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»Das Maß ist voll, bis oben hin«

aus DER SPIEGEL 37/1989

Mit einem frechen Spruch pflegte die berühmt-berüchtigte Berliner Schnauze den Hang des CDU-Bundestagsabgeordneten zum weiblichen Geschlecht zu umschreiben, als dieser noch Innensenator und Bürgermeister (1981 bis 1986) in West-Berlin war: »Schlage nie ein Kind, es könnte Lummers sein.«

Anfang der achtziger Jahre schon soll in Berliner CDU-Kreisen bekannt gewesen sein, daß Heinrich Lummer als Fraktionsvorsitzender eine Freundin in Ost-Berlin hatte. Wieso konnte Heinrich Lummer danach noch Innensenator und oberster Dienstherr des Verfassungsschutzes werden, zumal da ihm die Verbindung der Dame zur Stasi vorher bekannt gewesen sein soll? Wußte Eberhard Diepgen, seit 1984 Regierender Bürgermeister, von Lummers Kontakten?

Wenn die CDU es nach der Wahlniederlage mit einem politischen Neuanfang ernst meint, muß sie nicht nur eine lückenlose Aufklärung fordern, sondern diese auch selber betreiben.

Nun ist der Mann, dem einmal eine große Zukunft vorhergesagt wurde, endgültig gestolpert. Heinrich Lummer ist eine politische Randfigur geworden.

Nun können die Republikaner die Nase noch ein wenig höher tragen; eine der schärfsten Geheimwaffen gegen Schönhuber und Gefolge ist selber getroffen und wird nun wohl bis auf weiteres erst einmal zwischengelagert werden müssen. Kann man da gar nichts machen? Warum irrt sich denn der SPIEGEL auch so selten?

Milde hätte man belächeln können, daß auch Politiker dem Drang der Hormone gelegentlich recht wenig entgegenzusetzen haben. Doch Lummer tat nicht, was selbstverständlich gewesen wäre: Der Rücktritt von politischen Ämtern. Im Wissen der Erpreßbarkeit durch die Akt-Fotografen des Stasi ließ er sich zum Berliner Innensenator und damit zum Dienstherren des Verfassungschutzes wählen. Wenn stimmt, was der SPIEGEL schreibt, hat Lummer zudem den Verfassungsschutz belogen, indem er seine intimen Ost-Kontakte zunächst höchst unvollständig mitteilte.

Willy Brandt trat 1974 zurück - wegen des DDR-Spions Guillaume. CDU-Rechtsaußen Heinrich Lummer ist immer noch aktiv, obwohl er zur gleichen Zeit sehr viele engere Kontakte mit der DDR-Staatsbürgerschaft gehabt hat, sozusagen hautnahe. Eine Sex-Affäre ist eine, eine Sex-Affäre mit einer DDR-Agentin ist eine ganz andere Sache.

Das Maß ist voll, bis oben hin. Denn was hat uns »Heinrich fürs Grobe« nicht alles sonst schon geboten? Er pflegte mit Rechtsradikalen intime Kontakte, wollte immer mal wieder das Grundgesetz ändern und störte sich öffentlich am Geruch von Ausländern. Fast nichts ließ er aus, um sich als der rechte Hansdampf in allen Gassen zu präsentieren. Die CDU muß ganz schnell darüber nachdenken, wie sie die »Affäre Lummer« möglichst rasch endgültig beenden kann.

Weil in Fragen der Sicherheit des Staates aber auch nicht ein »Rest-Zweifel« bleiben darf, ob ein für innere Sicherheit verantwortlicher Senator nicht selbst ein »Sicherheitsrisiko« darstellt, hätte Lummer schon früher seinen Hut nehmen müssen. Für einen christlichen »Law-and-Order«-Politiker hätte sich dies allemal gehört.

Er war ein Polizeiminister der harten Hand, gegen Asylanten, gegen Hausbesetzer oder andere linke Protestierer. Schnell reklamierten deshalb die Republikaner Heinrich Lummer als Fleisch von ihrem Fleische. Dem war's recht. Denn mit Gerüchten von einem möglichen Überwechseln konnte er seine Partei immer wieder unter Druck setzen. Das Ost-Berliner Bettgeflüster befreite die Union von einem Problem. Innerparteilich ist er erledigt, und als politischer Saubermann läßt sich Heinrich Lummer auch Protestwählern nicht mehr verkaufen.

Viele Berliner fühlten sich von seinen Bettgeschichten abgestoßen. Daß östliche Geheimdienste bei ihm eines Tages den Hebel anzusetzen versuchen würden, war nicht unbedingt vorauszusehen, lag aber durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen.

Auch dafür ist so eine überraschende, aber eben systemgerechte politische Wende gut. Denn ohne den Regierungswechsel und das Aufräumen beim sogenannten Verfassungsschutz schmorte die Geheimsache Lummer bestimmt weiter im Tresor. Dabei müßten sich Demokraten, welcher politischen Farbe auch immer, einig sein, daß der Fall längst ans Licht gehört hätte . . . Unsere Verfasssung wird nicht am besten durch Panzerschränke geschützt, sondern durch Offenheit.

Entlastung bekam der nun erstmals auch amourös schwer angeschlagene Lummer von seiner stellvertretenden Bundesvorsitzenden, Hanna-Renate Laurien. Die wegen ihrer moralischen Rigidität viel gerühmte Ex-Schulsenatorin beschäftigte sich allerdings auf Anfrage zunächst verstärkt mit der moralisch-sexuellen Komponente . . . Laurien zur taz: »Daß er viele Freundinnen hat, das weiß doch jeder. Das ist eben Privatsache.« Sie selbst habe schon gewußt, bevor sie an die Spree gekommen sei, daß »der Heinrich« viele Verhältnisse habe. Aber »mich nicht«, fügte die Ex-Bürgermeisterin dann ungefragt sicherheitshalber noch hinzu.

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