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Das Massaker am Mutla Ridge

aus DER SPIEGEL 15/1991

Die Szene an der Straße, die nach Norden in den Irak führt, könnte aus dem Inferno von Dante stammen. Rußwolken, die aus den brennenden Ölfeldern in Kuweit aufsteigen, treiben wie bizarre Ungetüme am Himmel. Was in der Halbdämmerung erkennbar ist, erschüttert den US-Major Bob Nugent bis aufs Mark.

»Nicht einmal in Vietnam habe ich so etwas erlebt«, sagt er. Nugent blickt auf einen kilometerlangen Friedhof von ausgebrannten Lastwagen und zertrümmerten Autos. Leichen, über die sich Wüstenhunde hermachen, liegen im Sand. Manche sind fast skelettiert. Im Inneren der Autos verschmorte Körper, die mit dem, was einmal ihre Arme waren, noch immer die Lenkräder umklammern.

Nugents Aufgabe ist es, in den Wracks nach Dokumenten der irakischen Armee zu suchen. Viel ist es nicht, was nach dem mörderischen Angriff am 25. Februar übrigblieb, drei Tage vor Beginn der Waffenruhe im Krieg mit dem Irak.

Mehrere Stunden hatten damals amerikanische F-16-Maschinen und Jagdbomber des Flugzeugträgers »Ranger« einen Konvoi angegriffen, mit dem die Reste der irakischen Besatzungsarmee aus Kuweit in Richtung Basra fliehen wollten.

Doch der Konvoi - und das läßt jenes Bombardement als Strafaktion, womöglich aber auch als Kriegsverbrechen erscheinen - saß beim Marsch nach Norden bereits hoffnungslos in der Falle. Jenseits eines Höhenzuges namens Mutla Ridge waren amerikanische Panzer vom Typ M-1-Abrams aufmarschiert, die modernsten im Arsenal des US-Heers, mit Gasturbinenantrieb und deutschen Glattrohrkanonen. Den Irakern wäre keine andere Möglichkeit geblieben, als sich zu ergeben - wie zuvor Zehntausende ihrer Kameraden.

Statt dessen wurden sie Opfer des schwersten Luftangriffs, den es in dem 43-Tage-Krieg am Golf gegeben hat. Die Piloten des Trägers »Ranger«, so berichtete damals das Nachrichtenmagazin Time, flogen immer neue Einsätze. Wahllos hätten die Bombenwarte Raketen und Streubomben unter die Tragflächen gehängt, ohne auf die ursprünglich zugewiesene Munition zu warten, die mit den Aufzügen an Deck gelangte.

Doch die Bilder, die von den Überresten des Konvois damals im Fernsehen gezeigt wurden, waren nur ein Ausschnitt des Desasters. Sie stammten vom sechsspurigen Straßenabschnitt zwischen dem Mutla Ridge und der irakischen Grenzstadt Safwan. Hier hatte der Stahlhagel der Streubomben Fahrzeuge durchlöchert, als wären sie Spaghettisiebe.

Die andere Hälfte des Konvois versuchte, über einen zweispurigen Straßenabschnitt zu entkommen. In den Resten der bisher übersehenen Todeskarawane forscht Major Nugent nach den Akten der Iraker.

Was ist im Krieg am Golf wirklich geschehen? Von den Tausenden Irakern, die mit dem Konvoi getreckt waren, überlebten am Mutla Ridge nur 450. Die Toten zählen zu einer gespenstisch ungleichen Bilanz von 124 amerikanischen Gefallenen und mehr als 100 000 irakischen Soldaten, die am Golf starben.

Erst jetzt, sechs Wochen nach dem abrupten Ende des Bodenkriegs im südlichen Irak, wird das ganze Ausmaß der menschlichen Tragödie erkennbar, kommen in den USA und England Selbstkritik und Zweifel auf. Der Golfkrieg, meint etwa der Londoner Autor und Vietnam-Berichterstatter John Pilger, sei ein »einseitiges Blutbad«, der alliierte Sieg »ein Massen-Massaker« gewesen.

Anfang Februar waren es B-52-Bomber, die einen irakischen Militärkonvoi angriffen. Er war 16 Kilometer lang, begleitet von 60 000 Soldaten. Der saudische General Chalid Ibn Sultan gab danach an, die Marschsäule sei »zu 90 Prozent zerstört« worden.

Doch solche Meldungen gingen im Nachrichtenwirrwarr oft unter oder stauten sich im Filter der Zensur. Vor allem aber ließen sich die Verluste auf irakischer Seite schwer summieren, da auch Bagdad Zahlenangaben für sich behielt, um die Moral der Truppen an der Front nicht zu gefährden.

Auf der Seite der Verbündeten tat Befehlshaber Norman Schwarzkopf so, als ließe sich die Zahl der Gefallenen beim Gegner nicht ermitteln. Ein »body count« im Stil von Vietnam schien ihm nicht angemessen in einem High-Tech-Krieg, den die Militärzensur mit einem Minimum an Verlusten und als möglichst »sauber« zu porträtieren suchte.

Daß es tatsächlich über 100 000 Iraker waren, die ums Leben kamen, wurde den alliierten Schlachtenlenkern jetzt vom eigenen Hauptquartier bestätigt. Zwei Drittel der irakischen Soldaten, so verkündete ein Sprecher des Central Command in Riad, waren schon vor Beginn des Landkrieges getötet worden - mit Bomben und ohne »Vernichtungsschlacht«, wie sie Schwarzkopf vorschwebte.

Womöglich gab es aber weit mehr Opfer. Ein Angehöriger des amerikanischen Streitkräftegeheimdienstes mißtraut den Angaben: »Die Jungs im Feld zählten ja gar nicht, und sie tun's noch immer nicht. Sie haben die Leichen einfach in Massengräber geworfen und mit Sand bedeckt.«

Unter den schnell Verscharrten müßten sich auch die Leidtragenden eines Gemetzels befunden haben, das amerikanische »Apache«-Helikopter anrichteten. Es gibt Augenzeugen, die das Abschlachten gesehen haben - auf einem Videofilm, der ihnen beim XVIII. Airborne Corps in Riad gezeigt wurde.

John Balzar, ein Reporter der Los Angeles Times, sagt nach seiner Rückkehr in die USA: »Das Video war außerordentlich detailreich. Es war mit Infrarot aufgenommen worden und flackerte deshalb mit diesem unheimlichen Grün und Weiß. Es war sogar einigen der Militärs zu anschaulich, manchen drehte sich der Magen um.«

Der Film zeigt den Angriff von Apaches auf einen Komplex von Bunkern. Überlebende laufen aus den Unterständen direkt in das Feuer aus den Kanonen der Kampfhubschrauber, die pro Minute 625 Schuß abgeben. Balzar: _____« Einer nach dem anderen wurde von den Angreifern » _____« niedergemäht. Ein Mann fiel hin, krümmte sich auf dem » _____« Boden und stand wieder auf, doch die nächste Salve riß » _____« ihn um. Die Soldaten, auf dem Video groß wie » _____« Fußballspieler auf einem TV-Bildschirm, rannten umher und » _____« konnten nirgendwo in Deckung gehen. »

Die fast lautlosen Armee-Apaches gehörten zu den wirkungsvollsten Tötungsapparaten des Golfkriegs. Dabei ging die Schießwut der Piloten so weit, daß General Schwarzkopf aus Kostengründen vor dem »übermäßigen Gebrauch von Feuerkraft« warnte.

Die Piloten schienen vom Geschehen am Boden unberührt. »Wir schossen sie in der Dunkelheit zusammen«, erzählt der Apache-Pilot Ron Balak. »Die begriffen gar nicht, wer und was sie da getroffen hat. Ein Kumpel sagte zu mir, es sei wie bei einem Angriff auf eine Farm gewesen, als habe jemand den Schafstall geöffnet.«

Solche Beschreibungen, der Untergang des Konvois und Schwarzkopfs Wunsch nach der totalen Zerstörung des Gegners lassen in den USA nun vielfach das Gefühl aufkommen, der Krieg am Golf sei doch wieder so schmutzig gewesen wie der in Vietnam.

Ruth Rosen, Historikerin an der University of California, macht Hollywood und die Pop-Kultur mit verantwortlich. Sie habe mit Filmen wie Top Gun und Rambo einer »Glorifizierung des Militarismus« das Wort geredet und dem Vietnam-Syndrom in den USA »das Rückgrat gebrochen«.

Der Essayist John Leo geißelt im Magazin U.S. News & World Report, daß die vom Militär gezeigten Videos die Illusion eines antiseptischen Konflikts erweckt und »nur geschmackvollen Horror« gezeigt hätten.

Die Waffen des Westens waren mit der Gewalt und Plötzlichkeit einer Naturkatastrophe über den Nahen Osten gekommen. »Nehmen Sie als Beispiel nur den Mehrfachraketenwerfer MLRS«, sagt Donald Kerr, der Golfkrieg-Analytiker des Internationalen Instituts für Strategische Studien in London. Jeder der Raketenwerfer kann pro Minute 7728 Gefechtsköpfe verschießen.

Das Grauen vom Mutla Ridge bleibt als Symbol des irrwitzigen Waffeneinsatzes erhalten. Auch die nachgeschobene Erklärung, die fliehenden Iraker hätten Plünderware mitgeführt, unterstreicht nur den Zynismus, mit dem die Auslöschung der Geschlagenen geplant wurde - ein Massenmord wegen gestohlener Strumpfhosen und Nagellack, Teppichen und Taucherbrillen?

Es liege »in der Natur des Krieges«, daß man oft auch »sehr brutale Dinge« tun müsse, rechtfertigt der Vier-Sterne-General Merrill McPeak das Massaker. Bei anderer Gelegenheit verglich der Stabschef der U.S. Air Force den Luftkrieg am Golf mit einer Luftfahrtschau.

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