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KRIMINALITÄT Das schnelle Geld

Zwei Deutsche wurden in Österreich mit falschen US-Noten im Wert von fast 500 Millionen Dollar geschnappt. Jetzt muss ein Gericht klären, ob sie Betrüger sind oder Betrogene.
aus DER SPIEGEL 53/2009

Er träumte vom Leben eines Millionärs, von einer Villa im Wald, von einem Aston Martin V12 Vantage, am liebsten in Quantum Silver. Er, ein ehemals durchschnittlich erfolgreicher Provinzanwalt, wollte nicht länger nur zuschauen, wenn andere sich an den ganz großen Deals gesundstießen.

Die Villa, der Aston Martin, alles perdu. Ralf Hölzen, 46, groß, schlank, ergraut, ein Stück Schwarzwälder Kirsch auf dem Kuchenteller, sitzt in einem Rentnercafé im niederrheinischen Goch und löffelt Sprühsahne aus seinem Kaffee. Er wohnt jetzt wieder bei seinen Eltern, zwei Straßen weiter.

Ende Januar wird sich Hölzen vor dem Vorarlberger Landesgericht Feldkirch verantworten müssen. Er und sein Kumpan Dietmar B., 52, sind von der österreichischen Justiz angeklagt wegen versuchten schweren Betruges und Besitzes von falschen Geldscheinen.

Vor fast einem Jahr waren Hölzen und B. in einer Bank im Kleinwalsertal festgenommen worden. Das Duo soll dort versucht haben, 202 Millionen Dollar Falschgeld einzutauschen. Weitere falsche 291 Millionen Dollar fand die Polizei im schwarzen Samsonite-Koffer der beiden.

Nominell war das einer der größten Fahndungserfolge, den europäische Polizeiorgane im Kampf gegen falsche US-Noten je erzielen konnten. Von einem strategischen Ermittlungscoup mochte freilich nicht mal die österreichische Kripo sprechen. Dazu mangelte es den Angeklagten an Plan und Professionalität.

Vielmehr dürfte der Prozess in Feldkirch ein Lehrstück darüber werden, wie in Zeiten der Gier auch kleine Leute das schnelle Geld suchten; wie sie glaubten, mit Schrottpapieren und ein bisschen Schlitzohrigkeit zu Reichtum kommen zu können; und wie sie dabei ihre Existenz ruinierten.

»Die Sache«, so nennt Ralf Hölzen im Rückblick seine Hoffnung auf den maximalen Reibach, beginnt mit einem unangekündigten Besuch im September 2008. Es läuft gerade nicht gut für ihn. Seine Ehe ist in die Brüche gegangen, die Zulassung als Rechtsanwalt ist ihm entzogen worden, wegen »ungeordneter Vermögensverhältnisse«, wie es heißt. Hölzen hat Schulden beim Finanzamt, Zehntausende Euro, und schlägt sich als Berater durch.

Eines Nachmittags treten zwei Männer in sein Büro. Hendrik van den B. ist ein älterer Herr, groß und hager, er trägt einen teuer aussehenden dunklen Anzug und stellt sich als niederländischer Geschäftsmann vor. Der hat Geld, sagt sich Hölzen.

Der andere, klein und kahlköpfig, ist Dietmar B. aus Essen. Seine Erscheinung macht deutlich weniger her. Dass er ein langzeitarbeitsloser, sechsfach vorbestrafter Maschinenschlosser ist, der wegen versuchten Betruges und schweren Bandendiebstahls schon im Gefängnis gesessen hat, sagt er laut Hölzen nicht.

Sie kämen auf Empfehlung eines ehemaligen Mandanten, schmeicheln die Besucher. Hölzen möge ihnen doch bitte einen Kaufvertrag aufsetzen, es gehe um historische Wertpapiere, unter anderem amerikanische Silberzertifikate. Diese fast wie gewöhnliche Dollarscheine aussehenden Noten seien nie als herkömmliches Zahlungsmittel eingesetzt worden, sehr wohl aber früher zwischen Banken gehandelt worden - und noch immer sehr, sehr wertvoll.

Hölzen kennt sich mit Mietsachen aus, Steuerrecht und Straßenverkehrsdelikten; von Devisengeschäften hat er keine Ahnung. Auch wenn ihm seine neuen Mandanten merkwürdig erscheinen sollten, so unterdrückt er doch jegliche Skepsis. Hölzen hat früher auch Anlagebetrüger vertreten, die mit der Gier der Menschen kalkulierten. Jetzt will er dabei sein, wenn mit wenig Arbeit viel Geld verdient wird. Er hofft, seine Pechsträhne könnte schon bald ein Ende finden.

Deshalb will Hölzen mehr tun, als seiner neuen Kundschaft nur juristische Schriftstücke aufzusetzen. Hendrik van den B. scheint das gelegen zu kommen, er überlässt dem Ex-Anwalt eine Note, damit dieser sie überprüfen kann. Hölzen scannt den Schein ein und verschickt ihn per Mail an verschiedene Bekannte.

Von einer Angestellten der Privatbank Julius Bär erhält er prompt die Antwort, die Papiere seien wertlos. Doch er glaubt der Auskunft nicht, will ihr nicht glauben. Das Geschäft seines Lebens darf nicht vorbei sein, ehe es überhaupt begonnen hat. »Das ist doch meine Chance«, sagt er sich.

So jedenfalls erzählt Hölzen die Geschichte. »Ich war naiv« - das ist das Eingeständnis, zu dem er bereit ist. Die kriminelle Energie jedoch, die ihm in der Anklage zur Last gelegt wird, so beteuert er, sei nicht von ihm ausgegangen.

Das österreichische Nationale Analyse Center (NAC) hat die 493 bei Hölzen und B. gefundenen Scheine untersucht. Es handelt sich bei 295 ursprünglich um Ein-Dollar-Noten. Fälscher haben den Nennwert der Noten auf eine Million Dollar erhöht, indem sie sechs Nullen hinzufügten. Das sei »sehr aufwendig und professionell« gemacht worden, urteilen die Spezialisten. Die übrigen 198 Eine-Million-Dollar-Papiere aus Hölzens Besitz sind laut NAC komplette Fälschungen.

Dem Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden ist das Phänomen der Eine-Million-Dollar-Scheine wohlbekannt. In Deutschland tauchen sie seit 2003 immer häufiger auf. Sie werden vorwiegend mit imitierten Echtheitsbescheinigungen bei Geschäftsbanken zum Umtausch vorgelegt. Im vergangenen Juni fand die italienische Finanzpolizei im Reisegepäck von zwei Japanern gar angebliche US-Anleihen im phantastischen Wert von 134 Milliarden Dollar. Es waren Blüten, und sie waren handwerklich nicht mal gut gemacht.

Ex-Anwalt Hölzen will in seinem Fall von der Echtheit der Scheine bis zur Festnahme überzeugt gewesen sein - und sich nur deshalb immer stärker engagiert haben. Zusammen mit seinem Mandanten Hendrik van den B. fährt er Anfang Januar 2009 nach Rohrschach in die Schweiz. Dort treffen sie einen spanischen Geschäftsmann, von dem sie hoffen, dass er die »Zertifikate« zu richtigem Geld machen kann. In einem Café übergibt van den B. dem Spanier Cristian C. einen Umschlag mit insgesamt 490 Noten à eine Million Dollar. Hölzen sitzt daneben, tut wachsam und lässt sich die Transaktion auf einem Quittungsblock bestätigen.

Den Ermittlern zufolge will C. die Papiere von einer Bank prüfen und beleihen lassen. Hölzen gibt später zu Protokoll, Cristian C. habe mit dem Kredit im großen Stil spekulieren und einen satten Gewinn für alle herausholen sollen.

Doch der Spanier vermag sein angebliches Versprechen nicht zu halten, weder kann er die Noten beleihen, noch kann er sie eintauschen. Er ruft nicht mehr an und geht immer seltener ans Telefon. Van den B. und Hölzen werden nervös, sie fürchten, C. werde sich aus dem Staub machen.

Am 21. Januar fährt Ralf Hölzen zum zweiten Mal in die Schweiz, Dietmar B. begleitet ihn. Um 12.45 Uhr sind sie mit Cristian C. in Rohrschach verabredet, doch der lässt seine Kompagnons warten.

Hölzen und B. sitzt die Zeit im Nacken, sie haben bereits vor Tagen einen Termin in der Volksbank Riezlern im Kleinwalsertal vereinbart. Riezlern ist ein beliebter Touristenort für Skifahrer und Wanderer. Da das Tal nur von Deutschland aus zu erreichen ist, hat sich in der Exklave auch eine vitale Bankenszene entwickelt. Viele Deutsche tragen ihre Ersparnisse auf die österreichischen Konten.

Hölzen kennt die Volksbank Riezlern aus seiner Zeit als Anwalt. Dort sollen die Zertifikate zu Geld gemacht werden, denn mit dem deutschen Fiskus, das hat er sich geschworen, teilt er dieses Geschäft nicht.

Als Cristian C. nach über einer Stunde endlich auftaucht, übergibt er den beiden Deutschen einen braunen DIN-A4-Umschlag mit den Scheinen. Hölzen unterschreibt eine Quittung, keiner zählt nach. »Das Zeug ist wertlos«, will C. gesagt haben, doch Hölzen und B. hätten ihm nicht glauben wollen.

Im Kleinwalsertal werden sie von der Bankangestellten Jutta B. empfangen. Die Männer sind ungeduldig, sie wollen die vermeintlich historischen Papiere loswerden, die Bank soll in den USA deren aktuellen Marktwert ermitteln und ihn den Konten gutschreiben, die sie in Riezlern eröffnen wollen. Das ist der Plan.

Fünf Noten à eine Million Dollar legen die Besucher zur Ansicht auf den Schreibtisch. »Ich hatte dabei das Gefühl, dass die beiden glaubten, diese Wertpapiere und das Geld seien absolut echt«, wird Jutta B. später der Polizei sagen. Da ihr die vorgelegten Papiere nicht bekannt sind, reagiert sie zurückhaltend. Ralf Hölzen und Dietmar B. packen daraufhin noch mehr Scheine aus: zwei Bündel, eines mit 99, eines mit 100 Noten, insgesamt also 199 Millionen Dollar, der Rest bleibt im Koffer. Jutta B. bittet um Entschuldigung und verlässt ihr Büro. Sie telefoniert mit der Zentrale, ein Kollege in Wien sagt ihr, Eine-Million-Dollar-Scheine gebe es seines Wissens nicht. Dann ruft jemand aus der Bank die Polizei.

Ob die beiden Deutschen an den Wert der Noten glaubten oder ob sie bewusst Fälschungen in Umlauf bringen wollten, wird die Kernfrage des Prozesses sein. Die Ermittler werfen Hölzen und B. vor, sie hätten sich spätestens in Riezlern »damit abgefunden, dass die Papiere falsch sein könnten«. Ihr Kalkül sei gewesen: Die Volksbank werde den Schwindel schon nicht erkennen und »trotz der Wertlosigkeit der Papiere eine Gutschrift tätigen«.

Ralf Hölzen und der in Untersuchungshaft sitzende B. bestreiten das. Sie versichern, dass sie nicht so dumm seien, wissentlich mit einer halben Milliarde Dollar Falschgeld in eine Bank zu gehen. Der frühere Rechtsanwalt will deshalb vor Gericht die seiner Meinung nach eklatanten Ermittlungsfehler und die juristischen Widersprüche der Anklage deutlich machen.

Von Hendrik van den B., dem Mann, der die Blüten auf noch ungeklärten Wegen einst beschaffte, darf Hölzen keine Entlastung erwarten. Er wird in dem Verfahren als Zeuge auftreten. Dem 74-Jährigen haben die Beamten bislang keine Straftat nachweisen können. Er behauptet, von Hölzens und B.s Ausflug ins Kleinwalsertal rein gar nichts gewusst zu haben. JÖRG DIEHL

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