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»Das schlaft ja nur...«

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 34/1979

Bis Weihnachten vergangenen Jahres hat sie noch gehofft, daß die Welt untergeht. Aber die ist nicht untergegangen, und so hat es sich halt ergeben, daß sie jetzt nicht mehr an den Weltuntergang denkt. Der Weltuntergang, auf den sie vergeblich gewartet hat, wäre nach ihrer Vorstellung freilich »nix Schlimmes« gewesen, sondern eine Befreiung. Die Hetze, in der die Menschen angstvoll ihr Leben erleiden, hätte endlich aufgehört.

Sie hat gemeint, sie sei dazu aufgerufen, den Weltuntergang, so wie sie ihn sich vorstellte, zu ermöglichen und auszulösen. Das Opfer, das ihr auferlegt war dazu, ist ihr bitter schwer geworden, aber sie hat es gebracht.

Heute denkt sie nicht mehr an den Weltuntergang, der nicht gekommen ist, doch bis es sich ergeben hat, daß sie nicht mehr an ihn denkt, hat sie eine Zeit durchgemacht, für die sie keine Worte findet. Um Weihnachten vergangenen Jahres herum, als die Welt so hartnäckig darauf bestand, noch immer nicht unterzugehen, ist es nach und nach über sie gekommen.

Zuerst war sie nur still, weil sie ratlos war. »Ich blick? da eigentlich nicht mehr durch«, hat sie gesagt. Doch schließlich hat sie dann nur noch weinen können: »Jetzt bleibt nur noch übrig, daß ich ihn bloß so umgebracht hab'.«

Ihr Opfer für die Erlösung der Menschen von der Angst und aus der Hetze ist ihr 15 Monate alter Sohn Martin gewesen. Am Abend des 15. November 1978 hat sie ihn getötet.

Vor einer Strafkammer des Landgerichts München II ist Margarete Merz, 24, nicht die Angeklagte, sondern die Beschuldigte. Denn es geht nicht darum, ob sie zu verurteilen oder freizusprechen ist. Die Staatsanwaltschaft, die davon ausgeht, daß Margarete Merz zur Tatzeit wegen einer schweren seelischen Störung schuldunfähig war, hat ihre Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus beantragt.

Die Verhandlung wird von der Vorsitzenden Richterin Hildegard Burger, 47, geleitet. »Bleiben'S mal sitzen«, sagt sie zu Margarete Merz. Und als die auf die Frage »Geht?s Ihnen gut, geht?s Ihnen schlecht?« nur verängstigt dasitzt, sagt sie zu ihr: »Aber das geht schon vorbei. Wir machen das jetzt mal ganz in Ruhe.« Staatsanwalt Volker Kern, 32, verliest seinen Antrag. Der ist kurz. Die Beschuldigte sei »für die Allgemeinheit gefährlich« und darum einzuweisen.

Margarete Merz, die aus einem Krankenhaus vorgeführt wird, in dem sie vorläufig untergebracht ist, will aussagen. Sacht führt die Richterin Burger sie durch ihren Lebenslauf, aber was ist in dem schon gelaufen. Der verlief nur in einem Kreis, der nicht weiter, sondern enger wurde mit den Jahren, um ein und dieselbe Not herum.

Margarete Merz ist unehelich geboren worden. Sie kennt ihren Vater nicht. Der Vater ihrer drei Jahre jüngeren Schwester ist ein anderer Mann, nicht ihr Vater. Als Margarete Merz sechs Jahre alt ist, stirbt die Mutter. Sie wächst dann bei einer Tante auf, die zwei Kinder hat. Sie fühlt sich nicht wohl bei der Tante. »Ich hab? das Gefühl gehabt, sie mag mich nicht.« Und von der Mutter sagt sie, voll Sehnsucht, obwohl sie von der Mutter nicht allzuviel gehabt haben wird: »Bei der Mutter hab? ich die Liebe gehabt.«

Sie spricht ganz leise. Man kann sie kaum verstehen. Sie spricht auch nicht zusammenhängend. Sie geht nur mit der Richterin Burger, von der sie sozusagen an die Hand genommen wird, durch das, was sich ihr Leben nennt. Und die beiden bleiben mal da und mal dort stehen, und sie sagt einen Satz dazu.

Sie hat eben nicht von einem Lebenslauf zu erzählen, von einem Weg voran und aufwärts, von Stationen auf dem Weg zu sich selbst. Sie hat nie Geborgenheit erlebt, ihr ganzer sogenannter Lebenslauf ist nichts als der Ausdruck dieser Entbehrung. Und daß der Kreis, in dem sie um diese Not herumgeht und lebt, immer enger wird, ist auch eine Folge dieser Entbehrung und des Hungers, den diese stiftet.

Sie ißt zuviel. Sie drückt den Hunger, den ihre Seele hat, ganz direkt aus. Sie ist zu dick, und sie leidet daran, zu dick zu sein. Sie wird in der Schule verspottet und von der Tante. Aber sie kann halt nicht anders, sie muß essen.

Doch ihr Hunger, den Essen nicht stillen kann, drückt sich auch noch auf eine andere Weise aus. Sie sucht einen Menschen, und das bringt sie, nachdem sie einen »qualifizierten Schulabschluß« gehabt hat, um ihre Berufsausbildung. Sie steht eine Schwesternvorschule nicht durch. Sie ist nicht zur Tante heimgegangen, sie hat sich mit Jungen herumgetrieben, und darum behält man sie nicht auf der Vorschule.

Sie macht nun eine hauswirtschaftliche Lehre, sie wird als ein »hochbegabtes Mädchen« eingeschätzt, sie hat ausgezeichnete Noten, doch es wird auch bemerkt, daß man keine Beziehung zu ihr finden kann. Man fragt sich sogar, was sie überhaupt wahrnimmt, so verschlossen, wie sie ist.

Ihre Not ist eine zu zentrale Not, als daß sie von ihrer Not sprechen, als daß sie Hilfe erbitten könnte. Sie will Geborgenheit und Liebe, und darüber kann sie nicht reden, die kann sie nur suchen, die versucht sie in einem Menschen zu finden. Sie heiratet einen Fliesenleger, aber der ist nur ein Mann, der will nur etwas von ihr, der gibt ihr nichts. Und der ist unzufrieden damit, daß sie zu dick ist.

Sie hat von der Tante von einem Appetitzügler gehört, den man ohne Rezept bekommt. Sie nimmt das Zeug, das die Richterin Burger ein »Teufelszeug« nennt. Der Kreis ihres Lebens um ihre Not herum wird nun ganz eng. Sie muß essen, und sie will zugleich Liebe und Geborgenheit von einem Mann, der von ihr erwartet, daß sie »attraktiv«, also schlank ist.

Sie fluchtet in eine Scheinschwangerschaft, die erst kurz vor dem angenommenen Termin der Entbindung festgestellt wird. Sie wiegt auf dem Höhepunkt dieses Fluchtversuchs bei einer Größe von 1,66 Meter 107 Kilo. Die Ehe scheitert, der Mann, der ihren Hilferuf nicht gehört hat, fühlt sich in jeder Hinsicht enttäuscht. Während die Scheidung läuft, geht sie eine Beziehung zu einem Kollegen ihres Mannes ein.

Der ist ein drahtiger Kerl mit schmalen Hüften und mit einem Bärtchen, der lebt, ohne zu fragen und ohne Gespür, der nimmt nur mit, was sich bietet, der fühlt nicht, daß er da an eine Not geraten ist. Sie hungert sich um 50 Kilo herunter. Dazu braucht sie natürlich wieder den Appetitzügler, von dem sie Überdosen nimmt, denn der hemmt ja nicht nur den Appetit, der hilft ihr auch aus der Apathie, der Kraftlosigkeit heraus, in der sie immer öfter versinkt. Sie muß arbeiten, sie ist als Serviererin beschäftigt.

Sie bekommt ein Kind von ihrem hübschen Kerl, vom Toni, aber das bedeutet für den nichts, das hält den nicht, im Gegenteil. Er hat bald eine andere. Margarete Merz versucht herauszufinden, wen er da hat und was da ist. Sie fühlt sich jetzt immer umstellter. Sie sieht Ungeziefer, hat Flecken auf der Haut, sie meint, sie werde abgehört, die Farbe Schwarz wird ein Alptraum für sie.

Sie hat den Mann, mit dem ihre Mutter zuletzt vor ihrem Tod befreundet war, als »schwarz« in Erinnerung, obwohl er kein Schwarzer war. Schwarz ist er für sie in der Erinnerung, weil er für sie mit einem Höhepunkt ihrer Not vor dem Tod der Mutter verbunden ist. Die Mutter hat mit ihm nach Amerika gehen und sie zurücklassen wollen, so erinnert sie sich. In ihrer Not ist sie jetzt ganz dicht am Kern ihrer Not, so wie sie diese Not in den ersten Lebensjahren erlitten hat.

Sie sucht die Schwester Laetitia auf, die sie als Ausbildungsleiterin während ihrer hauswirtschaftlichen Lehre kennengelernt hat. Schwester Laetitia ist Diplom-Psychologin, sie erkennt, in welch bedrohtem und bedrohlichem Zustand Margarete Merz ist. Sie beschafft für die junge Frau und ihr Kind einen Therapie-Platz in einem Heim, doch der Platz steht nicht sofort zur Verfügung. Schwester Laetitia telephoniert mit der Freundin von Margarete Merz und mit ihrer Tante, sie warnt, sie gibt Ratschläge, doch wie ernst die Situation ist, wird wohl nicht verstanden. Kurz darauf wird Margarete Merz nach München-Haar eingeliefert. Sie hat von einem Bauern verlangt, er solle das Schwarz von seinen Kühen abwaschen.

Vorher allerdings hat sie noch in einem Kaufhaus für 30 Mark Bonbons gekauft und verteilt. Während ihr Lebensumkreis immer enger wurde und jeden Spielraum verlor, während sie sich immer ärger umstellt, bedroht und verfolgt fühlt -- ist längst vom anderen Pol her etwas in ihr aufgebrochen: das Gefühl, helfen zu sollen, aufgerufen zu sein und verpflichtet den anderen gegenüber. Ihre Not ist so groß geworden, daß ihr nur die Not der anderen bleibt.

In München-Haar ist man wie überall in der Psychiatrie überlastet, aber man gibt sich große Mühe mit ihr. Man erfährt, daß sie Appetitzügler genommen hat, und da meint man, auf der Spur zu sein. Denn die verheerende Wirkung dieser frei verkauften Präparate kennt man ja, gegen die kämpft man ja schon so lange vergeblich. Die können von außen her Zustände hervorrufen wie den, in dem sich Margarete Merz befindet, und alles, was man erfährt, kann darauf hindeuten, daß es sich um einen exogenen, vom Appetitzügler bewirkten Zustand handelt.

Man versucht auch, sich mit Schwester Laetitia in Verbindung zu setzen, doch die ist unterwegs. Man erhält von einer anderen Schwester eine Auskunft, und der mißt man kein Gewicht bei. Wäre man, hätte man Schwester Laetitia erreicht, auch darauf gekommen, (laß sie Diplom-Psychologin ist (und daß also ihrer überaus ernsten Beurteilung erhebliche Bedeutung zukam)? Es wäre wohl auch dies kein Alarmsignal gewesen, denn von dem Appetitzügler hatte wiederum Schwester Laetitia in ihrem Gespräch mit Margarete Merz nichts erfahren.

Margarete Merz wird in München-Haar entlassen, nicht leichten Herzens, aber sie »bettelt« so, wie sie selbst sagt. Man hat keinen Grund, sie zu verwahren. Nichts scheint darauf hinzuweisen, (laß sie für andere gefährlich werden könnte. Und für die Annahme, daß ihr Zustand ein exogener, von außen durch den Appetitzügler herbeigeführter Zustand ist, sprechen klassische Symptome, die man aus der Literatur kennt.

Sie wird an einen Nervenarzt überwiesen, und sie geht am zweiten Tag nach ihrer Entlassung zu ihm, doch es ist Mittwoch, und nachmittags ist keine Sprechstunde. In ihr ist jetzt der Wahn, sie habe die Welt zu erlösen, in den Vordergrund getreten. Einen Augenblick überlegt sie, ein fremdes Kind zu opfern, doch dann sagt sie sich, daß das ja kein Opfer wäre und daß sie selbst opfern muß.

Abends ist noch einmal der Toni bei ihr, und (las wird sie wohl auf dem Weg vom Pol ihrer Not und Angst zum Pol der zur Erlösung der Welt durch ihren Untergang ausersehenen und aufgerufenen Frau bestärkt haben. Sie ringt mit sich, sie läuft durch die Wohnung, doch Lichter und Stimmen drängen sie. Es ist, als ob die ganze Welt schreit, »Tu?s!«.

Sie zündet Kerzen an, legt eine Platte auf, die ihr etwas bedeutet, sie tötet ihren Sohn Martin, ihr Liebstes auf der Welt, das einzige, was sie hat. Als sie das Kind nicht ersticken und durch Stiche töten kann, schneidet sie ihm das Herz heraus, das sie als Opfergabe auf ein silbernes Tablett inmitten der Kerzen legt.

Mit Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand wird weitgehend auf ihre Anwesenheit verzichtet in München, nachdem sie während der Aussage ihrer Freundin zusammengebrochen ist. Die sagt auch aus, die Margarete sei eine, die einen Menschen braucht, und sie meint damit halt einen Mann: »Wenn einer zu ihr steht: Die würd' alles machen für den Mann.« Der Toni sagt aus, und die Richterin Burger, die eine gestandene Frau ist, wird noch leiser, und wenn der Toni zu spüren fähig wäre, dann würde ihm eiskalt werden, so leise, wie die Richterin Burger mit ihm ist.

An dem Tag, an dem die Margarete mit dem Kind aus der Klinik kam, ist der Toni nach Schweden in Urlaub gefahren, aber der war ja schon lange vorher abgemacht. Er hat wohl mal einen Geldschein hergegeben, aber ans Zahlen ist er erst gekommen, als das Amt von ihm hereinholte, was es der Margarete an Hilfe gewährt hatte. Das Kind war nicht vorgesehen, nein, nie hat er die Frau heiraten wollen. Daß sie so sehr an ihm hing, hat er nicht gewußt. Er wiederholt das, er versteht die Frage gar nicht: »Wie sehr sie an mir hing, nein, das habe ich nicht gewußt.«

Die Tante wird gehört. Sie begreift nicht, daß sich das Kind nicht geliebt fühlte. Nein, sie hat dem Kind durchaus Liebe gezeigt. Allerdings nimmt man Kinder von einem gewissen Alter an ja nicht mehr in den Arm, drückt und herzt man sie nicht mehr, das versteht sich. Der Rechtsanwalt Walther Geissler fragt sie, welches Alter sie denn meine. Nun, das Alter, in dem die Kinder in die Schule kommen. Sechs Jahre alt war Margarete Merz, als ihre Tante sie aufnahm.

Als Sachverständige wird die Frau Dr. Gertrud Steinbauer, 55, gehört, sie ist auch die Ärztin, die Margarete Merz in dem Krankenhaus behandelt, in dem sie seit ihrer Tat lebt. Sie zeigt dem Gericht ein Photo, das bei der Aufnahme gemacht wurde. Das Photo zeigt ein schmales, ein fast leuchtendes Gesicht. Margarete Merz war damals, unmittelbar nach der Tat, fast 50 Pfund leichter als heute.

Von ihr ging Freudigkeit aus, »als wäre sie ein Verkündigungsengel«. Sie hatte ja ihr Kind geopfert, um die Welt zu erlösen. Von ihrem Kind hat sie damals noch sagen können: »Das schlaft ja nur.« Heute hat sie wieder Übergewicht, ein breites Gesicht.

Eine Angst-Glück-Psychose stellt Frau Steinbauer fest, die »in einer überklaren, etwas schrillen Nacht«, in der auch die Sachverständige keinen Schlaf fand, ihren Höhepunkt erreichte. Es kam halt alles zusammen damals. Sie schildert, wie in der Angst-Glück-Psychose der »Erlösergedanke« entsteht. Sie beschreibt, wie dieses Leben mit seinem unstillbaren Nachholbedarf an Geborgenheit und Liebe in die Krise eines krankhaften Zustands geriet. Das, was von außen kam, die Wirkung des Appetitzüglers, hat überdeckt, was sich von innen entwickelt hatte, ein endogener Zustand konnte für einen exogenen gehalten werden.

Es ist nicht auszuschließen, daß Margarete Merz., bevor sie endgültig geheilt ist, wieder krankhafte Zustände durchmachen wird, doch es zwingt nichts zu der Annahme, daß dabei Gefahr für andere entstehen wird. Staatsanwalt Kern beantragt die Unterbringung, doch wäre er auch damit einverstanden, daß diese ausgesetzt wird, wenn Margarete Merz zunächst freiwillig bei Frau Steinbauer bleibt. Rechtsanwalt Geissler beantragt Aufhebung der Unterbringung, doch auch er würde akzeptieren, daß eine Unterbringung ausgesetzt wird. Vom Toni sagt er in dem Ton, in dem ein Mann das sagen kann: »Der war halt ein Mann, aber nicht mehr ...«

Das Gericht hebt die vorläufige Unterbringung auf. Alle negativen Umstände seien zusammengetroffen. Es sei nicht anzunehmen, daß sich diese Situation wiederholt. Das Gericht vertraut darauf, daß Margarete Merz bei Frau Steinbauer bleibt. Das Gericht hofft, daß sie genesen wird von ihrer Not. »Das wünschen wir Ihnen von Herzen«, sagt die Richterin Burger.

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