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MINISTER Das letzte Mal

Die Skinhead-Attacke auf CDU-Generalsekretär Meyer erweist sich für Umweltminister Trittin als Bumerang.
Von Ralf Beste und Jürgen Hogrefe
aus DER SPIEGEL 12/2001

Ohne Mantel und Gepäck hockte Rezzo Schlauch am Freitagmorgen um sechs Uhr vor dem Gate 115 des Stuttgarter Flughafens. Statt auszuschlafen und dann weiter in Baden-Württemberg Wählerstimmen zu fangen, musste der todmüde Grünen-Fraktionschef außerplanmäßig nach Berlin, um seinen Parteifreund, Bundesumweltminister Jürgen Trittin, vor der Rausschmissforderung der Opposition in Schutz zu nehmen. Auf dieses Vergnügen will Schlauch künftig verzichten: »Das war das letzte Mal.«

Die sprachliche Entgleisung, den hemdsärmeligen CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer mit einem Skinhead zu vergleichen, wird Trittin nicht den Job kosten - wenigstens nicht gleich. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Grünen-Chef Fritz Kuhn wollen derzeit keinen weiteren Minister auswechseln, schon gar nicht unter dem Druck der Opposition. Doch der Faden, an dem Trittins Karriere hängt, wird immer dünner.

Es ist, als habe es der Minister darauf angelegt, sich durch öffentliche Äußerungen selbst zu demontieren. Erst kam die »Mescalero«-Affäre. Trittin brachte sich und seine Partei wegen seines taktlosen Umgangs mit dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback ins Gerede.

Dann folgte die Irak-Kontroverse: Als Joschka Fischer in Deutschland wegen seiner Unterstützung für die Bombardierung des Irak getadelt wurde, verstärkte Trittin den Druck durch öffentliche Äußerungen.

Und schließlich der Atomstreit: In der Zerreißprobe der Partei wegen der Castor-Transporte brachte der Umweltminister die Basis durch rüde Sprüche vollends in Rage.

Die eigenen Parteifreunde verlieren jetzt die Geduld. »Der hat keinen Schuss mehr frei«, schimpfte ein Mitglied des Realo-Flügels nach der Parlamentssitzung am Freitag. In der Lobby tauschten die Grünen-Abgeordneten Andrea Fischer und Christa Nickels, als Ministerin beziehungsweise Parlamentarische Staatssekretärin Opfer der letzten Entlassungswelle, verbitterte Sprüche aus.

»Was kann man sich als Mann eigentlich erlauben, um Minister zu bleiben?«, stänkerte Nickels. Über ihre Entlassung, weiß die Reala Andrea Fischer, hat Kuhn ent-

schieden. Dass die Linke Claudia Roth, gerade zur Partnerin von Kuhn in die Parteiführung gewählt, einen paar Tage später den Linken Trittin zur Entlassung freigeben könnte, erscheint undenkbar.

Dennoch - Trittin, der stolz ist, ein Außenseiter zu sein, hat es wieder einmal geschafft. Er steht auf seinem Lieblingsplatz als Buhmann in der linken Ecke. Einen »Quartalsquatscher« nennt ihn Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, weil Trittin in schöner Regelmäßigkeit verbal tiefschlägt.

Der Ausfall gegen Meyer ("Laurenz Meyer hat die Mentalität eines Skinheads und nicht nur das Aussehen") war ein Trittinscher Klassiker. Wenn er auskeilt, geht es meist um Rechtsextremismus. Als »Antifaschist« kämpfte schon der Student in Göttingen; als Landespolitiker in Hannover unterstützte er - zusammen mit Edelgard Bulmahn, der jetzigen Bundesbildungsministerin - das Antifa-Magazin »Der rechte Rand«.

Darüber, ob seine verbalen Rotzigkeiten nur kindische Kraftakte oder auch - meist vor Wahlen - gezielte Pöbeleien sind, um den linken Wähleranhang an die Grünen zu binden, gehen die Meinungen der Trittin-Genervten auseinander. Normalerweise spürt der Minister, wenn es brenzlig wird. Im Moment scheint es ganz schlecht für ihn zu stehen: Trittin bedankte sich persönlich bei Parteifreunden, die ihm den Rücken stärkten.

Lange schien Trittin das nicht nötig zu haben. Als Rudelführer der Linken mit Kabinettsrang genoss er eine Art innerparteilicher Immunität. Jetzt sind Verbraucherministerin Renate Künast und die neue Parteichefin Claudia Roth, links und weiblich, in die erste Reihe aufgerückt.

Trittins traditionelle Gegner im Realo-Lager, die ihn bisher leider für unverzichtbar hielten, schränkten vergangene Woche ihren Beistand deutlich ein. Außenminister Joschka Fischer zuckte intern nur mit den Achseln: Er werde sich die Sache mit Trittin nur von der Seite anschauen.

»Für den Jürgen wird es schwer«, orakelte Fritz Kuhn. Schon analysierten die Granden der Grünen, dass ein Rauswurf Trittins aus dem Kabinett künftig das Kräftegleichgewicht zwischen Linken und Realos nicht mehr berühren würde.

Trittin kennt solche Überlegungen, fertigt sie aber in der ihm eigenen Art ab: »Vielleicht werde ich in Zukunft nicht mehr stellvertretend für die Linke verhauen.« RALF BESTE, JÜRGEN HOGREFE

* Am vergangenen Freitag im Berliner Reichstag.

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