen Abschied aus dem Dienst der Stadt mit einem Ruhegehalt, dessen Hohe er durch Überstunden im letzten Dienstjahr verdoppelt hatte.

Schon jetzt kostet die Altersversorgung pro Jahr eine Milliarde Dollar, 1980 dürfte die Stadt -- wenn bis dahin nicht einschneidend gekürzt wird -- den doppelten Betrag auswerfen müssen. Zusätzlich muß New York noch 20 Millionen jährlich in ein Extratöpfchen zahlen, aus dem die Lehrer und die Uniformierten von New York später für jeden Tag, den sie im Dienst der Stadt gearbeitet haben, einen Dollar erhalten.

Eifersüchtig wachen die Gewerkschaften -- insgesamt 89, allen voran die der Polizei, der Stadtreinigung und der Lehrer -- darüber, daß ihre Mitglieder stets den größten Teil des New Yorker Haushalts abbekommen. Und kaum ein Politiker der Stadt wagt es. sich mit ihnen anzulegen.

Denn die Gewerkschaften, nach dem Bürgerkrieg im vorigen Jahrhundert als Freiwilligen-Organisationen entstanden, die eng mit der Parteimaschine verbunden waren, haben noch heute entscheidenden Einfluß auf die Parteiapparate. Vor allem aber halten sie die milliardenschweren Pensionsfonds, die -- aus dem Stadtsäckel gespeist -- von der Stadt immer wieder als letzte Finanzierungsreserve geschätzt werden.

Aber nicht nur für seine eigenen Angestellten und Arbeiter tut New York mehr als andere Gemeinden der USA. Auch die Dienstleistungen, die New York seinen Bürgern bietet, lassen die Stadt im Vergleich zu den übrigen Städten Amerikas geradezu als Wohlfahrtsdorado erscheinen -- oder als fünfte Kolonne des Sozialismus, wie viele Amerikaner auf dem Land argwöhnen.

So bietet New York allen Absolventen der High School unentgeltlich ein weitläufiges Hochschulsystem an -- aus dem unter anderen auch Abraham Beame hervorgegangen ist. Aber die seit 1837 kostenlose Uni kostet die Stadt jährlich 268 Millionen Dollar -- und das Niveau ist so niedrig, daß inzwischen bereits ein wohl welteinmaliger Numerus clausus erwogen wird: Anfänger sollen zumindest die Lesefähigkeit eines Schülers der achten Klasse haben.

Für ihre 18 städtischen Krankenhäuser gibt New York City 340 Millionen Dollar

im Jahr aus -- die Spitäler aber sind nur zu 77 Prozent belegt, weil es sogar die Empfänger staatlicher Krankenkosten-Unterstützung ("Medicaid") vorziehen, sich in den besser ausgestatteten privaten Kliniken behandeln zu lassen. Die Stadt zahlt mithin doppelt: Sie subventioniert ihre eigenen Krankenhäuser und leistet auch noch denen einen Zuschuß, die sie gar nicht benutzen.

Den größten Einzelposten des New Yorker Haushalts jedoch schlucken die Sozialleistungen: 3,4 Milliarden Dollar. 1 001 395 New Yorker -- das ist fast jeder achte Einwohner der Stadt -- kassieren heute »welfare«, dreimal so viele wie zu Anfang der sechziger Jahre. Und nirgendwo in der Nation werden so hohe Summen gezahlt wie in New York: 258 Dollar monatlich für eine vierköpfige Familie ohne Einkommen, dazu noch 130 Dollar für Miete und Lebensmittelgutscheine. Hinzu kommen allerlei ausgefallene Leistungen wie etwa Zahlungen an alleinstehende Männer, die es auf sich nehmen, sich einer Rauschgift-Entwöhnungskur zu unterziehen.

Das 1-leer der Neuankommlinge wurde ein Heer von Arbeitslosen.

Gewiß wird an diesem System kräftig manipuliert, und Gerald Fords Behauptung, daß jeder zehnte New Yorker seinen Welfare-Scheck zu Unrecht erhalte, kommt der Wahrheit möglicherweise sehr nahe.

Doch selbst wenn es gelingen sollte -- was angesichts des archaischen Zustands der Bürokratie fast unmöglich erscheint -, all jene »welfare cheaters« aufzuspüren, die eigentlich keinen Anspruch auf Unterstützung haben, wären die Finanzprobleme der Stadt damit kaum gelöst.

Denn das Loch zwischen den Einnahmen und den durch teure Programme festgelegten Ausgaben wird ständig größer. Und diese Programme hat, zum erheblichen Teil jedenfalls, nicht einmal die Stadt zu verantworten.

Es war die Regierung in Washington, die das Welfare-System so umfassend ausbaute -- und so die weniger Bemittelten überhaupt erst auf die der amerikanischen Tradition zuwiderlaufende Idee brachte, sich nicht mehr selbst zu helfen, sondern sich vom Staat helfen zu lassen.

Es war die Regierung in Washington, die hohe Subventionen für die Mechanisierung der Landwirtschaft zahlte -- und so die Völkerwanderung der arbeitslos gewordenen Schwarzen vom Süden in die Städte des Nordens beschleunigte.

Es war die Regierung in Washington, die mit dem Ausbau von Autobahnen, der Subventionierung von Eigenheimen und Steuervergünstigungen für den Grundstückserwerb der steuerkräftigen weißen Mittelklasse die Flucht aus den Stadtkernen in die Vororte erleichterte -- und so den Städten die ökonomische Basis schmälerte.

Denn die Schwarzen, die da kamen, und die Puertoricaner, für die New York wie für Millionen Einwanderer zwei Jahrhunderte lang das natürliche Tor zur Neuen Welt war, brachten kaum mehr mit als ihre Arbeitskraft. Und mit der allein war nicht viel zu bestellen, weil sich zur gleichen Zeit in der Wirtschaft, zumal in der New Yorks, tiefgreifende Veränderungen vollzogen.

Die Textilindustrie etwa, in der Millionen ungelernter jüdischer Einwanderer Anfang dieses Jahrhunderts noch viele Jobs gefunden hatten, fiel in den fünfziger und sechziger Jahren rapide zurück. Insgesamt verlor New York City in fünf Jahren 415 000 Arbeitsplätze. Das Heer der Neuankömmlinge wurde ein Heer von Arbeitslosen, die keinen Cent Steuern in den Stadtsäckel zahlen, andererseits aber regelmäßig die ihnen zustehenden Sozialleistungen abfordern.

Und New York muß zahlen. Während es der mächtige Bürgermeister Richard Daley ("King Richard") in Chicago schaffte, die gesamten Welfare-Kosten seiner Stadt dem Staat Illinois und dem Bund aufzubürden, muß New York City immer noch fast 30 Prozent dieser Kosten selbst tragen. Den Zuschuß vom Bund (46 Prozent) bekommt die Stadt auch nur, wenn sie nachweisen kann, daß das nötige Geld für ihren Eigenanteil vorhanden ist.

Wie das auf die Dauer möglich sein soll, hat der Stadt bislang noch niemand verraten. Denn ihre Steuereinnahmen sind, vor allem durch die Abwanderung der weißen Mittelschicht, von 1969 bis 1975 um insgesamt 1,5 Milliarden Dollar gesunken. New York City, so empfahl bereits 1969 der Schriftsteller Norman Mailer, damals Kandidat für das Amt des Bürgermeisters, solle 51. Bundesstaat der USA werden. Dann sei die Stadt unabhängig vom ländlichen, cityfeindlichen Teil des Staates New York und könne ihre Steuermilliarden für sich behalten.

Für viele New Yorker ist das eine verlockende Aussicht, denn gegenwärtig führt New York City fast 20 Milliarden Dollar jährlich an den Bund und an den Bundesstaat New York ab. Zurück fließen als Direkthilfe gerade 3.5 Milliarden -- viel zu wenig, um auch nur die vom Bund angekurbelten Sozialprogramme zu finanzieren. New York, befand der Kolumnist Pete Hamill in der New Yorker »Village Voice«, sei eine »Kolonie Washingtons«, verhaßt zwar, aber gleichwohl ausgebeutet und ausgenutzt.

Ausgenutzt wird New York auch von zwei Millionen Pendlern, die jeden Morgen in die Stadt reisen, deren Einrichtungen in Anspruch nehmen und dann mit dem Geld, das sie in der Stadt verdienen, wieder zurückfahren in die Vororte. wo sie auch ihre Steuern entrichten.« Wir müssen die Möglichkeit bekommen, den städtischen Reichtum in die Vororte zu verfolgen«, folgert der ehemalige New Yorker Budgetdirektor David Grossman.

»Die Stadtkerne sind unsere neue Grenze.«

Doch bislang sind alle Versuche, eine »Pendler-Steuer« einzuführen, ebenso gescheitert wie größere Entwürfe einer Regionalisierung, bei der die Grenzen von New York, 1664 vom Herzog von York im fernen London festgelegt, so erweitert würden, daß die reichen Vororte mit in den Steuerbereich der City fielen.

Dazu müßte nicht nur der Staat New York mitziehen, auch die Zustimmung der benachbarten Bundesstaaten New Jersey und Connecticut, wo weitere Pendler leben, wäre unumgänglich. Die aber sperren sich gegen jegliche Pläne dieser Art, weil sie dann selbst Steuereinbußen erleiden würden.

Auf schier unüberwindlichen Widerstand stießen auch Versuche, den verfilzten New Yorker Regierungsapparat von innen so radikal zu reformieren, daß die Stadt wie ein modernes Unternehmen geführt werden könnte.

Noch immer tragen in verschiedenen Verwaltungszweigen dieser Megalopolis Buchhalter mit Ärmelschonern Einnahmen und Ausgaben von Hand in ihre Journale ein, wobei die Hand des einen Buchhalters oft nicht weiß, was die des anderen tut. So kam es, daß Bürgermeister Beame Anfang des Jahres zugeben mußte, es existiere noch ein »verborgenes« Defizit von 3,3 Milliarden Dollar.

Ein Wunder, daß es nicht höher war: Bei der Übernahme des Stadtkämmerer-Amtes vom neuen Bürgermeister Beame fand dessen Nachfolger Paul Goldin stapelweise unterzeichnete Blankoschecks vor, die unbeaufsichtigt in den Büros umherlagen.

Hinzu kommt: Der Beamtenapparat ist mandarinenhaft versteinert. Befördert wird nichs nach Fähigkeit, sondern nach Dienstalter. John Lindsay hatte durchgesetzt, daß wenigstens unter den drei Dienstältesten eine Auswahl getroffen wurde; Beame machte diesen ersten Schritt in Richtung auf Flexibilität wieder rückgängig.

Angesichts der ungeheuren Ausgaben der öffentlichen Versorgungsdienste befürwortete John Diebold, Chef einer internationalen Beratergruppe, öffentliche Dienstleistungen an die Privatwirtschaft zu übertragen. Während es New York beispielsweise 45 Dollar kostet, eine Tonne Müll durch seine städtischen Müllmänner abfahren zu lassen, besorgt das in San Francisco eine Privatfirma für 22 Dollar. in Boston für 19, in Minneapolis gar für nur 18 Dollar.

Diebold: »Wer sagt denn, daß Müll immer noch von Menschen eingesammelt werden muß? Ein unterirdisches Rohrsystem wäre sinnvoller.«

Das gibt es auch schon -- in Disney World. Einer der bunteren Vorschläge zur Rettung New Yorks, kürzlich vom »New York Magazine« unterbreitet, lautete daher: Man solle die Stadt an die Walt Disney Corporation verpachten, weil die bewiesen habe, wie man ein kompliziertes Gemeinwesen rationell und gewinnbringend betreiben kann.

So will Professor Savas, Verwaltungswissenschaftler an der Columbia University, die gigantische Stadtregierung auflösen und auf der Basis von Wohnblocks neu organisieren. Ein »Blockarbeiter«, nur mit Bleistift, allenfalls noch mit einer Photokopier-Maschine ausgestattet, müßte nach diesem Modell die öffentlichen Dienste wie Straßenreinigung, Sicherheit, Kindergärten organisieren, die von den Bürgern selbst geleistet würden.

Ähnliche Selbsthilfe-Pläne verfolgt bereits ein »Citizens Committee«, das

Um sechs Uhr morgens stehen Fürsorgeempfänger im Stadtteil Bronx Schlange nach ihrem Welfare-Scheck

kürzlich der »Newsweek«-Chefredakteur Osborn Elliott gründete. Elliotts Ausschuß will sich auf die 6000 Wohnblock-Verbände stützen, die in der Stadt bereits vielfach offizielle Funktionen übernommen haben -- etwa den zusätzlichen Schutz ihrer Straßenblocks (SPIEGEL 8/1974).

Doch es erscheint aberwitzig, daß eine moderne Millionenstadt auf die Dauer von Freiwilligen gemanagt werden kann -- wenn die New Yorker schon nicht einmal zum Demonstrieren für New York zu bewegen

sind: Bei einer Protestversammlung gegen die Behandlung New Yorks verloren sich auf dem Times Square, der 100 000 Menschen faßt, vor zwei Wochen nur ein paar tausend Menschen.

Wenn es überhaupt Rettung geben soll, müßten sich erst einmal die Politiker in Bund und Staat entscheiden, ob sie New York City denn nun als einen Teil der USA akzeptieren, oder ob sie die Stadt -- kaum zu glauben -- fallenlassen wollen. »Die Stadtkerne sind unsere neue Grenze, die Menschen, die dort wohnen, unsere wirklichen Pioniere«, schrieb der Washingtoner Anwalt Sol. M. Linowitz, Präsident des »Federal City Council«, einer Vereinigung, die das Leben in den Städten verbessern will.

Hilfe für die Städte, und für New York ganz besonders. wäre etwa die Einführung einer nationalen Krankenversicherung und vor allem die Übernahme der gesamten Welfare-Kosten durch den Bund. 1970 bereits hatte Bürgermeister Lindsay seine Juristen prüfen lassen, ob man letzteres nicht notfalls sogar gerichtlich erzwingen könne.

Eine solche Neuverteilung der Lasten würde freilich entweder höhere Bundessteuern voraussetzen oder einschneidende Kürzungen im Bundeshaushalt, zum Beispiel im Verteidigungsetat. Dafür aber dürfte sieh -- selbst wenn die Regierung wider alle Erwartungen mitspielen würde -- kaum eine Mehrheit im Kongreß finden.

Gerald Ford dachte denn auch gar nicht daran, die New-York-Krise grundsätzlich zu lösen. Er behalf sich mit exakt jenem kurzfristigen Krisenmanagement, das vor allem er der Stadtverwaltung von New York bislang zum Vorwurf gemacht hatte. Und das auch erst, als er fast nicht mehr anders konnte.

Denn mochte Ford auch, mit Wahrheiten und Halbwahrheiten, auf die vermutete New-York-Feindschaft des konservativen Middle America setzen, bald stand er sogar in der eigenen Regierung mit seiner intransigenten Haltung allein.

Unabhängig von ihren persönlicheu Gefühlen für oder gegen das Glitzerding am Hudson hatten Fords engste Berater -- und viele US-Bürger auf dem Land -- erkannt, daß New York nicht nur ein New Yorker Problem ist.

»Ford hat auf das schlimmste versagt«

Die Krise in New York, so warnte zum Beispiel Zentralbankpräsident Arthur Burns, »könnte den gegenwärtigen Gesundungsprozeß unserer gesamten Wirtschaft gefährden«. Finanzexperten sagten voraus, ein Konkurs der Stadt würde 100 Banken im ganzen Land mit sieh ziehen. Und Finanzminister William Simon befürchtete einen »Domino-Effekt« auf den Wertpapiermärkten.

In fast den gleichen Worten warnte Bonns Kanzler Schmidt den Präsidenten vor den Auswirkungen der New Yorker Krise auf Europa. Vor dem Kongreß prophezeite New-York-Gouverneur Hugh Carey »ein wirtschaftliches Pearl Harbor«. »Wie können wir uns von der größten Stadt des Landes distanzieren?« fragte der Rundfunk-Journalist Studs Terkel aus Chicago. »Das ist schizophren. Wenn New York zum Teufel gehen sollte, gehen auch wir zum Teufel.«

69 Prozent der US-Bürger, so ermittelten schließlich die Demoskopen. befürchteten Auswirkungen der New Yorker Pleite auf die nationale Wirtschaft. 60 Prozent der Nicht-New-Yorker traten dafür ein, der Bund solle der kranken Stadt helfen. »Sie haben ihren Spaß gehabt«, meinte der New Yorker Abgeordnete Charles B. Rangel. »haben gelacht, weil unser 1-laus in Flammen stand. Aber jetzt riechen auch sie den Rauch.«

Fords Sturheit stieß am Ende sogar auf Widerspruch bei den Rechten unter seinen eigenen Parteifreunden. »Ich befürchte, der Präsident ist ein wenig durcheinander«, klagte ein konservativer Republikaner aus dem Staat New York. »Er glaubt wohl, die Wahlen finden schon 1975 statt und nicht 1976.«

Unverhohlen drohten Veteranen der Republikanischen Partei aus New York, wenn der Präsident die Stadt wirklich aufgebe, würden sie bei der Nominierung des Präsidentschaftskandidaten im kommenden Jahr möglicherweise den Ford-Rivalen Ronald Reagan unterstützen.

»Es ist an der Zeit«, urteilte die »New York Times«, »daß Mr. Ford sich daran erinnert, nicht nur einer von vielen Präsidentschaftskandidaten zu sein, sondern der Präsident, der einen Job für alle Amerikaner zu erfüllen hat. In dieser Verantwortung hat er auf das schlimmste versagt, und dieses Versagen wird nicht vergessen werden.«

»Es gibt keine Garantie dafür, daß wir aus dem Schneider sind.«

Die New Yorker selbst, allen voran Gouverneur Hugh Carey, bauten dem Präsidenten am Ende eine Brücke, über die er gehen konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren. Sie verabschiedeten -- halb unter dem Druck von Washington, halb aus purem Selbsterhaltungstrieb -- ein langfristiges Sanierungsprogramm im Gesamtumfang von 6,8 Milliarden Dollar, für das selbst die mächtigsten Interessengruppen Opfer brachten.

Die Gewerkschaften zum Beispiel, die zwischen 1961 und 1973 für die Arbeitnehmer des Öffentlichen Dienstes Lohnerhöhungen um insgesamt 129 Prozent ausgehandelt hatten (gegenüber 85,2 Prozent in der Privatwirtschaft), erklärten sich nun damit einverstanden, eine zum 1. Juli 1975 vereinbarte Lohnerhöhung von fünf bis sechs Prozent bis Ende Juni 1978 zurückzustellen. Die Banken segneten die Umwandlung kurzfristiger Schuldverschreibungen der Stadt in Papiere mit längerer Laufzeit ab. 33 Großfirmen halfen unmittelbar mit einer Finanzspritze: Sie zahlten ihre Grundsteuern in Höhe von insgesamt 100 Millionen Dollar im voraus.

Für die Bewohner der City brachte das Programm höhere Steuern auf Zigaretten, Massagen, Löhne und Gehälter sowie möglicherweise den Verkauf der städtischen Brücken an Privatunternehmen (und damit höhere Be-

* »Zu verkaufen«, »Land der Steuern«

nutzungsgebühren), kurz: eine weitere Einbuße an Lebensqualität. Und das nach einem Jahr, das der lebensfrohen Stadt ohnehin schon das schlimmste Austerity-Programm ihrer Geschichte beschert hatte,

Seit Anfang dieses Jahres wurden

* über 35 000 städtische Bedienstete entlassen, darunter 3000 uniformierte Polizisten:

* sieben städtische Schulen geschlossen (weitere 13 sollen folgen);

* ein städtisches Hospital völlig, zwei weitere teilweise geschlossen, die Zahl der Unfallwagen reduziert, der Röntgendienst in den Notaufnahmestationen eines Großhospitals auf die Zeit von 8 bis 16 Uhr beschränkt;

* 46 Bauprojekte im Gesamtwert von 162,8 Millionen Dollar gestoppt. Die Verkehrsbehörde allerdings darf ein paar Leute mehr einstellen: für die Jagd auf Parksünder, die der Stadt zusätzlich 1,25 Millionen Dollar jährlich einbringen soll. Verschärft wird außerdem die Fahndung nach unangemeldeten Swimming-pools und Waschmaschinen. Erhoffte Mehreinnahmen der Wasserwerke: 1,62 Millionen Dollar.

Kaum hatte das Staatsparlament in Albany, der Hauptstadt des Bundesstaates New York, das Sanierungsprogramm gebilligt, präsentierte sich ein deutlich erleichterter Gerald Ford (Ron Nessen: »Der Präsident hat seine Haltung nicht geändert, basta") als der wahre Vater der neuen Gesetze. Dann öffnete er gnädig seine Schatulle, und Hugh Carey strahlte: »Dies ist ein besonderer Anlaß, uns zu freuen. Der Bankrott von New York liegt jetzt hinter uns, das Gerede vom Kollaps und Chaos sollte jetzt aufhören.« Sein Gehilfe Felix Rohatyn war schon tags zuvor beruhigt mit seinem jüngsten Sohn zum Skilaufen nach Utah gefahren.

Das Gerede vom Kollaps wird nicht aufhören, denn New Yorks langfristige Schulden reichen bis in das Jahr 2015. »Das ganze ist ein Glücksspiel«, kommentierte denn auch vorsichtig ein Sprecher des Bürgermeisters. »Es gibt keine Garantie dafür, daß wir in den nächsten zwei oder drei Jahren aus dem Schneider sind.«

Und ein New Yorker Fernsehkommentator ergänzte sarkastisch: »Die Liste der Probleme bleibt bestehen -- mit einer Ausnahme: daß New York City nicht schon am 1. Dezember 1975 pleite gegangen ist.« Im nächsten Heft

Banken und Big Business steuern Amerikas Kriegsmaschinerie: der »militaryindustrial-complex«

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