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I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN: 5. Der Vatikan und die Weltkirche Das Programm Mittelalter

aus DER SPIEGEL 50/1998

Zweimal in der Woche, sonntags und mittwochs, bittet der Pontifex der römischen Kirche zur großen Audienz. Das Ritual läuft stets nach demselben Schema ab: Der Papst erscheint in der Loggia des Petersdoms, an seinem Palastfenster oder kreist im »Papamobil«, begrüßt die Menge in diversen Sprachen und segnet sie. Die Stimmung auf dem Petersplatz gleicht mitunter der in einem ausverkauften Fußballstadion kurz vor dem Siegtor. Gläubige aus aller Welt schwenken Fahnen und Transparente und brüllen sich die Kehlen heiser - »Viva il Papa!«

Zweimal die Woche scheint die katholische Welt noch in Ordnung, umjubeln mal 5000, mal 50 000, mal 100 000 das Oberhaupt eines Imperiums, dem weltweit knapp eine Milliarde Menschen angehören. Doch der Schein täuscht. Die Frauen und Männer auf dem Petersplatz, die dem greisen Johannes Paul II. zuwinken, unterscheiden sich in ihrem täglichen Verhalten kaum von jenen, die im römischen Papst allenfalls einen folkloristischen Exoten aus einer anderen Welt bestaunen.

Der Moralkodex der Katholiken hat sich längst dem der säkularisierten Gesellschaft angepaßt. Sie treiben Sex wie die Ungläubigen und lassen sich scheiden, wann es ihnen paßt - allen Verdikten des Papstes zum Trotz.

Selbst im vatikanischen Stammland Italien glaubt heute weniger als die Hälfte an ein Leben nach dem Tod und daß die katholische Kirche die einzig wahre Religion sei. Doch unbeirrt zelebriert der Vatikan die Show der eigenen Stärke, als sei die Welt ringsum noch immer ein Abglanz des verheißenen Gottesreiches.

An der Schwelle des neuen Jahrtausends soll der Pomp noch gesteigert werden. Johannes Paul hat das Jahr 2000 zum Heiligen Jahr erklärt, in dem einmal mehr Macht und Herrlichkeit des katholischen Imperiums vor aller Welt erstrahlen sollen.

Weihnachten 1999 wird er mit einem goldenen Hammer an die sonst verschlossene Heilige Pforte des Petersdoms klopfen. Ein Mechanismus wird die tonnenschwere Seitentür für den Pilgerstrom öffnen. Damit ist - wie alle 25 Jahre - das Heilige Jahr ausgerufen. Der Papst möchte der Jahrtausendfeier gern seinen Stempel aufdrücken. 20 Millionen Besucher werden zum großen Jubiläum in Rom erwartet.

Die sogenannte Ewige Stadt hat sich in die - nach Berlin - wohl größte Baustelle Europas verwandelt: Neue U-Bahnen, gigantische Parkhäuser, Verkehrswege, renovierte Kirchen - der Petersdom ist seit Monaten eingerüstet.

Das Jubeljahr 2000 soll nicht nur in Rom, sondern rund um den katholischen Erdball groß gefeiert werden. Der dann 80jährige Papst wird aus diesem Anlaß »zur großen Reise« aufbrechen, »auf den Wegen des Gottesvolkes vom Alten Bunde": von Ägypten über den Sinai, von Jerusalem bis nach Damaskus, zu Begegnungen mit Juden und Moslems.

Auch fragwürdige Attraktionen werden aus dem Fundus geholt: Das Turiner »Grabtuch Jesu« und andere Reliquien sollen Schaulustige von überall her anziehen. Bei einer Vorschau im Turiner Dom kamen im Frühsommer dieses Jahres rund 2,5 Millionen Pilger, um das angebliche Antlitz Jesu auf dem Tuch zu sehen.

Dem Papst geht es beim geplanten Jahrtausendrummel vor allem um eins: den Machtanspruch seiner Kirche als Hüterin der alleinseligmachenden Wahrheit und als moralische Oberbehörde der Welt zu dokumentieren.

Doch der multinationale Konzern huldigt mittelalterlichen Wahrheiten und steht unter altertümlich zentralistischer Führung - und daran krankt er. Die inneren Konflikte werden stärker zunehmen als die weltweite Akkumulation der Seelen. Die Reform der Kirche, die Johannes XXIII. mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) begonnen hatte, wurde von seinem polnischen Nachfolger gestoppt.

Statt sich der Emanzipation des Menschen und damit einer Demokratisierung der eigenen Strukturen zu öffnen, geht die katholische Kirche als letzte absolutistische Monarchie von Rang ins dritte Jahrtausend. Und am Ende des zweiten ist ihr politischer Einfluß auf die Welt trotz inszenierten Jubels und trotz der unermüdlichen Reisediplomatie des »eiligen Vaters«, wie selbst gläubige Katholiken ihr Oberhaupt bespötteln, in den westlichen Industrienationen geringer denn je.

Vor allem in den ehemals katholischen Hochburgen Europas geht es unaufhaltsam bergab. Seit dieser Papst 1978 antrat, verlor die katholische Kirche in Deutschland über zwei Millionen Mitglieder. Immer weniger Jungkatholiken wollen Priester werden, Frauenorden siechen dahin, weil eine ganze Generation der Kirche den Rücken kehrte, katholische Eliten ziehen sich resigniert, weil entmündigt, zurück.

Selbst in Lateinamerika, wo die Spanier und Portugiesen vor 500 Jahren das Evangelium so gründlich mit Feuer und Schwert verkündet haben, daß der Kontinent bis heute politisch der reaktionärste der Welt ist, kracht es seit Jahren im Kirchengebälk: Nicht von ungefähr hat eine radikal-christliche intellektuelle Minderheit hier das von Rom heftig bekämpfte Gegenkonzept zum kirchlichen Triumphalismus der Vatikankirche entwickelt - die Befreiungstheologie, deren Vertreter die Kirche als Vorkämpferin der Freiheit und Gerechtigkeit für die Unterdrückten begreifen.

Das aber ist finsterster marxistischer Irrglaube in den Augen des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger, der als Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, der Nachfolgebehörde der Inquisition, über die reine Lehre aller Gläubigen wacht.

Angesichts der vielen Verfallserscheinungen setzt Johannes Paul II. auf den Osten und auf Afrika. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus, den Papst-Anhänger vor allem Johannes Paul II. zuschreiben, unternimmt der Vatikan gewaltige Anstrengungen, im ehemaligen europäischen Ostblock wieder Fuß zu fassen.

Kirchenrenovierungen, Neubau von Gemeindezentren, Priesterseminare - vieles wird auch von deutschen Spendengeldern über das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis finanziert. Gefördert werden dabei selbst Opus-Dei-Mitglieder, die bereits über Zentren in Polen, Litauen, Ungarn und der Tschechischen Republik verfügen. Der umstrittene erzkonservative katholische Geheimbund hat, so dessen Führer, Bischof Javier Echeverría Rodríguez, ein »breit gestreutes und tiefgehendes Programm« im postkommunistischen Osten. Auch der aus Spanien stammende »Neokatechumenale Weg«, eine rigide ultraorthodoxe Bewegung, weitete seine Tätigkeit besonders im Osten aus.

Zulauf hat die katholische Kirche auch in Afrika. Dort stieg die Zahl der Katholiken von 1,7 Millionen zu Beginn des Jahrhunderts auf jetzt 110 Millionen. Doch der Schwarze Kontinent ist für Johannes Paul ein schwieriges Pflaster: Die christlichabendländischen Wertvorstellungen, vor allem in der Sexualmoral, lassen sich in Afrika nur schwer vermitteln. Und in zahlreichen Regionen des Kontinents mischt sich die reine Lehre immer wieder mit überkommenen Götterkulten - Kardinal Ratzinger zum Graus. Wachsender Einfluß der afrikanischen Ortskirchen könnte das Gesicht des europäisch dominierten Katholizismus gewaltig verändern.

Wie sehr sich die katholische Kirche selbst isoliert hat, zeigen zwei Ereignisse aus den neunziger Jahren. Vor der Uno-Bevölkerungskonferenz 1994 in Kairo machten die vatikanischen Diplomaten und die lokalen Bischofskonferenzen in höchstem Auftrag weltweit Druck, um eine Front gegen die Abtreibung zusammenzubringen. Johannes Paul II. schrieb höchstpersönlich an alle beteiligten Staatschefs.

Doch die Kampagne war ein Flop, nicht einmal in den USA, wo fromme Minderheiten höchsten Respekt genießen, fand der Stellvertreter Christi Gehör. US-Außenminister Warren Christopher weigerte sich, den Sekretär des Papstes für die staatlichen Beziehungen, Erzbischof Jean-Louis Tauran, auch nur anzuhören. Während der Konferenz verärgerten die Vatikandelegierten sämtliche Teilnehmer mit ihrer Verzögerungstaktik.

Ein ähnliches Desaster erlebte der Papst auf der Uno-Frauenkonferenz 1995 in Peking. Und selbst im stockkatholischen Irland konnte auch eine Intervention Johannes Pauls eine Liberalisierung des Scheidungsrechts nicht abwenden.

Der Niedergang des Imperiums kommt nicht aus heiterem Himmel. Johannes Paul II. steht in einer langen Tradition. Er setzt nur fort, was seine Vorgänger in diesem Jahrhundert - bis auf Johannes XXIII. - vorexerziert haben: die Leugnung der Realität.

Typisch dafür ist vor allem Papst Pius XII. Noch 1945, als in Europa gerade die überkommene politische Ordnung endgültig zusammengebrochen war, verlangte er in seiner Weihnachtsansprache an das Kardinalskollegium ultimativ die Rückkehr »zu einem wahren Christentum im Staat« und zu einer »nach ewigen Wahrheiten und göttlichen Gesetzen ausgerichteten Politik«. »Europa«, so Pius XII. in einem Schreiben mit dem Titel »Rettung der europäischen Kultur durch den katholischen Glauben«, müsse »katholisch sein oder untergehen«.

Sätze, die Johannes Paul II. so nicht mehr sagen würde - und doch glaubt auch der Pole auf dem Stuhl Petri unbeirrt, was sieben Jahrhunderte früher sein berüchtigter Vorgänger Bonifatius VIII. als päpstlichen Allmachtsanspruch in bestem Kirchenlatein formuliert hat: »Extra ecclesiam nulla salus« - außerhalb der Kirche kein Heil.

Ein Kardinalfehler des Vatikans in diesem Jahrhundert sei, so der Freiburger Historiker Stefan Hörner, »das Ideal, das die katholische Kirche ansteuert«, nämlich »die Zeit vor der Reformation«, wiederherstellen zu wollen, kurzum: »das Programm Mittelalter«.

Die Interessen breiter Mehrheiten demokratisch auszugleichen, offene Debatten zu führen, die großen gesellschaftlichen Organisationen als gleichberechtigt anzuerkennen - all dem kann der Vatikan nicht folgen. Die Menschen sollen sich beugen, die Kirche bleibt bei ihren alten Maximen - ein Anspruch, der längst unrealisierbar ist.

Die kulturelle Landschaft des Abendlandes hat sich weithin entkonfessionalisiert. Die Sinnfrage der Menschen hat sich von den Kirchen abgekoppelt, zum erstenmal seit der Bekehrung der Heiden ist diese Welt nicht mehr christlich, geschweige denn katholisch.

Der Bedeutungsverlust der Kirche zeigt sich auch an ihrem Verhältnis zu den christdemokratischen Parteien: Aus dem einst engen Kampfbündnis wurde eine freundliche bis distanzierte Beziehung. In Deutschland, wo die Allianz von Kirche und Christenunion bis weit in die siebziger Jahre gehalten hat, spielt die Kirche im politischen Kalkül von CDU und CSU nur noch eine Nebenrolle - wenn überhaupt.

Die Illusion des Vatikans von der noch immer vorhandenen Macht datiert aus einem bis heute nicht bewältigten Trauma des vorigen Jahrhunderts: 1870 verlor der Papst seine weltliche Macht - der italienische Einiger Giuseppe Garibaldi besiegte die Truppe Pius'' IX. in Rom, das war das Ende des Kirchenstaats. Dabei hatte das Erste Vatikanische Konzil (1868 bis 1870) gerade zuvor die Unfehlbarkeit des Papstes beschlossen - übrigens gegen den Willen eines Teils der Bischöfe. Deutsche, österreich-ungarische und nordamerikanische Konzilsväter waren vor der entscheidenden Abstimmung aus Protest heimgereist.

Über den Verlust ihrer Machtbasis grämten sich die Päpste jahrelang hinter den vatikanischen Mauern. Pius IX. exkommunizierte die italienische Führungsschicht und untersagte den Gläubigen jede Beteiligung am politischen Leben des jungen italienischen Nationalstaats.

Erst der Faschist Benito Mussolini griff der Kirche wieder unter die Arme: Der Papst erhielt sein eigenes 0,44 Quadratkilometer großes Reich, den Vatikanstaat, eine Milliarde Lire in Staatspapieren sowie weitere 750 Millionen Lire in bar. Mit den Lateranverträgen von 1929 konnte sich Pius XI., derart üppig versorgt, über den Verlust der weltlichen Papstmacht gut trösten und schloß Frieden mit dem faschistischen italienischen Staat.

Doch erst Johannes XXIII. anerkannte offiziell die ideologische Basis der säkularen Demokratie, die Gewissens- und Religionsfreiheit. Sein Vorgänger Pius XII. hatte noch 1953 verkündet, der Irrtum habe an sich kein Recht auf Existenz und Propaganda.

Was Irrtum ist, was Wahrheit, das zu entscheiden obliegt auch nach dem unerschütterlichen Glauben des amtierenden Johannes Paul II. noch immer ihm allein - allenfalls noch seinem treuen Gehilfen Ratzinger. Dabei hatte das Zweite Vatikanische Konzil 1965 befunden, in weltlichen Dingen habe die Amtskirche keinerlei Kompetenz.

Ein Hauptfeind kirchlichen Machtanspruchs allerdings ist den Oberen der katholischen Kirche Anfang der neunziger Jahre abhanden gekommen: der Kommunismus. Anders als von der anderen totalitären Ideologie dieses Jahrhunderts, dem Faschismus, fühlte sich die Kirche vom Kommunismus im Innersten bedroht, seit die Bolschewiken 1917 in Rußland die Macht übernommen hatten.

Zwar war auch dem Faschismus, vor allem dem Nationalsozialismus, die katholische Kirche mit ihrer straffen hierarchischen Struktur ein Dorn im Auge. Mussolini, Franco und Hitler sahen in ihr einen Rivalen, der ebenso wie sie selbst einen Totalanspruch an das Individuum stellte.

Doch in ihren politischen Ordnungsvorstellungen gab es zwischen Papstkirche und Faschismus gewisse Übereinstimmungen. Die Kirche propagierte Werte, die auch den Faschisten heilig waren: Gehorsam, Disziplin, bedingungslose Treue zum vorgegebenen Ideal. Deshalb war das Verhältnis zwischen Kirche und Faschismus stets ambivalent: Neben katholischen Nazi-Opfern standen katholische Kollaborateure.

Der atheistische Kommunismus hingegen bekämpfte die Kirche, sobald er irgendwo die Macht übernahm, als seinen neben dem Kapitalismus gefährlichsten Widersacher mit aller Härte. Die Jagd auf die Kirchen in den vierziger und fünfziger Jahren in Osteuropa geriet zur größten Christenverfolgung seit Nero.

Die totale Ablehnung beruhte auf Gegenseitigkeit. Die feinen Unterschiede in der Einschätzung von Faschismus und Kommunismus machte Pius XI. 1937 innerhalb weniger Tage deutlich. Am 14. März erschien die Enzyklika »Mit brennender Sorge«, in der der Papst vor Verirrungen des Nationalsozialismus warnte. Fünf Tage später, am 19. März 1937, folgte die Enzyklika »Divini redemptoris«, in der Pius XI. den gottlosen Kommunismus in Grund und Boden verdammte. Schon die Wortwahl in beiden Dokumenten ist aufschlußreich.

Die »Geißel des Kommunismus«, heißt es in »Divini redemptoris« lapidar, bedrohe die ganze Welt und sei darauf aus, »die soziale Ordnung umzustürzen und die Fundamente der christlichen Kultur zu untergraben«. Das »neue Evangelium, das der bolschewistische und atheistische Kommunismus als Heilsbotschaft« biete, sei ein »System voll von Irrtum und Trugschlüssen«. »Es ist Entrechtung, Entwürdigung und Versklavung der menschlichen Persönlichkeit!«

Solch deutliche Sätze sucht man in »Mit brennender Sorge« vergebens. In der Enzyklika gegen den Nationalsozialismus warnt Pius XI. zwar davor, »die Rasse oder das Volk ... zur höchsten Norm aller Werte« zu vergöttern. Aber statt die 1937 bereits erkennbare Rassenideologie der Nazis zu verurteilen, beschränkte sich der Papst darauf, die Freiheit der Kirche und die Einhaltung des vier Jahre zuvor geschlossenen Reichskonkordats einzufordern.

Der Vatikan ahndete jahrzehntelang die Mitgliedschaft in kommunistischen Parteien mit der Exkommunikation, nicht aber die in faschistischen Verbänden. Noch in den achtziger Jahren spendete der Kardinal von Santiago dem rechten Diktator Augusto Pinochet in seiner Kathedrale demonstrativ die Kommunion.

Zwei Tage nach Abschluß des Lateranvertrages pries Pius XI. den »Duce« als den Mann, »mit dem uns die Vorsehung

begegnen ließ«. Eine autoritäre Kirche und

* Franz Rudolf Bornewasser (Trier), Ludwig Sebastian (Speyer), Saar-Gauleiter Josef Bürckel, Reichsinnenminister Wilhelm Frick, Reichspropagandaminister Joseph Goebbels bei einer Feier zur Rückkehr des Saarlands zum Deutschen Reich 1935.

ein autoritärer Staat, so dachten viele im Klerus, paßten bestens zusammen.

In Deutschland verhalf die Kirche durch das Reichskonkordat 1933 Adolf Hitler zu internationaler Reputation und sich selbst zu Privilegien. Hitler frohlockte am 14. Juli 1933, das Konkordat sei eine bedeutende Chance im »Kampf gegen das internationale Judentum«. Sinnfällig stand auf dem Koppelschloß aller Soldaten der Wehrmacht: »Gott mit uns«.

Bis heute eine nicht verheilte Wunde ist das Verhalten des Vatikans und eines Teils des europäischen Episkopats gegenüber den verfolgten Juden. Dem Papst Pius XII. werfen nicht nur jüdische Historiker vor, er habe sich am Holocaust durch Schweigen mitschuldig gemacht.

Tatsächlich hat das Oberhaupt der katholischen Kirche, das sich in den vierziger Jahren zu allen wichtigen (und weniger wichtigen) Zeitfragen äußerte (er hinterließ Zehntausende Seiten mit Enzykliken, Ansprachen und offiziellen Statements), sich nie gegen den Mord an den europäischen Juden verwahrt - sowenig wie die allermeisten seiner Bischöfe. Katholische Apologeten verteidigen dieses Schweigen damit, der Papst und seine Würdenträger hätten schweigen müssen, um Schlimmeres zu verhüten, und damit vielen Juden das Leben gerettet - angesichts des Holocaust-Ausmaßes eine makabre Begründung.

Seit 1987 hatte der jetzige Papst ein »Shoah-Dokument« angekündigt. Doch das im März 1998 nach heftigen Geburtswehen veröffentlichte Papier enttäuschte nicht nur Juden, sondern auch kritische Katholiken.

Nur sehr zaghaft räumt Johannes Paul in dem dürren Dokument »Versäumnisse« ein, beklagt, daß sich einzelne Mitglieder der Kirche schuldig gemacht hätten. Von einer kritischen Reflexion der Fehler der Institution Kirche, geschweige denn ihrer Führung, ist nicht die Rede.

Und auch nicht davon, daß Mitarbeiter des Vatikans nach Kriegsende vielen Kriegsverbrechern geholfen haben, mit Geld und falschen Papieren nach Latein-amerika zu entkommen.

Im Vatikan waren vor allem der österreichische Bischof Alois Hudal sowie je ein Jesuiten-, Kapuziner- nebst einem Prämonstratenser-Pater den flüchtigen Nazis zu Diensten. Pius XII. wollte nicht direkt in die Aktion, die unter dem Stichwort »Rattenlinie« in die Geschichte eingegangen ist, verwickelt sein: »Wenn Monsignore Hudal den bedürftigen Deutschen in Rom und Italien helfen will, soll er es tun, aber im eigenen Namen und auf eigene Kosten.« Hudal, seit den dreißiger Jahren ein begeisterter Nazi-Anhänger, war Rektor des Priesterkollegs »Santa Maria dell'' Anima«.

Im Spätsommer 1950 halfen Jesuiten mit, Adolf Eichmann, den für Judenmord unmittelbar Verantwortlichen, in Sicherheit zu bringen. Der Judenmörder erhielt ein Empfehlungsschreiben des Päpstlichen Hilfswerkes und einen Identitätsausweis. In Genua versteckte ein Franziskanerpater Eichmann, bis er ein Schiff nach Südamerika besteigen konnte.

Nie war der Vatikan direkt an diesen Aktionen beteiligt, als Anlaufstellen in Rom dienten stets verschiedene Klöster. Eine Niederlassung der Salesianer in der Via Marsala 42 fungierte als Erstkontakt- und Übernachtungsstelle mit Kost und Logis. Außer Eichmann und Frau reisten neben anderen auch der einstige Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, der Auschwitz-Arzt Josef Mengele und Franz Stangl, KZ-Kommandant von Treblinka, auf der »Rattenlinie«.

Ein CIA-Beobachter glaubte damals, dem Vatikan sei alles recht, Regionen wie Lateinamerika zu infiltrieren, »wenn sie nur Antikommunisten sind und pro katholische Kirche«.

Die einseitige Fixierung auf den Kommunismus ließ auch nicht nach, als in den siebziger Jahren der Kalte Krieg sich langsam, aber stetig zum Tauwetter zwischen West und Ost wandelte. Im Gegenteil, sie verstärkte sich mit der Wahl des polnischen Kardinals Karol Wojtyla zum Papst Anno Domini 1978 noch.

Für den neuen Pontifex war der Kampf gegen den Erzfeind vom ersten Tag an Ehrensache. Schon in seiner ersten Predigt gab Johannes Paul II. die Parole aus: »Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus ... Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme.«

Der sowjetische Geheimdienst KGB kam tags darauf zu dem Schluß, Wojtylas Aufgabe sei es vermutlich, »eine neue ideologische Offensive des Katholizismus« gegen die Kommunisten zu organisieren und »durch extremen Antikommunismus die Einheit in der Führung des Vatikans herzustellen«.

Die politischen Hoffnungen, die der Pole in Rom mit dem Verschwinden des Kommunismus verband, haben sich nur teilweise erfüllt: Nicht einmal in seiner Heimat hat die Kirche ihren angestammten Einfluß zurückgewonnen. Papst-Vertraute berichten von einer großen Enttäuschung des Heiligen Vaters: »Insgeheim träumte er wohl davon, daß sich das alte katholische Polen wiederherstellt und zum Impuls für die übrigen Länder, ja sogar für die Re-Evangelisierung Europas werden könnte.«

Aufgegeben hat Karol Wojtyla diesen Traum wohl noch nicht, wie seine Bemühungen zeigen, die Kirche im ehemaligen Ostblock zu neuer Blüte zu bringen - sowenig wie seine andere Utopie, eine von Opponenten gesäuberte, straff zentralistisch organisierte, hierarchisch gefestigte Kirche gegen alle Unruhe an der Basis ins nächste Jahrtausend zu führen.

Um endlich die lästigen Kritiken verstummen zu lassen, plant der Papst zu Aschermittwoch im Jahr 2000 einen »großen Bußakt«, bei dem er um Vergebung für die Schuld der Kirche bitten will. Es geht um die Verbrechen der Kirche in ihrer 2000jährigen Geschichte, die gnadenlose Verfolgung Andersdenkender, von Juden und Muslimen, die Inquisition, Hexenverfolgung, politische Morde. Schon in seiner »Verkündigungsbulle« zum Heiligen Jahr forderte Johannes Paul am ersten Adventssonntag »einen mutigen Akt der Demut, die Verfehlungen zuzugeben, die von denen begangen wurden, die den Namen Christi trugen und tragen«.

In den 20 Jahren seines Pontifikats hat Johannes Paul II. durchaus auch Neuland betreten und Tabus gebrochen. So geißelte er den Kapitalismus als »Kultur des Todes«, nimmt als einer der wenigen in der internationalen Arena das Wort »Ausbeutung« in den Mund und übte in der Enzyklika »Centesimus annus« 1991 eine - moderate - Kritik an neoliberalen kapitalistischen Verhältnissen. Der konservative Papst und Restaurator vorkonziliarer Verhältnisse korrigierte auch das traditionelle Papstbild des der Welt entrückten Stellvertreters Gottes - zuletzt etwa durch seinen Anruf in einer italienischen Live-Fernsehsendung.

Nach außen ist die Weltkirche imposant. Zur Verwaltung stehen dem Papst in seiner Zentrale etwa 3500 Mit- und Zuarbeiter zur Verfügung. Rund 360 Millionen Mark beträgt der jährliche Etat, die Hälfte geht für Personal und Dienstgebäude drauf, der Rest wird in Radio Vatikan mit allein 400 Angestellten, das defizitäre Mitteilungsblatt »L''Osservatore Romano« und neuerdings auch ins Internet (www.vatican.va) gesteckt.

Haupteinnahmequelle sind neben den Vatikanbetrieben und -museen gut angelegte Wertpapiere, vermutlich in Höhe von einer halben bis einer Milliarde Mark. Die deutschen Bischöfe liefern - gefolgt von den US-amerikanischen - den größten ausländischen Beitrag zum Vatikanhaushalt, immerhin 15 Millionen Mark jährlich. Über den »Peterspfennig«, einen jährlich in allen Ortskirchen erhobenen freiwilligen Obolus, zuletzt 80 Millionen Mark, darf allein der Papst verfügen.

Die Vermögensverwaltung der Kurie (Apsa) agiert seit den wiederholten Finanzskandalen der Vatikanbank IOR (Istituto per le Opere di Religione) angeblich vorsichtiger bei der Verwaltung des Immobilien- und Wertpapiereigentums. Mitte der achtziger Jahre war das IOR unter Leitung des Erzbischofs Paul Marcinkus in einen betrügerischen Bankrott verwickelt gewesen, derzeit verwaltet es 7000 Milliarden Lire (7 Milliarden Mark), darunter zahlreiche Beteiligungen an italienischen Unternehmen.

Doch selbst der seit Mitte der achtziger Jahre eingesetzte internationale Verwaltungsrat, zu dem auch der deutsche Banker Theodor Pitzker, einst rechte Hand von Alfred Herrhausen, gehört, durchschaut das Finanzimperium nur unzulänglich. Bilanzen werden nur unvollständig vorgelegt, die italienische Steuer- und Bankenaufsicht ist machtlos. Noch 1992 wurde nachweislich die größte Schmiergeldsumme der italienischen Geschichte, rund 110 Millionen Mark für Konzerne und Parteien, über das IOR gewaschen. Die jüngsten Ermittlungen gegen den Kardinal von Neapel und dessen wegen illegaler Zinswucherpraktiken verhafteten Bruder erstrecken sich ebenfalls in

Richtung IOR. Ungeachtet dessen agieren zwei Dutzend fromme Banker täglich im »dealing room« der Apsa - vor sich Computer-

* Auf der Kuba-Reise des Papstes im Januar.

monitore mit Aktien- und Devisenkursen, in ihrem Rücken Kruzifixe und Papstbilder.

Das vatikanische Staatssekretariat mit dem zweitmächtigsten Mann nach dem Papst an der Spitze, dem italienischen Kardinal Angelo Sodano, leitet rund 160 Nuntiaturen in fast allen Ländern der Welt. Die päpstlichen Diplomaten sind die Augen und Ohren des Imperiums, sammeln Informationen, verhandeln im Namen des Papstes mit der jeweiligen Regierung und kontrollieren die Bischöfe und Universitätstheologen in aller Welt auf mögliches Abweichlertum.

Päpstliche Nuntien verfügen mitunter über Quellen, von denen die Diplomaten anderer Länder nur träumen können. Während sich deren Kontakte häufig auf Regierungskreise beschränken, stehen dem Nuntius Ortskirchen mit Tausenden von Priestern und Sozialarbeitern bis in den letzten Winkel eines Landes für Auskünfte zur Verfügung. Die »Spione des Vatikans« gelten mancher Regierung als bessere Quelle als die eigenen Botschafter vor Ort, etwa in großen Teilen Afrikas.

Auf die Auswahl ihrer Diplomaten verwendet die Kurie große Sorgfalt. Sie bildet die Elitekader für den weltweiten Außendienst in einer eigenen Akademie aus, nur handverlesene und ideologisch absolut linientreue Priester haben eine Chance.

Doch die diplomatischen Kader allein werden das Imperium kaum stabil halten. Auf den weltweiten Episkopat aber, die andere zentralistisch geführte Herrschaftslinie, kann sich der Papst nur bedingt verlassen.

Zwar hat Johannes Paul in den 20 Jahren seines Pontifikats immer wieder versucht, in den insgesamt über 2300 Bistümern mit 4300 Bischöfen seines Kirchenreiches Geistliche seiner Couleur zu installieren. Dazu zählen in Deutschland etwa der frühere Berliner und jetzige Kölner Kardinal Joachim Meisner und der Erzbischof von Fulda, Johannes Dyba, der jahrelang dem Diplomatenkorps des Papstes angehörte, zuletzt als Vizesekretär der Päpstlichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden.

Doch ist es dem Pontifex nur bedingt gelungen, den Episkopat vollständig auf Linie zu halten. Immer mal wieder erweist sich einer als unberechenbar, wie der französische Bischof Jacques Gaillot, den er 1995 seines Amtes enthob, weil er sich zu stark für die Abtreibung einsetzte. Oder der schweizerische Oberhirte Hansjörg Vogel, der aus dem Dienst schied, um mit seiner Freundin zu leben, die von ihm ein Kind bekam.

Und selbst die dem Papst treu ergebenen Episkopen rebellieren ab und an, wenn sie seine Vorgaben mit den Belangen ihrer Ortskirchen nicht in Einklang bringen können. Jüngstes Beispiel: der Widerstand der deutschen Bischöfe gegen den Ukas aus Rom, sich aus der staatlichen Schwangerenberatung zurückzuziehen.

Der Ausgang des Streits ist offen. Die Bischofskonferenz will erst Anfang nächsten Jahres entscheiden, trotz harscher Schelte vom Großinquisitor Ratzinger.

Verlassen kann sich der Papst vor allem auf eine Elitetruppe, die sich jeglicher Kontrolle entzieht: das verdeckt arbeitende internationale Opus Dei, gegründet im totalitären Spanien durch den von Johannes Paul im Eilverfahren seliggesprochenen Prälaten Josemaría Escrivá de Balaguer. Nach eigenen Angaben gehören dem Orden 80 000 Laien und 2000 Priester an.

Diesem fundamentalistisch orientierten katholischen Geheimbund hat der Kirchenchef jene Funktion übertragen, die über Jahrhunderte die Jesuiten bekleideten: weltweit die Macht der Kirchenzentrale zu sichern. Das Opus ist dem Papst blind ergeben und ideologisch voll auf seiner Linie - von der Ablehnung jeder Empfängnisverhütung, des Frauenpriestertums bis zum glühenden Antikommunismus.

Johannes Paul II. erhob im August die vom Opus Dei geführte römische »Hochschule vom Heiligen Kreuze« in den Rang einer päpstlichen Universität. An der Kaderschmiede, wo der Kölner Kardinal Meisner schon zu Gast war, werden etwa 1400 Studenten aus 65 Ländern geschult. Der Pressesprecher des Papstes, Joaquín Navarro-Valls, ist ebenso ein Opus-Dei-Mann wie es der vor einem halben Jahr ermordete Chef der Schweizergarde, Alois Estermann, war.

Das fromme Werk hilft mit, liberale Priester, Laien oder Theologen zu lokalisieren, damit sie von Rom zur Ordnung gerufen oder gar entfernt werden. Es organisiert die Einflußnahme der Kirche auf wirtschaftliche und politische Eliten. In Deutschland betreibt das Opus Dei mehrere Bildungswerke. Wie und ob das Imperium katholische Kirche im nächsten Jahrhundert bestehen wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wer Johannes Paul II. nachfolgt. Die Frage könnte schon bald akut werden. Den von Krankheit gezeichneten 78jährigen hält nach Aussage von Vertrauten vor allem der Wille aufrecht, das Heilige Jahr 2000 zu erleben.

108 der derzeit 115 Kardinäle unter 80 Jahren, die bei der Kür des Nachfolgers wahlberechtigt sind, hat der Pontifex persönlich ernannt - und dabei Sorge getragen, daß seine Richtung im Kardinalskollegium nicht zu kurz kommt.

Dennoch gleicht eine Prognose über den nächsten Papst eher einem sibyllinischen Orakel. Die Italiener, die jahrhundertelang dominierten, haben in dem Gremium ihre Übermacht eingebüßt, mehr als die Hälfte der Purpurträger stammt inzwischen aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Doch für einen schwarzen Papst, etwa Kardinal Francis Arinze aus Nigeria, der den Päpstlichen Rat für den Dialog mit den Weltreligionen leitet, scheint die in ihrer Denkstruktur nach wie vor europäisch beherrschte Kirche noch nicht reif. Einigermaßen einig sind sich die Auguren aller vatikanischen Richtungen, daß diesmal wieder ein Italiener an der Reihe wäre - zumindest als Übergangspapst. Nach dem Charismatiker Wojtyla sehnt sich die Kirchenspitze nach einem verläßlich-berechenbaren Pontifex, der die nach wie vor italienisch dominierte Kurie besser im Griff hat.

Völlig offen indes ist, welcher Italiener als Nachfolger Johannes Pauls II. in Frage kommt. Falls bei der Papstwahl tatsächlich der Heilige Geist weht, könnte es den Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini treffen. Der 69jährige Jesuit gilt als ein weltoffener, seiner eigenen Institution gegenüber kritischer Geist.

Peter Wensierski, 44, schreibt als SPIEGEL-Redakteur vor allem über die Kirchen. Seit einigen Monaten arbeitet er als Sonderkorrespondent im Vatikan.

»Was der Papst nach außen vertritt, steht in himmelschreiendem

Gegensatz zur Unterdrückung von Menschenrechten, Freiheit,

Gerechtigkeit in der Kirche«

HANS KÜNG, THEOLOGE

»Die äußere Freiheit, zu denken und zu sagen, was man will,

darf nicht mit Beliebigkeit der Überzeugung verwechselt werden«

PAPST JOHANNES PAUL II., ANSPRACHE IM KÖLNER DOM 1980

[Grafiktext]

Moderne Zeiten - alte Lehren Das Papsttum im 20. Jahrhundert Leo XIII. 1878 bis 1903 Verließ aus Protest gegen den Verlust des Kirchen- staats jahrelang nicht den Vatikan und stand auch sonst in ständigem Konflikt mit dem jungen italieni- schen Staat. Verurteilte u.a. den »Amerikanismus« und die Ehescheidung. Verfaßte die erste Sozialenzy- klika »Rerum novarum« (1891). Pius X. 1903 bis 1914 Heiliggesprochen. Führte ein religiös-pastorales Pontifikat, bekämpfte aber in Enzykliken den »Modernismus«, für ihn »eine Synthese sämtli- cher Häresien«, verlangte von allen Priestern und Lehrenden einen »Antimodernisteneid«. Benedikt XV. 1914 bis 1922 Wahrte die katholischen Interessen in ehe- maligen Kolonien, baute die internationalen Beziehungen des Vatikans auf 27 Nuntiatu- ren aus, gründete die »Kongregation für die Ostkirchen«, wandte sich in allgemeiner Form gegen den Ersten Weltkrieg. Pius XI. 1922 bis 1939 Intensivierte die Missionsarbeit in aller Welt, löste die »Römische Frage« durch die Gründung des Vatikanstaats in den Lateranverträgen 1929, schloß zahlrei- che Konkordate, 1929 mit Mussolini, 1933 mit Hitler. Pius XII. 1939 bis 1958 Schwieg zum Holocaust, Rolf Hochhuth schrieb darüber 1963 das Drama »Der Stellvertreter«. Entschiedener Antikommunist, Marienverehrer, schuf das Fest des »Unbefleckten Herzens Mariens«, verkündete 1950 das Dogma von der »leiblichen Aufnahme« Marias in den Himmel, soll demnächst seliggesprochen werden. Johannes XXIII. 1958 bis 1963 Bestieg mit 77 Jahren den Papstthron als »Hirte«, überraschte 1959 mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils, um »die Kirche den neuen Zei- ten anzupassen«. In seiner Eröffnungs- ansprache zum Konzil sagte der Papst, die Kirche müsse auf die neue Zeit nicht mit Verurteilungen, sondern mit Glau- benswahrheiten reagieren. Er empfing zahlreiche Politiker, darunter auch Chruschtschow. Seine letzte Enzyklika kurz vor seinem Krebstod hieß: »Pacem in terris« (Der Friede auf Erden). Paul VI. 1963 bis 1978 Führte das Konzil zu Ende, setzte anschließend einige Reformen im Klerus durch, z.B., daß über 80jährige Kardinäle nicht mehr an der Papstwahl teilnehmen dürfen oder daß Bischöfe mit über 75 Jahren zurücktreten sollen. Mit der Enzyklika »Humanae vitae« wandte er sich gegen die moderne Empfängnisverhü- tung, was weltweite Proteste auslöste. Er baute die Nuntiaturen in den Ländern erheblich aus und unternahm ein Dutzend apostolischer Reisen, darunter 1965 zur Uno in New York. Johannes Paul I. 1978 Nahm erstmals in der Geschichte des Papst- tums zwei Namen an, mit denen er seiner bei- den Vorgänger gedenken und deren Linie er fol- gen wollte. Verstarb »plötzlich und unerwartet« nach 34 Tagen im Amt. Die Umstände seines Todes und die Tatsache, daß keine genaue Un- tersuchung oder Obduktion stattfand, ließen Mordtheorien entstehen. Er verzichtete erst- mals auf die Krönungszeremonie. Johannes Paul II. seit 1978 Der Erzbischof von Krakau wurde als erster Nicht- italiener nach 450 Jahren zum Papst gewählt. Versuchte seit seinem Amtsantritt mit zahlrei- chen Auslandsreisen, die Bindung der Katholi- ken in aller Welt an ihr Oberhaupt zu stärken. Nach innen streng konservatives Regiment, vor allem in Fragen der Sexualmoral, Empfängnis- verhütung und Abtreibung.

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Das Papsttum im 20. Jahrhundert

Verteilung der Katholiken in der Welt

Die Hierarchie im Vatikan

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Moderne Zeiten - alte Lehren Das Papsttum im 20. Jahrhundert Leo XIII. 1878 bis 1903 Verließ aus Protest gegen den Verlust des Kirchen- staats jahrelang nicht den Vatikan und stand auch sonst in ständigem Konflikt mit dem jungen italieni- schen Staat. Verurteilte u.a. den »Amerikanismus« und die Ehescheidung. Verfaßte die erste Sozialenzy- klika »Rerum novarum« (1891). Pius X. 1903 bis 1914 Heiliggesprochen. Führte ein religiös-pastorales Pontifikat, bekämpfte aber in Enzykliken den »Modernismus«, für ihn »eine Synthese sämtli- cher Häresien«, verlangte von allen Priestern und Lehrenden einen »Antimodernisteneid«. Benedikt XV. 1914 bis 1922 Wahrte die katholischen Interessen in ehe- maligen Kolonien, baute die internationalen Beziehungen des Vatikans auf 27 Nuntiatu- ren aus, gründete die »Kongregation für die Ostkirchen«, wandte sich in allgemeiner Form gegen den Ersten Weltkrieg. Pius XI. 1922 bis 1939 Intensivierte die Missionsarbeit in aller Welt, löste die »Römische Frage« durch die Gründung des Vatikanstaats in den Lateranverträgen 1929, schloß zahlrei- che Konkordate, 1929 mit Mussolini, 1933 mit Hitler. Pius XII. 1939 bis 1958 Schwieg zum Holocaust, Rolf Hochhuth schrieb darüber 1963 das Drama »Der Stellvertreter«. Entschiedener Antikommunist, Marienverehrer, schuf das Fest des »Unbefleckten Herzens Mariens«, verkündete 1950 das Dogma von der »leiblichen Aufnahme« Marias in den Himmel, soll demnächst seliggesprochen werden. Johannes XXIII. 1958 bis 1963 Bestieg mit 77 Jahren den Papstthron als »Hirte«, überraschte 1959 mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils, um »die Kirche den neuen Zei- ten anzupassen«. In seiner Eröffnungs- ansprache zum Konzil sagte der Papst, die Kirche müsse auf die neue Zeit nicht mit Verurteilungen, sondern mit Glau- benswahrheiten reagieren. Er empfing zahlreiche Politiker, darunter auch Chruschtschow. Seine letzte Enzyklika kurz vor seinem Krebstod hieß: »Pacem in terris« (Der Friede auf Erden). Paul VI. 1963 bis 1978 Führte das Konzil zu Ende, setzte anschließend einige Reformen im Klerus durch, z.B., daß über 80jährige Kardinäle nicht mehr an der Papstwahl teilnehmen dürfen oder daß Bischöfe mit über 75 Jahren zurücktreten sollen. Mit der Enzyklika »Humanae vitae« wandte er sich gegen die moderne Empfängnisverhü- tung, was weltweite Proteste auslöste. Er baute die Nuntiaturen in den Ländern erheblich aus und unternahm ein Dutzend apostolischer Reisen, darunter 1965 zur Uno in New York. Johannes Paul I. 1978 Nahm erstmals in der Geschichte des Papst- tums zwei Namen an, mit denen er seiner bei- den Vorgänger gedenken und deren Linie er fol- gen wollte. Verstarb »plötzlich und unerwartet« nach 34 Tagen im Amt. Die Umstände seines Todes und die Tatsache, daß keine genaue Un- tersuchung oder Obduktion stattfand, ließen Mordtheorien entstehen. Er verzichtete erst- mals auf die Krönungszeremonie. Johannes Paul II. seit 1978 Der Erzbischof von Krakau wurde als erster Nicht- italiener nach 450 Jahren zum Papst gewählt. Versuchte seit seinem Amtsantritt mit zahlrei- chen Auslandsreisen, die Bindung der Katholi- ken in aller Welt an ihr Oberhaupt zu stärken. Nach innen streng konservatives Regiment, vor allem in Fragen der Sexualmoral, Empfängnis- verhütung und Abtreibung.

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Die Hierarchie im Vatikan

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* Franz Rudolf Bornewasser (Trier), Ludwig Sebastian (Speyer),Saar-Gauleiter Josef Bürckel, Reichsinnenminister Wilhelm Frick,Reichspropagandaminister Joseph Goebbels bei einer Feier zurRückkehr des Saarlands zum Deutschen Reich 1935.* Auf der Kuba-Reise des Papstes im Januar.

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