Zur Ausgabe
Artikel 1 / 52

SÜDAMERIKA / VENEZUELA Das Öl-Paradies

aus DER SPIEGEL 2/1956

Wenn es in irgendeinem Land der Erde noch jenen quicken Optimismus gibt, der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts weite Teile Europas und Nordamerikas in kraftstrotzende Industrielandschaften verwandelte, dann in Venezuela. Die Wirtschaftsberichte dieses Landes gleichen einem Trommelwirbel von Superlativen, einem tropischen, betäubenden Tam-Tam von Millionenziffern. Sie sind das Spiegelbild einer Entwicklung, die mit Riesenschritten paradiesischen Zuständen zuzustreben scheint.

Kraftquell des Wunders ist das Öl. Rund 9000 Bohrlöcher fördern täglich rund 280 000 Tonnen Rohöl aus venezolanischem Boden und etwa 6,3 Millionen Mark in die Regierungskassen der venezolanischen Hauptstadt Caracas. (Venezuela ist der größte Ölexporteur der Welt.)

Das Wunder verwaltet ein kleiner, feister Mann: Marcos Perez Jimenez, Präsident von Venezuela, de facto Diktator des Landes und seines fast unvorstellbaren Ölreichtums.

Wunder fallen nur den Tüchtigen zu. Es gibt viele Länder - nicht zuletzt in Südamerika -, die über riesige Bodenschätze verfügen, aber keines vermochte seine

Reichtümer in jenen schier unfaßlichen wirtschaftlichen Aufschwung umzumünzen, den der Londoner »Economist« den »boom that never burst« nannte: die Konjunktur, die niemals platzt.

Der Öl-Boom Venezuelas ist das Glück und doch auch das Verdienst des Diktators. Der Trick, den Perez besser als alle seine südamerikanischen Präsidentenkollegen beherrscht, ist ein politisches Mixtum aus Faschismus, Liberalismus und Sozialismus - dosiert nach den Regeln des Nicolo Machiavelli (1469 bis 1527), dessen Hauptwerk »Il principe« (Der Fürst) in Saffianleder gebunden auf dem Tisch des Diktators zu liegen pflegt.

Perez regiert mit Gewalt - aber nicht nur mit Gewalt. Das Volk liebt ihn nicht. Er ersäuft jedoch alles, was als unartikulierter Grimm in der Seele der venezolanischen Caballeros, Neger und Indios gegen sein Regime rumort, in einer riesigen Woge von Reichtum, der zum größten Teil unter den trüben Wellen des Maracaibo-Sees ruht und aus mehr als 2000 Bohrtürmen ans Tageslicht sprudelt.

Diese Quellen lieferte ihm die Natur. Sie fließen für ihn jedoch nur, weil er dem amerikanischen Öl-Kapital in liberaler Weise die Tore Venezuelas offenhält. Amerikas Öl-Gesellschaften steckten rund 13 Milliarden Mark in die venezolanische Öl-Förderung.

In Mexiko, Brasilien, Argentinien und Bolivien verschreckte man das amerikanische Kapital mit unreifen Sozialisierungsplänen. Die Völker wollten es so. Ihr von den Spaniern und Portugiesen ererbter Stolz konnte sich nicht damit abfinden, von den verachteten Yankees »bevormundet' zu werden. Sie schüttelten die »Ketten der Wallstreet« ab. Ihr industrieller Fortschritt aber endete dafür vielfach in Korruption, Kapitalarmut und Unfähigkeit.

Auch in den Adern der 5,8 Millionen 'Venezolaner schäumt der spanische Stolz. Ihr Blut ist gemischt aus indianischen, negroiden und weißen Elementen. Ein amerikanischer Soziologe nannte die Venezolaner »eine intelligente, aber gefährliche Rasse«. Und der Befreier Venezuelas von spanischer Herrschaft, Simon Bolivar (1783 bis 1830), meinte einmal, daß »die Kasernen der Vereinigten Staaten von Südamerika (von denen er sein Leben lang träumte) in Venezuela stehen« würden.

Perez aber kauft seinen Landsleuten ihren angeborenen soldatisch-revolutionären Schneid mit tropisch wucherndem Wohlstand ab.

An einem Tag im Dezember trat Perez vor sein Volk und übergab ihm die ersten Bauten des letzten Abschnitts seines auf drei Phasen berechneten Bau-Programms. Es wird den Staat insgesamt rund 1,5 Milliarden Mark kosten. Mit diesen Geldern soll vor allem der Bau von Arbeiterwohnungen, Universitäten, Schulen, Kliniken und Vergnügungsparks finanziert werden. Der größte Teil der Riesensumme wird in Caracas verbaut werden.

Die Hauptstadt Venezuelas liegt - etwa 1000 Meter hoch -in einem 17 Kilometer langen Gebirgstal. Noch vor wenigen Jahren war sie eine schmuddlige Anhäufung von Lehmbaracken, einstöckigen Häusern und einigen Villen, die sich um den Präsidentenpalast und einige Bank- und Geschäftshäuser gruppierten.

1940 lebten in Caracas nur rund 250 000 Menschen. Heute ist es eine Millionenstadt. Der Aufstieg begann um 1948, als Perez seine Macht im Staate noch mit anderen Mächten und Männern teilen mußte. Der faszinierend schwungvolle, von der mit vollen Händen aus übervollen Staatskassen schöpfenden und entsprechend großzügig planenden Regierung vorangetriebene Neubau von Caracas begann jedoch erst, nachdem Perez sich im Jahre 1952 zum Alleinherrscher gemacht hatte.

Eines Tages trafen aus Amerika riesige Bulldozer und Bagger ein. Sie räumten inmitten der Stadt Hunderte von Lehmhütten und Häuser weg. Es folgten in dichtem Strom Lastkraftwagen, Trecker, Baukräne und Zementmischmaschinen. Es entstand das »Centro Bolivar«, ein aus Grünanlagen, einer unterirdischen Autostraße, aus Baby-Wolkenkratzern und Wolkenkratzern kombinierter Stadtteil - ein Traumbild moderner Architektur und Städteplanung, ein Heliopolis, majestätisch in seinen Ausmaßen, kühn in der neuartigen Formung und Verwendung des Baumaterials, und supermodern, was die Verwendung von Farben angeht.

Die Hauptverkehrsader des Centro Bolivar ist die 35 Meter breite Avenida Bolivar. Sie verläuft zum großen Teil unter der Erde und ist einzigartig in der Welt. Unter der Erde gibt es Parkplätze für 1600 Autos, außerdem Bushalteplätze, Läden und Restaurants. Über der Avenida erheben sich zwei Wolkenkratzer. Ihnen benachbart sind von Säulen getragene Landeplätze für Hubschrauber.

Aus Amerika, Italien, Schweden und anderen Ländern Europas strömten Architekten herbei, um an diesem Bacchanal baulicher Unternehmungslust teilzunehmen. Perez hatte für alle zu tun. Er ließ den 2000 Meter hohen Gebirgszug durchstechen, der Caracas von seinem Hafen La Guaira trennt. Früher mußte man auf einer 31 Kilometer langen Straße über 365 Kurven nach La Guaira hinabklettern, heute führt eine 17 Kilometer lange, nahezu kurvenlose Straße auf vier Fahrbahnen durch künstlich belüftete Tunnels zur Karibischen See hinab.

Perez begann am Rande von Caracas den Bau einer Universitätsstadt mit Kliniken, Labors, Stadions und großzügig angelegten Studentenheimen. Die Gebäude der medizinischen Fakultät, der Universitätsverwaltung und die Stadions sind bereits fertiggestellt.

Tief im Lande entstanden in den letzten Jahren aus öffentlichen Mitteln mehr als 40 Elektrizitätswerke, 690 Krankenhäuser, 107 Wasserwerke, 250 Schulen, zwölf große Arbeitersiedlungen, ferner Schlacht- und

Kühlhäuser, Rathäuser und Verwaltungsgebäude. Das Straßennetz des Landes wurde verdoppelt und modernisiert. Der Ausbau der sanitären und medizinischen Anlagen beseitigte fast völlig die Malaria, die bis dahin als die unausrottbare Plage des Landes gegolten hatte.

Die Seuchenbekämpfung ist vielleicht überhaupt die bedeutendste Leistung des Perez-Regimes. Die Regenwälder im Süden des Landes, die sumpfigen Savannen am Orinoco - »Llanos« genannt - und das dampfend heiße Klima in den Niederungen an der Küste der Karibischen See begünstigen die Malaria. Es bedurfte außerordentlicher Anstrengungen, ihrer Herr zu werden.

Gemessen an den anderen lateinamerikanischen Ländern im Umkreis der Karibischen See, gemessen an anderen tropischen Ländern überhaupt, gleicht Venezuela einer sozialpolitischen Fata Morgana. Mitten in einer notorisch von Seuchen heimgesuchten Erdzone ist eine Oase entstanden, in der es durch öffentliche Maßnahmen gelungen ist, die Malaria auf entlegene und völlig unbedeutende Winkel des Landes zu beschränken.

Der Impuls dazu entstammt kapitalistischem Denken: Die menschliche Arbeitskraft hat in Venezuela im Zuge der Industrialisierung einen Wert erhalten, der ihr sonst in diesen Breiten nicht zugebilligt wird. Es erwies sich einfach als ökonomisch richtig, die Arbeiter bei Gesundheit zu halten.

Die Steuern für die arbeitende Bevölkerung waren in Venezuela immer minimal, es sei denn, man erhob sie in Form von hohen Einfuhrzöllen auf Lebensmittel und Verbrauchsgüter. Heute sind auch diese Zölle zum größten Teil unbedeutend.

Als geradezu vorbildlich gelten die staatlichen Richtlinien für die Behandlung kranker Arbeiter und Angestellter. Der Aufenthalt im Krankenhaus ist grundsätzlich kostenlos. Außerdem sind die Arbeitgeber verpflichtet, dem Kranken während seiner Arbeitsunfähigkeit den vollen Lohn weiterzuzahlen. Theoretisch könnte also auch ein simulierender Arbeiter bis an sein Lebensende vollen Lohn beziehen. Solche Auswüchse werden jedoch praktisch durch kleine Arrangements zwischen dem Betriebsleiter, dem Krankenhauschef und notfalls den Behörden geregelt - wie überhaupt in Venezuela zwischenTheorie und Praxis immer noch ein breiter Spielraum für Kompromisse aller Art bleibt.

Ein markantes Gegenbeispiel zum Sozialgefüge Venezuelas ist das westliche Nachbarland Kolumbien. Dessen Wirtschaft basiert im wesentlichen auf den großen Kaffee-Plantagen. Kaffee ist der wichtigste Exportartikel des Landes. Die Pflanzerwirtschaft bietet der arbeitenden Bevölkerung keine Ausweichmöglichkeiten. Der Landarbeiter kann dem Griff der Feudalordnung der eingesessenen Pflanzer-Aristokratie nicht entkommen; denn es gibt keine nennenswerte Industrie.

Perez hat erkannt, daß der Arbeiter eines Industriestaates anders behandelt werden muß als der einer Pflanzer-Wirtschaft. Er hat weiter erkannt, daß der Sprung von einer Pflanzerwirtschaft

- auch Venezuela war vor dem Öl-Boom

ein Land, das vorwiegend landwirtschaftliche Produkte exportierte - zu einer national autonomen Industriewirtschaft nicht von heute auf morgen getan werden kann. Abschreckendes Beispiel für ein falsches, überhastetes Vorgehen war ihm Mexiko.

Mexikos Jahres-Ölproduktion erreichte mit Hilfe des nordamerikanischen Kapitals maximal 26,4 Millionen Tonnen (1920). 1938 enteignete Mexiko die Yankees. Die Ölförderung ging daraufhin auf 5,5 Millionen Tonnen zurück, und noch im Jahre 1955 hatte die mexikanische Förderung erst die Hälfte der Leistung von 1920 erreicht, nämlich 13,2 Millionen Tonnen.

Das Ergebnis eines Vergleiches zwischen den sozialen Verhältnissen in Venezuela und Mexiko ist eindeutig: Perez hat dadurch, daß er dem amerikanischen Kapitalismus in seinem Lande Spielraum gewährt, eine größere soziale Leistung vollbracht als die Sozialisierer Mexikos. Mit dem Gewinn des Öls - 50 Prozent des Reingewinns der in Venezuela schürfenden amerikanischen Ölgesellschaften - schafft er sich die Voraussetzungen für eine künftige, nationalautonome Wirtschaft: Straßen, Eisenbahnen, landwirtschaftliche Meliorationen, eigene Fabriken und eine kundige Arbeiterschaft.

Ein Beispiel: Die Stadt Maracaibo - sie liegt an dem gleichnamigen See, der vom offenen Ozean durch eine riesige Sandbank getrennt ist - wird wahrscheinlich schon in diesem Frühjahr für Ozeanschiffe erreichbar werden. Dann wird das Rohöl,

das die 2000 im Maracaibo-See stehenden Bohrtürme fördern, direkt auf Hochseetanker verfrachtet werden können.

Alles aber, was im Lande gebaut wird, steht im Schatten des architektonischen Gepränges der Hauptstadt Caracas. Die Zahl der aus öffentlichen Mitteln errichteten »Baby-Wolkenkratzer« (15 Stockwerke) hat 40 überschritten. Mit der öffentlichen Initiative hält private Unternehmungslust Schritt. An den Hängen des Gebirges entstehen bunte Appartementhäuser. Ihre Fronten sind in Pastellfarben gehalten: zitronengelb, mattblau oder himbeerrot. Manchmal haben die Architekten auf die Fenster verzichtet. Die Räume erhalten ihr Licht durch das durchbrochene Mauerwerk der Wände. Es dämpft die tropische Helligkeit zu einem Dämmer, der von buntem Glas oder farbigem Gemäuer sanft koloriert wird.

Alle diese architektonischen Kniffe und Künste werden auch bei den Kinos, den öffentlichen Lese-Hallen und den Universitätsbauten, vor allem aber bei Klubhäusern angewandt. Einer der reichsten Klubs der Hauptstadt, der »Hipico«, besitzt in einem Seitental der Berge von Caracas ein Gelände, auf dem neben dem Klubgebäude 120 Pferdeställe sowie Reitbahnen, Poloplätze, Tennisplätze und Schwimmbassins unterhalten werden.

Der Luxus des »Hipico« wird aber noch übertroffen vom »Cireulo de las Fuerzas Armadas« - dem Offiziersklub von Caracas. Der schier unbeschreibliche Aufwand seiner Anlagen und Baulichkeiten zeigt, daß hier das Zentrum der Diktatur des Perez zu suchen ist. Die Macht des Diktators gründet sich auf die Treue seiner Offiziere. Er bezahlt sie mit einem Lebensstil, der nirgends seinesgleichen hat.

Er erwarb sich die Treue der Offiziere, indem er sie aus einer für ihre Begriffe unwürdigen Situation errettete. Der Grimm der Offiziere ob des Reichtums, der sich nach dem zweiten Weltkrieg in ihrer Umgebung zeigte und an dem sie doch nicht teilhatten, war das Dynamit, mit dem Perez sich den Weg zur Präsidentschaft freisprengte.

Im Jahre 1941 - Prez Jimenez war damals Hauptmann und kommandierte zwei verehrungswürdig alte Kanonen - wurden die Offiziere nach damaligen Verhältnissen gut bezahlt. Venezuela hatte zu jener Zeit einen Jahresetat von rund

50 Millionen Mark. Ein großer Teil davon ging an die Offiziere.

Dann kam der Öl-Boom. Der Jahresetat des Staates »explodierte«. Er verdoppelte und verzehnfachte sich. (1954 erreichte er drei Milliarden Mark.) Venezuelas Regierungen der vierziger Jahre verstanden nur halb, was passierte. Während Handelsleute, Bankiers und Unternehmer Luxushäuser bauten und selbst in den Elendshütten, an deren Stelle heute das Centro Bolivar steht, Eisschränke und Fernsehempfänger einzogen, zögerte die Regierung, die Gehälter der Offiziere angemessen zu erhöhen.

Verbittert starrten die Herren des Landes aus ihren verlausten Kasernen und ihren relativ povren Behausungen auf den flimmernden Spuk des Öl-Booms. Nichts empörte die sporenklirrenden Caballeros so sehr wie die Tatsache, daß selbst Leute in blauen Monteuranzügen, Menschen also, die sich die Hände schmutzig machen, plötzlich mehr verdienten als sie selbst. Der gewohnte Griff zu Colt und Kanone lag allzu nahe. Perez war der Mann, der die alte Ordnung wiederherstellte - in den Dimensionen des neuen Reichtums.

Seine Obersten - es gibt in der venezolanischen Armee nur einen einzigen General, und der heißt Perez - verdienen heute rund 50 000 Mark pro Jahr, nicht gerechnet die sonstigen Vergünstigungen, zum Beispiel mietfreie Luxuswohnungen. Im »Cireulo de las Fuerzas Armadas« tanzen die Offiziersdamen in Roben von Dior. Die wichtigsten Ämter des Landes sind mit Offizieren besetzt, und Ämter bedeuten auch unter Perez Reichtum. Bei der Vergebung von öffentlichen Aufträgen und Lizenzen pflegen die Verantwortlichen wie seit altersher mit 15 bis 20 Prozent am Wert des Objekts zu partizipieren.

Der Soldat ist Herr im Land

Seit 1952, seit dem Tage, an dem Perez sich zum Diktator machte, ist der Soldat wieder Herr im Land. Er war es - abgesehen von wenigen kurzfristigen Unterbrechungen - die ganze venezolanische Geschichte hindurch.

Im Jahre 1498 war Christoph Kolumbus, der Entdecker Amerikas, an der Küste Venezuelas gelandet. Aber erst ein Jahr später machte sich Alonso de Hojeda an die Erforschung des Landes. Er fuhr auf dem Maracaibo-See umher, sah die Pfahlbauten der indianischen Ureinwohner und nannte das Land Klein-Venedig: Venezuela.

Rund dreißig Jahre mußten die Indios von Venezuela noch warten, bis neue weiße Abenteurer kamen. Es waren Deutsche. Im Jahre 1528 war das Schuldkonto Kaiser Karls V. bei den Augsburger Großkaufleuten und Bankiers Bartholomäus und Anton Weiser so hoch angestiegen, daß ihm nichts anderes übrigblieb, als die schwäbischen Pfeffersäcke mit einem Land zu belehnen, von dem es hieß, daß in seinen Bergen und Wäldern irgendwo »Eldorado« - die sagenhafte Stadt aus purem Gold - verborgen sei.

Schon ein Jahr später landete ein Geschäftspartner der Bankiers Welser, Ambrosius Ehinger, in Venezuela. Er und seine Nachfolger durchforschten das Land. Einer ihrer Feldhauptleute, Philipp von Hutten mit Namen, erklomm die Anden, aber nirgends fand er eine Spur von Eldorado. Das Interesse der Welser an Venezuela erlosch. 1546 fiel das Land an die spanische Krone zurück.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts füllte sich das Land langsam mit spanischen Einwanderern. Es entstand eine Schicht von Hazienderos - Großgrundbesitzern. Sie betrieben ihre Plantagen vorwiegend mit Negern, die der britische Sklavenhandel lieferte.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war den Hazienderos die Ausbeutung durch das spanische Mutterland lästig geworden. Sie erhoben sich im Jahre 1810. Zwei Jahre später stellte sich ein junger Edelmann namens Simon Bolivar an die Spitze des Freiheitskampfes.

In einem über 14 Jahre dauernden, wechselvollen Krieg verjagte Bolivar die Spanier aus Venezuela, Kolumbien, Ekuador, Peru und Bolivien. Zeitweilig war er in jedem dieser Staaten entweder Diktator oder Präsident. Aber sein großer Plan, ganz Südamerika zu einem Staatswesen zu vereinen, scheiterte noch zu seinen Lebzeiten.

Aus dem Aufstand der Hazienderos gegen die Spanier war im Laufe des Bürgerkrieges auch ein Aufstand der Indios, Neger und Mischlinge gegen die Hazienderos geworden. Bolivar hatte die Rinderhirten aus den »Llanos«, den Savannen am Orinoco, zur Hilfe rufen müssen. Es waren vorwiegend Mischlinge, rohe Burschen, deren Häuptlinge im Kriege Generäle geworden waren. Sie forderten nach dem Sieg über die Spanier ihren Anteil an der Macht. Die hochfliegenden Pläne des noblen Bolivar waren ihnen unbegreiflich. Ihre ungezähmte Wildheit zerriß die feinen Fäden seines Einigungswerkes.

Resigniert zog sich Simon Bolivar zurück: »Von allen Ländern der Erde ist Südamerika wohl dasjenige, das sich am wenigsten für eine republikanische Regierung eignet, weil seine Bevölkerung von Negern und Indianern gebildet wird.«

Die Passion Bolivars - der ein Staatsschöpfer sein wollte und nur als Befreier in die Geschichte einging - ist das Modell fast aller Diktatoren-Laufbahnen Südamerikas geworden. Die Idee der Revolution - in Venezuela eine Mischung aus spanischem Anarchismus, indianischem Blutdurst und negroider Lust am Rausch - wurde zur Tradition des Landes, und Tradition wurde auch das einzige Mittel, das es gegen den permanenten Umsturz gibt: die Militärdiktatur.

Die Diktatoren, die Venezuela im 20. Jahrhundert regierten, stammen alle aus dem »Tachira«, dem Grenzgebiet zwischen Venezuela und Kolumbien. Hier erheben sich die Anden bis zu Höhen über 5000 Meter. Die Bewohner dieses Landstriches gelten als kühn und furchtlos.

Der erste der Diktatoren aus dem Tachira war ein General namens Castro, ein ebenso gewalttätiger wie cholerischer Herr. Im Jahre 1899 riß er die Macht an sich. Seine Revolution entstammte jenem Fremdenhaß, der seit Bolivars Zeiten in Südamerika immer wieder Epoche gemacht und den Kontinent aufgewühlt hat.

Zu den venezolanischen »Fremdherrschern« der Jahrhundertwende gehörte vor allem auch das deutsche Kapital. Die »Große Venezuela-Eisenbahn« war eine der bedeutendsten Auslandsunternehmungen des deutschen Kaiserreiches. Insgesamt dürften damals rund 200 Millionen deutsche Goldmark in Venezuela angelegt gewesen sein.

Castro wollte den deutschen (und englischen) Kapitalisten ans Leder. Die aber schossen scharf.

Im Jahre 1902 brachen Deutschland und England die diplomatischen Beziehungen zu Venezuela ab. Deutsche und britische Kriegsschiffe beschossen Puerto Cabello und blockierten - schließlich auch unter Beteiligung italienischer Kriegsschiffe - sämtliche Häfen des Landes. Im Februar 1903 mußte Castro klein beigeben.

Aber schon wenige Jahre später legte er sich mit Frankreich, den USA und den Niederlanden an. Wieder böllerten die Fremden den heißblütigen Stolz der Venezolaner nieder. Im Jahre 1908 war Castro am Ende. Er kapitulierte vor der französisch - holländisch - nordamerikanischen Blockade, und noch im gleichen Jahr löste ihn ein anderer General aus dem Tachira ab: Juan Vicente Gomez.

Nicht minder gewalttätig als sein Vorgänger, war Gomez doch im Umgang mit dem ausländischen Kapital vorsichtiger. Er beherrschte Venezuela bis zu seinem Tode im Jahre 1935. In die Regierungsjahre des Vicente Gomez fielen die ersten - freilich noch zaghaften - Anfänge des Öl -Booms.

Die erste Konzession zur Ausbeutung der Ölquellen Venezuelas war schon im Jahre 1866 erteilt worden. Doch erst nachdem Rockefeller begonnen hatte, die Welt mit Petroleumlampen zu überschwemmen, fanden sich ernsthafte Interessenten. Das Interesse wurde zur Gier, als das Automobil aufkam.

Gewaltige Ausmaße aber nahm Venezuelas Öl-Boom erst im zweiten Weltkrieg an. Die meisten Bohrtürme Venezuelas stammen aus den Jahren 1939 bis 1945. In den ersten Kriegsjahren hatten noch deutsche U-Boote den Weg von den venezolanischen zu den nordamerikanischen Häfen blockieren können, aber ab 1943 strömte das venezolanische Öl praktisch ungehindert in die nordamerikanischen Raffinerien.

Der Öl-Boom gab den Anstoß zu einer sozialen Umwälzung. Er schuf eine neue

Schicht von Bankiers, Maklern und wohlhabenden Angestellten, er füllte die Taschen der Arbeiter mit knisternden »Bolivars« - den Geldscheinen des Landes - und ihre Herzen mit Selbstbewußtsein. Man lernte, den Soldaten über die Schulter anzusehen. Es entstand die »Accion Democratica« unter der Führung eines Journalisten namens Romulo Betancourt.

Im Jahre 1935 war der »Tyrann der Anden« - wie man Gomez genannt hatte gestorben. Ihm folgten nacheinander zwei Generäle seiner Schule. Im Jahre 1945 wurde der zweite - General Medina Angarita - durch eine Revolution der Accion Democratica abgelöst. Journalist Betancourt übernahm die Präsidentschaft. Für Venezuela schien damit eine Epoche milder Literatenherrschaft anzubrechen. Betancourt schrieb eine schöne Verfassung, die den Venezolanern alle Freiheiten gewährte, die sie sich nur wünschen konnten. Im Jahre 1948 wählte Venezuela einen Romanschriftsteller namens Romulo Gallegos in freien Wahlen zum Präsidenten des Landes. In den Regierungsbüros begannen ideenreiche Intellektuelle mit dem Gold zu wirtschaften, das aus den immer reichlicher fließenden Ölquellen in die Kassen strömte.

Doch das Gewissen der aus stillen Studierstuben an den Hebel der Macht gelangten Neuerer und Besserer wurde bedrückt von der Tatsache, daß sie sich unverhofft in einem Bündnis mit dem Beelzebub aller Literaten sahen: dem Kapital - schlimmer noch: mit dem Hauptquartier Beelzebubs, der Wallstreet.

Hinzu kam der alte, zweimal von Europäern und Yankees niederkartätschte Grimm gegen die Fremdherrschaft des ausländischen Kapitals; er ließ in den Herzen der jungen Männer des Betancourt und Gallegos den Plan reifen, alle Ölvorkommen zu sozialisieren. Die »Wallstreet«, die Venezuela mit ihrem Geld überschüttete, sollte zugunsten des Volkes enteignet werden.

Dieser Plan des Literatenregimes wurde zum Angelpunkt der Diktatorenlaufbahn des Marcos Perez Jimenez. Stillschweigend einigten sich die beiden Mächte, die von der Herrschaft der Intellektuellen bedroht waren: das ausländische Kapital und der Soldat.

Dabei ist Perez alles andere als ein soldatisches Rauhbein, wie es seine beiden Vorgänger Castro und Gomez waren. Zwar stammt er wie sie aus dem Tachira, dem Bergland in den Anden, aber er hatte - klein von Gestalt, kurzsichtig und von schwächlicher Gesundheit - zunächst in der Armee wenig Erfolg.

Auf der Flucht erschossen

Er mußte ins Ausland gehen, um eine Generalstabsausbildung zu erlangen, und suchte, als er noch unter Gomez im Jahre lieber Bekanntschaft mit Journalisten und 1944, 30jährig, in den Generalstab kam, Literaten als mit den Kameraden. Er war im Venezuela-Generalstab unbeliebt, und nur wenige seiner Kameraden merkten, daß hinter dem bleichen, schwammigen Gesicht mit den umschatteten Augen ein ungewöhnliches Temperament und ein heißer Ehrgeiz kochten.

Perez war es, der im Jahre 1945 die Fäden zwischen der Armee und der Literatenclique um Betancourt spann, aus deren Zusammenarbeit dann die Revolution gegen den Gomez-Diadochen, General Medina Angarita, resultierte. Er war aber auch der führende Kopf der Militärrevolte, die das Literatenregime des Betancourt und des Gallegos im Jahre 1948 stürzte.

Daß Perez seinen Freund und Mitverschwörer aus dem Jahre 1945, Betancourt, verriet, hatte zweifellos zwei Hauptgründe: Einmal war ihm während der dreijährigen Herrschaft der Accion Democratica, der Partei Betancourts, klar geworden, daß Venezuela noch nicht reif war für die Sozialisierungspläne der Partei.

Zum anderen aber spielte eine Rolle, daß Betancourt es versäumte, den Perez in ausreichendem Maße an der Macht zu beteiligen. -Betancourt hatte gemeint, nach gelungener Revolution den jungen, ehrgeizigen Generalstabsmajor bei der Machtverteilung benachteiligen zu können, zumal Perez bei seinen eigenen Kameraden wenig geschätzt war. Immerhin überließ er ihm den Posten des Generalstabschefs - eine Stellung, die so lange relativ bedeutungslos gewesen war, als das Land von einem Diktator regiert wurde, der selbst aus der Armee hervorgegangen war.

Den Fehler, Perez zu unterschätzen, beging auch der Mann, mit dem Perez seine zweite Revolution machte, ein Oberst namens Delgado Chalbaud. Er dünkte sich, nachdem der Romanschriftsteller-Präsident Gallegos im Jahre 1948 verjagt worden war, Alleinherrscher des Landes. Perez - unter Gallegos Generalstabschef, nun unter Chalbaud Kriegsminister - war verurteilt, in der Öffentlichkeit eine zweitrangige Rolle zu spielen. Chalbaud, ein Soldat von echtem Schrot und Korn, war bei den Offizieren beliebt. Die Position des Perez schien einigermaßen hoffnungslos.

Da - es war im Herbst 1950 - stieß dem Präsidenten Chalbaud ein Unglück zu, das bis auf den heutigen Tag nicht geklärt ist: Ein Offizier verübte auf ihn einen Anschlag, an dessen Folgen er kurze Zeit danach starb. Der Täter wurde von der Polizei, die nun auf das Kommando des Perez hörte, festgenommen und wenig später auf der Flucht erschossen. Ein Prozeß fand niemals statt.

An die Stelle des Präsidenten Chalbaud trat ein Abkömmling deutscher Einwanderer: German Suarez Flamerich. Wirklicher Herrscher des Landes aber war Kriegsminister Perez.

Zwei Jahre später - im Herbst 1952 wollte Perez sich auch dem Namen und dem Recht nach zum Präsidenten Venezuelas machen. Er gründete eine Partei und schrieb freie Wahlen aus. Am 30. November wurde gewählt, aber wenige Stunden nach Beginn der Stimmenzählung besetzte Militär die Post- und Telegraphenämter. Offiziere erschienen in den Rathäusern und holten die Wahlurnen ab. Zwei Tage lang war Venezuela von jeglichem Nachrichtenverkehr mit dem Ausland abgesperrt, ebensolange warteten die Venezolaner auf das, was man im Verteidigungsministerium aus den Wahlzetteln herauslesen werde. Perez hatte offensichtlich seine Popularität weit überschätzt. Die ersten Zählungsergebnisse hatten ihn belehrt, daß er bei der Wahl eindeutig geschlagen worden war. (Amerikanische Zeitungen schätzten, daß seine Partei nur knapp 40 Prozent der Stimmen erhalten hatte.)

Am 2. Dezember verkündete Perez, daß das Volk mit großer Mehrheit seine Partei gewählt habe. Im April ernannte ihn der venezolanische Kongreß zum »verfassungsmäßigen Präsidenten«.

Die Philosophie seines Staatsstreiches formulierte Perez im Herbst vorigen Jahres so: »Die Venezolaner sind von Natur aus ein energisches Volk. In der Vergangenheit jedoch kollidierten diese großen Energien. Das hatte Ergebnisse, die für das ganze Land ungünstig waren. Wir haben das Wagnis unternommen, Konflikte zu verhindern und sogar Situationen auszumerzen, die zu Konflikten führen könnten. Wir haben diese großen Energien so kanalisiert, daß sie dem Fortschritt dienen.«

Revolutionen, sagte er bei einer anderen Gelegenheit, bekämpft man, »indem man ihnen die Fahnen stiehlt«.

Perez stiehlt seinen Gegnern die Fahnen,

* indem er das notorisch revolutionslüsterne Offizierskorps in Luxus verpackt,

* indem er den Arbeitern hohe Löhne, billige und moderne Wohnungen, Bildung, öffentliche Gesundheitspflege und Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs bietet,

* indem er dem Nationalstolz seiner

Landsleute die Befreiung vom ausländischen Kapital verheißt.

Kühner und besonnener als sein Literatenfreund Betancourt, aber gleichwohl wie jener von der Idee besessen, eine sozial durchgegliederte moderne nationale Gesellschaftsordnung zu schaffen, die unabhängig ist von ausländischen Lebensmitteleinfuhren, ausländischem Kapital und ausländischen Technikern, zielt Perez mit seinen langfristigen Planungen darauf hin, eine Industrie aufzubauen, die die Rohstoffe des Landes selbst verarbeiten kann, eine Arbeiterschaft heranzuziehen, die moderne Maschinen zu bedienen vermag, und eine Landwirtschaft zu organisieren, die das Land auch bei erhöhten Bedürfnissen ernährt.

»Mein Ziel ist«, sagte er vor kurzem, »eine rational geplante Umbildung der Lebensbedingungen und eine Verbesserung der körperlichen, sittlichen und wissensmäßigen Fähigkeiten aller Venezolaner.«

Auch bei dieser Fernplanung einer Gesellschaftsordnung, die nicht allein vom Öl-Kapital abhängig ist, war dem Perez das Glück hold. Am Unterlauf des Orinoco, am Rande der sumpfigen und glühendheißen »Llanos« (Ebenen), wurde Erz gefunden - Erz, das 63 Prozent Eisen enthält, im Tagebau gefördert und mit Hilfe des Orinoco leicht verschifft werden kann. (Das beste europäische Erz - das schwedische - enthält 60 Prozent Eisen.) Das größte Vorkommen ist der »Cerro Bolivar«, ein Berg, der aus schätzungsweise 500 Millionen Tonnen purem Erz besteht. In Venezuela sagt man: »Auf dem Cerro Bolivar braucht man nur Staub zu wischen - dann stößt man schon auf Erz.« Die einzige Vegetation, die es auf dem »Eisenberg« gibt, ist eine Art von kleinen, blassen Orchideen.

Amerikas größte Hütten-Gesellschaften - die Bethlehem Steel und die U.S. Steel - sind in das Geschäft eingestiegen. Sie machten den Orinoco bis Puerto Ordaz schiffbar, bauten Straßen, Eisenbahnen und Förderanlagen. In diesem Jahr sollen rund acht Millionen Tonnen Erz nach den USA verschifft werden. (Zum Vergleich: Schweden produziert jährlich etwa 16 Millionen Tonnen.)

Glücksspiel und Trunksucht

In der Nähe der amerikanischen Anlagen aber läßt Perez - und darin zeichnet sich seine Fernplanung ab - von einer italienischen Firma ein Stahlwerk errichten, läßt er die Wasserkräfte des Caroni - eines Nebenflusses des Orinoco - zum Zwecke der Elektrizitätsgewinnung stauen. Das Stahlwerk allein wird rund eine halbe Milliarde Mark kosten. 1958 soll es mit einem Jahresausstoß von 400 000 Tonnen Stahl zu produzieren beginnen.

Perez nennt das »Öl säen«, denn das Geld für diese kostspieligen Unternehmen liefert ihm das Öl. Aus der »Öl-Saat« soll dem Lande einst ein soliderer Reichtum zuwachsen, als ihm das Öl auf die Dauer gewährleisten kann.

Öl sät Perez auch, indem er Kohlengruben erschließt, eine chemische Industrie, Zukkerfabriken, Montagewerke für Autos und eigene Öl-Raffinerien baut. Die Industrie-Produktion Venezuelas stieg, seit Perez das Land beherrscht, um 43 Prozent. Im Jahre 1954 steckte Perez rund 37 Prozent der Einnahmen des Staates in sein Aufbau-Programm.

Mit der Ernte des Öls aber ist Venezuela noch eine andere Frucht zugewachsen: eine Unruhe der Menschen, die immer schwerer zu bewältigen ist. Ihr e Folgen zeigten sich zuerst auf dem Lande: Es wurde leer. Der städtischen Bevölkerung aber hat sich in den letzten Jahren eine durch keine staatliche Maßnahme einzudämmende Spielwut bemächtigt. Neben dem Glücksspiel grassiert die Trunksucht.

Knapp ein Fünftel aller Venezolaner lebt heute in der Hauptstadt Caracas. Das Land, das einst Fleisch exportierte, würde heute verhungern, wenn die Nahrungsmittel-Einfuhr unterbrochen würde. Ein Loch im Dollarhaushalt des Landes hat sich aufgetan, dessen letzte Ursache die fiebrige Sucht der Venezolaner nach neuem und immer größerem Luxus ist. Die Landwirtschaft braucht angesichts der Landarbeiterflucht moderne Maschinen, höhere Löhne und Preise.

Perez ist d er Landwirtschaft mit einem Modernisierungsprogramm beigesprungen. Er hat die Produktion seit 1950 um 35 Prozent steigern können. In den Gebieten um Caracas, Maracaibo und die anderen Städte des Nordens, aber auch am Orinoco und Caroni sieht man in Landarbeiterhütten Eisschränke, die von Aggregaten gespeist werden.

Aufgepeitscht von den Dollarinjektionen des Öls, hetzt das Venezuela des Perez dem Traum eines tropischen Wohlfahrtsstaates nach. Das Abenteuer Venezuelas ist eine hektische Jagd, bei der Perez das Wild ist. Dicht auf den Hacken seiner Politik des »Bereichert Euch!« folgen die Hunde der ständig neu aufschießenden Bedürfnisse und Gelüste. Ein Kollaps ist nicht ausgeschlossen. Trotz der täglichen 6,3 Millionen

Mark, die das Öl dem Staat einbringt, werden Regierungsaufträge oft nur stotternd bezahlt. Die städtische Bevölkerung hat sich an den Konsum amerikanischer Waren gewöhnt, und die Offiziersdamen lieben es, zum Einkaufen nach Florida zu fliegen. Die große amerikanische Versand-Firma Sears, Roebuck & Co. hat in Venezuela eine Niederlassung gegründet. Venezuelas Finanzplaner klagen, daß ein viel zu großer Teil der Dollar-Verdienste des Landes für amerikanische Luxuswaren ausgegeben wird.

Eine Stockung des amerikanischen Ölverbrauchs aber würde - ebenso wie eine Unterbrechung der Lebensmittel-Einfuhr

- das Land von heute auf morgen in Unglück und Ratlosigkeit stürzen. Wie ein Damoklesschwert schwebt über Venezuela die Drohung der amerikanischen Öleinfuhr-Beschränkung, die alljährlich im amerikanischen Kongreß von einigen Senatoren gefordert wird. Diese »Öl-Protektionisten« setzten im Kongreß ein dehnbar formuliertes Gesetz durch, das den Präsidenten ermächtigt, die Einfuhr venezolanischen Öls zu kontingentieren, sofern eine »Gefahr für die nationale Sicherheit der USA« gegeben ist.

Perez versucht, die Dollarinjektionen zu dosieren. Vor seinen Regierungsbüros stehen die Vertreter amerikanischer Ölgesellschaften Schlange, um neue Ölförderungs-Konzessionen zu erhalten. Perez hält die Konzessionen für fernere Zeiten zurück - nicht zuletzt, weil er die amerikanischen Protektionisten nicht weiter herausfordern will. (Für neue Ausbeutungskonzessionen haben Ölgesellschaften dem Perez mehr als eine halbe Milliarde Mark geboten.)

Gleichwohl: Perez ist ein Mann, der die Faszination der hohen Geschwindigkeit liebt - in der Politik wie im Leben. Wenn die Auto-Kavalkade des Präsidenten etwa von Caracas nach Maracaibo unterwegs ist, pflegt der Präsident unterwegs aus dem von einem Offizier gesteuerten Cadillac auszusteigen. Er setzt sich dann in seinen Mercedes-Sportwagen und jagt der Kolonne im 160-Kilometer-Tempo über die bei solchen Anlässen gesperrten Straßen voraus. Gewöhnlich verlieren dann die Chauffeure der Minister-Limousinen den im Sonnenglast davonflitzenden flimmernden Punkt des Mercedes bald aus den Augen.

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 52
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.