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LIBANON »Das Rätsel wird gelöst«

Scheich Hassan Nasrallah über die Geheimgespräche mit Jerusalem und Berlin, in denen das Schicksal des israelischen Piloten Ron Arad geklärt werden soll
Von Adel S. Elias
aus DER SPIEGEL 4/2000

Nasrallah, 44, ist Generalsekretär der von Iran unterstützten Islamisten-Organisation Hisbollah im Libanon. Die etwa 2200 schiitischen Krieger der »Partei Gottes« führen in der von Israel besetzten »Sicherheitszone« des Südlibanon einen Guerrillakrieg. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Eminenz, bei den Friedensgesprächen zwischen Syrien und Israel bahnt sich - ungeachtet aller Schwierigkeiten - eine Annäherung an. Wird die Hisbollah im Libanon eine Aussöhnung zwischen den Erzfeinden akzeptieren?

Nasrallah: Aller Wahrscheinlichkeit nach gibt es einen Durchbruch, aber es wird wohl nicht so schnell gehen, wie es US-Präsident Bill Clinton verkündet hat: Der wollte es in zwei Monaten schaffen. Diese Entwicklung ist aber kein Grund für den Libanon, gleichfalls mit Israel über ein Frie-

densabkommen zu verhandeln. Schließlich gibt es seit langem eine Resolution des Weltsicherheitsrates, die Israel auffordert, unverzüglich und bedingungslos seine Besatzungstruppen aus unserem Land abzuziehen.

SPIEGEL: Wenn sich Jerusalem, wie es Premierminister Ehud Barak angekündigt hat, aus dem Südlibanon zurückzieht, wird dann Beiruts Armee das Machtvakuum ausfüllen und jegliche Angriffe der Hisbollah-Kämpfer auf Israel unterbinden?

Nasrallah: Das ist alles Zukunftsmusik. Für uns gilt: Solange sich nur noch ein einziger israelischer Soldat auf dem Boden des Libanon befindet und nur ein einziger Zoll unseres Landes besetzt ist, wird der Kampf erbarmungslos fortgesetzt. Die Zionisten haben das Land Palästina usurpiert, und wir werden Israel nicht anerkennen.

SPIEGEL: In Wirklichkeit haben doch auch Sie längst Israel als Gesprächspartner akzeptiert. In geheimen Verhandlungen pokern Sie um die Freilassung Ihrer Gefangenen. Erst vor wenigen Tagen wurden deshalb etliche Ihrer Widerstandskämpfer aus israelischer Haft entlassen.

Nasrallah: Das hat überhaupt keine politische Bedeutung, es geschah aus rein humanitären Gründen.

SPIEGEL: Sie haben den Israelis versprochen, ihnen bei der Suche nach dem vermissten Navigator Ron Arad zu helfen; dessen Flugzeug war 1986 über dem Libanon abgeschossen worden.

Nasrallah: Er kam, um unser Land zu bombardieren, und geriet im Südlibanon in Gefangenschaft. Verhaftet haben ihn Milizen der »Amal«, die sich aus schiitischen Glaubenskämpfern rekrutiert.

SPIEGEL: Was konnten Sie über das Schicksal des Soldaten in Erfahrung bringen?

Nasrallah: Arad fiel in die Hände einer Splittergruppe der Amal unter Führung von Mustafa al-Dirani. Sie haben ihn in eine Gefängniszelle gesteckt, irgendwo in der Bekaa-Ebene. Dann kam es zu einer heftigen militärischen Auseinandersetzung zwischen den Widerstandskämpfern und den israelischen Besatzern. Im Zuge der Gefechte haben die für Arad zuständigen Wächter ihre Posten verlassen. Als sie später zurückkamen, war ihr Gefangener verschwunden. Die Schlösser des Gefängnisses aber waren ganz normal geöffnet.

SPIEGEL: Mal heißt es, in der Bekaa-Ebene stationierte syrische Truppen hätten Arad entführt, dann wieder sollen iranische Revolutionswächter den Gefangenen verschleppt haben. Wer hat ihn denn nun tatsächlich gekidnappt?

Nasrallah: Ich kann Ihnen versichern, dass weder die Syrer noch die Iraner bei dieser Aktion ihre Finger im Spiel hatten. Beide Parteien hätten Arad schon längst an Israel überstellt, wenn sie damals zugeschlagen hätten. Auch unser Bruder Dirani ...

SPIEGEL: ... den die Israelis 1994 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus seinem Bett entführt haben, um Neues über Arads Schicksal aus ihm herauszupressen ...

Nasrallah: ... weiß wirklich nicht, was mit Arad geschehen ist. Aber wir werden das Rätsel lösen.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Arad noch lebt?

Nasrallah: Wer sollte so viele Jahre für ihn sorgen? Wir konzentrieren uns darauf zu erfahren, wo er beerdigt ist. Seinen Leichnam wollen wir im Austausch gegen unsere Kämpfer, die in Israels Gefängnissen sitzen, zurückgeben.

SPIEGEL: Sie haben sich früher gegen eine Vermittlung durch die Bundesrepublik Deutschland gewehrt. Jetzt aber dient Ihnen Berlin als politischer Makler.

Nasrallah: Es hat sich vieles geändert, Deutschland hat eine wichtige Mittlerrolle. Kanzler Schröder hat uns gute Leute gesandt, die sehr effizient und professionell arbeiten. Mit denen verhandeln wir.

SPIEGEL: Könnte sich durch das deutsche Engagement auch die Beziehungen zwischen Berlin und Teheran verbessern?

Nasrallah: In das Verhältnis zwischen Deutschland und Iran mischen wir uns nicht ein. Dieser Aspekt wurde von uns noch nicht einmal in Erwägung gezogen.

SPIEGEL: Wann werden Sie weitere Einzelheiten über den Fall Arad bekannt geben?

Nasrallah: Wir arbeiten sehr gezielt auf eine Lösung hin und werden wohl bald zu klaren Ergebnissen kommen, schon um unserer Glaubensbrüder willen: Wir wollen sie aus den israelischen Gefängnissen freibekommen. INTERVIEW: ADEL S. ELIAS

* Am 23. Juli 1996 in Beirut, nachdem Israel die Leichnamefreigegeben hatte.

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