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Irak IV: Die Ölindustrie des Irak Ein Jahr nach dem Irak-Krieg ziehen SPIEGEL-Reporter eine Bilanz der Invasion: Im ersten Teil (SPIEGEL 10/2004) wurde die komplizierte Aufbauarbeit der 101. Airborne Division im Nordirak beschrieben, im zweiten Teil (SPIEGEL 13/2004) die Demokratiebemühungen des irakischen Regierungsrates, im dritten Teil (SPIEGEL 15/2004) der bewaffnete Alltag von Bagdad. Das schwarze Versprechen

Das Öl sollte die Quelle sein für Wohlstand und Demokratie im neuen Irak, aber Chaos und Terror verhindern den wirtschaftlichen Neuanfang. Inzwischen schürt der Streit ums Öl den Kampf um die Macht. Von Klaus Brinkbäumer
aus DER SPIEGEL 18/2004

Es ist ein Schauspiel, wenn ein paar Millionen Dollar verbrennen. »Feuer« ist kein Wort für diese Art Flammen, 50 Meter hoch, grellgelb, 1600 Grad heiß sind sie, denn sie werden gefüttert mit dem perfekten Brennstoff. Das brodelt, das faucht, und die schwarze Wolke ist 20 Kilometer weit zu sehen.

Zwei Feuerwehrleute nähern sich den Flammen und richten den Wasserstrahl neu aus, ein wenig nach links, das ist der einzige Sieg, den sie erringen können: drei Minuten ganz nah beim Feuer, das ist Heldentum, doch Helden erreichen nicht viel im neuen Irak. Manchmal haben Helden nur den besten Blick auf die Katastrophe. Die Feuerwehrleute kehren um, mehr können sie nicht tun, schwarz und verschwitzt sind sie jetzt.

»Na ja, morgen vielleicht«, sagt einer. »Es brennt hier schon seit drei Tagen, irgendein Ventil muss gebrochen sein«, sagt Anthony Husher, der kanadische Sicherheitschef.

Dann fahren sie alle weiter und lassen die nächsten Millionen verbrennen.

Und einige Kilometer weiter, einige Hügel hinauf und hinab, geschützt von drei Kontrollpunkten und Scharfschützen auf den Dächern, sitzt Manaa al-Ubeidi, 61 Jahre alt, auf schwarzem Leder und zieht dreimal schnell an seiner Zigarette. »Das Öl«, sagt Ubeidi, »ist Paradies und Verderben der Menschen des Irak.«

Manaa al-Ubeidi legt die Zigarette weg und lässt sie im Aschenbecher verglühen, er dreht sich zur Seite, blickt aus dem Fenster, draußen stehen Palmen. »Das Öl war unsere Hoffnung, vor vielen Jahrzehnten. Aber was ist daraus geworden?«, sagt er. Ubeidi trägt ein beigefarbenes Hemd, ein blaues Sakko, er hat einen buschigen Schnauzer und buschige Brauen, er hat große Tränensäcke und tiefe, senkrechte Falten, er ist seit 1969 im Ölgeschäft. Er ist Kurde, aus einer Familie von Bauern. Und heute heißt sein Heimatdorf wie er, »Manaa«, sie sind stolz auf ihn dort, weil er der Chef ist von 9500 Leuten, stellvertretender Generaldirektor der North Oil Company in Kirkuk mit großem Büro.

Es ist alles recht neu in diesem Büro. Der weiße Bungalow der Geschäftsführung, eingekreist von den Männern vom Sicherheitsdienst, hat zwei Etagen, und in jedem Zimmer stehen neue Möbel, weil die alten eine Woche nach Kriegsende geklaut oder zertrümmert waren und die Akten verbrannt. Nun also Computer, dunkelbraunes Holz und schwarzes Leder, es ist eine Art Moderne.

Draußen auf den Ölfeldern ist alles recht alt. Es sieht ungefähr so aus wie auf einem mittelmäßig gepflegten Golfplatz, statt der Löcher gibt es Quellen, statt der Laufwege Rohre. Und Granaten und Bomben liegen hier herum, klar, nach drei Kriegen. Der Kanadier Anthony Husher, 54, fährt auf den Ölfeldern von Kirkuk Patrouille, Husher war einst bei der britischen Armee, dann bei der rhodesischen Armee, danach in Sri Lanka, Mosambik, Angola, Kuweit, Kambodscha, Vietnam. Er ist ein Söldner im Sicherheitsgeschäft, deshalb arbeitet Anthony Husher nun für die Firma »Erinys« in Kirkuk. Er ist schmal, blond und schwer zu verstehen; er verschluckt halbe Sätze, vielleicht war es Kehlkopfkrebs, seine Erklärung verschluckt er vollständig.

Also steckt er sich eine Zigarette an und zeigt schweigend das Gelände.

Er zeigt Schafherden auf Öl.

Er zeigt Arbeiter, die die Quelle Nummer 57 bearbeiten, sie haben einen Bohrturm, den sie von Quelle zu Quelle fahren können, rumänisches Modell, vier Jahrzehnte alt. Die Arbeiter spülen Wasser in die alten Quellen, Wasser ist schwerer als Öl, darum steigt das Öl nach oben, wo man es abschöpfen kann; es ist eine riskante Methode, weil es zu Erosionen kommt, aber es ist billig.

Und Husher zeigt Baba Gurgur, kurdisches Naturdenkmal und Heiligtum, ein kleines Feuer, das seit Jahrtausenden brennt. Es riecht nach Schwefel in dieser Mulde, und wenn Anthony Husher mit den Kampfstiefeln Erde wegschabt, kommen neue Flammen aus dem Boden.

Er zeigt vier weiße Geländewagen, das sind die Amerikaner, CIA und »Kellogg Brown & Root« (KBR), sie sind verschwiegen, sie sind gar nicht hier, offiziell.

Und er zeigt andere Sicherheitsleute, man grüßt sich, man kennt sich, hier arbeiten mehr Sicherheitsleute als Techniker, weil es ja immer um Sicherheit geht im Irak, gerade auf Ölfeldern. Es ist hier nicht so wie in Falludscha, nicht so wüst, es ist nur eine andere Gefahr, ein anderer Tod. Und dass es so zäh vorangeht im Irak, dass die tägliche Ölproduktion mit 2,2 Millionen Barrel immer noch um 600 000 Barrel pro Tag unter Vorkriegsniveau liegt und um 2,8 Millionen Barrel unter den Plänen der amerikanischen Regierung für 2004 - es hat mit Morden und Entführungen zu tun. Die Amerikaner von KBR vermissen 20 Leute, Konzerne wie Exxon wollen nicht in den Irak, solange es hier ist, wie es ist. Vor ein paar Tagen begannen die Aufstände in der Ölstadt Basra, und hier in Kirkuk werden pro Woche zwölf Menschen ermordet. »Wer mit Öl zu tun hat, hat Geld«, sagt Husher am Ende der Tour, auf dem Weg zur Geschäftsführung, zu Manaa al-Ubeidi.

Der kurdische Manager, der in Ipswich in England studiert hat und 1969 einstieg bei »Iraq Petroleum«, ist einer dieser Männer, die die Geschichte des Irak und des irakischen Öls erzählen können: vom britischen Mandatsgebiet 1920, der Entdeckung der Felder in Kirkuk 1927, der Unabhängigkeit 1932 bis zu Umstürzen, ermordeten Königen und der Machtübernahme durch die Baath-Partei 1963. Und wer dann mit dem irakischen Öl reist, von der Quelle über die Raffinerie und das Ministerium bis hin zu den Straßen und Tankstellen von Bagdad, kann viel über die Gegenwart des Irak erfahren.

Ein wesentlicher Teil des Problems des neuen Irak ist, dass dieser Staat nur wegen des Öls existiert.

Die Schiiten unten im Süden und die Kurden im Norden haben keine gemeinsame Vergangenheit und keine gemeinsamen Interessen. Bis vor knapp 90 Jahren gehörte die Region zum Osmanischen Reich, aber im Ersten Weltkrieg besetzten die Briten Basra und Bagdad und wussten, dass auch weiter im Norden eine Menge Öl liegt. Es gibt diesen Staat nur, weil die Ölfelder im Süden und im Norden, in Basra und Kirkuk, zusammen einen noch viel größeren Schatz bilden als jedes für sich.

Ein Barrel sind 159 Liter. Der Irak, das ist nachgewiesen, hat Reserven von 112 Milliarden Barrel, also 18 000 Milliarden Liter Öl, und vermutlich, darauf hoffen jedenfalls Männer wie der Manager Ubeidi, hat dieses Land noch viele Milliarden Barrel mehr, die erst gefunden werden können, wenn die systematische Suche beginnt. Der Irak hat nach Saudi-Arabien den zweitgrößten Schatz des Planeten, vielleicht ist es auch der größte.

Es sind mindestens 1821 Quellen, und noch viel wichtiger ist, dass es billiges Öl ist, es liegt nur ein paar Meter tief; man muss bloß piksen, dann sprudelt es.

800 amerikanische Quellen liefern so viel Öl wie eine irakische; in Texas kostet die Förderung eines Barrels ungefähr 10 Dollar, in der Nordsee bis zu 15 Dollar, der Irak produziert das Barrel für einen Dollar. Mit einem Verkaufspreis zwischen 26 und 31 Dollar rechnen Fachleute wie Dathar Jihja al-Chuschab für die nächsten 20 Jahre, und dann, im Jahr 2025, wird die weltweite Nachfrage das Angebot übertreffen, man kann gut verdienen.

Die Frage ist: Wer wird man sein? Wer wird verdienen?

Dathar Jihja al-Chuschab, 62, hat in Sheffield studiert, er war Soldat, Ingenieur, Manager, und jetzt ist er Generaldirektor der Raffinerie von Daura. Chuschab zählt zu jenen Leuten im irakischen Ölgeschäft, die hoffen lassen. Sein Pressesprecher hat vorhin beim Tee erzählt, dass letztes Jahr im April, als die Plünderer vor der Raffinerie erschienen, der Chef persönlich mit dem Maschinengewehr an seinem Werkstor stand; und einer der Ingenieure hat erzählt, dass der Chef auf dem Firmengelände Häuser für seine 3000 Leute bauen lassen wolle.

Bald. Wenn genug Geld da ist.

Und nun sitzt Dathar Jihja al-Chuschab in seinem Büro, er hat weißes Haar und eine heisere Stimme, er trägt Brille und einen blauen Overall, und er berichtet von den Verbesserungen: 2002 haben sie ein Radarsystem eingebaut, mit dem sie den Ölstand in den Tanks messen können; und zwei Generatoren aus Deutschland haben sie bekommen, »sehen Sie selbst«, sagt Chuschab.

Die Fahrt durch die Raffinerie lässt alle Hoffnung schwinden.

Es zischt und dampft und blubbert und stinkt, und es rostet. Die Raffinerie al-Daura wurde 1955 gebaut, und so sieht sie aus: rostige Rohre, Öllachen, ausgefallene Maschinen. Al-Daura ist ungefähr fünf Hektar groß, es gibt hier eine Menge Tanks und Lastwagen, es gibt Rohre in alle Richtungen, in allen Winkeln, und überall schrauben die Männer der Raffinerie herum und streichen den Rost blau an und dichten die Lecks. Will man den Chef zum Lachen bringen, dann kann man ihn fragen, ob Greenpeace schon hier war - »Schrott« ist kein Wort für diese Anlage. »Na ja«, sagt Chuschab, »es ist eben nicht mehr so wie in den Siebzigern.«

Damals, in den Jahren nach 1970, hatte der Irak seine goldenen Jahre, es waren die einzig guten Jahre seiner Geschichte. Die Baath-Partei war ja nicht von Anfang an gierig und grausam; damals ließ sie die Ölproduktion von rund 1,8 Millionen auf 3,5 Millionen Barrel pro Tag steigern, und das brachte pro Jahr 26 Milliarden Dollar in die Kassen, und das Geld nützte dem ganzen Land. Fabriken wurden gebaut, Schulen und Krankenhäuser, »wir waren wohlhabend, friedlich, glücklich«, das sagt Manaa al-Ubeidi, der Manager der North Oil Company in Kirkuk.

Und dann kam Saddam, und 1979 waren die goldenen Jahre vorbei. Denn Saddam Hussein führte Krieg.

Zuerst ließ er gegen Iran kämpfen. »Darum kamen die iranischen Flugzeuge nach Kirkuk«, sagt Ubeidi, »und da habe ich gelernt, dass man das üben kann: weniger Angst zu haben. Die erste Bombe lähmt dich für Tage, aber die fünfte Bombe hält dich nur noch für ein paar Minuten von der Arbeit ab.«

Rund zehn Milliarden Dollar verschwanden damals allein in der Atomwaffenforschung. »Wenn wir beim Ministerium Reparaturen beantragten, wurde uns gesagt, es müsse auch so gehen, und so verrotteten die Anlagen. Inspektionen fielen aus, neue Turbinen wurden niemals bestellt«, sagt Ubeidi. Vor dem Iran-Krieg hatte der Irak 35 Milliarden Dollar Währungsreserven. Als der Iran-Krieg vorbei war, waren die Anlagen zerstört, und der Irak hatte Schulden: 40 Milliarden Dollar in den arabischen Staaten, 35 Milliarden Dollar im Westen, 11 Milliarden Dollar in Osteuropa. Über die Jahre kamen die Zinsen dazu. Ubeidi: »Mein Taschenrechner kann die Zahlen nicht erfassen: zehn Paläste für Saddam oder 50 Kampfflugzeuge für den Krieg, das hätte unser Staatsbudget für Jahre sein können.«

Aber die Leute auf den Ölfeldern hörten aus Bagdad immer nur eines: Wir brauchen mehr Öl. »Jeder hier hat zwölf Stunden am Tag gearbeitet, ohne freie Tage, ohne Ferien, und Feuer wurden gelöscht, während die Tiefflieger noch zu hören waren«, sagt der Manager Ubeidi.

Dann kam der Golfkrieg, es ging auch um Öl: Saddam Hussein glaubte, dass die Kuweiter die Ölquellen im Süden seitlich angebohrt hatten. Es kam das Embargo. Es kam die Lockerung durch das »Öl für Lebensmittel«-Programm der Vereinten Nationen, das dem Irak erlaubte, für vier Milliarden Dollar im Jahr Öl im Tausch gegen Nahrungsmittel zu exportieren. In diesen Zeiten zeigte sich, wie ehrlich Menschen sind, die im Ölgeschäft wirken: Der Irak lieferte Öl und bekam dafür zum Beispiel Weizen; und Saddam Hussein wünschte und bekam Provisionen. Er verlangte 10 bis 15 Prozent der Auftragssummen, zu zahlen auf Konten in Jordanien und in den Emiraten, im Libanon und in Syrien, und er bekam sein Geld, insgesamt bekam er 4,4 Milliarden Dollar. Und 270 Leute in 46 Ländern sollen Schmiergelder kassiert haben, einige bei den Vereinten Nationen in New York.

Und dann kam der Krieg von 2003. Dieser Krieg hatte mit Massenvernichtungswaffen zu tun, die es nicht gibt, und mit einem mörderischen Regime, das es gab, und er hatte »nichts zu tun mit Öl, buchstäblich gar nichts«, sagte der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

Der Texaner George W. Bush ist mit Öl reich geworden, seine erste Firma war eine Ölfirma.

Dick Cheney sagte im August 2002, dass Saddam Hussein »die Kontrolle über große Teile der Energiereserven der Welt« anstreben würde.

Bevor Dick Cheney Vizepräsident wurde, war er Vorstandschef des Ölkonzerns Halliburton.

Als Dick Cheney Vizepräsident war, berief er eine Task Force, die »die Energiekrise unserer Nation« erforschen sollte; ein Reporter des »New Yorker« bekam das Papier in die Hand, und darin stand, dass »die Sicherung der Energien eine Priorität unserer Wirtschafts- und Außenpolitik sein sollte«. Es wäre vermutlich plump, zu behaupten, dass Öl der wahre Kriegsgrund gewesen sei, aber es wäre naiv, anzunehmen, dass diese Regierung nicht immer auch an Öl denkt.

Denn bevor die Regierung Bush/Cheney in den Krieg zog, vergab sie einen Auftrag an Kellogg Brown & Root, eine Tochter des Ölkonzerns Halliburton, und in diesem Auftrag ging es um die Unterstützung der amerikanischen Soldaten im Krieg und um den Aufbau der irakischen Ölfelder nach dem Krieg. Runde 2,4 Milliarden Dollar ist der Auftrag wert, Steuergelder; ein Prozent Gewinn ist garantiert, Prämien sind möglich. KBR ist ein Unternehmen, das der Regierung schon mal eine Rechnung für Öllieferungen geschrieben haben soll, die um 61 Millionen Dollar zu hoch ist, und das regt dann ein paar Journalisten auf, aber nicht die Regierung.

Rund 4000 Leute von KBR sollen heute im Irak sein, genau weiß das keiner. Oder jedenfalls sagt das keiner der Amerikaner, so etwas sagen nur die Iraker im Ölministerium. »Wir sind extrem enttäuscht von der Leistung von KBR. Diese Leute sind langsam, bürokratisch und gottverdammt ineffektiv. Sie kassieren, sie planen, aber ich sehe nicht, dass sich auf dem Boden dieses Landes irgendetwas tut.« Das sagt Muhammad Abush, 60, Generaldirektor im Ölministerium, zuständig für die Koordination zwischen Ölfirmen und Konstrukteuren.

Das Ölministerium liegt im Osten Bagdads, es ist ein bräunliches Achteck mit diversen Anbauten an den acht Ecken, ein Irrgarten mit 14 Etagen und 6000 Angestellten, mit langen Gängen, braunen Teppichen, grünen Wänden und defekten Fahrstühlen. Gebäude wie dieses schlucken am Morgen 6000 frische Menschen und ihre Arbeitskraft, und wenn sie am Abend 6000 kraftlose Menschen wieder ausspucken, ist nichts im Irak anders, als es am Morgen war.

Im Moment heißt der Ölminister Ibrahim Bahr al-Ulum, er ist der Sohn jenes liberalen Geistlichen, Mohammed Bahr al-Ulum, der im Regierungsrat sitzt. Der Minister allerdings ist heute verreist, »für einige Wochen«, sagen seine Leute, und deshalb darf heute Muhammad Abush das Interview geben. Und Abush sagt, dass »der Irak ein wunderbares Land ist mit zwei Flüssen, Bodenschätzen, Landwirtschaft, mit gut ausgebildeten 25 Millionen Einwohnern und sehr viel Öl«.

Muhammad Abush hat in Swansea in Wales studiert, damals, vor Saddam, als der Irak seine besten Leute noch ins Ausland ziehen ließ zur Fortbildung. Abush ist seit 35 Jahren dabei. Er sitzt im 12. Stock, mit Blick auf sein Bagdad, er hat einen Schnauzer und eine hohe Stirn und das typische irakische Büro: einen großen Schreibtisch mit vier Telefonen, die gerade alle tot sind, davor einen kleinen, quadratischen Tisch und zwei Stühle für Gäste. Natürlich, sagt Muhammad Abush, könne das Öl den Irak tragen und retten. »Drei Millionen Barrel pro Tag sollten nicht akzeptabel sein, fünf bis sechs Millionen sind akzeptabel«, sagt er. Das Problem? Ach, das Problem ist, dass die Ausrüstung »ein bisschen alt« sei, sagt Abush, seit 25 Jahren wurde keine Raffinerie mehr gebaut, das ganze Geld ging ja in die Armee und auf Saddams Konten.

Gibt es nicht noch ein Problem? Ach, na ja, die Sicherheit und die politische Lage, »aber sobald wir Frieden haben und eine eigene Regierung, wird dieses Land wieder blühen«, sagt Abush.

Denn irgendwann soll es natürlich wieder so werden, dass das Öl des Südens bei Basra auf Tanker geladen und über den Persischen Golf in die Welt verschifft wird; und das Öl des Nordens soll via Pipeline 960 Kilometer weit in die Türkei fließen. Die Task Force RIO ("Restore Iraqi Oil"), zusammengewürfelt aus Soldaten, Zivilisten von Kellogg Brown & Root und irakischen Ingenieuren, wird das schon hinkriegen, irgendwie.

Demnächst.

Aber manchmal liegt dann ein Starkstromkabel neben einem rostigen Tank, und dann gibt irgendein Trottel einem anderen Trottel Feuer.

Und die Plünderer kommen auch immer noch, immer wieder, und manchmal zerstören sie ganze Anlagen, nur damit sie ein paar Drähte klauen können.

Und die Attentäter feuern mit Granaten auf das Sheraton Hotel in Bagdad, wo viele der Männer von Kellogg Brown & Root residieren, gestern nacht wieder, sie trafen einen Fahrstuhlschacht. Und nebenan im Hotel Palestine, wo KBR die Etagen fünf, sechs und sieben gebucht hat und nicht einmal die Dame an der Rezeption die Namen der Gäste kennt, sitzen diese Gäste abends im Restaurant Aladin, trinken Carlsberg-Bier und dürfen keine Gespräche mit Journalisten führen, das steht in ihren Verträgen.

Aber irgendwann, beim dritten Bier und namenlos, tun sie es doch. Sie erzählen, dass sie zwei Einheiten bilden, »Öl« und »Konstruktion«, sie erzählen, dass sie hier im Irak bis zu 150 000 Dollar verdienen können, steuerfrei, sie erzählen, dass sie »eine verdammte Scheißangst haben«, weil ja längst auch KBR-Kollegen erschossen und entführt wurden, was nützen Schutzwesten gegen Panzerfäuste? Außerdem, irgendjemand in der Firma hatte die Idee, die irakische Firma al-Dhahir mit dem Schutz der KBR-Ingenieure zu beauftragen, eine Firma aus Falludscha, »super, das macht mich wahnsinnig sicher«, sagt einer und hebt die Carlsberg-Dose, »cheers, auf Saddams Freunde«.

Es ist ein ruppiger Übergang im Irak, und jene Amerikaner, die im Moment versuchen, die irakische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, glauben nicht, dass die Eskalationen der vergangenen vier Wochen nur mit dem zunehmenden Hass auf die Regierung Bush zu tun haben. »Es gibt bald etwas zu verteilen«, sagt einer, »es geht langsam um die Macht und die richtige Aufstellung für den Tag X, es geht um das Öl. Es wird nicht aufhören in den kommenden Monaten, es wird zunehmen.«

Im neuen Irak existieren zwei Parallelwelten. Die eine Welt ist die des wirtschaftlichen Aufbruchs: Überall im Land, in Bagdad wie in Kirkuk wie in Tikrit, entsteht etwas, da öffnen Internet-Cafés, Telefongeschäfte, Teestuben, Elektronikläden und Autohäuser; wo gestern noch Bombenlöcher waren, ist heute ein Markt für Fahrräder; wer im alten Irak 8 oder 9 Dollar im Monat verdiente, verdient heute 180 bis 200 Dollar, und die Inflation geht gegen null. Dieser neue Irak ist ein Irak der Träume, in diesem Irak leben Menschen, die vom Rest ihres Lebens etwas haben wollen.

Die Nebenwelt, jene der Aufstände, Lynchmorde und Entführungen, gedeiht dennoch. Dieser Irak ist ein wildes Land, ein anarchisches Land, dieser Irak ist zum Beispiel immer noch ein Land ohne Steuern oder Zölle. Die Coalition Provisional Authority (CPA), die im Moment über alles bestimmt, was in der Welt des Aufbruchs geschieht, wünscht sich das natürlich anders. Eine amerikanische Mitarbeiterin der CPA sitzt bei Kebab und Tee im Raschid-Hotel in der so genannten Grünen Zone, dem Hochsicherheitsbezirk im Zentrum von Bagdad, und beschreibt den Plan: 1800 Zollbüros sollen schon sehr bald 5 Prozent Importsteuer auf alles erheben, was über die Grenzen kommt; ein Steuersystem soll eingeführt werden mit einem Spitzensatz von 15 Prozent; es soll so etwas wie ein Staatsbudget geben, Versicherungen, ein System, das nicht vom Öl abhängt, und natürlich soll so auch die Arbeitslosenquote sinken, die laut Umfragen bei exakt 28 Prozent liegt.

Das ist das amerikanische Bild des neuen Irak, zusammengefügt zu einer Welt.

Aber wenn man dann in der Roten Zone, dem gefährlichen, großen Rest von Bagdad, einen jener europäischen Diplomaten trifft, die hinter Mauern aus Sandsäcken hausen, zerspringt das Bild wieder. »Man spürt wenig von den aus Washington versprochenen 18 Milliarden Dollar«, sagt dieser Mann, »und so schwindet das Vertrauen. Alles, was getan werden müsste, unterbleibt wegen der Gefahren. Ein Drittel aller Ausgaben geht für Sicherheit drauf, die amerikanischen Firmen jagen pro Mann und Tag 250 Dollar für Versicherungen und 600 Dollar für Leibwächter durch den Kamin.« Die Ausländer, die da draußen auf Ölfeldern und an Rohrleitungen wirken, stellen keine Schilder ihrer Firmen auf, geben keine Interviews, führen keine Gespräche mit Irakern. Zu riskant, bloß fertig werden und nichts wie weg.

Und deshalb geht es langsam voran, elendig langsam. Und manchmal geht es zurück. Im Pentagon in Washington dachten sie vor dem Krieg, dass der Irak sich selbst wiederaufbauen würde, mit seinem Öl. Aber vor dem Krieg lag die Förderquote bei 2,8 Millionen Barrel Öl pro Tag, jetzt sind es 2,2 Millionen Barrel, und eine Menge davon geht dafür drauf, die Generatoren anzutreiben, die nötig sind, weil die Stromversorgung nicht klappt.

Und mit Generatoren wird dann wieder Öl gefördert.

Im Straßenbild von Bagdad haben sich in dem einen Jahr seit Kriegsende drei Dinge geändert. Die U. S. Army hat sich zurückgezogen; nun legen Staus die Stadt von der Morgendämmerung bis zur Dunkelheit lahm; die kilometerlangen Schlangen an den Tankstellen sind trotzdem verschwunden. Denn dürfen montags nur jene Fahrzeuge mit einer geraden Endziffer im Nummernschild betankt werden, dann sind es dienstags die mit einer ungeraden Ziffer; und den Verkaufspreis für einen Liter Benzin hat das Ministerium auf 20 irakische Dinar festgesetzt, das sind eineinhalb Cent.

Es kann nicht aufgehen, rechnerisch. Die 105 Tankstellen Bagdads geben 25 Dinar für Einkauf und Transport eines Liters Benzins aus, billiger geht es nicht, ihr Geld verdienen die Tankwarte also durch Bestechung, sie nennen es »Trinkgeld«. Wer kein Trinkgeld gibt, kriegt kein Benzin. Der Tankstellenmanager Kussei Sami, 45, der vor seiner neuen Karriere laut Selbstauskunft »irgendwas in der Waffenproduktion gemacht« hat, erklärt den Zwangspreis so: »Es geht darum, dass Öl unser Schatz und Eigentum ist, es gäbe eine Revolution, wenn Öl teurer würde.« Und es geht darum, dass das Ministerium verhindern will, dass all die Jungunternehmer, die nun halb Bagdad kaufen, Tankstellen öffnen. 20 Dinar pro Liter, das lohnt sich nicht, und das heißt, dass das Ministerium die Kontrolle über das Öl behält, und das Ministerium kontrollieren die Besatzer.

Man kann hier wochenlang unterwegs sein, man findet keinen Iraker, der bezweifelt, dass es den Amerikanern um Öl ging, als sie das Land eroberten. »Sie haben uns doch nicht mit 150 000 Soldaten überfallen, um Koreaner oder Russen die Geschäfte machen zu lassen«, so sagt es Muhammad Abush im Ölministerium. »Aber sie kriegen unser Öl nicht«, das sagt Manaa al-Ubeidi in Kirkuk, »denn bis zum 30. Juni können sie all die Verträge gar nicht mehr abschließen, die sie bräuchten, und danach kann unsere neue Regierung sowieso alles wieder rückgängig machen.«

Wie der Kampf also ausgehen wird?

Die Regierung Bush wünscht sich eine schnelle Privatisierung und zumindest Aufträge für amerikanische Firmen, und ihre Freunde im Regierungsrat, Männer wie Ahmed Tschalabi, arbeiten daran. Die Kurden im Norden wünschen sich Autonomie, inklusive Kontrolle über die Ölfelder von Kirkuk. Und im Ministerium in Bagdad wirken Männer, die an sich und ihre Posten denken und daran, welche Gruppe nach der Machtübergabe die stärkste sein wird. In all den Gängen stehen Grüppchen zusammen, die alten Parteimitglieder, die aus dem Ausland Zurückgekehrten, die Berater aus Amerika, die Anfänger ohne Vergangenheit.

Sinnvoll, sagt Ubeidi, wäre natürlich eine staatliche Kontrolle, damit das Öl der Iraker endlich den Irakern zugute käme - sowie eine Vergabe von zeitlich befristeten Aufträgen an ausländische Unternehmen, damit neue Technologie dem armen, reichen Staat auf die Füße helfe. »Das ist definitiv auch unsere Präferenz«, sagt der Ölbeauftragte Robert McKee von der CPA.

Jedoch: »Ob etwas sinnvoll war, darum ging es in diesem Land seit Ewigkeiten nicht«, sagt Manaa al-Ubeidi, steckt sich eine neue Zigarette an, es ist die letzte. Er hat in drei Stunden eine Schachtel »Caravan« geraucht, jetzt sitzt er im Nebel. Manaa al-Ubeidi zieht dreimal, legt die Zigarette in den Aschenbecher und steht auf. Dann sagt er: »Das Öl hat uns unsere Vergangenheit gekostet. Es wird uns so lange bedrohen, bis nichts mehr da ist.«

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