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Das Lied vom Henker

Die Hinrichtung des Gary Gilmore von NORMAN MAILER * DIE HAUPTPERSONEN Gary Gilmore Nicole, seine Geliebte Vern Damico, sein Onkel Ida Damico, seine Tante Tony und Brenda, Töchter von Vern und da Bob Moody, Anwalt Ron Stanger, Anwalt Larry Schiller, Journalist und Filmproduzent Tamera Smith, Journalistin und Mitarbeiterin Schillers Copyright © 1979 by Norman Mauer und Lawrence Schiller, Pres. -- The New Ingot Co. Nachdruck mit Erlaubnis der Verfasser und ihrer Agenten, Scort Meredith Literary Agency, Inc., New York. In seinem neuen Buch »Das Lied vom Henker, aus dessen Schlußteil der SPIEGEL einige Kapitel vorabdruckt, schildert US-Autor Norman Mauer das heillose Leben und makabre Sterben des Doppelmörders Gary Gilmore, der durch sein Verlangen, so schnell wie möglich hingerichtet zu werden, 1976 Amerika schockierte. Der Fall entfachte eine neue Todesstrafen-Diskussion, geriet zum Justiz-Konflikt und setzte ein monströses Massenmedien-Spektakel in Gang. Gilmore, der 18 seiner 35 Lebensjahre in Gefängnissen verbracht hatte, war überdurchschnittlich intelligent und künstlerisch talentiert. Auf Bewährung entlassen, hatte er sich in die 19jährige Nicole Barrett verliebt. Als sie ihn verließ, erschoß er zwei junge Männer in Provo, US-Staat Utah -- ein scheinbar »irrealer« Gewaltausbruch. Der als »Scheckbuch-Journalist« berüchtigte Larry Schiller kaufte die Buchund Filmrechte an Gilmores Lebensgeschichte auf und ließ den Verurteilten wochenlang exklusiv interviewen. Todesstrafengegner erwirkten gegen Gilmores Willen mehrmals Aufschub der Hinrichtung. Einen Tag vor der Exekution, am 16 Januar 1977, jedoch scheinen alle juristischen Aufhaltemanöver verbraucht zu sein. Aus der Todeszelle schreibt Gary Gilmore einen Brief an seine Geliebte Nicole
aus DER SPIEGEL 34/1979

Es ist jetzt Stg., 10 Uhr früh. Ich bin aufgestanden, habe mich geduscht und rasiert -- nein, zuerst hab ich mein Lauftraining gemacht, 10 Minuten lang. Die blöden Aufseher halten mich für bescheuert, wenn ich in dem Loch hier hin- und herrenne. Fast alle Aufseher sind fette, faule Arschlöcher.

Aber du bist 'ne Elfe, stimmt?s? Sie haben mich gefragt, »wen ich bei meiner Erschießung dabei haben will. Ich hohe gesagt: Nummer 1 Nicole, 2 Vern Damico, 3 Ron Stanger, Anwalt, 4 Bob Moody, Anwalt, 5 Lawrence Schiller, großes Schlitzohr aus Hollywood.

ich wußte, daß sie dir nicht erlauben würden zu kommen, deshalb habe ich vorgeschlagen, dir einen Ehrenplatz zu reservieren.

Die New York Post hat geschrieben, ich versteigere Sitzplätze ... Ne Menge Leute schreiben 'ne Menge Scheiße in den Zeitungen.

Baby, du fragst mich, wenn ich erschossen werde ... was dann in dir sein wird. Ich.

Ich werde zu dir kommen, und dich festhalten, meine liebste Gefährtin.

Zweifle nicht.

ich werde es dir beweisen.

Baby, ich hab' die ganze Zeit versucht, etwas zu verschweigen, aber jetzt werde ich's dir sagen.

Ob du mit mir gehen willst, oder ob du lieber warten willst -- die Entscheidung liegt bei dir.

Wann immer du kommen willst: ich werde da sein. Das schwöre ich, bei allem, was mir heilig ist. Wenn du dich fürs Warten entscheidest, will ich nicht, daß dich jemals noch jemand besitzt. Du gehörst mir. Du Frau meiner Seele. Du meine Seele selbst.

Fürchte dich nicht vor dem Nichts, mein Engel. Du wirst es niemals erleben.

Sonntag Vormittag, Lucinda (Sekretärin Schillers. D. Red.) schrieb das Interview vom Vortag ab, als sie sich plötzlich nicht mehr halten konnte. Schiller drehte sich um. Sie weinte sich die Augen aus, einfach so, am Sonntag Vormittag.

Vern telefonierte mit Larry. Einige Wachsfiguren-Kabinette hatten angerufen, sie wollten Garys Kleidungsstücke kaufen. Die Angebote beliefen sich schon auf einige tausend Dollar. Verkaufen kam nicht in Frage, vielmehr mußte man sich jetzt darum kümmern, Garys letzte Sachen zu verwahren. Dann kamen sie überein, auf seine sterblichen Überreste gleich mit aufzupassen. Schiller meinte, es wäre gut, einen eigenen Wachmann zu postieren, während Garys Körper vom Gefängnis zum Krankenhaus transportiert würde, wo seine Augen und Organe herausgenommen wurden. Vielleicht hatte er ja mit Jerry Scott wirklich einen guten Griff getan. Genau der richtige Mann, um aufzupassen, wenn sie Gary vom Krankenhaus ins Krematorium bringen würden.

Gilmore: Fagan sagte: »Es gibt noch eine Chance, du wirst deinen Anruf von Nicole bekommen.« Ich sagte ihm: »Du schwuler, stinkiger Drecksack, fick dich doch ins Knie.« Er sagte: »Oh, ah, ah, ah, ah!« Er sagte: »Mir sind die Hände gebunden.« Ich sagte: »Na, wie fühlt man sich denn, wenn man mit gebundenen Händen herummarschiert. Hast du schon mal daran gedacht. dich wie ein Mann zu fühlen, du Stück Scheiße?« Ich weiß nicht mal, ob ich heute abend in den Besuchsraum darf. Fagan wird sagen: »Wir haben ihn an seinem letzten Abend richtig gut behandelt. Wir haben ihm unbegrenzte Besuchserlaubnis gegeben. Er konnte seinen Onkel und seine Anwälte sehen.« (Lachen)

Moody begann mit der letzten Liste von Fragen.

Moody: Wenn Sie bei Ihrer Reise ins Jenseits eine neue Seele treffen, die Ihren Platz einnehmen will, welchen Rat hätten Sie für sie?

Gilmore: Keinen. Ich erwarte nicht, daß jemand meinen Platz einnehmen wird. Hallo, ich bin dein Ersatzmann ... wo ist der Schlüssel zur Umkleidekabine ... wo sind deine Handtücher?

Moody: Ich weiß nicht. Hätten Sie ihm etwas zu sagen über das Leben, das ... äh ... ihn da erwartet?

Gilmore: Scheiße ... Das ist eine ernste Frage.

Moody: Ich glaube, Larry will, daß Sie das sehr ernst nehmen.

Gilmore: Ich hab' mit Leuten geredet, die mehr als ich wissen, und mit Leuten, die weniger wissen, und ich hab' zugehört, und ich bin zu der Einsicht gekommen, daß das einzige, was ich wirklich über den Tod weiß, das einzige Gefühl, das ich wirklich dabei habe: er wird mir vertraut sein, ich glaub' nicht, daß er irgendwas Hartes, Unfreundliches sein wird. Harte und unfreundliche Dinge gibt's hier auf der Erde, und die gehen vorüber. Die dauern nicht ewig. Das alles hier geht vorbei. Das ist das Ergebnis meiner Überlegungen, und damit mag ich ganz schön schief liegen.

Moody: Wissen Sie, was Joe Hills letzte Botschaft an seine Kumpels war?

Gilmore: Joe?

Moody: Joe Hill. Das ist der Mann, der vor einigen Jahren in Utah getötet wurde.

Gilmore: Er hieß Joe Hillstrom. Was hat er seinen Kumpels denn erzählt?

Moody: Trauert nicht, Jungs, organisiert euch.

Gilmore: Lauert nicht?

Moody: Trauert nicht, Jungs, organisiert euch.

Gilmore: Ich hab' auch so was ähnliches, das mir irgendwie gefällt: »Niemals gefürchtet, niemals gelebt.« Das ist 'n Moslem-Spruch. Ich weiß nicht, woher er kommt, aber er paßt fast immer, gibt immer »n Sinn. Trauert nicht, Jungs, organisiert euch!

Moody: Kennen Sie den alten Spruch aus den Kriegsfilmen, »Jeder Mann, der nicht zu gibt, daß er Angst hat, ist entweder ein Lügner oder ein Idiot«?

Gilmore: Was ist damit?

Moody: Paßt das nicht wenigstens ein bißchen auf Ihre Situation?

Gilmore: Ich hab' nicht gesagt, daß ich keine Angst habe, oder?

Moody: Nein. Aber Ihre Botschaft an die Welt hat doch den Beiklang: Habt keine Angst!

Gilmore: Warum auch Angst haben? Das ist etwas Negatives. Wissen Sie, man könnte es verdammt noch mal fast eine Sünde nennen, wenn man sein Leben von Angst bestimmen läßt.

Moody: Sie sind anscheinend fest entschlossen, die Angst zu besiegen.

Gilmore: ich habe jetzt keine Angst. Und ich glaube, ich werde auch morgen früh keine Angst haben, ich hab? bis jetzt noch keine Angst gehabt.

Moody: Wodurch können Sie die Angst von sich fernhalten?

Gilmore: Ich glaube, ich habe einfach Glück. Die Angst, bisher ist sie nicht gekommen, wissen Sie. Ein wirklich tapferer Mann ist eigentlich jemand, der Angst hat, sie überwindet, dann aber doch tut, was er tun muß, trotz der Angst. Niemand kann sagen, daß ich so verdammt tapfer bin, weil ich nicht gegen die Angst kämpfen und sie besiegen muß. Ich weiß nicht, was morgen früh sein wird ... Ich weiß nicht, ob ich mich morgen früh anders fühlen werde als jetzt oder als ich mich am 1. November fühlte, als ich auf die Scheißberufung verzichtet habe.

Moody: Also -- Sie sind erstaunlich gelassen.

Gilmore: Danke, Bob.

Moody: Ich weiß nicht, was ich sagen soll. ich will eigentlich wirklich ...

Gilmore: Also passen Sie auf, Mann, ich bin wohl etwas grob. Ihr Typen seid »n bißchen durcheinander wegen der Sache hier, stimmt's?

Moody: Es ist schwer, Gary. ich bin physisch krank.

An dieser Stelle fing Bob Moody zu weinen an. Etwas später, als er sich wieder unter Kontrolle hatte, sprach er noch ein bißchen mit Gilmore und Stanger. Dann verabschiedeten sie sich. Sie wollten am späten Nachmittag wiederkommen und die Nacht über bleiben. Als sie hinausgingen, sagte Gilmore: »Vergeßt die Weste nicht.« »Die was?« fragte Bob. »Die kugelsichere Weste«, sagte Gilmore. »Die zieh? ich selbst an und bring? sie Ihnen«, sagte Moody. Gilmore sagte: »Paßt schön auf.«

Am Sonntag Vormittag kam Vern in den Sicherheitstrakt und unterhielt sich mit Gary am Telefon, während er durch die Scheibe blickte. Sie sprachen über die Schwester seiner Mutter in Provo. Gary wollte wissen, warum außer Ida keine seiner Tanten ihn besucht hatte. »Was meinst du?« fragte er geradeheraus.

»Oh Gary«, sagte Vern, »ich bin sicher, sie wollten dich besuchen, aber ich kann nicht für sie antworten.« Vern hatte immer noch im Kopf, wie eine von Idas Schwestern gesagt hatte: »Ich kann mich einfach nicht aufraffen und mit ihm sprechen.«

Gary schaute ihn an und sagte: »Mama ist zu krank, sonst wäre sie hier.«

Danach entstand eine so lange schreckliche Pause, daß Gary anfing, einen Song von Johnny Cash zu singen. Verdrehte seine Augen und versuchte zu singen, konnte jedoch keinen lon halten. Vern konnte nicht mal ahnen, welcher Song von Johnny Cash das sein sollte.

*

Mit dem Verteidigungsetat der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) konnte Gil Athay einen Anwalt aus Washington, John Shattuck, engagieren. Er sollte für Athay beim Obersten Gerichtshof eine Petition einreichen. Darum diktierte Athays Büro nach der Niederlage in der von Richter Lewis am Samstag nachmittag geführten Verhandlung einen Schriftsatz über Telefon an Shattucks Büro. Am Sonntag wurde das Papier von dem Washingtoner Anwalt persönlich zum Obersten Gerichtshof gebracht und dort hinterlegt.

Um 18.25 Uhr Washingtoner Ortszeit, in Utah war es 16.25 Uhr, kam ein Anruf vom Schriftführer des Gerichtshofes, Michael Rodak. Athay erfuhr, daß der Oberrichter White den folgenden Beschluß abgezeichnet hatte: »Der Antrag auf Aufschub ist abgelehnt. Ich bin ermächtigt, mitzuteilen, daß dies ein Mehrheitsbeschluß meiner Kollegen ist. Byron R. White, Richter am Obersten Bundesgericht.«

Der Text deutete darauf hin, daß die Entscheidung nicht einstimmig getroffen worden war, und so versuchte Shattuck, andere Oberrichter zu erreichen. Wenn man den richtigen Mann vom Minderheitenvotum finden könnte, wer auch immer er sei, gäbe es noch die Möglichkeit, von ihm einen Aufschub bewilligt zu bekommen. Dann hätte man eine Chance, vor den Obersten Gerichtshof zu gehen und Beweismittel vorzulegen. Außerdem hätte man damit Zeit gewonnen, die Beweismittel gründlich vorbereiten zu können.

Bis zum Abend hörten sie nichts. Dann antwortete Oberrichter Blackmun: »Der Antrag auf Aufschub, der mir nach der Ablehnung durch Oberrichter White vorgelegt wurde, ist abgelehnt. Harry A. Blackmun, Richter am Obersten Bundesgericht, 16. Januar 1977.«

Es gab noch eine Hoffnung. Man war noch nicht mit Oberrichter Brennan in Verbindung getreten. Aus Washington riet man ihnen, Athay solle direkt anrufen und die Dringlichkeit der Situation erklären, das könnte wirken. Oberrichter Brennan hatte in ähnlichen Fällen schon eine wohlwollende Haltung eingenommen. Also meldete Athay, nachdem er die geheime Telefonnummer erhalten hatte, ein Gespräch mit Voranmeldung an, und eine Stimme kam übers Telefon und sagte: »Hier spricht Oberrichter Brennan.«

Athay konnte gerade seinen Namen nennen und sagen »Ich bin mit dem Fall Gary Gilmore befaßt«, als er am anderen Ende ein »O Gott« und ein Klicken hörte. Er meldete das Gespräch noch einmal an. Er hätte schwören können, daß es dieselbe Stimme war, die sagte, »Es tut mir leid, er ist verreist.« Er war bestürzt. Er hatte Richter Brennan erreicht, aber würde doch niemals wissen, ob er nun wirklich mit ihm gesprochen hatte.

Moody rief aus dem Gefängnis an. »Sie werden einen Anruf vom Gefängnisdirektor bekommen«, teilte er Schiller mit. »Sie werden der Exekution beiwohnen dürfen.« Die Nachricht hatte bereits in der Zeitung gestanden, und doch hatte Larry bis jetzt noch nichts vom Gefängnis gehört. Er machte sich Sorgen. Falls Sam Smith ihn an der Pforte zurückweisen sollte, müßte man noch in letzter Minute gesetzliche Schritte unternehmen. Die Vorschriften mochten zwar eindeutig und alle zu seinen Gunsten sein, in einer solchen Situation würde das trotzdem eine Menge Schwierigkeiten machen.

Nach fünf Minuten klingelte das Telefon erneut. Der stellvertretende Direktor Hatch sagte: »Direktor Smith hat mich gebeten, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß Sie morgen früh um sechs Uhr am Gefängnistor erscheinen dürfen, ohne Photoapparate und ohne Aufnahmegeräte, wenn Sie Zeuge der Hinrichtung von Gary Mark Gilmore sein wollen.« Schiller sagte: »Danke. Würden Sie dem Direktor bitte folgendes mitteilen. Die Erklärung, die ich Gus Sorensen gegenüber abgegeben habe, ist korrekt. Ich beabsichtige nicht, irgendwelche von ihm getroffenen Anordnungen oder Verfügungen zu verletzen. Bitte versichern Sie ihn, daß ich mich so verhalten werde, wie er es von mir erwartet.«

Bei dem letzten Telefongespräch mit Moody hatte er erfahren, daß Gary Schnaps haben wollte, und sie hatten diskutiert, wie das anzustellen wäre.

Schiller bat Debbie (zweite Sekretärin Schillers), in die Apotheke zu gehen und ein paar Arzneiflaschen zu kaufen. »Wenn die Apotheke keine leeren Flaschen verkauft«, sagte er zu ihr, »kauf einfach Hustensaft und schütte ihn aus.«

Debbie wollte wissen, warum es denn Arzneiflaschen sein müssen. Er erklärte ihr, daß die einem Flachmann ähneln und daher nur eine kleinere Ausbeulung im Mantel machen. Er überlegte sich, daß er nicht genügend Alkohol hatte und schickte Tamera zu Western Airlines, um, wenn möglich, einige 1 1/2-Unzen-Flaschen von der Sorte, wie sie an Bord serviert werden, zu kaufen. Aber Western wollte mit Alkohol an einem Sonntag in Utah nichts zu schaffen haben.

Er rief das Hilton an und erfuhr, daß die heute bis zum Abend nichts verkaufen. Endlich hörte er von einer Bar in Salt Lake, die einzelne Flaschen verkauft, und ließ Tamera bei den »Deseret News« anrufen, damit sie jemand rüberschickten, der den Schnaps besorgt. Schiller malte sich aus, wie die erst mal eine Gipfelkonferenz darüber abhalten würden. Inzwischen war Tamera ganz gerührt bei dem Gedanken, Gary Alkohol hineinzuschmuggeln. Natürlich mochte ihn zu diesem Zeitpunkt bereits jeder. Sogar die Leute, die ihn nicht mochten, mochten ihn.

Schiller spürte, wie es förmlich in der Luft lag. Wie jeder überlegte: Wofür bringen wir Gilmore um? Was wird mit seinem Tod eigentlich erreicht?

Breslin (Reporter aus New York) lief im Büro herum und fluchte in einem fort vor sich hin: »Wie können die es wagen, den verdammten Kerl zu erschießen, diese verdammten Typen.« Breslin war sogar auf Gilmore sauer, weil der sich einfach wegpusten lassen wollte.

Larry wollte sich ein bißchen beim Photokopieren entspannen. Inzwischen war es ihm angenehm, sich mit so etwas Mechanischem wie Seitenabziehen zu beschäftigen. Dann kam Tamera und sagte ihm, ihre Zeitung würde beim Alkohol nicht mitmachen. »Mir ist es egal, wer es macht«, sagte Schiller, »find' 'nen anderen.« Tamera rief Cardell an, der einer der strenggläubigsten Mormonen von Salt Lake war, und, kaum zu glauben, der erklärte sich bereit, den Schnaps zu besorgen, sozusagen als Akt christlicher Nächstenliebe. Dachte, ein sterbender Mann sollte seinen Wunsch erfüllt bekommen. Das war wirklich was. Tameras Bruder war eine unglaublich ehrliche Haut.

Schiller rief Stanger an und fragte: »Läßt der Gefängnisdirektor mich vor der Hinrichtung noch zu Gary?« Stanger sagte ihm, das wisse er nicht, und Larry rief das Gefängnis an. Der Direktor weigerte sich immer noch, mit ihm zu sprechen. Schiller sagte sich noch einmal: »Wenn die ihre Meinung doch noch ändern, muß ich schon vor der Tür stehen.«

Er studierte den Zeitplan, den das Gefängnis für die Medien herausgegeben hatte, und fand ihn sehr professionell gemacht. »Ich glaube nicht, daß sich das der Direktor ausgedacht hat«, sagte er laut. Sicher reichte die Intelligenz des Gefängnisdirektors dazu nicht aus. Die ganze Nacht hindurch sollten alle 30 Minuten Bekanntmachungen über den Lautsprecher abgegeben werden, und ein Vertreter des Gefängnisses sollte des öfteren herauskommen und mit den Reportern sprechen. Schon wenige Minuten nach der Hinrichtung sollte der Direktor eine offizielle Erklärung abgeben. Zehn Minuten danach sollte die Presse den Schauplatz besichtigen dürfen.

Dies zeigte ein Geschick, die Medien zu behandeln, wie es bisher noch nicht zutage getreten war. Selbst die Sprache, in der der Plan verfaßt war, beeindruckte Schiller. Er sagte sich: »Jetzt ist meine Intelligenz wirklich gefordert«, und träumte einen seiner Wunschträume, in denen Unmögliches wahr wird.

Vielleicht würde er ja schon heute nacht den Urheber dieses Plans treffen und ihm erklären können, warum man ihn hereinlassen müsse und mit Gary reden. »Ja«, sagte er sich, »ich werde jetzt versuchen, als Vertreter der Presse hineinzukommen,«

Natürlich hatte er auch für diesen Fall Pläne gemacht. John Durniak, Bildredakteur von »Time«, hatte ihm gesagt, er könne einen »Time«-Ausweis benutzen, wenn er wolle.

Lawrence Schiller, Zeuge der Hinrichtung, dem es nicht erlaubt war, das Gefängnis vor 6 Uhr morgens zu betreten, traf jetzt Anstalten, schon um 6 Uhr abends hineinzugehen. 12 Stunden früher, mit seinem neuen Presse-Ausweis als Lawrence Schiller, akkreditiert von »Time«.

Spätestens eine Stunde vor 6 wollte Schiller nicht mehr länger in Orem herumsitzen, steckte die Hustensaftflaschen mit Schnaps in seine Tasche und sagte Tamera, daß Cardell ihn am Gefängnistor treffen solle. Dann verließen sie das Trave-Lodge-Motel.

Als er am Tor ankam, strömten dort schon Journalisten hinein. Hatte es früher eher einem Zirkus geähnelt, so sah es jetzt wie eine Karawane von Zigeunern aus. Da standen die Autos der TV-Gesellschaften draußen an der Zufahrtsstraße, dann all die Wagen der Filmleute und ihrer Assistenten und schließlich einige hundert Presseleute, die sich in alle nur erdenklichen Arten von Fahrzeugen quetschten, und alle fuhren sie einzeln einer nach dem andern durch den Haupteingang. Und was Schiller besonders beeindruckte: alle soffen.

Als Schiller durch das Außentor fuhr, wurde er nur gefragt: »Wer sind Sie?« »Larry Schiller«. »Für wen arbeiten Sie?« »Für »Time"«. Sie ließen ihn passieren. Er fuhr hinunter Richtung Parkplatz, aber der Wachmann, der dort stand, war Leutnant Bernhardt, der Schiller vor ungefähr zwei Monaten schon das erstemal reingelassen hatte, als der sich als Vermögensberater ausgegeben hatte.

Schiller fuhr vorbei, blickte stur geradeaus, konnte jedoch in seinem Rückspiegel sehen, wie Bernhardt in ein Fahrzeug stieg, um ihm zu folgen. Also hielt Schiller an und stieg aus. Bernhardt kam auf ihn zu und sagte: »Machen Sie, daß Sie hier rauskommen. Vor 6 Uhr früh sind Sie hier nicht erwünscht.« Bernhardt fing noch dazu so laut zu schreien an, daß Schiller Aufmerksamkeit erregte -- das letzte, was er wollte.

Bernhardt schaltete auf Sprechfunk und rief jemand an. Dann sagte er: »Okay, Sie können bleiben. Aber Sie rühren Ihren Arsch bis 6 Uhr früh von hier nicht mehr weg. Merken Sie sich das. Sie werden Gilmore nicht zu sehen bekommen.« Während er herumbrüllte? konnten ihn zahllose Journalisten hören. Selbst Schillers kleinste Chance, unerkannt zu bleiben, war jetzt wie weggeblasen. Die nächsten paar Stunden würde er wahrscheinlich von Mikrophonen nur so umlagert sein.

Später steckte ihm Tamera die Miniflaschen zu, die sie von Cardell am Eingangstor abgeholt hatte. Reporter irrten ziellos umher, redeten und stampften mit den Füßen. Bald darauf waren alle wieder in den Autos. Es wurde 6 Uhr, und das war?s dann auch. Sie waren eingesperrt. Die lange Winternacht kam vom Point of the Mountain herunter, zog über Parkplatz und Gefängnis hinweg und jagte das letzte Abendlicht über die Wüste nach Westen.

Der Sonntag begann für Bob Moody um 6 Uhr morgens mit einem Treffen des kirchlichen Hohen Rats. Das dauerte bis 8. Um 9.30 Uhr ging er zum Treffen der Gemeindepriester, kam zurück, um seine Familie in die Kirche zu bringen; fuhr zum Gefängnis hinaus, kam zurück, um seine Familie um 1 Uhr von der Kirche abzuholen. Dann fuhr die ganze Moody-Familie zum Mittagessen nach Hause. Um 4 Uhr machten sich Ron Stanger und er auf und fuhren zum Gefängnis.

Auf dem Parkplatz warteten schon Vern und Ida, dann kamen Tony und ein Cousin und eine Cousine von Gary, die Evelyn und Dick Gray hießen und beide im mittleren Alter waren. Zusammen mit Pater Meersman (katholischer Gefängnisgeistlicher) gingen sie alle zum Sicherheitstrakt hinüber, und Leutnant Fagan, der an diesem Abend mal freundlich war, begrüßte sie und zeigte ihnen die Räumlichkeiten.

Die Gefangenen waren früh abgespeist worden, und die Türen zwischen dem Besuchsraum und dem Eßraum des Sicherheits-Trakts waren offen, so daß man während des Abends zwischen den beiden Räumen hin- und hergehen konnte. Zusammen ergab das einen ziemlich großen Raum; vielleicht 100 Fuß lang, halb so breit, dazu noch ein paar angegliederte kleinere Extrazimmer für private Gespräche. Leutnant Fagans Büro war offen, ebenso die Küche und die Zelle mit der Glasscheibe, in der man sich früher mit Gary unterhalten hatte.

Alle diese Räume lagen im vorderen Teil des Sicherheitstraktes, genau hinter den beiden Schiebetüren, die einen von der Tür nach draußen trennten. Am Ende des Besucherraumes war, ebenfalls durch eine Sperre verschlossen, der lange Flur des Sicherheitstraktes, von dem die verschiedenen Zellenreihen abgingen.

Moody war dort noch nie gewesen und fühlte sich beklommen, weil ihm dieser Teil nicht vertraut war. Es war wie der Flur zu den Kellertreppen in einem großen, bedrückenden alten Haus. Und gerade in dem Augenblick, in dem er sich einzubilden begann, Seufzer aus solch einem alten Keller zu hören, drangen aus den Zellenblöcken Schreie und Rufe und Stöhnen und die Geräusche von bei Kontrollgängen zugeschlagenen Türen, alle deutlich zu unterscheiden, wenn auch gedämpft klingend, wie durch einen Felsen hindurch.

Da sie die Nacht über bleiben und ihre guten Sachen für den Morgen schonen wollten, hatten Moody und Stanger etwas zum Umziehen bei sich. Sie hatten auch Crackers und Limonade mitgebracht, was sich als überflüssig erwies, da das Gefängnis die ganze Nacht hindurch kleine Erfrischungen anbot, Limonade und Kekse und Kaffee.

Pater Meersman besorgte einen Fernseher und schloß ihn an. Jemand hatte es sogar fertiggebracht, einen Stereokoffer und einige Schallplatten mitzubringen, und mit den drei oder vier durch Küche, Eßraum und Besuchsraum umherlaufenden Wachmännern und Pater Meersman und Cline Campbell (protestantischer Gefängnisgeistlicher) und den beiden Anwälten und Cousin und Cousine und Vern und Tony und Ida waren es beinahe genug Leute für eine Party. Wenn man von dem Wachmann in der kugelsicheren Galerie absah, der den Besuchsraum die ganze Nacht hindurch beobachtete.

Alle paar Stunden kam jemand mit Medikamenten aus der Apotheke. Im Laufe des Abends wurde Bob Moody klar, daß sie Gary irgendwelche Aufputschmittel gaben. Die Gefängnisapotheker betrachteten das zweifellos als wohltuend, und so gaben sie ihm laufend mehr davon, so daß Gary in den frühen Abendstunden immer ausgelassener wurde.

Das fing damit an, daß er überglücklich war, Tony zu sehen. Er umarmte sie lange und küßte sie mit einer solchen verwandtschaftlichen Liebe, daß Bob und Ron und Vern und die anderen sich einfach zurücklehnten und warteten. Sie wollten Gary, den Tonys Besuch offensichtlich so glücklich machte, nicht unterbrechen.

Außerdem gab es noch einiges zu tun. Die Wärter hatten ein paar Pritschen und Matratzen hereingebracht, und der Proviant für die Nacht wurde ausgegeben, und außerdem mußten Ron und Bob, kaum daß Tony da war, sie schon wieder durch den Stacheldrahtzaun mitten durch den Schwarm von Journalisten führen. Das war gar nicht so einfach. Bis sie den Lastwagen erreicht hatten, fühlten sie sich benommen von den Blitzlichtern und der Massenhysterie. Denn für die Presse strahlten sie heute nacht eine magische Anziehungskraft aus. Sie hatten den Mann gesehen und konnten von ihm berichten.

Während sie ständig »Kein Kommentar« sagten, hielten sie nach Schiller Ausschau. Dann gaben sie das eine oder das andere Detail preis, um die Journalisten mit ihren Mikrophonen und Tonbändern aufzuhalten. Denn dadurch konnte Vern entschlüpfen und sich mit Larry unterhalten.

Moody und Stanger konnten vorübergehend die meisten dieser Reporter zufriedenstellen, doch es waren sehr viele Journalisten da, und bald waren Larry und Vern auch von einem Schwarm eingekreist. In dem Gedränge konnte Vern nur flüstern: »Haben Sie den Schnaps?« und Schiller antworten: »Ja.« »Wie krieg? ich den da rein?«, flüsterte Vern. »Nehmen Sie die kleinen Flaschen unter die Achseln«, sagte Larry »und drücken Sie die Ellbogen fest an den Körper.« »Großartig«, sagte Vern, »aber wie kriege ich die Flaschen unter meinen Mantel?« Inzwischen waren sie von den Journalisten so eingekeilt wie Fußballspieler nach einem Sieg.

Schiller drehte sich um und rief: »Können Sie den Mann denn nicht in Ruhe lassen? Sie verfolgen ihn ja. Zurück!« Er drängte die Journalisten etwas zurück, weniger mit roher Gewalt als mit jener Mischung aus leichtem Druck und vorgetäuschter Hysterie, die bei Reportern immer am besten wirkt. »Lassen Sie ihn in Ruhe!«, wiederholte er. Sie gingen etwa einen halben bis einen Meter zurück, und Vern hatte genug Platz, um den Schnaps zu verstauen. Als Larry sich wieder umdrehte, war Vern fertig und konnte in das grelle Licht des Besuchsraumes zurückkehren. Dorthin, wo der Plattenspieler spielte und der Fernseher lief und wo Gilmore begann, seine letzte Nacht auf Erden zu begehen.

*

Die kleinen Flaschen waren schnell alle. Gary tauchte immer in einem Hinterzimmer unter, nahm einen Schluck und kam mit einem Augenzwinkern zurück. Moody fand das in Ordnung. Wenn der Mann das wollte, dann sollte er seinen Drink auch genießen können.

Seit Jahren hatte Moody keinen Alkohol mehr angerührt, aber dies war schließlich ein besonderer Anlaß. In einem kleinen Winkel seines Herzens warf sich Moody vor, daß Gilmore am nächsten Morgen vor seinen Schöpfer zu treten habe und daß es besser wäre, wenn er dies mit einem klaren Kopf täte. Aber dann dachte Moody, daß dies schließlich wie ein letztes Mahl sei. Wenn er schon betrunken von dannen gehen will, hat er auch ein Recht darauf. Er dachte daran, wie Gary am Ende absichtlich nicht nach seiner Sechserpackung Coors-Bier verlangt hatte, weil er der Welt nicht den Eindruck hinterlassen wollte, er sei unfähig, dem Ende ohne ein bißchen Hilfe ins Angesicht zu sehen. Aber jetzt zum Schluß ging es doch nicht ohne Tabletten. Und nicht ohne Schnaps.

Und doch war es fast ein schöner Abend, wenn man sah, wie Gary sich freute und wie er seinen leichten Schwips genoß, denn sehr betrunken war er nicht. Gary nahm sogar einen der Wärter in einen der hinteren Büroräume mit und schenkte ihm Schnaps aus den Arzneimittelflaschen ein, die Schiller ihm hatte zukommen lassen. Sozusagen Zuchthausgastlichkeit.

Bob war gerührt von der Vorstellung, daß er zu Gary gehen, ihm die Hände schütteln, ihn umarmen und ihn für einen Augenblick von Angesicht zu Angesicht sehen konnte. Erstaunlich, was für ein großes Verlangen nach etwas so Einfachem sich nach all den Wochen entwickelt hatte. In der Tat standen sie sich das erstemal von Angesicht zu Angesicht gegenüber, ohne dringende geschäftliche Angelegenheiten besprechen zu müssen. So war es ein Vergnügen zu beobachten, wie Gary, aufgelockert, den Abend mehr und mehr genoß.

Gemütlich war es und entspannt. Ab und zu im Laufe des Abends standen Bob und Ron auf, gingen hinaus und holten sich eine Limonade aus der Küche. Evelyn und Dick Gray schlenderten herum und Vern auch. Niemand dachte an die ablaufende Uhr und niemand daran, daß sich außerhalb des Gefängnisses Rechtsanwälte vielleicht gerade um einen Aufschub bemühten.

*

Früh an diesem Abend, als sie erstmals den Raum betraten, ohne daß eine Glasscheibe sie von Gary trennte, und man einfach hingehen und ihn anfassen konnte, begrüßte Stanger ihn herzlich, schüttelte seine Hände, legte den Arm um seine Schulter, zog ihn halb an sich und gab ihm einen freundschaftlich männlichen Schlag auf die Schulter. Wenn man so will, ist es wie ein Sieg, dachte Stanger, daß sie zusammen waren. Dieses gute Gefühl hielt den ganzen Abend an.

Etwas später, der Abend war immer noch angenehm, begann Ron von seiner Zeit als Boxer in der Mannschaft der Brigham Young University zu erzählen, Gary erwähnte, daß er auch ein bißchen was davon verstünde. Sie standen auf und fingen an, im Sparring zu boxen.

Ron hatte erwartet, daß es mit ein oder zwei vorgetäuschten Schlägen genug sein werde, aber Gary war mehr auf einen Kampf aus. Er konnte zwar nicht richtig boxen, aber er war ein Fighter von der Straße und verteilte eine Menge Schläge. Ron drehte ständig ab, um den Schlägen auszuweichen, aber das war natürlich nicht der Sinn des Ganzen, denn es machte Gilmore nur noch schärfer. Je kräftiger er zuschlug, desto mehr Spaß hatte er. Zweifellos, einen kleinen bösartigen Zug hatte Gary schon. Schlug mit geschlossenen Fäusten, Ron mußte die Schläge mit seinen Schultern und Händen abfangen.

Mittendrin, immer noch wie im Spaß, analysierte Gary seinen eigenen Stil und sagte: »Ich bin kein Angreifer. Ich bin jemand, der zurückschlägt«, und griff an. Ron wich aus, preßte seine Schulter gegen Gary, um ihn festzunageln, ließ ab von ihm und ging einfach weg. Gary verfolgte ihn weiter. Es war kein normales Sparring, wo man einsteigt, einen Mann antippt und sich dann wieder zurückzieht, um zu zeigen, mit welcher Kraft man ihn hätte schlagen können. Gary landete einen schweren Treffer nach dem anderen. Ein paarmal wurde Ron voll erwischt.

Nach den ersten 20 bis 30 Sekunden hatte sich Ron natürlich noch ganz wohl gefühlt. Er war schneller als Gary. Aber nach einer Minute fing er an, mit jedem Atemzug sein Alter zu spüren, außerdem war Gary einige Zentimeter größer und hatte die größere Reichweite. Jetzt war der gleiche charakteristische Geruch da, den Stanger immer spürte, sobald er in den Sicherheitstrakt kam. Dort arbeiteten alle Knackis mit Gewichten und wußten, was für Körper sie hatten. Ihre Anwesenheit übte förmlich einen psychischen Druck aus. Es war, als ob ihre Körper sagten: »Ich habe ein größeres Recht, frei zu sein als du, Junge.« So war Ron froh, als er eine Gelegenheit fand, mit Gary in den Clinch zu gehen, ihn zu umarmen, zu grinsen und damit zu zeigen, daß es vorbei sei.

Nach dem Boxen begann Gary zu telefonieren. Ron konnte hören, wie er mit dem Country-and-Western-Sender sprach und sich darüber lustig machte, wie schlecht ihr Programm sei und dafür bedankte, daß sie »Walking in The Footsteps of Your Mind« gespielt hatten. Dann ging er in Fagans Büro und rief seine Mutter an. Natürlich wollte Ron das gar nicht mitkriegen, aber Gary kam ganz aufgeregt wieder heraus, weil er außerdem mit Johnny Cash hatte telefonieren können. Dann begann er, unruhig hin und her zu laufen, als ob es ihn störe, daß der Plattenspieler lief, und niemand da war, der mit ihm tanzte.

Trotzdem lief alles noch gut. Durch das Boxen war zwischen Gary und Ron eine Art Vertrautheit entstanden. Obwohl die Höhen und Tiefen des Abends schon sichtbar wurden, war alles immer noch in Ordnung und die Stimmung gut. Wie in jeder langen Nacht, mußte es Höhepunkte und Einbrüche geben. Während einer dieser Pausen kam Gary zu Ron und sagte, daß er ihm etwas mitteilen wolle, und zwar allein. Sie setzten sich von den anderen weg auf eine Bank in der Ecke des Besuchszimmers.

Gary sagte, er habe 50 000 Dollar und schaute Ron dabei direkt in die Augen. Seine blaßblaugrauen Augen sahen tief aus, wie der Himmel an einem dieser merkwürdigen Morgen, wenn man am Licht nicht erkennen kann, ob es gutes oder mieses Wetter geben wird.

»Ron«, sagte er, »ich habe 50 000 Dollar oder, um genau zu sein, ich komm an 50 000 Dollar ran, und ich will sie Ihnen geben. Alles was ich will, ist, daß Sie mir die Schlüssel zu Ihren Extra-Sachen hierlassen, wenn Sie das nächstemal rausgehen.« Die anderen Kleidungsstücke waren in einem verschlossenen Schrank hinten in einem der kleinen Zimmer », Hier ist so ein Kuddelmuddel«, sagte Gilmore, »daß die Wärter nichts merken werden. Lassen Sie einfach den Schlüssel da.«

»Was haben Sie vor?« fragte Ron und kam sich dabei ziemlich blöd vor. »Nun mal wirklich, Gary, was haben Sie eigentlich vor?«, fragte er noch einmal, und dann wurde es ihm klar, und er fühlte sich doppelt blöd. »Ron«, sagte Gary, »wenn ich in Ihren Sachen durch die Doppeltür komme, bin ich draußen. Außer der Eingangstür kommt nichts mehr, und die ist immer offen. Ich decke den Stacheldraht ab, verdrücke mich über die Rollen oben. Der Stacheldraht wird mich ein bißchen zerschrammen, aber das macht nichts.« »Und dann, lassen Sie sich dann fallen?« fragte Ron. »Ja«, sagte Gilmore. »Dann läßt man sich fallen und läuft los. Wenn ich hier rauskomme, bin ich weg. Sie geben mir doch die Sachen oder?«

Jetzt erst wurde Ron klar, was Gary mit der anstrengenden täglichen Gymnastik bezweckt hatte. Er zwang sich, Gary wieder in die Augen zu sehen, und als er antwortete? sagte er das mehr zu sich selbst; »Gary, als wir miteinander anfingen, war ein Teil unserer Abmachungen: Kein fauler Zauber.« Dann zwang er sich zu sagen: »Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich würde alles für Sie tun. Aber ich werde meine Kinder und meine Familie nicht gefährden.« Gary nickte. Drückte durch das Nicken Einverständnis aus. Schien weniger entmutigt als bestätigt.

Ron erinnerte sich, daß Gary, als Tony und Ida gegangen waren, ein kleines Spielchen aufgeführt hatte, bei dem er sich Tonys Hut aufgesetzt und Idas Mantel angezogen und so getan hatte, als wollte er mit ihnen durch die Doppeltür gehen. In dem Augenblick sehr komisch. Jeder lachte, sogar der neue Wärter an der Tür, ein junges Bürschchen, das Ron noch nie zuvor gesehen hatte. Trotzdem hätte dieser Wächter nur, wie durch ein Versehen, beide Türen gleichzeitig öffnen müssen, und Gary wäre weg gewesen. Mann, oh Mann. Plötzlich kapierte er: Dieser Typ meinte wirklich, was er sagte. Wenn er im Gefängnis bleiben mußte, wollte er sterben. Aber wenn er hinaus konnte, wäre das eine andere Sache.

Vern war ziemlich aufgewühlt, saß auf einer Bank? versuchte, seine Gedanken von dem Schmerz in seinem Knie abzulenken, sie zusammen mit seinen Sorgen, mit seiner Müdigkeit und seiner Erregung hinunterzuschlucken. Er wußte, sein Gesicht war wie versteinert, aber es kostete ihn immer mehr Mühe, diesen Ausdruck beizubehalten. Einmal wäre er fast aus der Fassung geraten und wußte nicht, ob aus Lachen oder Weinen -- als Gary am Telefon zu dem Sänger sagte: »Sind Sie der echte Johnny Cash?« Das war schon so verrückt wie nur irgend was.

Gary lief jetzt mit dem Hut herum, den Vern ihm in Albertsons Lebensmittelladen gekauft hatte, so eine Art Robin-Hood-Jägerhut, viel zu groß. Es war der einzige, der noch übrig gewesen war. Vern hatte Ida angeschaut und gesagt: »Er trägt sowieso immer komische Sachen, den kaufe ich.« Wie konnte man einen Kerl gern haben, bloß weil er verrückte Hüte tragen wollte? Oh, Gary strahlte heute abend so viel Liebe aus. Vern hatte ihn noch nie so gefühlvoll gesehen.

Das einzige auf der Welt, worüber Gary immer noch sauer werden konnte, war das Gefängnis, und sogar dazu hatte er eine komische Einstellung. »Mein letzter Abend«, sagte er mit diesem Grinsen, »da können sie mich nicht mehr bestrafen«, und Vern hatte wieder das Gefühl, gleich heulen zu müssen. Er erinnerte sich, wie Gary einmal gesagt hatte: »Vern, es hat keinen Zweck, daß wir über die Sache reden. Ich hab? die Männer umgebracht, und sie sind tot. Ich kann sie nicht wieder lebendig machen, so gern ich's täte.«

Etwas später wurde Stanger unruhig. Mit Gary über die Flucht zu reden hatte ihn auch nicht gerade beruhigt, und so sagte er: »Los, laßt uns 'n paar Pizzas holen«, und fragte Leutnant Fagan: »Können wir mal kurz raus?« Allen gefiel der Vorschlag. Stanger hatte nur 6 Dollar bei sich, also steuerte Pater Meersman noch was bei. Fagan war noch für zwei Dollar gut, und ein paar Wärter warfen auch noch was in den Topf. Da fuhr Vern plötzlich aus seinen Träumen hoch und sagte: »Keiner gibt was! Ich zahle die Pizzas. Kümmern Sie sich nur darum, sie zu besorgen.«

Fagan stellte ein Auto und einen Fahrer zur Verfügung, und dann gingen Ron und Bob und der Wärter hinaus, hielten auf dem Parkplatz an, wo Stanger aus dem Auto schlüpfte, sich umsah, Larry fand und ihm sagte: »Gary will Sie gegen halb zwei anrufen.« Schiller sagte: »Okay, ich gehe mit Ihnen.«

Inzwischen hingen die Journalisten nicht mehr wie die Kletten an Schiller. Die Kälte hatte allen zu schaffen gemacht. Die Leute blieben in ihren Autos und soffen, so daß Schiller einen langen Spaziergang an der Peripherie entlang machen und unbeobachtet zum Polizeiauto gelangen konnte. Der Wachbeamte auf dem Vordersitz sagte: »Wer sind Sie?«, aber Schiller antwortete nur: »Ich soll mit Ihnen rausfahren«, stieg ein und legte sich auf den Boden. Inzwischen war Stanger von einem Reporter abgefangen worden. Es dauerte fünf Minuten, bevor er und Moody zurückkommen konnten. Dann fuhren sie die Straße hinauf, die Eingangspforte öffnete sich, und sie waren raus aus dem Gefängnis, und Schiller konnte aufstehen. Alle lachten.

Wenn sie Schiller den ganzen Weg bis nach Orem zurückbringen würden, könnte man sich im Gefängnis fragen, warum das Auto so lange wegblieb. Es war besser, sie fuhren nach Norden bis zu den Außenbezirken von Salt Lake. Von dort rief Schiller seinen Fahrer an, der ihn abholen sollte. Trotz dieser Umstände war er noch vor Mitternacht zurück im Motel, um dort auf Garys Anruf zu warten.

Die »Pizza-Hütte« war als einzige noch offen, und sie waren die letzten Kunden. Sie bestellten die Dinger mit Schinken, Salami und Pepperoni, weil Bob Moody diese Zusammenstellung für das Höchste hielt. Sie holten noch ein paar Bier aus einem Lebensmittelladen und fuhren zum Gefängnis zurück. Am Tor wurde der Wagen durchsucht und das Bier beschlagnahmt. Das machte sie wütend, aber der Typ, der sie untersuchte, war ein ganz besonders sturer Bock und sagte, alkoholische Getränke seien auf dem Gefängnisgelände nicht gestattet. So redete der. Die Ironie war, daß er nicht mal einen Blick auf die Pizza-Kartons warf. Sie hätten fünf Pistolen dort versteckt haben können.

Dann fuhren sie vom Eingangstor die Straße weiter zum Wachturm vor dem Verwaltungsgebäude. Der Wärter oben auf dem Turm sprach zu ihnen herunter wie Gott aus einer dunklen Wolke, um ihnen zu eröffnen, es gebe ein Gebot gegen das Hereinbringen von Pizzas.

Während sie noch darüber diskutierten, erreichte sie eine neue Botschaft von oben. Sie könnten zwar die Pizzas mit hineinnehmen, aber Gary dürfe nichts davon abbekommen. Er hatte Pizza nicht auf die Liste für seine Henkersmahlzeit geschrieben.

Moody konnte sich die Szene im Büro des Gefängnisdirektors genau ausmalen. Eine richtige Staatsaffäre. Was? Essen wird von draußen ins Gefängnis gebracht! Das hat sofort aufzuhören! Bis sie an der Tür zum Sicherheitstrakt ankamen, waren Bob und Ron so wütend, daß sie dort stehen blieben und ihre Pizza draußen in der Kälte aßen. Als sie schließlich wieder drin waren, war Leutnant Fagan die Situation sehr peinlich. Er war ein kleiner Mann, mit weißem Haar, einem Schnurrbart und von hagerer Gestalt, normalerweise ein gutgelaunter Typ, jetzt durch das Verhalten seiner Vorgesetzten niedergeschlagen.

Nach einer Weile kam ein Wärter und sagte, Gary könne auch ein Stück Pizza haben. Natürlich dachte Gary jetzt nicht mehr daran, das Zeug auch nur anzurühren, er blickte finster drein und sagte: »Ich hoffe nur, allen schmeckt meine Henkersmahlzeit.«

Währenddessen ging Pater Meersman immer wieder rein und raus. Er hielt sie darübeer auf dem laufenden, was in der Verwaltung vor sich ging, und, wie sich Bob ausmalte, bestimmt auch die Verwaltung darüber, was hier drinnen vor sich ging.

Durch diesen Zwischenfall fühlte man sich nur noch gedemütigt. Gary hätte sich gestern abend von hundert Gerichten jedes beliebige bestellen können. Der Direktor hätte es abgesegnet, und Gary hätte es heute abend bekommen. Aber jetzt war es zu spät. Inzwischen kamen ein paar Leute aus der Gefängnisapotheke, um ihm noch mehr Pillen zu geben. Er durfte keine Pizza essen, aber sie fütterten ihn mit Speed. Stanger fand, das Verhalten der Gefängnisverwaltung sei am besten mit dem Wort »großartig« beschrieben.

Auf Tonys Geburtstagsfeier, daheim, wiederholte Ida ständig: »Ich will morgen früh wieder hin, aber ich glaube, ich schaffe es nicht.« Es schien, als ob in dieser Nacht pausenlos Freunde anriefen, so daß Tony während der ganzen Party nicht an Gary zu denken brauchte. Dennoch sagte sie dauernd zu ihrer Mutter:,, Ich will noch mal hin«, und Ida antwortete jedesmal: »Ach, Kleines, die ganzen Reporter wissen doch jetzt, wer du bist.

Als die Doppeltür geöffnet wurde, saß Daddy mit Gary auf dem Feldbett. Vern war schläfrig, und Gary war aufgedreht, beide mußten schon daran gewöhnt sein, daß ständig Leute rein- und rausgingen, denn die erste Tür fiel hinter Tony zu, und sie blickten nicht einmal auf, als sich die zweite Tür öffnete. Sie war wirklich schon drinnen, als Gary sie sah, aufsprang und sie in die Luft stemmte. Er sagte: »Ich wußte, daß du zurückkommst. Gott sei Dank, du bist wieder da!«

Er wirbelte sie herum, umarmte sie und gab ihr einen langen Kuß. Vern sagte: »Was macht ihr denn da hinten? Es ist noch lange nicht Morgen«, aber er störte sie nicht weiter. Sie setzten sich hin und fingen an zu reden. Er sagte: »Wenn wir doch mehr Zeit füreinander hätten.« »Mir tut's auch leid«, sagte Tony.

»Aber«, sagte er, »vielleicht hat das ja einen Sinn. Wenn sich unsere Beziehung früher entwickelt hätte, würde uns der heutige Abend vielleicht nicht so viel bedeuten.« Dann fragte er sie, ob sie Bilder von Nicole sehen wolle, holte einen verschnürten Karton hervor und band ihn vorsichtig auf.

Er zeigte ihr Nicole als Kind. »Die«, fügte er hinzu, »mußt du dir jetzt nicht ansehen, wenn du nicht willst«, und er zog ein paar wunderschöne Aktzeichnungen von Nicole hervor. Dann kam eine ganze Reihe von Automatenphotos

vier Bilder für einen halben Dollar. Nicole zeigte ihre Brüste. Es war klar, daß diese Bilder Gary viel bedeuteten, und Tony fand sie nicht einmal unanständig. Eher eindrucksvoll. Die ganze Zeit über zeigte ihr Gary immer neue Bilder von Nicole -- mit fünf Jahren, mit acht, mit zehn -- und sagte, was für ein schönes Kind sie war.

Tony sagte: »Jetzt ist sie eine schöne Frau.« Was sollte all sein Gerede, wie sie als Kind ausgesehen hatte. »Ich wollte«, sagte Gary, »ich hätte sie noch ein einziges Mal sehen können.«

Der Plattenspieler lief, und Gary sagte: »Los, komm! Ich hab seit Jahren nicht mehr getanzt.« Sie standen auf. Tony hatte ihn einmal singen hören, und es war schrecklich, aber jetzt konnte sie merken, daß er sogar noch schlechter tanzte. Trotzdem machte es ihr Spaß.

Als sie auf dem Boden gesessen und seine Bilder angesehen hatte, war sie ihm so nahe gewesen. Wie Brenda war Tony zum vierten Mal verheiratet. Zweimal hatte es nur ein paar Monate gehalten. Ihre vierte Ehe, die mit Howard, dauerte nun schon neun Jahre. Es war eine gute Ehe, und momentan gab es weniger Ärger denn je, aber Tony hatte noch nie ein solch seltsames Gefühl gehabt wie jetzt. Es war, als ob sie in diesen paar Stunden mit Gary ein ganzes Leben geteilt hätte.

Es war ein schneller Tanz. Gary setzte Tony seinen komischen Hut auf, verwuschelte ihre Haare? und dann tanzten sie. Sie gab sich alle Mühe, um mit ihm Schritt zu halten. Als sie aufhörten. sagte Gary: »Ich war nie richtig gut, aber ich hatte auch nicht oft Gelegenheit, zum Tanzen zu gehen«, und sie lachten. Er erzählte ihr, daß er mit Johnny Cash telefoniert hatte, aber die Verbindung sei schlecht gewesen. Trotzdem habe er gefragt: »Sind Sie der echte Johnny Cash?« und gleich nach der Antwort zurückgedonnert: »Und hier ist der echte Gary Gilmore.«

Sie setzten sich wieder. Gary sagte: »Ich habe heute abend etwas bei dir gefunden, was ich all die Jahre nur von Brenda kannte, und ich wünschte, ich hätte zwischen dir und deiner Schwester gerechter geteilt.« Als Tony verwirrt guckte, sagte er: »Ich habe dir und Howard dreitausend Dollar vermacht und Brenda und Johnny fünftausend. Es tut mir leid, daß ich es nicht gerecht verteilt habe. Ich habe dich nie richtig gekannt.« Sie sagte ihm, daß das Geld nicht wichtig sei.

Er sagte: »Du ersetzt mir heute abend so viele Leute. Du bist Nicole, und du bist Brenda, und irgendwie bist du wie meine Mutter, wie ich mich an sie erinnere, als sie jung war.« Tony wußte nicht, ob sie seine Gedanken lesen konnte, und doch dachte sie, daß er ein starkes Bedürfnis verspürte, seine Mutter noch einmal zu umarmen ...

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