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Das sanftmütige Irrlicht Gaddafi

SPIEGEL-Redakteur Romain Leick über Libyen nach dem Luftkampf
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 3/1989

Wie ein Boxer, der auf den erlösenden Schlußgong wartet, zählt Muammar el-Gaddafi die Tage, die Ronald Reagan noch im Amt verbleibt. Acht, sieben, sechs - am Freitag ist der seltsame Fight zwischen dem mächtigsten Mann der Welt und dem Revolutionsobristen mit dem irrlichternden Temperament vorbei.

Gaddafi ist über die Runden gekommen. Das reicht ihm, um sich zum Sieger auszurufen. Die erbitterte Feindschaft, mit der Amerikas Präsident ihn acht Jahre lang verfolgte, hat dem Libyer geschmeichelt, weil sie ihn weit über seine natürliche Lebensgröße hinaus erhob. Aber sie hat ihn auch erschreckt, weil er es nicht für möglich hielt, daß Reagan - ein Schauspieler! - aus der Show so blutigen Ernst machen würde.

Nun ist seine Genugtuung unverkennbar, dem Mann entkommen zu sein, der ihm am 15. April 1986 um zwei Uhr nachts mit einem der wohl aufwendigsten Attentate der Geschichte nach dem Leben trachtete.

Mit Großmut und Großmannssucht bietet Gaddafi dem künftigen US-Präsidenten George Bush - schon im Wahlkampf hat er ihn zu seinem Lieblingskandidaten erklärt - direkte Verhandlungen an, um alle Streitpunkte zu regeln: »Von Angesicht zu Angesicht« solle sich die Bush-Regierung mit Libyen an den Verhandlungstisch setzen und Schluß machen mit der »unreifen, kindischen Politik« des Vorgängers.

An Bush, sagte der Libyer, schätze er die »ruhige Sachlichkeit«. Es tut ihm gut, nicht mehr mit einem Filmschauspieler zu tun zu haben (die meisten Reagan-Filme hat Gaddafi sich angesehen). Darstellerisches Talent hat er schließlich selbst hinreichend.

Gerade deshalb wählte er von den vielen Rollen, die er schon verkörpert hat, vorige Woche jene des besonnenen, maßvollen Staatsmannes, nicht die des Einpeitschers oder Racheengels. Seine Realitätskontrolle, das stellten auch die Botschafter von EG-Ländern fest, die nach dem Abschuß der beiden libyschen MiG-23 zu ihm gerufen wurden, ist intakt.

Gaddafi weiß, daß er sich bestenfalls zum Narren machen, möglicherweise aber auch als toter »bad guy« enden würde, nähme er die Herausforderung durch die USA an. Deshalb duldet er jetzt weder Drohreden noch Triumphgesänge.

Gewiß, in Rabita, wo die chemische Fabrik geheimnisvoll und für ungeladene Besucher unnahbar wie Kafkas Schloß in der Wüste liegt, strömen die Menschen im grünen Drillich zur Verteidigung der Anlagen zusammen - die neugierigen Journalisten mit Begründungen vorenthalten werden wie etwa: das Klima sei dort schlecht, Nebel oder Regen machten die 60-Kilometer-Fahrt zu schwierig.

In der Hauptstadt Tripolis, wo Gaddafi am Montag voriger Woche eine Serie von »Volkskongressen« eröffnete, schreien die Teilnehmer routinemäßig »Nieder mit Amerika, hinweg mit der Teufelsflotte«, als der Revolutionsführer breit lächelnd zum Podium eilt. Die Frauen im Saal begrüßen ihn mit trillernden Ju-Ju-Ju-Rufen.

Seine Erscheinung besticht wie immer durch radikalen Chic: die Takija, eine schwarze, randlose Filzmütze auf dem Kopf, den braunen Winterburnus aus schwerem Stoff in kunstvollem Faltenwurf über die rechte Schulter drapiert.

Aber: Uniformen - bei denen er einst so viel Operettenphantasie bewies - trägt der Oberst seit geraumer Zeit gar nicht mehr in der Öffentlichkeit, martialische Gebärden scheinen ihm derzeit unangebracht. Beschwichtigend winkt er mit der Hand, sofort verstummen die Sprechchöre. Die Menschen scheinen dankbar, über Wichtigeres als die US-Aggression reden zu können, über Lebensmittelpreise, Auslandsreisen und Importe von Konsumgütern etwa.

Die Einwohner der Hauptstadt fürchten sich auch nicht mehr vor einem erneuten Bombenangriff der Amerikaner, niemand ist aus Tripolis geflüchtet. Die Zwillings-Flugabwehrkanonen auf den Wachttürmen rund um die Kasernen sind oft stundenlang unbemannt. Gaddafis Streitmacht legt demonstrativ Wert darauf, einen gelassenen Eindruck zu machen. Das allabendliche Verbrennen der US-Fahne im libyschen Fernsehen ist schon das prickelndste der Gefühle.

Anders als 1986 ist das kulturrevolutionäre Ungestüm weitgehend verflogen. Ironischerweise schreckten Reagans neuerliche Drohgebärden Gaddafi mitten in einem Normalisierungsprozeß auf, den er seinem unruhigen Land seit über einem Jahr genehmigt hat.

Kurz nach dem US-Bombardement vom April 1986 hatte sich der Unmut im Volk gefährlich angestaut. Verdruß über die erratische Führung, das ebenso kostspielige wie ruhmlose Engagement der libyschen Armee im Tschad, dazu ein Rückgang der Exporterlöse durch den Ölpreisverfall und eine durch die Verstaatlichung aller Geschäfte verursachte Lebensmittelknappheit brachten die Herrschaft des großen Führers kurzfristig tatsächlich ins Wanken.

Gaddafi, der immer gute Witterung dafür hatte, wie weit er gehen durfte - hätte er sich sonst 20 Jahre an der Macht gehalten -, mußte mit dem Flurschaden seiner Revolution fertig werden. Er tat es, indem er einige Ventile öffnete.

Der Einfluß der zumeist jugendlichen Revolutionskomitees, die jahrelang in Libyen so gewütet hatten wie einst Maos Rotgardisten in China, wurde zurückgedrängt. Geschulte Fachkräfte übernahmen wieder das Management, vor allem in der Erdölindustrie. Überall entstanden wieder kleine private Läden. Versorgungslücken stopfte das Regime von Fall zu Fall mit raschen Sonderimporten.

Die strikten Ausreisebeschränkungen, die Auslandsreisen für die meisten Libyer bis dahin fast unmöglich gemacht hatten, wurden gelockert. Die Grenze zum lebensfrohen Nachbarn Tunesien - bei dem es Bier, Wein und auch das Laster der Unkeuschheit gibt - ist wieder offen. Eine Million Libyer machten von der »Grünen Perestroika« bereits Gebrauch.

In einem Vortrag vor arabischen Schriftstellern bedauerte der Autor des Grünen Buches im vorigen November die Exzesse seiner ideologischen Scharfrichter: Das Wüten der Komitees sei eine Kinderkrankheit der Revolution gewesen, besonders schlimme Übergriffe sollten vom Volksgericht untersucht und die Opfer entschädigt werden.

Soviel Sanftmut erklären Diplomaten in Tripolis mit Gaddafis heimlichem Traum, einmal Präsident der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) zu werden. Wie seinem großen Vorbild Nasser (ein Bild von ihm hängt noch über dem blauen Rundbett in Gaddafis zerbombtem Schlafzimmer auf dem Gelände der Bab-el-Asisija-Kaserne) ist dem Obersten das eigene Volk stets zu klein gewesen.

Die wirtschaftliche Liberalisierung half Gaddafi, die Rudimente des Wohlfahrtsstaats, in den er sein Wüstenreich verwandelt hat, weitgehend intakt zu erhalten. Ein kostenloses Gesundheitssystem, eine komplexe Sozialgesetzgebung, ein Mindestlohn, der mit knapp 600 Dollar im Monat doppelt so hoch ist wie etwa in Algerien, und durch Staatssubventionen verbilligte Lebensmittel lassen Libyen noch immer zur Attraktion für Zehntausende von Gastarbeitern aus den Nachbarländern werden - und für Geschäftemacher aller Art: 97 deutsche Firmen sind derzeit in Libyen ganz offiziell aktiv. Der internationalen Finanzwelt gilt der politische Abenteurer Gaddafi als verläßlicher Kunde. Libyens Gold- und Devisenreserven (über sieben Milliarden Dollar) sind noch immer weit größer als seine Auslandsschulden.

Im September, wenn sein Peiniger Ronald Reagan längst aus den Schlagzeilen verschwunden sein wird, will der etwa 45jährige Gaddafi mit Pomp den 20. Jahrestag seiner Revolution feiern. Dann möchte er vor den Augen der staunenden Welt seinen Namen mit einem kolossalen Projekt verewigen.

In Abschdabija, nahe der Großen Syrte, soll an diesem Tag, wenn Gaddafi die Schleusen öffnet, durch unterirdische Pipelines herangeführtes Grundwasser aus der Sahara in ein Auffangbecken von einem Kilometer Durchmesser sprudeln, das leer wie ein riesiges römisches Amphitheater aussieht.

200 000 Kubikmeter Wasser sollen daraus täglich in den nächsten 50 Jahren die Küstenregion zwischen Sirt und Bengasi versorgen und den öden Landstrich in einen blühenden Garten verwandeln.

Aber vielleicht zerrinnt auch dieser Traum vom »großen von Menschen geschaffenen Fluß«, so wie vorher schon Gaddafis Fata Morgana von der arabischen Einheit oder der Rolle als Führer Afrikas zerplatzte. Geologen vermuten nämlich, daß die unterirdischen Wasservorkommen der Sahara miteinander verbunden sind und Gaddafis künstlicher Fluß den Ägyptern das Wasser abzapfen wird.

Behalten sie recht, braucht er auf den nächsten Konflikt nicht lange zu warten.

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