Zur Ausgabe
Artikel 131 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SEUCHEN Das Schlachten der Lämmer

Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Frankreich schürt Existenzangst unter den Bauern der Union. Großbritannien will bis zu eine Million Tiere vorsorglich keulen, denn die Epidemie ist noch nicht im Griff. Sie ruiniert nun auch den Tourismus.
Von Rüdiger Falksohn, Romain Leick, Sylvia Schreiber und Michael Sontheimer
aus DER SPIEGEL 12/2001

Das Wunder, an das Frankreichs Landwirtschaftsminister Jean Glavany und Gesundheitsminister Bernard Kouchner so gern geglaubt hätten, fand nicht statt. Als Francis Leroyer, 57, am vorigen Montagmorgen den Kuhstall betrat, sah er mit dem prüfenden Blick des Besorgten, dass seine Herde verurteilt war.

»Ein Tier hinkte«, berichtet der Bauer aus La Baroche-Gondouin im westfranzösischen Departement Mayenne. »Und ein zweites kaute so merkwürdig. Es hatte Geschwüre im Mund. Wir haben sofort verstanden.«

Dann ging alles sehr schnell. In der folgenden Nacht töteten die Veterinäre Leroyers 114 Milchkühe, von Dienstag bis Donnerstag brannte der Scheiterhaufen. Unheilvoll hing die Rauchfahne über den Wiesen des kleinen Dorfs mit seinen 164 Einwohnern, des ersten Krankheitsherds der Maul- und Klauenseuche (MKS) auf dem europäischen Kontinent.

In einem Umkreis von drei Kilometern rund um Leroyers Hof »La Haie« weiden 47 Herden. Weitet man den Radius auf zehn Kilometer aus, sind es schon 550, die akut von Ansteckung bedroht sind. Eine Katastrophe kündigte sich an: Jeder vierte Einwohner arbeitet hier in der Viehzucht. Die nahe Bretagne hat den höchsten Besatz an Schweinen und Milchkühen in Europa.

Frankreich stand unter Schock, und ein Hauch von Panik erfasste die gesamte Europäische Union. Kein Tier, tot oder lebendig, kein Fleisch, keine Milch darf Mayenne mehr verlassen - eine verschärfte Blockade in der Blockade, welche die EU-Behörden für mindestens zwei Wochen über ganz Frankreich verhängten.

Schätzungsweise 250 Millionen Nutztiere werden jedes Jahr durch die Union gekarrt. Eine der ersten Brüsseler Reaktionen auf die am 19. Februar im britischen Essex entdeckte Seuche war deshalb die größtmögliche Einschränkung solcher Transporte. Bis zum 27. März sind zudem alle Viehmärkte und Auktionen untersagt, verkündete EU-Verbraucherschutzkommissar David Byrne. Landwirtschaftliche Betriebe, in deren Herden sich Antikörper finden, müssen ihre Tiere notschlachten. Aus MKS-Regionen dürfen seit voriger Woche weder Lebendvieh noch tierische Nahrungsmittel ausgeführt werden.

Allein die französische Agrarwirtschaft verliert dadurch über drei Milliarden Francs (knapp eine Milliarde Mark) pro Monat. Voriges Jahr exportierte sie lebende Tiere und Fleisch im Wert von 32 Milliarden Francs, Milch und Käse brachten zusätzlich 26 Milliarden ein. Sollte die Seuche ihren Zug durch die ganze EU antreten, was Nordrhein-Westfalens Verbraucherschutzministerin Bärbel Höhn nur noch für eine »Frage der Zeit« hält, droht der Zusammenbruch der gemeinsamen Agrarwirtschaft - nach den Tieren würden die Bauern sterben.

Ganz Europa bangt mit den Franzosen: Können die von Paris und Brüssel verfügten Maßnahmen die Krankheit eindämmen? Oder sind jene 37 000 Tiere, die bisher in Frankreich vernichtet worden sind, die Hälfte davon aus England importierte Schafe, nur ein sinnloses Ritualopfer gewesen?

Zwar ist die Maul- und Klauenseuche für Menschen ungefährlich, aber ihr Vordringen verstärkt den Verdacht, dass die Industrialisierung der Viehzucht Bauernhöfe in Brutstätten für Seuchen aller Art verwandelt hat. Die Briten sind nach dem BSE-Skandal einmal mehr die Schuldigen, doch die Konsequenzen spüren schon jetzt sämtliche EU-Mitglieder. Der Fortbestand ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik steht auf dem Spiel.

Bis zum Wochenende hatten rund 50 Staaten den Fleisch- und Tierhandel mit der Gemeinschaft teilweise oder ganz unterbunden. Die USA untersagten die Einfuhr fast jeglicher Fleischprodukte aus Europa; Australien zog nach. Tschechien sperrte 70 kleinere Grenzübergänge nach Deutschland und Polen. Marokko, Tunesien, Ungarn und die Slowakische Republik verboten sogar Getreideeinfuhren aus der EU. Wie eine matte Retourkutsche wirkte da vorigen Dienstag der Importstopp für argentinisches Rindfleisch. Die Regierung in Buenos Aires hatte nach wochenlangen Dementis bestätigt, dass die Seuche auch in der Pampa grassiert.

Dabei wissen Fachleute längst, dass es MKS in Asien und Südamerika gibt, in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Indien und in der Türkei, die als völlig kontaminiert gilt. Auch in Europa, sagt der deutsche EU-Abgeordnete und Landwirtschaftsexperte Reimer Böge, habe es allein zwischen 1977 und 1988 etwa 34 Ausbrüche der Seuche gegeben, die letzten Fälle traten 1996 auf. Diesmal jedoch herrsche »Ausnahmezustand, notfalls müssen die Schlagbäume für eine Zeit lang wieder fallen« - Europa, aus dem das Schengener Abkommen einen Kontinent ohne innere Schranken gemacht hat, müsste sich wieder mit engen nationalen Grenzen abfinden.

Vor Massen-Impfungen der bedrohten Tiere schreckt Brüssel noch zurück. Damit würde die gesamte Gemeinschaft den Status der MKS-Freiheit verlieren, und ihre Fleischexporte würden weiter einbrechen. Denn ob Antikörper im Blut von der Krankheit herrühren oder vom Serum, ist nicht zu diagnostizieren. »Notschlachtungen«, so Beate Gminder, Sprecherin des EU-Kommissars Byrne, »sind im Moment die bessere Strategie.« Trotzdem ist die Union gewappnet. 30 Millionen Impfeinheiten liegen bereit.

Welch ein schwieriges und langwieriges Unterfangen die MKS-Bekämpfung ist, zeigt sich in Großbritannien. Obwohl die ersten kranken Schweine bereits vor vier Wochen auf einem Schlachthof entdeckt wurden, steigt die Zahl der Fälle scheinbar unaufhaltsam. Bis zum Wochenende hatten Veterinäre und Epidemiologen die Seuche an 273 Stellen im Vereinigten Königreich registriert. Das hochinfektiöse Virus war in 33 von 53 Grafschaften angekommen. Obwohl erst 161 000 Tiere getötet worden sind, ist bereits klar, dass Ausmaß und Schäden weit schlimmer sein werden als beim letzten Ausbruch 1967.

Damals waren 2436 britische Bauernhöfe betroffen; über 430 000 Tiere wurden geschlachtet. Da inzwischen aber wesentlich größere Betriebe die Viehwirtschaft beherrschen - die Zahl der Tiere pro Hof ist heute im Schnitt sechsmal höher -, wird der makabre »Body Count« jetzt in jedem Fall schlimmer ausfallen. Bis zu einer Million gesunder Tiere könnten präventiv geschlachtet werden, kündigte Agrarminister Nick Brown vorigen Donnerstag an.

Nicht nur Vieh und Farmer sind betroffen. Der Umsatz britischer Landhotels ist bis auf ein Zehntel abgesackt, Reiseveranstalter sagen reihenweise ihre Buchungen ab. Das Ostergeschäft ist schon ruiniert, und für den Sommer verzichten vor allem zahlungskräftige Amerikaner auf geplante Reisen nach England. Der Kollaps des Tourismus fällt volkswirtschaftlich weit schwerer ins Gewicht als die Verluste der Bauern. Während britische Rindfleischexporte im vergangenen Jahr 1,5 Milliarden Mark einbrachten, verdiente die inländische Tourismusbranche rund 25-mal mehr. Allein auf dem Land sichert der Fremdenverkehr 400 000 Arbeitsplätze; pro Woche entstehen Verluste von mindestens 300 Millionen Mark.

Dennoch dominierte, verglichen mit den strengen Schutzmaßnahmen in Frankreich oder Deutschland, auf der Insel bis vorige Woche eine Mischung aus Laxheit, Fatalismus und Ignoranz: Seit Bauern in bislang MKS-freien Gegenden ihre Tiere wieder zum Schlachten bringen können, karren sie das Vieh zum Teil auch ohne amtliche Genehmigung durch die Lande. Und während in Irland alle Pferderennen abgesagt sind, können die britischen Pferdenarren nach einer traurigen Woche ohne Racing wieder ihrer Leidenschaft frönen.

All dies weckt alte Ressentiments. »Britannien ist jetzt der Aussätzige Europas«, schimpft der irische Minister für Naturressourcen Hugh Byrne über die Londoner Regierung. »Verpisst euch, ihr Hurensöhne«, rief ein aufgebrachter französischer Bauer britischen Journalisten zu, die mit voyeuristischer Lust die Folgen dessen besichtigten, was nach BSE aus Albion übers Meer gekommen war. »Dieser Fluch ist von eurer beschissenen Insel über uns gekommen, wieder einmal.«

Besonders in Frankreich wächst die Verzweiflung. Fast scheint es, als gehe wieder die mittelalterliche Furcht vor einer »Pest im Tierreich« um, die im 17. Jahrhundert der Fabeldichter Jean de La Fontaine wohl mit Blick auf die damals schon bekannte Maul- und Klauenseuche so geschildert hat:

»Ein Unheil, alles Schreckens Born / Das einst der Himmel schuf im Zorn / Als Rach und Strafe für der Erde Missetaten / ... / Bekriegte einst der Tiere Staaten. / Nicht alle starben, doch blieb keiner ganz verschont / Nicht einen sah man, dem es lohnt / Ein schleichend Leben noch zu fristen.«

Gleichzeitig wächst aber auch der Zorn - gegen die eigenen Behörden, gegen die Pariser Regierung, gegen Brüssel. Die Bauernschaft, seit 1950 von gut der Hälfte auf weniger als vier Prozent der Erwerbsbevölkerung geschrumpft, ahnt, dass abermals eine revolutionäre Umwälzung ihres Standes droht.

Der Rinderzüchter Philippe Vincent im Departement Alliers, der binnen zweier Jahrzehnte eine Herde von 57 Charolais-Kühen aufgebaut hat, will die Konsequenzen auf seine Weise ziehen. »Wenn sie kommen, um meine Tiere zu töten, werden sie mich zuerst erschießen müssen. Denn wenn unsere Rinder das Virus in sich tragen, habe ich es auch.« RÜDIGER FALKSOHN,

ROMAIN LEICK, SYLVIA SCHREIBER,

MICHAEL SONTHEIMER

Zur Ausgabe
Artikel 131 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel