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»DAS MESSER FÜR EUREN TOD«

aus DER SPIEGEL 31/1994

John Gotti hatte alles, was einer braucht, der es in der amerikanischen Mafia zu etwas bringen will. Er war italoamerikanischer Herkunft, war ebenso gerissen wie machtbewußt und verfügte über schier unerschöpfliche kriminelle Energie.

Geboren wurde er am 27. Oktober 1940. Sein Vater, ein Einwanderer aus Neapel, hatte Mühe, die ständig wachsende Familie satt zu kriegen. John war das fünfte von 13 Kindern.

Mit 16 ging er ohne Abschluß von der Schule ab und schloß sich einer Jugendbande an. Der Halbstarke machte von sich reden auf den Straßen von Brooklyn - Johnny Boy, der harte Knochen mit dem explosiven Temperament, der schon morgens um elf herumstolzierte wie vor einer Tour durch die Nachtbars: blütenweißes Hemd mit breitem Kragen, enge Röhrenhosen. Seine gleichaltrigen Gefährten konnte er mit einem einzigen Wort zum Schweigen bringen. Der Bursche hatte Stil, war intelligent und bereit, seine Fäuste zu gebrauchen.

Das gefiel den örtlichen Mafia-Capos der Gambino-Familie, auch Carmine Fatico, einem Gangster der alten Schule, stets gewandet mit dunklem Anzug, schmaler Krawatte, Schlapphut. Bald gehörte Gotti zum Gefolge Faticos und machte den einen oder anderen Überfall auf die vom Flughafen Idlewild kommenden Transportfahrzeuge mit.

Richtiges Geld jedoch, das wußte er, würde er erst als geweihter Soldat der Mafia verdienen können. Als Fatico ein Exempel an zwei farbigen Glücksspielern statuieren wollte, die einen Teil der dem Boß zustehenden Gewinnanteile in die eigene Tasche gesteckt hatten, ergriffen Gotti und ein Kumpel die Chance, sich unentbehrlich zu machen. Die Glücksspieler wurden tot aufgefunden, mit Einschüssen im Hinterkopf.

Mit 20 Jahren heiratete Gotti seine Freundin Victoria DiGiorgio, Tochter eines italienischen Bauunternehmers. Tochter Angela kam 1961 zur Welt, bald kamen drei weitere Kinder hinzu, noch ein Mädchen _(y 1994, Droemersche Verlagsanstalt, ) _(München. ) und zwei Knaben. Währenddessen widmete sich der Vater hauptberuflich seinem Ehrgeiz, in der Mafia-Familie Karriere zu machen.

Als Räuber und Dieb war Gotti allerdings nicht besonders gut. 1963 wurde er in einem gestohlenen Auto verhaftet. Das brachte ihm 20 Tage Gefängnis ein.

In den folgenden zwei Jahren wurde er zweimal bei Einbrüchen geschnappt, die er im Fatico-Auftrag ausführte - das ergab weitere sechs Monate hinter Gittern. Und 1969 erwischte es ihn wieder, diesmal bei dem Versuch, auf dem Autobahnzubringer zum Flughafen Newark zwei Lastwagen in seine Gewalt zu bringen. Seine Bewährungsfrist lief noch, und so wurde er zu vier Jahren Haft im Bundesgefängnis von Lewisburg (Pennsylvania) verurteilt, von denen er zweieinhalb Jahre absitzen mußte.

Danach brachte ein Auftragsmord Gotti erneut ins Gefängnis. Doch aus seiner Sicht war das kein zu hoher Preis: Der Mord machte ihn zum »Geweihten«.

Der Auftrag war von Aniello Dellacroce gekommen, einem stiernackigen Gangster mit Reibeisenstimme, in der Hierarchie der Gambino-Familie ziemlich hoch angesiedelt. Ein offenbar lebensmüder Bandit, James McBratney, hatte sich ausgemalt, er könne mühelos 100 000 Dollar verdienen, indem er Manny, den Neffen des Paten Carlo Gambino, entführte. Die Verhandlungen über das Lösegeld zogen sich über Monate hin und waren beendet, als Mannys Leiche gefunden wurde. Jetzt stand McBratney auf der Abschußliste.

Gotti und zwei seiner Kumpel spürten den Kidnapper in einer Bar in Staten Island auf. Sie hielten ihm Polizeimarken vor die Nase und erklärten ihm, er sei verhaftet; doch aus irgendeinem Grund ließ McBratney sich nicht davon überzeugen, daß sie echte »Cops« waren. Bei der folgenden Schlägerei verlor einer der Gotti-Kumpel die Nerven und feuerte aus kürzester Entfernung drei Kugeln in McBratneys Brust. Der sackte tödlich getroffen zu Boden, die drei »Cops« suchten das Weite.

Drei Monate später wurde Gotti verhaftet. »Wen sucht ihr, etwa mich?« fragte er grinsend, als 20 Polizisten mit gezogenen Pistolen in eine Bar in Brooklyn stürmten und ihn umzingelten. Als Wiederholungstäter mußte er im Falle einer Verurteilung mit einem langen Freiheitsentzug rechnen.

Dellacroce bedeutete ihm jedoch, er solle sich keine Sorgen machen. »Du nimmst die Sache auf dich, basta«, befahl er. Mit Hilfe eines von Gambino engagierten Anwalts kam ein wundersamer Kuhhandel mit der erstaunlich entgegenkommenden Bezirksstaatsanwaltschaft von Staten Island zustande: Gotti bekannte sich des versuchten Totschlags schuldig, dafür mußte er weniger als zwei Jahre absitzen.

Nachdem er im Sommer 1977 auf Bewährung entlassen worden war, wurden Gotti, sein enger Kumpel Angelo Ruggiero und sieben weitere Mitglieder der Fatico-Truppe feierlich in die Cosa Nostra aufgenommen. An deren Spitze hatte inzwischen ein Wechsel stattgefunden. Carlo Gambino war an Krebs gestorben. Sein Schwiegersohn, »Big« Paul Castellano, ein gelernter Metzger mit einem Hang zu kleinlicher Raffgier, war zum Boß aller Bosse aufgestiegen.

Unterboß Dellacroce (Spitzname: »Mr. Neil"), dem nach dem Tod Carlo Gambinos auch die Aufsicht über Faticos Gang zugefallen war, erteilte den neuen Familien-Mitgliedern die Weihe. Gotti gelobte der Mafia und dem neuen Paten Castellano lebenslange Treue.

Nur zwei Jahre später ernannte Dellacroce seinen noch nicht 40jährigen Schützling John Gotti zum »geschäftsführenden« Capo von Faticos Gang. Ein so schneller Aufstieg war, meinten viele Familienmitglieder, nicht nur ungebührlich, sondern auch unklug: Sie hielten Gotti noch nicht reif für den Job.

Doch Johnny verschaffte sich rasch Respekt und wurde zum großen Umsatzbringer. Eine erste Anerkennung dafür wurde ihm zuteil, als er eines Nachmittags im Winter 1980 vor dem Bergin Club, dem in Queens gelegenen neuen Hauptquartier der Fatico-Truppe, eine blitzblanke schwarze Lincoln-Limousine vorfand. Ein rotes Band war quer über die Motorhaube gespannt.

Es war ein Geschenk von Big Paul. Einen Monat später fuhr Gotti in diesem Wagen zu Castellanos Villa in Staten Island, wo offiziell bekanntgegeben wurde, daß Fatico in den Ruhestand getreten sei. John Gotti war jetzt auch ganz förmlich Capo der Bergin-Gang.

Zu diesem Zeitpunkt geriet Gotti ins Fadenkreuz des FBI. »Der mächtigste Capo, den es in irgendeiner Familie gibt«, hieß es in einer damals aus dem Mafia-Milieu abgeschöpften Einschätzung - ein »kommender Mann«, der einschlägige Begabungen mit grenzenlosem Ehrgeiz vereinte. Das FBI setzte eine Sonderkommission neuen Typs auf die Gambino-Familie an - und damit auch auf Capo Gotti, der die kriminell produktivste Untergruppe dieser Familie befehligte.

Bis dahin war weithin übliche Praxis, Mafia-Taten und Mafia-Täter im Einzelfall zu verfolgen - in Reaktion auf das jeweils jüngste Verbrechen. Sonderkommandos des FBI brachten auf diese Weise, in oft mühseliger Kleinarbeit, so manchen Killer, Kredithai und Glücksspielorganisator auf die Anklagebank. Aber wenn ein Mafioso verurteilt war, hatte ein anderer schon seinen Platz eingenommen.

Das »Organisierte Verbrechen« war damals schon ein klar umschriebener Begriff und ein gängiges Schlagwort für die Medien, aber noch irrelevant für die tägliche FBI-Arbeit. Es war der Strafrechtsprofessor Robert Blakey von der Notre-Dame-Universität, der die FBI-Kriminalisten 1980 in einem Seminar-Vortrag wachrüttelte: Das FBI sei auf einem völlig falschen Weg. Es müsse »die kriminellen Organisationen zerschlagen und nicht einzelne Kriminelle abschießen«. Nur wenn es gelinge, die Organisation selbst zu zerschlagen, werde die Mafia entscheidend getroffen.

Der Professor fand offene Ohren bei den FBI-Oberen. Sie entwickelten ein neues Konzept. Es sah die direkte Ausspähung von Mafia-Familien auf deren eigenem Territorium vor. Agenten der verschiedenen Sonderkommandos sollten sich in der Nähe der Wohnviertel etablieren, in denen Mafia-Figuren lebten und operierten. Man erinnerte sich, daß es für den Einsatz elektronischer Überwachungsmittel längst eine gesetzliche Grundlage gab, den Safe Streets Act von 1968. Danach konnte das Bureau nach richterlicher Genehmigung die Telefone von Mafiosi abhören oder in deren Wohnungen Wanzen unterbringen.

Im Zuge der strategischen Neuausrichtung der Mafia-Bekämpfung machte sich das FBI daran, seine Agenten mit modernstem Gerät auszustatten. Wenn es etwas nicht gab, wurde jemand gesucht, der es entwickeln konnte: in Cocktailoliven verborgene Minisender, in Koffern eingebaute Miniaufnahmestudios, als Wanduhren getarnte Video-Aufnahmeeinheiten.

Die technischen und juristischen Voraussetzungen waren also günstig, als 1980 die C-16 gegründet und Bruce Mouw zu ihrem Chef berufen wurde. Der Kriminalist, ein ruhiger Typ, Pfeifenraucher, aufgewachsen auf einer Farm in Iowa und Absolvent der Marineakademie Annapolis, war seit zehn Jahren beim FBI. Sein neuer Job erinnerte ihn an seine Zeit als U-Boot-Fahrer _(* Im Januar 1973, acht Monate nach der ) _(Entführung des Neffen von Mafia-Boß ) _(Carlo Gambino. ) bei der Navy: Auch in New York konnte man in ziemlich trübe und gefährliche Gewässer geraten, wenn Mafiosi zu beschatten waren. Auch hier war es ratsam, alle Fertigkeiten, alle Intelligenz einzusetzen, um mit heiler Haut zu überstehen.

Seinen Gegner, die Gambino-Familie, kannte Mouw nur in groben Umrissen: an der Spitze ein allmächtiger Pate mit einem zweiten Mann als Stellvertreter, dazu der Consigliere, der Berater des Familienoberhauptes. Dann kam die Rangstufe der Hauptleute. Bei den Gambinos gab es rund 20 dieser Capos, von denen jeder eine Gruppe, Decina genannt, von 10, vielleicht 15 Soldaten befehligte.

Das waren die geweihten Mitglieder der Familie, die das Aufnahmeritual durchlaufen hatten. Auf jeden Soldaten kamen vielleicht noch 10 oder mehr Mitläufer, die für die Decina arbeiteten und die bereit waren, alles zu tun, um in die Familie aufgenommen zu werden. Alles in allem zählte die Gambino-Gang rund 3000 Mitglieder.

Dagegen hatte Mouw eine Sonderkommission von 15 Mann aufzubieten.

Der neue Boß der Gambinos, Paul Castellano, hatte eine einfache, in der Familie wohlbekannte Hausregel verkündet: Wer dealt, der stirbt. Es ging ihm nicht um Moral; es war ein pragmatisches Gebot. Wenn einer seiner Jungens beim Handel mit Drogen erwischt wurde, drohte ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe. Schon viele kleine Mafiosi waren aus weit geringeren Gründen zu Spitzeln geworden. Auf lange Sicht, so seine Überlegung, sei es daher für die Gambino-Familie besser, das schnelle Geld sausenzulassen, das man im Drogenhandel verdienen konnte.

Die Regel war unumstößlich. Das Schicksal eines gewissen Peter Tambone war eine Warnung. Der 62jährige war von Angehörigen einer anderen Mafia-Familie beim Dealen ertappt worden. »Macht ihn kalt«, befahl Castellano ohne Zögern.

Die Mitglieder von John Gottis Bergin-Gang wußten, wie es Little Pete Tambone ergangen war. Sie wußten aber auch, daß sie mit Drogengeschäften mindestens drei Millionen Dollar im Monat absahnen konnten. So dealten sie und hofften, nicht erwischt zu werden.

Doch im Winter 1983 bekam die Gang enorme Schwierigkeiten. Der Sonderkommission des FBI war es gelungen, das rosarote Telefon im Eigenheim des Gotti-Busenfreundes Angelo Ruggiero anzuzapfen. Die abgehörten Gespräche enthielten so viele Hinweise auf Drogengeschäfte, daß Ruggiero und Gottis Bruder Gene als »Initiatoren und Betreiber« eines Heroinschmuggelrings identifiziert und angeklagt werden konnten. Gegen John Gotti wurde keine Anklage erhoben.

Paul Castellano schöpfte Verdacht. Er ließ Ruggiero wissen, sobald die Behörden den Anwälten der Angeklagten die Abhörbänder zugänglich machen würden, wolle auch er sie anhören. Und dann warnte er John Gotti: »Hör zu, Johnny, ich hoffe nur, du kannst auch beweisen, daß du nichts damit zu tun hast.«

John Gotti zog daraus den Schluß, daß es jetzt nur noch darum ging, zu fressen oder gefressen zu werden. Er begann, sich nach Verbündeten für einen Putsch gegen den Don umzusehen.

Gotti wußte, daß es wichtig war, »Sammy Bull« Gravano, den muskelbepackten Unterboß der Gambino-Familie, an der Seite zu haben. Zum einen, weil Gravano, wie er selbst, noch jung war, noch keine 40, noch keiner »dieser Mafia-Gruftis«, wie Johnny Boy sie höhnisch nannte. Zum anderen, weil Gravano ein großer Geldbringer und hartgesottener Typ war, der sich nichts vormachen ließ.

Und da war noch etwas: Sammy war ein Killer, ein eiskalter Todesengel. Er hatte jeden, der ihm in die Quere gekommen war, liquidiert. Unter anderem auch Nick Scibetta, seinen Schwager, der den Fehler gemacht hatte, sich von ihm eine größere Geldsumme zu borgen und dann die Rückzahlung zu verweigern. Sammy schoß ihm aus nächster Nähe zwei Kugeln in den Hinterkopf, die Leiche ließ er zerstückeln und in der Umgebung vergraben.

Es wäre eine erfolgreiche Methode der Spurenbeseitigung gewesen, wenn nicht eines Abends, als die Familie Scibetta im Wohnzimmer vor der Glotze saß, der Hund mit Nickys Hand in der Schnauze hereingekommen wäre.

John Gotti ließ bei Gravano sondieren, behutsam und schrittweise, zuerst durch Ruggiero und schließlich durch Frank DeCicco. Dieser DeCicco, der mit der schulterklopfenden Freundlichkeit eines Politikers zwischen konkurrierenden Gruppen der Familie zu vermitteln pflegte, war ein wahrer Überredungskünstler. Er konzentrierte sich auf Gravanos größte Schwäche: die Habgier.

DeCicco legte dar, wie Castellano sich auf Kosten der Familie - und damit auch auf Kosten Gravanos - bereichert habe. So habe der Don die Baufirma Metro Concrete für sich und seinen Schwiegersohn ins Leben gerufen und mit ihrer Hilfe auf einen Schlag anderen Gambino-Firmen Aufträge in Millionenhöhe entzogen.

Außerdem sei der Don - und hier gehe es auch um die Ehre - sich nicht zu schade, Deals mit der benachbarten Genovese-Familie zu machen. »Grünäugiger Hühnerficker«, fluchte Gravano. Er war mit von der Partie.

Der Kreis der Verschwörer war stattlich: Gotti mit seiner Bergin-Gang; Gravano und die schweren Jungs, die mit ihm in Tali''s Bar in Brooklyn verkehrten; Joe »Piney« Armone, ein ergrauter Capo, der versprochen hatte, die alte Gambino-Garde um die neue Fahne zu scharen; Robert DiBernardo, der keine eigene Gang hatte, aber das Talent besaß, Geld zu scheffeln; Frank DeCicco, ein Capo der leichtlebigen Sorte, den Castellano für einen seiner Getreuen hielt.

Gotti ging vorsichtig zu Werke; er ließ sich nicht zur Eile drängen. Er sagte von Anfang an, daß sie nur ein einziges Mal die Chance haben würden, Castellano auf dem falschen Fuß zu erwischen. Der Anschlag mußte perfekt geplant sein - und klappen!

Das Hauptproblem war, daß der große Paul ein doppelt gesicherter Mann war. Er hatte nicht nur seine eigenen Bodyguards, vor allem seinen Chauffeur Tommy Bilotti, einen Muskelprotz mit einem pechschwarzen Toupet, das wie eine ordinäre Mütze auf seinem melonengroßen Kopf saß; da war auch noch das FBI, das dem Boß der Bosse dicht auf den Fersen war. Wo und wann Gotti auch zuschlagen mochte, er mußte damit rechnen, daß die »Feds«, wie die FBI-Beamten genannt wurden, aus irgendeinem Lieferwagen oder vom Dach eines Hauses heimlich zuschauten.

Schließlich bot sich eine günstige Gelegenheit. Ein aufgeregter DeCicco teilte _(* Mit Kriminalbeamten in einem New ) _(Yorker Gerichtsgebäude während eines ) _(Verfahrens gegen führende Mitglieder der ) _(Gambino-Familie (1986). ) mit, Castellano habe ihn für die kommende Woche zu einem Abendessen bei Sparks, einem Steakhaus in Manhattan, eingeladen. Noch am selben Tag gab Gotti die Parole aus: »Es ist soweit.«

Im Gebäude einer Baufirma, die Sammy Bull gehörte, fand am Abend des 15. Dezember 1985 die entscheidende Besprechung der Verschwörer statt. Am Kopfende des Tisches saß John Gotti, neben ihm saßen die von Anfang an Eingeweihten - Gravano, Ruggiero und DeCicco. Die schweren Jungs auf den Plätzen weiter unten konnten nur raten, welche »ernsten Angelegenheiten« zu besprechen waren.

Gotti leitete die Veranstaltung nüchtern wie die Vorstandssitzung eines Unternehmens. »Wir werden morgen einen Job durchführen.« Es handle sich um einen Anschlag auf zwei Personen. Sein Plan sehe vor, die beiden am späten Nachmittag um fünf Uhr zu erledigen, gleich bei ihrer Ankunft in einem Restaurant in Manhattan.

Er stand auf und begann den Tisch zu umrunden: Vier der schweren Jungs am unteren Ende sprach er eigens an. Hinter jedem blieb er stehen und legte ihm seine großen Hände auf die Schultern. Es war die feierliche Einstimmung von Offizieren auf die bevorstehende Schlacht.

»Ihr seid die Schützen«, sagte Gotti, nachdem er seine Runde beendet hatte; ihr Part bestehe darin, vor dem Restaurant auf die Opfer zu warten. Exakte Anweisungen würden sie morgen nachmittag erhalten. Treffpunkt sei um drei Uhr am Park an der Lower East Side, unweit des Flusses. Zum Schluß sagte Gotti: »Es muß getan werden.«

Am 16. Dezember 1985, kurz vor der Mittagsstunde gab Paul Castellano dem Hausmädchen Gloria Olarte (das auch seine Geliebte war) einen Abschiedskuß, durchquerte das mit schwarzen und weißen Marmorfliesen ausgelegte Foyer seiner Villa auf Staten Island und trat durch die zweiflügelige Tür ins Freie. Draußen wartete am Steuer des schwarzen Lincoln mit den getönten Scheiben sein Leibwächter und Chauffeur Tommy Bilotti.

Der Boß der Bosse ließ sich zum Restaurant Country Diner auf Staten Island fahren. Nach dem Essen ging es weiter nach Manhattan.

Dort schaute Castellano bei einem Anwalt vorbei und kaufte in einer Parfümerie eine große Flasche Chanel No. 5 als Weihnachtsgeschenk für Gloria. Dann steuerte er das Steakhaus Sparks in der 46. Straße an, zwischen Second und Third Avenue. Der Lincoln kam im dichten Verkehr nur langsam voran.

Es war recht dunkel, die Weihnachtslichterketten leuchteten, als der Lincoln die Third Avenue überquerte und genau vor dem Baldachin von Sparks stoppte. Castellano stieg aus dem Wagen. Da traten zwei Männer in Regenmänteln und Pelzmützen auf ihn zu. Beide streckten ihre Arme vor. Der eine hatte einen halbautomatischen Revolver vom Kaliber .32 in der Hand, der andere eine 38er. Beide feuerten, was das Zeug hielt.

Die Kugeln zerfetzten Castellanos Körper. Zwei weitere Männer schossen aus nächster Nähe auf den ebenfalls ausgestiegenen Chauffeur Bilotti. Der fiel wie ein Baum: Er wankte, taumelte, stürzte und fiel flach auf den Rücken. Da lag er mit ausgebreiteten Armen und rührte sich nicht mehr.

Castellano war bereits ein toter Mann, als er zusammensackte und mit dem Rücken gegen die offene Autotür fiel. Einer der Schützen beugte sich zu Castellano hinunter. Er setzte dem Toten den Revolver an die Schläfe und feuerte noch eine Kugel ab. Das Geschoß zerriß das Gehirn des Mannes, der eine Minute zuvor noch der Boß der Bosse gewesen war.

Nach dem geglückten Anschlag ließ Gotti durch Joe Gallo, den 71jährigen Consigliere, nach dem Tod Castellanos nominell der höchste Mann in der Hierarchie, eine Versammlung der Capos einberufen. Sie fand bei Caesar''s statt, einem üppig ausgestatteten italienischen Restaurant an der Ecke Third Avenue und 59. Straße in Manhattan, das Sammy Bull Gravano gehörte. Noch vor dem Essen intonierte Gallo den Abend: »Wir wissen nicht, wer den großen Paul auf dem Gewissen hat, aber wir sind dabei es herauszufinden.«

Der Consigliere trug reichlich dick auf, als er mit unsäglich ratloser Miene darüber räsonierte, wer wohl den Boß umgebracht haben könnte. Bei aller Unglaubwürdigkeit der Pose hatte Gallos Auftritt aber eine unanfechtbare Logik: Wenn die Familie nicht wußte, wer ihren Boß umgebracht hatte, konnte es auch keine Rache an den Tätern geben.

Die Spannung entwich aus dem Raum wie Luft aus einem Ballon. So wird die Sache also laufen, begriffen die Capos, und die meisten waren erleichtert. »Wie _(* Nach dem Anschlag am 16. Dezember 1985 ) _(vor dem Steakhaus Sparks in Manhattan. ) wäre es mit Essen?« fragte der Consigliere. Das erste Glas wurde John Gotti eingeschenkt.

Die nach den Gesetzen der Cosa Nostra erforderliche Wahl fand wenige Tage vor Weihnachten 1985 statt. Wieder führte Gallo den Vorsitz, als sich die Capos versammelten.

Es ging, erklärte Gallo, um die Wahl eines neuen Familienoberhauptes. Er fragte, ob jemand einen Kandidaten vorzuschlagen habe. Frankie DeCicco sprang auf, alle Augen richteten sich auf ihn. Es war Gottis Idee gewesen, daß Frankie sich als erster zu Wort melden solle. Es war bekannt, daß es in der Familie einige gab, die Frankie mit seinen guten Beziehungen zur alten Garde als neuen Boß favorisierten; sie sollten gleich erfahren, wessen Mann Frankie war. »Ich schlage John Gotti vor«, sagte Frankie.

Damit war allen klar, daß es eine Abmachung gab und daß es gefährlich sein könnte, sich dagegen zu stellen. Eine Woche nach der Ermordung Paul Castellanos wurde John Gotti einstimmig zum Boß der Gambino-Familie gewählt.

Bei der Weihnachtsfeier im Ravenite Club erwies ihm die Familie die gebührende Reverenz. Einzeln wurden die Capos ins Hinterzimmer geführt, wo dem neuen Don zu huldigen war. Sie gaben John Gotti einen Kuß auf jede Wange und schworen ihm ewige Loyalität. Dafür erteilte ihnen das neue Oberhaupt der Gambino-Familie den Segen. Als der Abend sich dem Ende zuneigte, hatte Gotti Weihnachtsgeschenke von fast zwei Millionen Dollar in bar eingesackt.

In der Regel ist die Rekrutierung eines Informanten das Endergebnis eines höchst heiklen und subtilen Verführungsprozesses. Doch auch diese Regel kannte Ausnahmen. Die Informantin, die später den Decknamen »Easter« (sie war kurz vor Ostern in die Kartei des C-16-Teams aufgenommen worden) bekam, hatte sich selbst angeboten.

Easter war eine kaffeebraune Puertoricanerin mit pechschwarzem Haar, verführerischem Schlafzimmerblick und lasziven Bewegungen. Ihre Röcke spannten sich eng um die Hüfte. Nur 1,60 Meter groß, trug sie extrem hohe Stöckelschuhe. Verehrer hatte sie viele, aber zweien hielt sie auf eigentümliche Weise die Treue. Der eine war reich und mächtig, der andere »mucho sexy im Bett«. Easter hatte beide Männer durch ihren Job kennengelernt. Sie arbeitete als Empfangssekretärin für eine Gruppe von Juwelenhändlern im Diamantenbezirk von Manhattan.

Der Junge, den sie »mucho sexy« fand, war Bote und eines Tages mit einem Päckchen in der Hand und einem reizenden Lächeln auf dem Gesicht bei ihr aufgetaucht. Der reiche mächtige Mann war ein Italoamerikaner, den sie bei einer Firmenfeier kennengelernt hatte.

Easters ganz spezielles Problem entwickelte sich aus dem Umstand, daß der eine Liebhaber Diamanten zu expedieren hatte, die der andere haben wollte. Der Italoamerikaner war nämlich Capo in der Gotti-Gang.

Noch komplizierter wurde die Sache dadurch, daß der junge Bursche seinerseits die Mafiosi auszutricksen versuchte. Das schlimme Ende war schließlich unausweichlich: Der Botenjunge wurde von zehn Kugeln zerfetzt, und Easter wurde von ihrem »Italiener«, der sie des Doppelspiels bezichtigte, in Handschellen gelegt und grün und blau geschlagen.

Sie wurde eine zuverlässige Informantin der C-16, berichtete getreulich von ihrem Liebhaber aus dem Gotti-Clan, wann immer sie eine Nacht mit ihm verbracht hatte, und bekam jeden Monat einen Scheck von Vater Staat.

Etwa ein Jahr nach dem Beginn ihrer Zusammenarbeit mit dem FBI-Agenten rückte sie mit einem Detail heraus, das den C-16-Chef Mouw elektrisierte. Sie habe, sagte Easter, ihren Geliebten nach dem Verlauf von John Gottis Prozeß gefragt - einfach aus Neugierde, schließlich seien die Zeitungen voll davon. »Sieht schlecht aus, nicht?« hatte sie gefragt.

»Kannst du abhaken«, hatte er geantwortet. »Das ist gegessen und geschissen. Wir haben einen Geschworenen eingekauft.«

Weder Easter noch Mouw hatten die geringste Ahnung, welcher der Geschworenen bestochen worden und wie die Familie an ihn herangekommen war. Bis Mouw die ganze Wahrheit erfuhr, vergingen noch Jahre. Die nach und nach zusammengetragenen Fakten waren dann aber eindeutig:

Der Geschworene Nummer 11, der ehemalige Marineinfanterist Georges Pape, 53, war seit seiner Kindheit mit einem Bosko Radonjich eng befreundet. Radonjich, Chef einer Bande meist irischstämmiger Berufskiller, die als die Westies bekannt waren, hatte hin und wieder geschäftlich mit Gotti zu tun gehabt. Kurz nach Beginn des Prozesses tauchte Radonjich bei Gravano auf, schlug einen Handel vor: Wenn der Preis stimme, werde sein Freund auf Freispruch plädieren.

Während im Gerichtssaal verhandelt wurde, zahlte Gravano 60 000 Dollar in drei Raten von je 20 000 Dollar an Radonjich aus. Die Familie hätte auch mehr gezahlt, aber Gravano hatte, wie immer, gefeilscht. Noch erfreulicher wurde die Sache für Gotti, als die Geschworenen ausgerechnet die Nummer 11 zu ihrem Sprecher wählten.

Die gekaufte Nummer 11 war es denn auch, die das »Nicht schuldig« der Geschworenen verkündete - am Ende eines Prozesses, der Gotti zu einer Art Volksheld machte und der Staatsanwältin Diane Giacolone von der Bundesanwaltschaft die bitterste Niederlage ihrer Laufbahn eintrug.

Soko-Chef Mouw mußte sich später immer wieder vorhalten lassen, er hätte sofort nach Easters brisanter Enthüllung sowohl Staatsanwältin Giacalone als auch den Richter informieren müssen. Dann hätte der Prozeß abgebrochen und mit einer neuen Geschworenenriege neu angesetzt werden können.

Aber Mouws Stillschweigen fand auch Befürworter: Wie hätte Mouw die Information, daß ein Geschworener bestochen worden war, weiterleiten können, ohne seine Quelle preiszugeben? Eine äußerst wichtige Quelle über die Gambinos wäre dann versiegt, ein Menschenleben in Gefahr gebracht worden. Sowohl aus operativer als auch aus moralischer Sicht sei Mouw keine andere Wahl geblieben, als sein Wissen für sich zu behalten.

Die C-16-Männer wußten, daß sie unbedingt hieb- und stichfestes Beweismaterial brauchten. Deshalb suchten sie nach Möglichkeiten, Gottis neues Hauptquartier, den Ravenite Social Club in Manhattans Little Italy, elektronisch auszuspähen.

Über einen gewissen Norman Du-Pont, den Neffen des Hausmeisters, kamen die Männer der Sonderkommission weiter - genauer: über eines seiner Mädchen. DuPont, der tagsüber bei der Müllabfuhr arbeitete, stand abends hinter der Bar des Ravenite Club und hatte auch einen Hausschlüssel. Des Nachts pflegte er häufig in Damenbegleitung in den Club zurückzukehren, um das verlassene Hauptquartier des Don als Liebesnest zu benutzen.

Eines der Mädchen, eine 23jährige Finanzamtsangestellte, wurde von den FBI-Agenten geködert. Die in Aussicht gestellte Beförderung und Gehaltserhöhung trugen zum Erfolg der »Brautwerbung« bei. Die »Stelze«, so der Deckname der jungen Frau, war eine außerordentlich nützliche Informantin.

Sie fertigte für Mouw eine Lageskizze der beiden Räume an, aus denen das Ravenite bestand, und zeichnete auch den Standort des Tisches im Hinterzimmer ein, an dem, wie sie beteuerte, John Gotti immer saß. Wie konnte sie das wissen? Weil, erklärte sie mit einem Anflug von Verlegenheit, ihr Norman es jedesmal betone. »Wir lieben uns immer auf diesem Tisch. Ich glaube, das macht Norman geil. Verstehen Sie: bumsen auf dem Tisch des Paten.«

Außerdem zeichnete sie eine Hintertür ein, die auf einen Gang führte, den der Club mit dem Rest des Wohnblocks teilte. Wie war die Tür gesichert? Gab es ein Schloß? Eine Alarmanlage? Überwachungskameras? Nein, nur einen Riegel. Ehe sie nachts weggingen, sehe Norman immer nach, ob er vorgeschoben sei. Er sage jedesmal, sie würden ihn umbringen, wenn er es je vergessen sollte.

Dank »Stelze« war diese Hintertür nicht verriegelt, als zwei Abhörspezialisten wenige Tage später, um zwei Uhr nachts, in den Ravenite Club eindrangen. Das Gericht hatte den vom FBI beantragten Lauschangriff genehmigt.

FBI-Spezialist John Kravec erkannte mit einem Blick, daß John Gottis Hauptquartier ein »hartes Zimmer« war - im Jargon der Abhörspezialisten die Umschreibung für eine schwierige Situation.

Aber der Auslaß eines Heizungsrohrs, ein Metallgitter direkt über einer Sockelleiste, bot dann doch die erforderliche Gelegenheit. Das Gitter war mit Schrauben an der Wand befestigt, die sich leicht lösen ließen. Kravec führte ein winziges Mikrofon mit Daumen und Zeigefinger in das Schraubenloch in der rechten oberen Ecke ein.

Dann plazierte er einen haarfeinen Draht hinter dem Heizungsgitter. Mit einem Gerät, das aussah wie eine Pistole, »schoß« er den Draht aus einer Spule etwa einen Meter weit bis zur Steckdose. Kravec brauchte nur noch den Deckel der Steckdose abzuschrauben, den Draht über die richtigen Pole zu legen und den Kontakt festzulöten. In 34 Minuten war die Arbeit getan.

Von nun an hatte das FBI seine Ohren im Ravenite Club. Morgen für Morgen hörte sich Soko-Chef Mouw in seinem Büro jedes neue Band mit größter Aufmerksamkeit an. Er lernte schnell, die Stimmen des Mafia-Bosses und seiner beiden Stellvertreter zu unterscheiden: Gottis tiefes Gemurmel; Frankie Locascios Gestammel, Gravanos Gequengel. Jeder Morgen brachte Neuigkeiten - aber sie waren allesamt belanglos.

Dabei hätten die Agenten gerade jetzt Interessantes aufschnappen können: John Gotti war dabei, mit eiserner Hand die Familie zu säubern. Unter den Opfern war auch Tommy DeBrizzi, ein Leutnant in der Truppe von Tommy Gambino in der Bronx. Der Junge war bei einem Prozeß, in dem ihm eine längere Freiheitsstrafe drohte, überraschend mit einem »Klaps auf den Hintern« davongekommen. Gotti sah nur zwei Möglichkeiten: Entweder hatte Tommy einen sensationell guten Anwalt - oder er hatte ausgepackt. Von dem Anwalt hatte der Pate noch nie etwas gehört. Gotti entschied sich gegen DeBrizzi: »Legt ihn auf Eis.«

Die Kugeln erwischten DeBrizzi in seinem Wagen in Connecticut. Schon die erste hatte ihn direkt ins Auge getroffen; danach war er so gut wie tot. Die Kugel in den Mund, die durch den Hinterkopf wieder ausgetreten war, wäre eigentlich nicht mehr nötig gewesen.

Soko-Chef Mouw fragte sich, warum die elektronische Überwachung des Ravenite Club so unergiebig war. Er las noch einmal die Verhandlungsprotokolle, die Spitzelberichte, die Abhörprotokolle.

Beim x-ten Abhören der Ravenite-Bänder fand er etwas, was er vorher wohl überhört hatte. Gotti flüsterte Gravano etwas zu. Das Geräusch eines Stuhls, Schritte, das Quietschen einer Tür. Gotti gab eine scheinbar unwichtige Anweisung, die bei den Niederschriften weggelassen worden war: »Abgang nach links hinten.«

Konnte damit die Hintertür gemeint sein? Mouw vertiefte sich noch einmal in die von der »Stelze« gelieferte Beschreibung des Ravenite Club. Dann nahm er sich die Akte über Norman Du-Pont; sie enthielt einen Spitzelbericht, der nach der Beerdigung des Ravenite-Hausmeisters Mike Cirelli eingegangen war: Gotti habe noch in der Kirche Du-Pont die Anweisung gegeben, die Schlösser zum Apartment des Toten im Stockwerk über dem Ravenite Club auszuwechseln. Hielt Gotti dort seine geheimsten Treffen ab?

Mike Cirellis Witwe Lena wohnte nach wie vor in dem Zwei-Zimmer-Apartment. Sie war zwar fast 80 und gebeugt, aber immer noch hellwach und energisch. Und sie verließ fast nie ihre Wohnung. Aber dem FBI gereichte zum Vorteil, daß eine den Agenten wohlvertraute Person für die alte Dame einkaufen ging - die »Stelze«.

So wußten die FBI-Techniker, daß sie in der Nacht zum 22. November 1989 in das Apartment über dem Ravenite Club unbemerkt eindringen konnten. Die alte Dame war über Nacht bei Verwandten. John Kravec, der Chef des FBI-Technikteams, kannte sich in dem Gebäude mittlerweile aus. Nach der Installation der ersten Club-Wanze hatte er auch den Korridor verwanzt, auf den man durch die Hintertür gelangte.

Kravec brachte die Wanze für das Apartment im Videorecorder unter, der im Wohnzimmer stand. Dann schaltete er das Mikrofon auf Frau Cirellis Telefonleitung. Es war nicht einmal nötig, im Keller des Wohnblocks nach dem Telefonschaltkasten zu suchen. Ein Kumpel
vom Sicherheitsdienst der New Yorker Telefongesellschaft hatte ihm nach Prüfung der richterlichen Genehmigung den Standort des Telefonmastes verraten, an dem die Leitung »auftauchte«, wie der Telefonmann sagte. Kravec konnte seine komplizierten Verdrahtungen viele Häuserblocks vom »Tatort« entfernt vornehmen.

Das Mikrofon im Apartment ging am Tag darauf um 16.35 Uhr zum erstenmal auf »Sendung«, und schon bald zeigte sich, daß es exakt an der richtigen Stelle placiert war: Am 30. November war John Gottis Stimme zu hören, klar und unverwechselbar.

Gotti unterhielt sich mit dem Anwalt Michael Coiro, der mit weinerlicher Stimme mitteilte, er sei gerade von einem Bundesgericht in Brooklyn im Zusammenhang mit den Heroingeschäften der Gambino-Familie schuldig gesprochen worden. Er habe eine Haftstrafe von zehn oder mehr Jahren zu erwarten.

»Wir müssen jetzt ein bißchen eigennützig werden«, hörte man Gotti zu Coiro sagen. »Ich sage dir, vergiß deinen Krebs, reden wir lieber über meine Kopfschmerzen.« Er habe »erfahren, daß da eine Verhaftung bevorsteht«. Er brauche mehr Informationen.

Bei dem Gespräch zwischen dem Don und Coiro war die gesamte Führungsmannschaft der Familie zugegen, einschließlich Locascio und Gravano. Die Unterredung dauerte über eine Stunde, die Lauscher vom FBI fühlten sich, als seien sie mit von der Partie im Wohnzimmer des Cirelli-Apartments. Manchmal mußten sie grinsen. Der Don war ein ziemlich witziger Erzähler.

Über einen Punkt erregte sich der Don besonders: Alle Schwierigkeiten der Familie hätten damit begonnen, daß das FBI Ruggieros Haus verwanzt habe. »Wißt ihr, wie die eure Privatsphäre verletzen? Du hörst ein Kind schreien, eine Frau weinen. Und du sagst: Das könnte ja mein Haus sein, mein Kind, meine Frau. Wo kommen wir denn da hin, verdammt noch mal? Vielleicht willst du im Bad einen Furz lassen, und als nächstes hörst du den im Gerichtssaal.«

Gravano explodierte vor Lachen. Die FBI-Lauscher lachten mit. Die Unterhaltung vom 30. November - »Apartment Nr. 10, Band Nr. 1«, wie sie in den Fallunterlagen später hieß - war eine Fundgrube. Aber das war erst der Anfang.

Um halb acht Uhr am Abend des 12. Dezember traf sich der Don mit Locascio im Wohnzimmer des Apartments. Wiederum registrierte das Mikrofon im Videorecorder jedes Wort. Gotti war zornig, und Gravano war der Anlaß. Gotti hatte begriffen, daß der eiskalte Engel »grüne Augen« hatte: Er sah nur Dollars und war so habgierig und rücksichtslos, daß Gotti fürchtete, die Familie könnte sich in feindliche Flügel spalten.

»Verdammt noch mal, wo kommen wir eigentlich hin?« schimpfte Gotti. »Jedes verfluchte Mal, wenn ich mich umdrehe, ist da ''ne neue Firma aus dem Boden geschossen. Bau, Beratung, Beton. Und jedesmal, wenn wir einen Geschäftspartner haben, der nicht so will wie wir, legen wir ihn um. Du gehst zum Boß, und der Boß legt ihn um. Er legt sie alle um. Er gibt grünes Licht. Sagt in Ordnung, gut so. Wo kommen wir denn da hin, Frankie?«

Nur allmählich verebbte Gottis Wut, er wurde sentimental. »Ich will doch gar nichts für mich. Ich könnte längst Milliardär sein, wenn ich ein Boß wäre, der nur an den eigenen Vorteil denkt . . . Alles, was ich will, ist ein gutes Sandwich. Siehst du dieses Sandwich hier? Dieses Thunfisch-Sandwich? Mehr brauche ich nicht - ein gutes Sandwich.«

Das schriftliche Protokoll des gesamten Gesprächs fand schnell seinen Weg von der Soko C-16 nach Washington: _____« Die nachfolgende längere von uns abgehörte » _____« Unterredung zwischen Gotti und Locascio dauerte etwa eine » _____« Stunde. Dabei besprachen Gotti und Locascio eine Vielzahl » _____« von Themen, einschließlich der Struktur der » _____« Gambino-Familie; Befehlshierarchie und Befugnisse » _____« innerhalb der Mannschaftsränge, Morde und Mordkomplotte; » _____« kriminelle Gewerkschaftsgeschäfte in der Bauindustrie; » _____« die Wechselbeziehungen zwischen den Familien; Kontrolle » _____« über die Bauarbeitergewerkschaft; Kontrolle über das » _____« Transportgewerbe. »

Nachdem Bundesanwalt Andrew Maloney sich das Band angehört hatte, meinte er, es sei so belastend wie ein Geständnis, es würde ausreichen, »den Don durch seine eigenen Worte zu Fall zu bringen«. Aber Gotti hatte schon mehrere Male seinen Kopf aus der Schlinge gezogen. Chef-Fahnder Mouw fürchtete, Gotti werde so lange gewinnen, wie es ihm, Mouw, nicht gelinge, den Maulwurf zu fangen - jenen großen Unbekannten, der dem Gotti-Clan immer wieder Informationen über FBI-Pläne und -Aktionen lieferte. *HINWEIS: Im nächsten Heft Alle Spuren führen zur Immobilienfirma J & G Realty - Die Rache des Maulwurfs - »Gelatinebauch« liegt tot im Kofferraum - Ein 19facher Mörder als Kronzeuge gegen Mafia-Boß Gotti

»Hör zu, Johnny, ich hoffe nur, du kannst auch beweisen, daß du damit nichts zu tun hast«

Es war die feierliche Einstimmung von Offizieren auf die bevorstehende Schlacht

»Wir wissen nicht, wer den großen Paul auf dem Gewissen hat, aber wir werden es herausfinden«

»Jedesmal, wenn wir einen Geschäftspartner haben, der nicht so will wie wir, legen wir ihn um«

y 1994, Droemersche Verlagsanstalt, München.* Im Januar 1973, acht Monate nach der Entführung des Neffen vonMafia-Boß Carlo Gambino.* Mit Kriminalbeamten in einem New Yorker Gerichtsgebäude währendeines Verfahrens gegen führende Mitglieder der Gambino-Familie(1986).* Nach dem Anschlag am 16. Dezember 1985 vor dem Steakhaus Sparks inManhattan.

Howard Blum

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