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TANGER Das Loch ist zu

aus DER SPIEGEL 16/1952

Habsburgs Doppeladler auf der Standarte des spanischen Elite-Bataillons »Don Juan d'' Austria« ließ träge seine Schwingen in der sengenden Mittagshitze Nordafrikas hängen. Es war Sonntag, der 30. März 1952. Die Baracken des Militärlagers Tzenin de Sidi Yama in Spanisch-Marokko lagen wie ausgestorben. Francos Fremdenlegionäre dösten dumpf auf ihren Feldbetten.

Da wurde die flimmernde Luft, die über den Unterkünften schmorte, durch ein gellendes Hornsignal zerschnitten. Alarm!

Es war genau 14 Uhr.

Sofort wimmelte die Legionärsstadt wie ein Ameisenhaufen. Um 14.20 Uhr stand das ganze Regiment feldmarschmäßig angetreten. Die Panzer- und Zugmaschinen brummten auf niederen Touren. Kommandos ertönten. Die Motoren heulten auf. In Kompanien schwenkte die Truppe zur Marschformation ein, und in gelben Staubwolken mahlte sich das Regiment durch die Wüste. Marschrichtung Tanger. Habsburgs Doppeladler breitete die Schwingen weit im Fahrtwind des Kommandeur-Panzers aus.

In Tanger aber rabatzte der Pöbel.

Es hatte damit begonnen, daß die sonntägliche Vormittagsruhe durch randalierende Banden jäh unterbrochen wurde. Fensterscheiben klirrten, ausländische Geschäfte wurden geplündert, Passanten niedergeschlagen und Polizisten angegriffen. Wie eine Springflut schwoll der Aufstand an.

Als Chef der internationalen Polizei regiert der belgische Oberst Legrand das 380 Quadratkilometer große Territorium mit einer Bevölkerung von 150 000 Bewohnern, von denen 36 000 Fremde sind*).

Für seine Aufgaben stehen ihm 532 Beamte, einschließlich Verwaltungs-, Verkehrs-, Sitten-, Zoll-, Grenz-, Kriminal- und Fremdenpolizisten zur Verfügung. Seine bewaffnete Truppe hat 238 Gewehre und Karabiner, doch kein einziges MG und keine schwere Waffe. Tanger aber ist ein Zentrum internationaler politischer Agenten, Schmuggler, Verbrecher, Banknoten-Fälscher und Mädchenhändler.

An diesem heißen Sonntag wurden Legrands Polizisten wie die Hasen gehetzt. Nachmittags um 16 Uhr war Tanger praktisch in den Händen der Aufständischen. Auf vier Plätzen der Stadt war die Polizei von schreienden Horden eingekesselt. Legrand sah keine Möglichkeit, die Situation wiederherzustellen. Er befürchtete Massenplünderungen und Pogrome.

Das war die Lage um 16 Uhr.

Um 16.45 Uhr waren jedoch plötzlich die Straßen wie leergefegt. Etwas verwundert und unsicher schauten die Polizisten um sich.

17.15 Uhr besetzte die Polizei schüchtern die Hauptverkehrspunkte Tangers, ohne auf Widerstand zu stoßen.

Gegen 19 Uhr setzten die ersten Verhaftungen der Rädelsführer ein. Als die Sonne unterging, begann Legrand das große Aufräumen. Der Schiffs- Telefon- und Telegrafenverkehr setzte erst am Montag ein, und am Dienstag, dem 1. April, öffneten die Geschäfte wieder ihre Türen.

*) Die Neutralisierung und Internationalisierung der Zone von Tanger wurde im Vertrag von Algeciras 1906 zwischen den Großmächten niedergelegt und im Statut von Tanger 1923 und im Pariser Abkommen von 1945 bekräftigt.An der Spitze der internationalen Verwaltung Tangers steht ein Kontrollkomitee, das sich aus den Generalkonsuln der Signatarmächte von Algeciras (mit Ausnahme der UdSSR, die sich wegen des spanischen Vertreters von der Verwaltung fernhält) zusammensetzt. Die offizielle Version über die Unruhen in Tanger lautete: ortsfremde verhetzte Elemente haben die Plebs aufgewiegelt. Es kam zu Plünderungen. Die internationale Polizei schlug den Aufstand jedoch nieder. 10 Tote und 80 Schwerverletzte blieben auf dem Plan. 71 meist ausländische Geschäfte wurden geplündert. Angerichteter Schaden: etwa 110 Millionen Francs. Die Ruhe wurde wieder hergestellt.

Die Ruhe wurde wieder hergestellt. Allerdings nicht durch die internationale Polizei. Abgeblasen wurde die Revolution vom Hotel »Continental« aus. Das »Continental« ist Hauptquartier einer ganzen Gruppe mehr oder weniger undurchsichtiger Agenten Moskaus:

* Nikolaj Sebenef von der Propaganda-Abteilung der Kominform. Wenn nicht im Continental, dann im Hotel Eccerra anzutreffen.

* Andrej Koltzov, früher Ost-West-Handelsexperte in Karlshorst. Was in Hamburg und Bremen, Berlin und Düsseldorf via Tanger verladen wird, bringt er vom Restaurant Capri in der Calle Molière aus auf den Weg nach dem Fernen Osten.

* Sein Assistent Nikikof Rudenko. Ist ebenfalls im Capri-Restaurant anzutreffen und war früher bei der Amtorg-Trading New York tätig.

* Der Oberstleutnant im Generalstab der Sowjet-Armee Davidov Ferenko, Experte für militärische Planungen. Er wohnt in der Calle San Franzisco 122.

* Der direkte Beauftragte des Kreml-Politbüros Sergej Lobtschef, meist in der Bar »Mirasol« anzutreffen.

* Der Major im Generalstab der Sowjet-Armee P. Mikolski, Quevedo 17.

* Der Marineoffizier und Transportfachmann Konstantin Ondaschef, meist im »Continental«.

* Der Marineoffizier Ladislav Sokolojev, Nachschub- und U-Boot-Fachmann, Calle de Mejico 3.

Diese und eine Reihe weiterer Männer - insgesamt 16 - kommen nach Tanger und gehen von Tanger, wie F. Levinskij, der russische Direktor der Banco Zuika in Beirut, Kenner der internationalen Währungs- und Börsenmakler-Verhältnisse, und G. Osslov vom sowjetischen Geheimdienst MGB. Er ist wahrscheinlich der wichtigste Mann des Teams.

Am 30. März war MGB-Osslov gerade nicht in Tanger. Da brach, vom »Continental« und »Mirasol« gesteuert, der Putsch los. Alles lief wie am Schnürchen. Sergej Lobtschef saß in der Bar im »Mirasol« und trank einen Whisky Soda nach dem anderen. Ueber die Schulter fertigte er die Kuriere ab, die ihm über den Stand der Straßenschlachten Bericht erstatteten.

Um 14.45 Uhr stolperte atemlos ein Bote in die Bar. Aufgeregt drückte er Lobtschef einen Zettel in die Hand. Nervös goß der Russe noch einen Whisky runter und sauste in einer Taxe davon.

Auf dem Stück Papier war Lobtschef mitgeteilt worden, daß der Habsburger Doppeladler der spanischen Legionäre im Anflug auf Tanger sei.

Tatsächlich war das Terzio »Don Juan de Austria« drauf und dran, die internationale Zone von Tanger zu besetzen, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Der spanische Vertreter im »Comité de Control« von Tanger, Don Cristobal de Castillo, war am Vormittag, bei Ausbruch der Unruhen, mit einer Sondermaschine nach Madrid geflogen. Er wurde sofort von Außenminister Don Martin Artajo empfangen. Am Sonntagmittag wurde der Dauerdienst im Quai d''Orsay und in Downing Street durch Alarm aus Madrid elektrisiert.

Madrid teilte seinen Entschluß mit, in Tanger einzumarschieren. Spanien hatte bereits einmal, 1940, die Stadt besetzt und erst 1945 wieder geräumt.

Dann wurden um 14 Uhr die Legionäre in Krinda aus ihrer verdienten Siesta geweckt. Als sie jedoch kurz nach 17 Uhr an der Grenze von Tanger standen, hatte Lobtschef den Aufstand von den Straßen und Plätzen wie den Rauch einer Zigarette hinweggeblasen. Der Kommandeur der spanischen Legionäre hatte so keinen Anlaß mehr, einzugreifen. Unter diesen Umständen wäre die Besetzung Tangers eine Verletzung des internationalen Statuts der Stadt gewesen. Die Truppe mußte wieder zu ihrem Stützpunkt abrücken.

Für die Russen stand allerdings viel auf dem Spiele. Die Sowjets haben rund 35 Tonnen Gold und ein Devisenkonto von etlichen 70 bis 80 Millionen Schweizer Franken in Tanger deponiert. Spanische Goldmünzen. aus dem 1937 von Madrid nach Odessa übergeführten Staatsschatz, stehen in jeder Menge zur Verfügung.

Von Tanger aus sehen die Sowjets auf den Atlantik hinaus und in das Mittelmeer hinein. Tanger ist die Drehscheibe für ihren Handel zwischen den Ostsee-Häfen und Ostasien. Hier werden die Fracht- und Warenkontrakte der sechs tschechischen Dampfer ausgehandelt, die in Danzig, Gdingen, Stettin und Rheinhäfen für Fernost laden.

Oft melden sich die Herren aus dem »Continental« auch für kurzfristige Reisen nach Liberia und Südafrika ab. Propaganda-Material, Gold, Kurzwellen-Sender, rote Agenten, alles wird über Tanger geschleust.

Das alles stand auf dem Spiele, als die spanischen Panzer auf Tanger zurollten. Und noch etwas mehr.

Am 14. März starben in Barcelona fünf Anarchisten unter den Salven der Exekutionspelotons. In drei Banden organisiert hatten die Anarchisten in den Jahren 1947 bis 1951 32 Raubüberfälle in Kata lonien durchgeführt. 11 Personen wurden dabei erschossen, 23 verwundet und für 7 Millionen Peseten Schmuck und Wertgegenstände erbeutet*).

Einer der Häuptlinge dieser Banden war Santiago Amir Gruanas, genannt »El Sheriff«. Der jetzt exekutierte Gruanas hatte im spanischen Bürgerkrieg unter der Führung MGB-Osslovs gearbeitet. Osslov residierte damals im Hotel Colon in Barcelona als Beauftragter der GPU.

1950 wurde einem Teil dieser Anarchisten der Boden in Katalonien zu heiß. Sie flüchteten nach Paris, um von dort aus auf Weisung Osslovs unterirdisch gegen Franco zu arbeiten.

Aber auch der Sûreté waren die Burschen unheimlich. Sie sammelte die Mehrzahl von ihnen Anfang 1951 ein und schickte sie in Internierungslager nach Korsika und der Sahara. 1951 lag dort die jährliche Sterbequote bei 28 v. H.

Tanger war also für Osslov die letzte und damit um so wertvollere Base für seine unterirdische Tätigkeit gegen Franco. Tanger war überhaupt das große Loch im NATO-Vorhang. Deshalb also mußte der Putsch am 30. März abgeblasen werden. Daß die Spanier so prompt reagieren würden,

*) Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands protestierte am 27. März in einem Telegramm an den spanischen Botschafter in Bonn gegen die Hinrichtung der fünf Verbrecher. hatten die 16 Tanger-Sowjets nicht vermutet.

Am 1. April traf MGB-Osslov, von Albanien kommend, Hals über Kopf in der internationalen Zone ein.

Die Flinten waren zu früh losgegangen. Moskau hatte für Tanger einen geheimen Mob-Plan aufgestellt. In vier Fällen sollte Rabbatz stattfinden:

* Fall 1: Weltkrieg III:

* Fall 2: schwere Aufstände in Marokko, Algier oder Tunis;

* Fall 3: Unruhen in Spanien, z. B. nach dem Tode Francos. Und

* Fall 4: auf spezielle Weisung Moskaus hin.

Die naßforschen Sowjetoffiziere im »Continental« hatten auf das Fanal in Tunis hin Revolutionslorbeeren ernten wollen.

Osslov brachte die Rückberufungsbefehle für die Mehrzahl der Sowjetoffiziere mit. Die Ersatzleute waren schon auf den Weg nach Tanger gebracht worden. Aber auch sie werden umkehren müssen. Spanische Fremdenpolizei wird demnächst in der internationalen Zone mit eisernem Besen fegen.

Das Kontrollkomitee von Tanger forderte zunächst Verstärkung der internationalen Polizei. Der spanische Vertreter im Kontrollrat protestierte jedoch auf Weisung Madrids. Und ohne seine Zustimmung geht es nicht.

In Tanger aber flüsterte man sich zu, daß Legrands Polizei mit Absicht die Waffen vor den Rebellen gesenkt hätte. Um den Spaniern Gelegenheit zum Eingreifen zu geben. Nachdem das nicht geklappt hat, seien jetzt weitere Karabiner für die Polizei unerwünscht. Wenn der Mob noch einmal losschlagen würde, könne er vielleicht nicht so prompt zurückgepfiffen werden.

Doch Franco war noch schneller als die Flüsterparolen in den Hafen-Gassen von Tanger.

Am 3. April abends kündigte Madrid an, daß es in Tanger einmarschieren werde. In Spaniens Hauptstadt gab es mit dem französischen und britischen Botschafter heftige Kontroversen. Washington wurde nicht verständigt. Paris protestierte und drohte mit »ernsten Maßnahmen«.

Madrid konterte, indem es Informationen seines Geheimdienstes vorlegte, daß in Tanger neue Unruhen bevorstünden.

In der Nacht zum 4. April schlugen Paris und London daraufhin vor, man solle unverzüglich die Polizei unter Oberst Legrand verstärken und mit schweren Waffen ausrüsten. Madrid lehnte ab, jede weitere Minute könne spanische Menschenleben in Tanger gefährden.

Botschafter Lord Balfour ging persönlich ins Außenministerium Aber Artajo ließ sich nicht sprechen. Reisevorbereitungen nach dem Nahen Osten schützte er vor (s. Spanien).

Schließlich erfolgte in letzter Minute eine Einigung auf Grund eines Vermittlungsvorschlages, der von Schuman ausgegangen war. Frankreichs Prestige sollte dadurch gewahrt bleiben, daß es selbst bei der Besetzung Tangers beteiligt wurde. Madrid war unter der Bedingung einverstanden, daß zuerst die spanischen Truppen in Tanger einrücken sollten.

Inzwischen begann das große Kofferpacken in Tanger. Wenige Stunden später rückten auf »Ersuchen« des Kontrollrates der internationalen Zone eine motorisierte MG-Abteilung französischer Fremdenlegionäre und eine spanische Abteilung marokkanischer Schützen ein, um im Falle neuer Unruhen für die Sicherheit der Stadt zu sorgen.

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