Zur Ausgabe
Artikel 24 / 119
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

GEWERKSCHAFTER Das letzte Gebot

Der Villenkauf des IG-Metall-Chefs Jürgen Peters gerät immer stärker ins Zwielicht: Finanzkräftige Mitbewerber um die Immobilie kamen nicht zum Zuge.
aus DER SPIEGEL 43/2003

Viel bekam Gert Meinhof von den zwei Villen in exklusiver Lage nicht zu sehen. Der Ingenieur besichtigte das Treppenhaus, den Dachboden und eine Mietwohnung: Erdgeschoss links, drei Zimmer, 84 Quadratmeter, guter Zustand. Der Rest sei vermietet, da könne man nicht stören, bat der Mitarbeiter der GBH, der städtischen Wohnungsbaugesellschaft in Hannover, bei der Besichtigung am 13. August 2002 um Verständnis.

Doch was Meinhof in dem historischen Gemäuer inmitten einer lauschigen Parkanlage sah, reichte ihm: Er gab ein Kaufangebot für die beiden Häuser ab. 675 000 Euro würde er für die Objekte zahlen, schrieb Meinhof der GBH.

Den Zuschlag für die Villen in den Herrenhäuser Gärten in Hannover erhielt er dennoch nicht. Die GBH verkaufte die Immobilien im Januar an eine Gruppe um den heutigen IG-Metall-Vorsitzenden Jürgen Peters und Hasso Düvel, Gewerkschaftschef im Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen. Die beiden wollen mit Verwandten und Freunden dort ihren Alterswohnsitz einrichten - und hatten innerhalb der Bieterfrist lediglich 660 000 Euro geboten (SPIEGEL 40/2003).

Dass Meinhof dabei nicht zum Zuge kam, wirft ein neues Licht auf das Immobiliengeschäft der Gewerkschaftsbosse. Gab es bislang nur Vermutungen, Peters und Düvel könnten die Liebhaberobjekte von Genossen in der Kanzlerstadt unter Wert zugeschanzt worden sein, liegen nun deutliche Hinweise vor, wie die merkwürdigen Geschäfte wohl abgelaufen sind.

Für Meinhof jedenfalls steht fest, dass er Opfer eines abgekarteten Spiels wurde. Schon kurz nach der Besichtigung habe er nämlich der GBH mitgeteilt, er habe ein »großes Interesse« an dem Objekt. Lediglich das geforderte »ausführliche Sanierungskonzept« konnte er noch nicht vorlegen, die Abstimmung mit Mietern und Denkmalschutz brauche eben Zeit. Der Mann weiß, wovon er spricht: Seit 27 Jahren saniert er in Hannover Altbauten.

Doch der Geschäftsführung der GBH kam das Fehlen des Konzepts wohl ganz gelegen, um Meinhof aus dem Verfahren zu werfen - freilich ohne ihm das mitzuteilen. Der Bieter habe sein Angebot »unter Vorbehalt abgegeben« und sei deshalb nicht berücksichtigt worden, heißt es nun in einer kurzen Mitteilung der GBH. Eine »glatte Lüge«, findet der Ingenieur: »Wenn man in meinem Angebot einen Vorbehalt sah, warum hat man mich dann nicht angesprochen?«

Peters und Düvel hatten weniger Probleme, sich verständlich zu machen. Als Düvel das Angebot am 12. September 2002, kurz vor Ende der Bieterfrist, einreichte, benötigte er jedenfalls nur wenige Zeilen, um das Sanierungsvorhaben zu beschreiben. Die Gruppe bot zunächst 600 000 Euro, später 660 000 Euro. Das Angebot war damit so hoch wie das eines dritten Bieters.

Merkwürdig mutet auch der Umgang mit Fritz Hein an, einem weiteren Bewerber. Der hatte erst drei Tage vor Ende der Frist am 15. September von dem Verkauf erfahren und sich sofort um einen Besichtigungstermin bemüht. Dazu kam es allerdings erst am 20. September, fünf Tage nachdem die Angebote eigentlich vorliegen mussten. Hein hatte einen Vertreter seiner Bank dabei. Der erinnere sich ebenso wie er daran, dass der GBH-Mitarbeiter ihn aufgefordert habe, schnell ein Angebot vorzulegen, sagt Hein: »Die Fristüberschreitung war kein Thema. Sonst wäre die Besichtigung ja sinnlos gewesen.«

Die GBH allerdings sortierte Heins Angebot ebenso aus wie das von Meinhof. Hein sei darauf hingewiesen worden, dass die Frist bereits überschritten war, behauptet noch heute die GBH-Leitung.

Dabei lag das Angebot des Zahnarztes zuletzt bei 690 000 Euro - 30 000 Euro höher als die Metaller-Offerte. Doch die GBH-Geschäftsführung meldete sich nicht, der Aufsichtsrat erteilte am 9. Dezember 2002 den Gewerkschaftsbossen den Zuschlag. Von den anderen Angeboten erfuhren die Mitglieder nichts.

Offenbar aber Peters. Jedenfalls zeigte seine Bietergruppe sich nach der Zusage merkwürdig großzügig: Sie legte noch einmal 30 000 Euro drauf. Nun lag der Preis bei 690 000 Euro - so hoch wie das angeblich ungültige Angebot des Zahnarztes.

Im Nachhinein ergibt der Nachschlag einen Sinn: Hein hatte sich inzwischen beschwert, dass er nicht zum Zuge gekommen war. Im Januar teilte ihm die Geschäftsführung mit, er habe den Zuschlag nicht erhalten, weil ein Mitbewerber »den gleichen Preis gezahlt« und ein »besseres und schlüssiges Verwertungskonzept« vorgelegt habe. Der Zahnarzt wollte die Mieter in den Villen wohnen lassen; die Gruppe um den Gewerkschafter Peters hingegen versucht, die Bewohner bis zum 30. April 2004 zum Auszug zu bewegen - wer früher geht, erhält Geld.

Vielleicht allerdings können die Mieter doch noch wohnen bleiben. Ingenieur Gert Meinhof fordert eine Rückabwicklung des Kaufs: »Wenn es so kommt, muss niemand räumen«, verspricht er.

MICHAEL FRÖHLINGSDORF

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 119
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.