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Das Land, aus dem die Träume sind

aus DER SPIEGEL 6/1976

Auf einer Sonnen-Insel mitten im Ferien-Paradies der Bahamas geistert ein klapperdürres Wesen und spielt Monopoly -- es ist das leibhaftige Gespenst des alten amerikanischen Kapitalismus.

Lichtscheu und streng abgeschirmt von getreuen Mormonen haust es in einer Penthouse-Suite des Strandhotels »Xanadu Princess« und herrscht, gleich einer Stimme aus dem Jenseits, über sein gewaltiges Imperium drüben in den Staaten. Und kein normaler Sterblicher darf sich ihm nahen, keiner profanen Neugier ist sein Anblick vergönnt, kein weltlicher Richter bekommt es zu fassen.

Denn Howard Hughes ist schon seit längerem ziemlich unerreichbar. Wie ein unirdisches Ding ist er in den fünfziger Jahren aus der Wirklichkeit verblichen und seit Beginn der sechziger überhaupt nicht mehr gesehen worden, es sei denn von ein paar wenigen Auserwählten, die allenfalls vage von ihren Begegnungen mit dem Phantom künden.

Seit anderthalb Jahrzehnten versuchen die Gerichte der USA, den Angeklagten oder Zeugen Hughes vorzuladen, vergebens: Bis heute hat er sich seine Immunität von eigenen Onaden noch immer mit Millionen-Summen und der Dienstfertigkeit ganzer Heere von Anwälten und privaten Geheimagenten zu erkaufen vermocht.

So schemenhaft wirkt er, und schon derart dem gemeinen Dasein enthoben und in mystische Fernen entrückt, daß nur noch wildeste Gerüchte seine Schattengestalt schraffieren können.

Blutarm und herzkrank sei er, so raunen die Fabeln, unterernährt und nahezu taub. Langhaarig und graubärtig und mit Kleenex-Schachteln an den Füßen schlurfe er des Nachts durch die Räume und zehre von Bluttransfusionen wie Graf Dracula. Seine Finger- und Fußnägel aber seien 15 Zentimeter lang -- nein, 18; nein, 20.

Doch vielleicht, so wispern sie, ist er auch ein Gefangener der Mafia, eine Art Graf von Monte Cristo des technologischen Zeitalters in einem vollklimatisierten Chateau d'If. Vielleicht hat er sich, während unentwegt sein Kapital für ihn arbeitet, auch bloß für ein Weilchen auf Eis legen lassen. Vielleicht, auch das wäre ja möglich, ist er sogar längst schon dahingegangen, und sein Tod wird von einer Bande beutehungriger Diadochen vertuscht.

Ganz sicher ist jedenfalls eines: Mit seinen 70 Jahren, die er, falls dennoch am Leben, letzten Heiligabend vollendet hat, spukt der »Mystery Man«, der »Große Unauffindbare« Howard Robard Hughes rüstig wie eh und je durch die Köpfe seiner Zeitgenossen.

Er hat ihre Phantasien ja schon immer schöner beflügelt als all die anderen Fabeltiere von der rüden Rasse der Reichen, hat ihr Interesse zeitweise stärker beansprucht als alle Politik.

Als vor vier Jahren ein Amerikaner namens Clifford Irving mit einer Hughesschen »Autobiographie« auftauchte, die er nach fast hundert Tonband-Interviews mit dem Milliardär verfaßt haben wollte, erregte diese irre Betrugs-Affäre mehr Aufmerksamkeit als der Vietnam-Krieg.

Aber Howard Hughes ist eben nicht nur sagenhaft reich, er ist ein Mythos. Er sei »der Ausdruck all dessen, was Amerika sein möchte«, rühmte einer seiner Bewunderer; er verkörpere »nahezu alle populären Legenden, die den Amerikanern so ans Herz gewachsen

*Hughes wurde in den fünfziger Jahren zum letztenmal photographiert. Zweites Bild von links ist nach einem Photo von 1957 entworfen worden. nachdem Hughes 1972 in einem Telephon-Interview erklärt hatte, er trage einen Spitzbart. Drittes Bild von links entstand nach Angaben des einstigen Hughes-Mitarbeiters Noah Dietrich, dem zufolge Hughes sich schulterlanges Haar und einen Backenbart habe wachsen lassen, um sein durch Flugzeugabstürze entstelltes Gesicht zu verbergen.

sind«, schrieb sein Biograph John Keats.

Und tatsächlich erscheint er geradezu wie eine perfekt ersonnene Symbolfigur des amerikanischen Traums von Geld und Ruhm und Macht, wie ein Hirngespinst aus Hollywoodschem Geist, das all die Kino-Sagen vom einsamen Wolf und kaltblütigen Spieler und zähen Außenseiter, für den kein anderes Gesetz gilt als das eigene, in absurdester Vollendung durchlebte.

Das Märchen von der großen Freiheit und den unbegrenzten Möglichkeiten, der Texaner mit dem Pokerface und den schlaksigen 1,90 Metern hat es wie kein zweiter verwirklicht -- verwirklicht bis zum Verfolgungswahn und bis zur Flucht ins Irreale.

Vieles wollte er sein, ein vervielfältigter Howard Hughes, ein mehrdimensionaler Ausnahmemensch von superlativem Nimbus, all das, wovon die Walter Mittys dieser Erde schon immer geträumt haben: der Welt reichster Mann, ihr größter Flieger, ihr kühnster Konstrukteur, ihr berühmtester Filmemacher. Und ganz nach Märchen-Art hat sich ihm, so oder so, noch jeder dieser Wünsche erfüllt.

In seiner glanzvollsten Zeit war er so etwas wie ein Lindbergh, ein Edison und »Citizen Kane« in einer Person. Und bis heute gilt er, bei aller herben Kritik, als der geniale Freibeuter, der es fertigbrachte, ein vergleichsweise übersichtliches Erbe in ein mächtiges Unternehmer-Reich im Schätzwert von 1,3 bis zwei Milliarden Dollar zu verwandeln.

Sieben Spielkasinos und Hotels in Las Vegas und Reno gehören zu diesem grotesk zusammengestückelten Imperium, eine Fluggesellschaft und ein Air Terminal, eine Fernseh-Station und eine TV-Produktionsgesellschaft, immense Ländereien in Texas, Arizona, Nevada und Kalifornien, eine Hubschrauber-Fabrik und eine »Hughes Aircraft Company«, die als einer der bedeutendsten amerikanischen Konzerne für Raketen- und Satelliten-Technik und elektronische Waffensysteme gegenwärtig mit Regierungsaufträgen in Höhe von zwei Milliarden Dollar in Rückstand ist.

Und dennoch ist der Herr dieses Reichtums nun schon seit Jahren landesflüchtig. Gespenstisch wie der Fliegende Holländer, ambulant wie der Ewige Wanderer irrt er durch die Fremde, ein Eremit in ausländischem Asyl, ein Kapitalist im Untergrund, der sich von seinem eigenen kapitalistischen System ausgestoßen fühlt.

Ein halbes Jahrhundert ist es her, daß er, 18jährig und elternlos, sich in seiner Geburtsstadt Houston für mündig erklären ließ und die ihm vom Vater hinterlassene »Hughes Tool Company« übernahm, deren phantastischer Ölbohrkopf mit 166 Schneiden ihm in kommenden Jahrzehnten auf den Ölfeldern der Welt unversiegbare Geldquellen erschloß.

Er gehörte zu denen, die der Romancier Scott Fitzgerald so bestaunte: »Sie besitzen und genießen früh, und das hat seine Wirkung. Es läßt sie sanft sein, wo wir hart sind, und zynisch, wo wir vertrauen. Tief im Herzen denken sie, daß sie besser sind als wir. »Ein Dutzend Individuen in einer Person.«

Der junge Howard, von GebUrt schwerhörig, war »ein gewinnender, wenn auch ziemlich exzentrischer junger Mann« von großer Menschenscheu und noch größerer Halsstarrigkeit. »Wie ein verwöhntes Kind bestand er darauf, das zu bekommen, was man ihm verweigerte« -- so hat ihn der alte Noah Dietrich in Erinnerung, der ihm 32 Jahre lang als »engster Vertrauter« diente.

Nach Dietrichs mit Groll und unwilliger Bewunderung durchmischten Reminiszenzen an den »erstaunlichen Mr. Hughes«, vor Jahren veröffentlicht, war er ein »Mensch von einzigartiger Faszination« mit ein paar nicht ganz löblichen Zügen. Launisch soll er gewesen sein, rücksichtslos, unbelehrbar, selbstgerecht und entsetzlich geizig, was ihn jedoch nicht daran gehindert habe, »Millionen zu verjubeln, um einem Irrlicht nachzujagen«.

Mit 19 -- ein College- oder Universitätsstudium hielt er nicht für nötig -- heiratete er ein Society-Mädchen aus Texas, das sich vier Jahre später wieder von ihm scheiden ließ.

Mit 21 brach er, wohlversorgt mit den Einkünften der »Toolco«, die ihn nie im geringsten interessierte, auf nach Hollywood und produzierte nach etlichen Anfangs-Stümpereien Kassenschlager wie den Weltkriegs-Fliegerfilm »Engel der Hölle«, für den er den platinblonden Engel Jean Harlow entdeckte und derartige Mengen von Flugzeugen aufkaufte, daß sie, nach. Dietrich. »für einen Krieg auf dem Balkan ausgereicht hätten«.

Er war zu dieser Zeit schon ganz der echte Howard Hughes: der Mann mit dem rechten Blick für die richtigen Mädchen und Mitarbeiter, der sich die besten Regisseure heranzuholen verstand, um ihnen dann gründlich ins Handwerk zu pfuschen; der unermüdliche Tüftler und Kleinigkeitskrämer, der 820 000 Meter Zelluloid verkurbelte, von denen schließlich 5000 auf die Leinwand kamen; der Verschwender, der für seinen Film 3,5 Millionen Dollar verausgabte, die aller Erfolg nicht wieder einspielen konnte.

Er war auch bereits der legendäre Gierhals, der die ganze flimmernde Pracht Hollywoods für sich selbst beanspruchte. der sich jedenfalls den schönsten Glamour aus der Traumfabrik kaufte, um ihn gleich an Ort und Stelle und live zu konsumieren: Billie Dove, Katherine Hepburn, Linda Darnell, Ida Lupino. Lana Turner. Ginger Rogers, Olivia de Havilland, Loretta Young, Mitzi Gaynor, Ava Gardner, Susan Hayward, Yvonne de Carlo und viele, viele andere, dazu ein ganzes Firmament von Starlets -- sie alle konnten sich dem Goldjungen, der so schüchtern war, daß seine Talentsucher für ihn stets das erste Rendezvous aushandeln mußten, einfach nicht versagen.

Aber er war auch schon der Howard Hughes, der viel lieber noch an seinen Flugzeugen bastelte und als Pilot Kopf und Kragen riskierte. Drei Abstürze, den ersten während der Dreharbeiten zu den »Höllenengeln«, hat er überlebt, mit zerschlagenen Backenknochen und zerbeultem Gesicht, Gehirnerschütterungen und Verbrennungen, mit Nasenbein-, Schlüsselbein- und Rippenbrüchen -- ihre Nachwirkungen, ahnt Dietrich, hätten später »viel dazu beigetragen, seine seltsame Persönlichkeit zu formen«.

In den zwanziger, den dreißiger Jahren jedoch erregte seine Persönlichkeit nur höchste Bewunderung. Er repräsentierte ein junges, strahlendes, sieghaftes, normensprengendes Amerika, das es wahrlich besser hatte. Als er nach einer Serie von kontinentalen Geschwindigkeitsrekorden 1938 in der neuen Bestzeit von 91 Stunden die Erde umflog, feierte ihn das Land als seinen neuesten Lufthelden, und bei der Konfetti-Parade auf dem New Yorker Broadway schneite es ihm zu Ehren beispiellose 1800 Tonnen Papier.

Er war der Lieblingssohn der Nation, das bizarre Millionärs-Wunder mit den vielen Talenten, »ein Dutzend Individuen in einer Person«. Und dazu gehörte vor allem auch der genial dilettierende Erfinder Howard Hughes, der detailbesessene Ingenieur von bester amerikanischer Tradition, dem die Luftfahrt bereits das erste einziehbare Fahrgestell verdankte und bald noch Größeres verdanken sollte.

Als er in den Jahren des Zweiten Weltkriegs den skandalmachenden Western »Geächtet« drehte, ersann er für die einstige Sprechstundenhilfe Jane Russell -- er hatte sie gerade im Vorzimmer seines Zahnarztes für den Film entdeckt -- einen formidablen Büstenhalter, dessen Konstruktionsziele ("Wir holen nicht genug Leistung aus Janes Brüsten!") er in einer längeren Aktennotiz so zusammenfaßte:

»Dieser Büstenhalter also sollte ihre Brüste hochhalten, aber so dünn sein, daß er die natürliche Form ihrer Brüste bewahrt, anstatt ihnen eine unnatürliche Form zu geben. Und wenn irgend etwas im Kleid selbst am Punkt der Brustwarze angebracht werden könnte, um dem Kleid gerade so eben eine realistische Spitze zu geben (die Russell nicht immer hat), und wenn das zustande gebracht werden könnte, ohne irgend etwas in das Kleid hineinzutun, was die Kontur stört, außer genau am Punkt der Brustwarze -- dann wäre das ideal.«

Das »größte Flugzeug aller Zeiten«.

Gleichzeitig und mit der gleichen Inbrunst aber baute er damals in einem Riesen-Hangar seiner kalifornischen »Hughes Aircraft Company« auch am gewaltigsten Monument seines Lebens: dem »größten Flugzeug aller Zeiten«.

Die »Hercules«, auch »Fichtengans« genannt, war ein achtmotoriges Sperrholz-Flugboot von 800 Tonnen Gewicht. Sie hatte fast 100 Meter Spannweite, ein Leitwerk von der Höhe eines achtstöckigen Hauses und war knapp vier Meter kürzer als der heutige Boeing-Jumbo.

700 GIs oder entsprechende Mengen an Kriegsmaterial sollte sie je Fracht über den Atlantik an die europäische Front befördern, doch sie hat ihren vaterländischen Zweck nie erfüllt: Der »Fliegende Holzplatz«, der 50 Millionen Dollar vom Hughes-Kapital und

* Präsident Franklin Roosevelt überreicht Hughes als »weltbestem Flieger des Jahres 1936« die Hammonn-Trophäe.

weitere 20 Millionen Mark an Steuergeldern verschlang, wurde bis Kriegsende nicht fertig, er ist überhaupt nie in Dienst gestellt worden.

Nur um dem allgemeinen Geraune ein Ende zu bereiten und zu beweisen, daß sie überhaupt fliegen konnte, ging Hughes ("Wenn sie nicht fliegt, verlasse ich dieses Land") 1947 im Hafen von Long Beach mit seiner »Hercules« 25 Meter hoch und eine Meile weit in

* Bild unten: wegen einer 50-Dollar-Wette startete Hughes nach dem Lunch in Chicago, um rechtzeitig zum Abendessen in Los Angeles zu landen. Hughes gewann.

die Luft. Es blieb ihr einziger Flug. Seither steht »Howards größte Narretei« schwerbewacht in einem Hangar und modert für 46 000 Dollar Jahresmiete vor sich hin.

Dies waren die Jahre der ersten schweren Enttäuschungen, die Jahre auch, in denen Hughes und Amerika einander fremd zu werden begannen. Der Multimillionär aus dem Westen, den der alte Pioniergeist noch immer neuen Horizonten entgegentrieb, war an Grenzen gestoßen. Nur wollte er sie nicht wahrhaben, denn ein Howard Hughes gab niemals auf. Zu einer Zeit, als die amerikanische Rüstungsindustrie auf Hochtouren lief, war er der »unergründliche Einzelgänger« und »exzentrische Bastler« geblieben. der laut Dietrich »den Unterschied zwischen der Massenproduktion von Bombern und der Handarbeit an einem Rennflugzeug einfach nicht zu begreifen schien

Noch weniger aber vermochte er es zu fassen, daß er, der »Mann, der niemandem Rechenschaft schuldete«, 1947 nach Washington vor den Sonderausschuß des Senats zur Untersuchung des nationalen Verteidigungsprogramms beordert werden konnte.

Es war ihm unverständlich, daß diese korrupten und heuchlerischen Politiker im Osten Aufklärung darüber verlangen durften, warum seine »Hughes Aircraft« Aufträge von über 90 Millionen Dollar und Millionen-Vorschüsse für den Bau von Militärflugzeugen angenommen hatte, die dann niemals geliefert wurden; daß er sich zu dem Vorwurf äußern mußte, seine Firma habe sich durch Bestechung und mit Hilfe von Callgirls bei Mitgliedern der Regierung Vorteile verschafft.

Hughes hat damals diesem Ausschuß unter Vorsitz des Senators Owen Brewster (gegen den er später so lange intrigierte, bis Brewster sich aus der Politik zurückzog) mit Hochmut und Sarkasmus die Leviten gelesen. War es seine Schuld, daß der Krieg schon zu Ende war, bevor seine Maschinen auf Serie gelegt werden konnten? Hatte die »Hughes Aircraft« nicht trotzdem, etwa durch die Entwicklung eines Ladesystems für 1O-Millimeter-Bordkanonen, ihren Verteidigungsbeitrag geleistet? Und was die kleinen Geschenke und Mädchen anbetraf: Machten das nicht alle so?

Howard Hughes war nach diesem Hearing wieder einmal der Held der Nation. Er hatte es diesen Brüdern von der Regierung gegeben, hatte Brewster als Lügner entlarvt und sich als aufrechter Texaner in einer Welt der schmutzigen politischen Geschäfte behauptet.

Aber er wurde seines Triumphes nicht froh. Er verstand dieses Amerika nicht mehr, das der Krieg so völlig verwandelt hatte. Plötzlich sah er sich bedroht von einem Establishment, das ihm sein Recht auf Persönlichkeitsentfaltung streitig zu machen versuchte und sich an den Prinzipien freien Unternehmertums vergriff.

Gegen die Ansprüche des Staates hatte er sich schon immer mit aller Kraft zur Wehr gesetzt. Gewiß, er war ein notorischer Superpatriot, der sich auch in der McCarthy-Ära als verdienter Kämpfer gegen die »rote Gefahr« hervortat. Aber er konnte zum Beispiel nie einsehen, warum er Steuern zahlen und »der Regierung dieses ganze Geld in den Rachen werfen sollte«.

»Wie eine Frau, die einen neuen Hut aussucht.«

Als einziger Aktionär der »Toolco« hat er sich deshalb nie Dividenden ausgeschüttet und (da seine persönlichen Ausgaben ohnehin auf Geschäftsunkosten gingen) nur ein Jahresgehalt von 50 000 Dollar genehmigt (sein Generalbevollmächtigter Dietrich durfte das Zehnfache versteuern); er hat Gewinnanhäufungen vermieden und mit Überschüssen auf legale und nicht ganz legitime Weise schnellstens expandiert -- nur so, aus diesem wahrhaft pathologischen Haß gegen das Finanzamt, ist die enorme Ballung Hughesscher Wirtschaftsmacht überhaupt zustande gekommen.

Nun jedoch war es nicht mehr allein der Fiskus, den er zu fürchten hatte. Ein neues, seriöses, gleichsam erwachsen gewordenes Amerika anonym wuchernder Bürokratien und gesichtloser Konzern-Riesen begann sich zu formieren, das für den rauhen Individualismus eines Howard Hughes nicht mehr das rechte Verständnis aufzubringen schien.

Und so begann, nach jenem Gerichtstag in Washington, auch für Howard Hughes der Kalte Krieg. Er fühlte sich verfolgt, bespitzelt, überall von Wanzen umlauert, doch er war auf der Hut, er wußte sich zu schützen.

Er hatte schon immer eine infantile Neigung zum Versteckspielen bekundet. Jetzt, da er über 40 war und somit ohnedies im Alter der Verdüsterung, trieb er seine Geheimniskrämerei bis zum finstersten Wahnwitz.

In der RomaineStreet 7000 im unteren Hollywood, wo einst die Spürhunde Hammetts und Chandlers schnüffelten, errichtete er seine seither legendäre Nachrichten-Zentrale, das »Nervenzentrum« seines Reichs; er besetzte es mit Kurieren, Chauffeuren, Telephonistinnen und Sekretärinnen, die ihm, ohne daß sie ihn je gesehen hätten, 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen und jeden Wunsch erfüllen mußten.

Er kaufte eine Flotte von 20 Chevrolets, weil er meinte, daß niemand in der Lage sei, »in 20 Autos Abhörgeräte einzubauen«. In seinem Haus in Bei Air durfte nicht einmal mehr das Dienstmädchen in sein Schlafzimmer, um die Bettlaken zu wechseln; er machte das selbst.

Damals begannen die kuriosen Geschäftsbesprechungen in Cockpits und entlegenen Motels und mitten in der Wüste parkenden Wagen, die langen nächtlichen Ferngespräche aus öffentlichen Telephonzellen. »Wenn man mit ihm sprach«, entsinnt sich ein ehemaliger Hughes-Angestellter. »ging's immer ding-dong, boing-boing.«

Der große Egozentriker veränderte sich. Längst hatte er seine Maßanzüge abgelegt, er lief nun in zerknittertem Hemd, ausgebeulten Hosen und Tennisschuhen umher. Seine Widersprüchlichkeiten wucherten ins Monströse aus.

Zwar jagten seine Talentsucher noch immer nach der »Frau mit dem perfekten Gesicht und der perfekten Figur« und schleppten Stars und Starlets, Photomodelle und Studentinnen heran, für die Hughes (der sich brüstete, 200 Mädchen entjungfert zu haben) fünf luxuriös ausgestattete Villen um Beverly Hills bereithielt.

Aber gleichzeitig verstärkte sich seine Bazillen-Phobie derart, daß er kaum noch jemand die Hand gab und keine Türklinke mehr anfassen wollte. Sekretärinnen, die Papiere für ihn ausstellten, und Boten, die sie ihm überbrachten, mußten weiße Baumwollhandschuhe tragen. Nagellack und Parfüm waren in seinen Büros nicht erlaubt.

Der selbstherrliche Autokrat Howard Hughes, der nie an einer Aufsichtsratssitzung teilnahm, nirgendwo ein Büro besaß, wurde der Schrecken seiner Direktoren. Denn in welcher seiner Firmen er, je nach Laune, auch auftauchte, um nach dem Rechten zu sehen -- er schuf Chaos, teils mit überstürzten Handlungen, öfter noch, weil er sich, laut Dietrich, bei wichtigen Entscheidungen »wie eine Frau benahm, -die einen neuen Hut aussucht; er konnte sich nicht entschließen«.

1948 erwarb er die Aktienmehrheit an den RKO-Filmstudios in Hollywood. Unter seiner Herrschaft brachte es die Firma in wenigen Jahren auf 24 Millionen Dollar Verlust, ihr Personal schrumpfte von 2000 auf 500. 1954 verkaufte er die RKO und machte dabei noch 15 Millionen Dollar Profit.

Als Anfang der fünfziger Jahre die »Hughes Aircraft«, damals bedeutendster Lieferant elektronischer Systeme für die Air Force« unter seiner persönlichen Fürsorge zu leiden hatte, rebellierten seine 3300 Wissenschaftler und Ingenieure und verlangten größere Unabhängigkeit. Hughes wies die »Kommunisten« ab: »Ich lasse mir nicht das Recht nehmen, mein Eigentum zu verwalten. Eher brenne ich das Werk nieder.«

»Es ist mein Geld, und es geht keinen etwas an, was ich damit mache« -- diesen Schlüsselsatz seiner Existenz hat er gern und oft ausgesprochen, und er konnte nie begreifen, was daran falsch sein sollte. Schließlich war es das oberste Dogma des Ur-Kapitalismus, den er In reinster Vollkommenheit verkörperte.

Aber er fand kein Verständnis, das Dogma war ja längst abgewandelt, den Zeit-Läufen angepaßt. Während der Kapitalismus sich sozusagen sozialisierte, während die Industrie-Giganten mit dem Staat zur gedeihlichen Symbiose verschmolzen, während die Großfirmen in die Regierungs- und Militär-Kanäle eindrangen und die Militärs und Politiker sich ihrerseits den Konzern-Managements einverleibten, blieb Howard Hughes der einsame Asoziale, der Anarchist mit den Milliarden, gegen den sich ganz Amerika verschworen zu haben schien.

Und so wandelte er sich schließlich zu jenem »Huckleberry Finn der amerikanischen Geschäftswelt": Er

rannte dieser ganzen respektablen Gesellschaft einfach davon, er tauchte unter.

Ab 1956 durfte ihn keiner seiner Top-Manager, mit Ausnahme Dietrichs, mehr anrufen. 1957 heiratete er Ohios Schönheitskönigin Jean Peters und nahm sie mit in die Einsamkeit (die Ehe wurde 1970 geschieden). 1958 gab er sein letztes Interview »auf Sicht«.

Zu den wenigen, die ihn noch zu Gesicht bekamen, gehörten seine braven Mormonen, von denen er sich schon seit einem Jahrzehnt beschützen ließ, weil die Mormonen, wie er glaubte, »die rechtschaffenste Bevölkerungsgruppe im ganzen Land sind. Sie trinken keinen Alkohol und nehmen keinerlei Hilfe von Organisationen oder der Regierung an«.

Doch auch ein Ron Kistler will ihn damals noch gesehen haben. Erst unlängst erinnerte er sich im »Playboy« des Jahres 1957, als er für Hughes, der sich in einem Bungalow des »Beverly Hills Hotel« unermüdlich Filme vorführen ließ, einzigartige Dienstleistungen vollbrachte: Während sein Chef »nackt und nur mit einer Hotel-Serviette auf dem Schoß bei abgestellter Klima-Anlage in der entsetzlichen Treib-

* In dem Hughes-Film »The Outlaw« (Geächtet").

haus-Hitze saß, Kleenex-Schachteln übereinanderstapelte und sich die Filme ansah«, habe er, Ron, stumm und nach präzisem Reglement Fliegen fangen müssen.

»Fliegenklatschen, Zeitungen oder Magazine, Fliegenpapier oder Spraydosen waren nicht erlaubt. Ich mußte die Hand mit einem Kleenex bedecken, so daß sie nicht in direkte Berührung mit dem Feind kam, und durfte mich nur langsam bewegen. Jede plötzliche Bewegung hätte eine Staubwolke in dem unglaublich verdreckten Raum auf gewirbelt.

»Hughes bestand stets darauf, den zur Strecke gebrachten Feind zu sehen. Ich mußte mich vor seinen Stuhl hinstellen, den Arm ausstrecken und das Kleenex drei Handbreit vor seiner Nase entfalten, damit er das Opfer inspizieren konnte. Ab und zu sagte er dann: »Das ist eine hübsche Fliege, Ron.'«

In jenen Fliegenfänger-Wochen, berichtet Kistler, habe ihm »der Geisteszustand wie auch die geschwächte körperliche Verfassung« seines Herrn zu denken gegeben: »Er legte immer häufiger ein wahrhaft wunderliches Benehmen an den Tag. Körperlich glich er einem Skelett. Seine Wangenknochen standen grotesk aus dem eingesunkenen Gesicht hervor; mit den schwarzen Rändern unter seinen Augen wirkte er wie ein irrer Komödiant. Seine Waden glichen Handgelenken, seine Schenkel kräftigen Unterarmen.«

Es war die gleiche Zeit, in der Hughes« Arzt und einer seiner Anwälte Noah Dietrich nahelegten, »ein Vormundschaftsverfahren in die Wege zu leiten« und »Howard für unzurechnungsfähig erklären zu lassen«.

Dietrich trennte sich kurz darauf grollend von seinem Meister, der in 32 Jahren »nie ein Wort des Dankes« für ihn gefunden und ihm zuletzt eine kleine Mitbeteiligung an der »Toolco« verweigert hatte. 1958 sah ihn noch einmal, insgeheim und streng vertraulich, ein Mann von »Time«. Als der große TWA-Krieg gegen ihn begann, schien er schon nicht mehr von dieser Welt.

1961 entzog ihm die zivile Luftfahrtbehörde CAB auf Betreiben eines Bankenkonsortiums die Kontrolle über die »Trans World Airlines«, die er mit einer Aktienmehrheit von 78 Prozent beherrscht hatte. Hughes, brachten seine Gegner vor, habe die Gesellschaft gründlich heruntergewirtschaftet und durch lächerliche Entscheidungsunfähigkeit verschuldet, daß die TWA viel zu spät Düsenflugzeuge einkaufte.

Ihre Schadenersatzklage auf 137 Millionen Dollar, mit der die Bankiers anschließend vor Gericht gingen, führte »zum größten, teuersten und erstaunlichsten Rechtsstreit in der Geschichte amerikanischer Zivilprozesse«. Er kostete mehr als 22 Millionen Dollar, dauerte zwölf Jahre und endete 1973 mit einem neuen Sieg des erstaunlichen Mr. Hughes -- der Fall, so wurde in letzter Instanz entschieden, habe von vornherein nie vor den Richter gehört.

Eine »griechische Tragödie« sei dieser TWA-Streit, schrieb »Fortune«, »mit einem Chor von 50 Rechtsanwälten aus zehn Anwaltsfirmen und anderthalb Millionen Dokumenten, die in vielerlei Versionen von des Dramas Mysterien künden, während die zentrale Figur selbst unsichtbar bleibt«.

Aber eher noch glich der Prozeß wohl einer absurden Farce. »Wie lange noch«, stöhnte der TWA-Anwalt John Sonnett, »müssen Männer von Format die Beleidigungen eines Menschen hinnehmen, der sich offenbar in irgendeinem Hinterhof in einer Mülltonne versteckt hält und seine geheimen Geschäfte in Telephonzellen oder Männeraborten erledigt?«

»Howard Hughes«, verkündete der Hughes-Generalanwalt Chester Davis. »ist ein ungewöhnlicher und genialer Mensch. Er weiß, was er tut. Er hat gute Gründe für das, was er tut, und für das, was er nicht tut. Wenn er niemanden sehen will, warum, zum Teufel, sollte er dann?« Fernsehen bis zum Morgengrauen.

Offensichtlich wußte Hughes tatsächlich, was er tat. Er, der die Senatoren öffentlich Mores gelehrt hatte, sei nie vor Gericht erschienen, glaubt Dietrich zu wissen, »weil er fürchtete, seine Konzentrationsfähigkeit würde einem Kreuzfeuer nicht mehr standhalten; weil man, wenn er in der Öffentlichkeit auftrat und Zweifel an seiner geistigen Gesundheit erweckte, ihm vielleicht alles wegnehmen würde«.

Doch für einen Verrückten bewies Hughes einen erstaunlich klaren Verstand. 1966, mitten im tobenden TWA-Kampf, als der Welt zweitgrößte Fluggesellschaft wieder bestens florierte und ihre Aktien auf erstaunliche 86 Dollar das Stück geklettert waren, verkaufte er seinen gesamten TWA-Anteil und kassierte den höchsten Barscheck, der je in der Geschichte des amerikanischen Geschäftslebens auf eine Person ausgestellt wurde: 546 549 771 Dollar.

Daraufhin zog er nach Las Vegas, ließ sich auf einer Bahre ins »Desert Inn Hotel« tragen, verbarrikadierte sich mit seiner »Mormonen-Mafia« im Penthouse und begann fast die ganze Stadt aufzukaufen,

Durch Vermittlung seines neuen Premiers Robert Maheu, eines einstigen FBI- und wohl auch CIA-Agenten. dem unter anderem die Beteiligung an einem Mordkomplott gegen Fidel Castro nachgesagt wird, erwarb er sechs Hotels und Kasinos in Las Vegas, ein weiteres Kasino in Reno, weit über hundert Quadratkilometer Land, die heutige Fluglinie »Hughes Airwest«, ein Air Terminal und die Fernsehstation KLAS-IV, die fortan bis zum Morgengrauen Western- und Fliegerfilme auszustrahlen hatte.

Nach vier Jahren war Hughes, nur noch »The Man« genannt, der bei weitem bedeutendste Arbeitgeber von Las Vegas, die beherrschende Wirtschaftsmacht des Staates Nevada. Es war eine Macht, die sich nachdrücklich Geltung zu verschaffen suchte. Unsichtbar selbst für Maheu saß er in seinem »Desert Inn«-Palast und kritzelte Weisungen an seinen Statthalter, in denen er sich zum Beispiel eine verstärkte Rassenintegration in der Stadt verbat: »Für mein Gefühl haben die Neger schon genug Fortschritte erzielt, um damit die nächsten hundert Jahre auszukommen; man kann"s mit der Emanzipation der Schwarzen auch übertreiben.«

Oder er fragte an: »Warum um alles in der Welt haben wir es zugelassen, daß Präsident Nixon einen Richter für das Oberste Bundesgericht ernennt, ohne sich vorher persönlich mit mir in Verbindung zu setzen?«

Und verblüffenderweise schienen sich nicht nur die Behörden von Las Vegas und Nevada diesem Machtanspruch zu beugen, auch Washington war dem Eigenbrötler im Abseits offenbar gern zu Willen.

Als der Mann mit dem unüberwindlichen Horror vor Bakterien gegen Nuklear-Tests der Atomenergie-Kommission in der Wüste von Nevada protestierte, weil sie die Luft verschmutzten, die er atmete, versprach, laut »New York Times«, Nixon die Entsendung Henry Kissingers, damals noch Chef des Nationalen Sicherheitsrates, der den Fall mit Hughes besprechen sollte (die Begegnung kam nicht zustande).

Damit er seine Kette von Spielkasinos erwerben konnte, hatte die Nevada Gaming Commission mit Billigung des amerikanischen Justizministeriums Antitrust-Gesetze in den Wind geschlagen und rechtswidrig Kasino-Lizenzen an einen Bewerber vergeben, den sie nie zu Gesicht bekommen, von dem sie nie Bürgschaften und Offenlegung der Bilanzen verlangt hatte.

Um seine internationale »Airwest« zu erwerben, brauchte Hughes, seit Jahren der unfähigen Führung der TWA beschuldigt, die Zustimmung des Civil Aeronautics Board. Sie wurde ihm ohne vorherige Anhörung und ohne große Formalitäten erteilt.

Howard Hughes, kein Zweifel, erfreute sich unerhörter Privilegien. Er bekam sie ganz einfach deshalb, weil er sie sich erkaufte. »Jeder Mensch«, davon war er zeitlebens überzeugt, »hat seinen Preis«, und Hughes war bereit. ihn zu zahlen, wenn es nur etwas einbrachte. Er zahlte ihn schon seit Jahrzehnten, an Demokraten wie Republikaner, an Kommunalpolitiker, Sheriffs, Steuerbeamte, Distriktanwälte, Gouverneure, Kongreßabgeordnete, natürlich auch an höhere Chargen.

»Ich bin bestimmt nicht glücklich.«

Als 1957 der kalifornische Snackbar-Besitzer Donald Nixon (Spezialität des Hauses: ein opulenter »Nixonburger") nicht gut bei Kasse war, sprang Hughes mit einem Darlehen von 205 000 Dollar ein, das nie zurückgezahlt wurde. Und Donalds Bruder, der damalige Vizepräsident Richard Milhous Nixon, wußte das zu würdigen. Jedenfalls erhielt das von ihm gestiftete »Hughes Medical Institute« in Miami, das er zu seinem Erben bestimmt hat, gleich darauf endlich jenen steuerfreien Status. der ihm vom Finanzministerium vorher zweimal verweigert worden war.

Auch in den Jahren, als Hughes Las Vegas kaufte, machte er für Präsident Nixon die Schatulle auf: Um 1970, soviel ist bewiesen, ließ er Nixons Freund Charles ("Bebe") Rebozo zweimal 50 000 Dollar überreichen.

Diese Hughes-Nixon-Connection aber, so vermutet der »New York Times«- Journalist Anthony Lucas, habe dann 1972 ins Dunkel der Watergate-Affäre und zur Amtsenthebung des Präsidenten geführt. Denn die schweren Jungen aus dem Weißen Haus, die ins Hauptquartier des Demokratischen Nationalkomitees einbrachen, sollten, nach Lucas, wohl nur »ermitteln, wieviel die Demokraten und ihre Helfer über einige sehr trübe Geschäfte zwischen Hughes und Nixon wußten«.

Doch als die schmutzige Watergate-Wäsche gewaschen wurde, war Hughes längst schon außer Landes. Im November 1970 verschwand »The Man« samt Palastwachen aus Las Vegas und hinterließ den Verdacht, daß er entführt oder gar ermordet worden sei.

Er zerstreute ihn ein Jahr später, als gerade seine »Autobiographie«, präsentiert von Clifford Irving, auf den Markt kommen sollte: In einem vom Fernsehen übertragenen Telephon-Interview von zweieinhalb Stunden, zu dem sich sieben Journalisten in einem Konferenzraum des »Sheraton Universal« in Los Angeles eingefunden hatten, offenbarte eine körperlose Stimme, daß das Clifford-Buch eine Fälschung, er selbst aber, Howard Hughes, durch-

* Aufgenommen während einer ihrer seltenen Auftritte in der Öffentlichkeit auf der Festveranstaltung zur »Oscar-Verleihung 1970 in Hollywood. Drei Monate zuvor hatte sie angekündigt, daß sie sieh von Hughes scheiden lassen wolle.

aus echt und am Leben sei, wenn auch nicht gerade so, »wie ich es mir wünschte": »Ich bin bestimmt nicht glücklich über meine Verfassung.«

Hughes, wenn Hughes es war (doch für die sieben Journalisten gab"s da keinen Zweifel) sprach vom 4800 Kilometer entfernten »Britannia Beach Hotel« auf Paradise Island ganz in der Nähe von Nassau. Er beklagte sich über die Ränke finsterer Verschwörer, die ihn in die Einsamkeit verbannt hätten, über sein Exil, das er nicht verlassen könne, weil »ich nicht den Rest meines Lebens damit verbringen will, in irgendwelchen Gerichtssälen zu sitzen«.

Als kurze Zeit nach dieser Telephon-Konferenz bahamesische Beamte, die vermutlich ihren amerikanischen Kollegen Amtshilfe leisten wollten, im neunten Stock des »Britannia Beach« erschienen und Einlaß in seine Suiten begehrten (der ihnen verweigert wurde), fühlte Hughes sich auch in seinem Exil-Palast nicht mehr sicher.

Heimlich floh er nach Nicaragua und belegte anderthalb Etagen im Hotel Intercontinental von Managua. Einen Monat später, März 1972, tauchte er in Vancouver auf. Im Dezember traf er in London ein und etablierte sich im Hotel »Inn on the Park«. Ende 1973 kehrte er auf die Bahamas zurück, kaufte für 15 Millionen Dollar das Luxushotel »Xanadu Princess« und richtete sich im Penthouse ein. »Der Traum, den wir nicht länger dulden.«

Dort soll er heute noch wohnen, so wenig erreichbar wie eh und je, eher noch weniger. Denn Howard Hughes hat in den letzten Jahren eine besonders schlechte Presse.

Sie berichtet zum Beispiel von seinem Tiefsee-Forschungsschiff »Glomar Explorer«, das angeblich Manganknollen vom Meeresboden zutage fördern soll und bisher lediglich für die CIA (Kosten des Unternehmens: 400 Millionen Dollar Steuergelder) Teile eines sowjetischen U-Boots aus den Tiefen des Pazifiks gehoben hat.

Sie berichtete bis vor kurzem noch von der Ehrenbeleidigungsklage seines einstigen Angestellten Maheu, den er einen »unaufrichtigen Hundesohn« genannt hat, »der mich schamlos bestahl«, und der vor Gericht ein sehr häßliches Bild von Hughes zeichnete (Maheu gewann den Prozeß und durfte 2,8 Millionen Dollar kassieren).

Vor allem aber berichtet sie von einer Klage der Börsenaufsichtsbehörde, die Hughes nun endlich einmal vor

* Oben: Dick Hannah (stehend), Public-Relations-Mann der Hughes Tool Company« wählt in Los Angeles für die um den Tisch sitzenden Journalisten den in Nassau auf den Bahamas residierenden Hughes an, dessen Stimme über einen Lautsprecher verstärkt wird. Unten: Der amerikanische Akustik-Experte Dr. Peter Ladefoged verglich das Hughes-Stimmbild der Pressekonferenz vom 7. Januar 1972 mit einer Hughes-Rede von 1938: »Ich bin ziemlich sicher, das ist seine Stimme.«

Gericht bringen soll. Hughes, so lautet die böse Anschuldigung, habe gemeinsam mit vier von seinen Mitarbeitern beim Kauf der »Airwest« durch illegale Börsenmanöver die Aktien gedrückt und dabei die Aktionäre der Fluggesellschaft um mehr als 15 Millionen Dollar betrogen.

Doch Howard Hughes bleibt unauffindbar. Im September letzten Jahres wurde er vom Obersten Gerichtshof in Manhattan aufgefordert, zu einem Termin zu erscheinen, falls er nicht Gefahr laufen wolle, amtlich für tot erklärt zu werden. An seiner Stelle erschien Chester Davis, um dieses »erpresserische« Ansinnen zurückzuweisen. Ein ordentliches Verfahren gegen Hughes erzwingen zu wollen, resignierte in Nevada ein Richter, sei so lachhaft »wie das Schattenboxen mit einem Geist«.

Bald, so hatte Hughes vor Jahren in seinem Telephon-Interview versprochen, werde er wieder nach Las Vegas zurückkehren, bald sogar Journalisten zu einem Gespräch »von Angesicht zu Angesicht« empfangen.

Er ist nicht zurückgekehrt, er wird wohl nicht mehr zurückkehren. Denn Howard Hughes ist ein Mythos. »Er ist«, so schrieb die Amerikanerin Joan Didion, »der Traum, den wir nicht länger dulden.«

Aber geduldet oder nicht: In den Träumen, die Amerika träumt, geistert immer noch ein Howard Hughes. Ende

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