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»Das sieht nach viel Blut aus«

Peter Reichel über Saul Friedländers Buch »Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus« Professor Peter Reichel, 42, Iehrt Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Die deutsche Nachkriegsgeschichte beginnt bekanntlich mit der unehrlichen Litanei: »Das haben wir nicht gewußt.« Die verordneten oder unfreiwilligen und verspäteten Bewältigungsversuche waren eher Ausdruck von Verdrängung als von Aufarbeitung der Vergangenheit.

Erst seit Ende der sechziger Jahre wurde die Nazi-Zeit gründlicher, aber auch widersprüchlicher diskutiert. Die - sei es nostalgisch-unpolitische, sei es kritische - Unbefangenheit im Umgang mit der Vergangenheit nahm zu.

Längst ist sie auch zum Objekt kultureller Vermarktung geworden. In der TV-Serie »Holocaust« geriet sie zum Massenspektakel. Und im Gedenkjahr 1983 kam eine neue Welle über das Land: selbst- und mediengerecht, akademisch und in großem Stil inszenierte Erinnerungsveranstaltungen, voll »hektischer Betriebsamkeit« und »organisierter Perfektion«, wie ein sensibler Beobachter bemerkte.

Schriftsteller und Filmemacher begannen, sich für den Mythos und ideologischen Kult des Nationalsozialismus zu interessieren. Sie wollten wissen, warum gerade Hitler so ankam. Ihre Sichtweise und ihre Werke, die der israelische Autor Saul Friedländer unter dem Begriff des »neuen Diskurses« zusammenfaßt, vor allem aber die suggestive Wirkung, die von ihnen ausgeht, sind das Thema seines Buches: »Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus.«

Saul Friedländer ist bereits mit mehreren Arbeiten über das Dritte Reich hervorgetreten. _("Pius und das Dritte Reich« (1965); ) _("Auftakt zum Untergang - Hitler und die ) _(USA« (1966); »Kurt Gerstein oder Die ) _(Zwiespältigkeit des Guten« (1968). )

Zuletzt erschien von ihm die autobiographische Erzählung »Wenn die Erinnerung kommt ...« (1979), in der er aus der Distanz von dreißig Jahren seine Kindheits-Odyssee beschreibt: Als Sohn einer jüdischen Industriellenfamilie in Prag geboren, treibt ihn die Flucht vor den Nazis nach Frankreich, wo er - nach der Deportation der Eltern - katholisch erzogen wird. Er will Priester werden. Doch die Vergangenheit holt ihn allmählich ein, und er wendet sich schließlich dem Judentum zu. Kurz nach der Gründung des Staates Israel betritt er das Land seiner Vorfahren.

Was sich über diese autobiographische Erzählung sagen läßt, das gilt auch für Friedländers neuesten Essay: Angesichts der vielen geräuschvollen und so selbstgerechten Erinnerungsveranstaltungen im Land der einstigen »Überwältiger« (Jean Amery), angesichts unserer andauernden, aber immer wieder kaschierten Hilflosigkeit im Umgang mit unserer Geschichte, ist dieses differenzierte und doch engagierte, leise und ernste Buch wohltuend. Allerdings wohltuend und beunruhigend zugleich.

Beunruhigend, weil Friedländer uns eindringlich vor Augen führt, warum der Umgang mit der Nazi-Vergangenheit so schwierig bleibt. »Der Nazismus ist ein Phänomen der Vergangenheit«, schreibt er, »aber die Obsession, die er für die gegenwärtige Phantasie besitzt«, stellt »uns schließlich auch vor die Grundfrage, wie dieses Starren auf die deutsche Vergangenheit zu bewerten ist: als nostalgische Träumerei, als Gier nach Spektakulärem, als notwendiger Exorzismus und/oder anhaltendes Bemühen um Verständnis? Oder aber, immer noch und schon wieder, als Ausdruck tiefer Ängste und bei manchen auch dumpfer Hoffnungen?«

Was auch immer die Autoren dieses neuen Diskurses beabsichtigten - Friedländer geht es mehr um die Wirkung ihrer Werke und die Mechanismen dieser Wirkung. Es geht um den ästhetischen Reiz des Gegensatzes zwischen Kitsch-Harmonie und Todesbeschwörung, und es geht um den Exorzismus selbst. Eine ästhetische, sprachliche und bildliche Form, sich der Realität zu stellen, die zugleich ein Ausweichen vor ihr ist, die Vergangenheit neutralisiert und verschleiert, was an ihr unerträglich bleibt. Friedländer macht das an zahlreichen Beispielen anschaulich.

In seinem Hitler-Film läßt Hans Jürgen Syberberg den Kammerdiener Krause erzählen: _____« Am Heiligabend des Jahres 1937 setzte mich Hitler » _____« sehr in Erstaunen. Er war in seiner Privatwohnung, » _____« München, Prinzregentenplatz 16. Ich selbst war zu einer » _____« Familienfeier eingeladen und erwartete schon mit » _____« Sehnsucht den Augenblick, da Hitler sich zurückziehen und » _____« ich damit frei sein würde. Aber da ging er noch durch den » _____« Raum, in dem sich die restlichen Geschenke befanden, die » _____« nicht zur Verteilung gelangt waren, um noch ein Geschenk » _____« auszusuchen. Wir verpackten es dann beide, langliegend » _____« auf dem Teppich, und bei dieser Gelegenheit band ich ihm, » _____« als er den Knoten niederdrückte, den Daumen aus Spaß ein » _____« und er verabreichte mir lachend einen scherzhaften Schlag » _____« mit der Linken ins Genick. »

Während Krause sich erinnert, ist ein historischer Mitschnitt von der Weihnachtssendung des deutschen Rundfunks vom Heiligabend 1942 zu hören, eine Ringschaltung zu den Fronten: _____« Hier ist noch einmal der Schwarzmeerhafen auf der » _____« Halbinsel Krim. Wir bitten euch, Kameraden, noch einmal » _____« in das schöne, alte Weihnachtslied »Stille Nacht, Heilige » _____« Nacht« einzustimmen. Stille Nacht, heilige Nacht, alles » _____« schläft, einsam wacht ... Diesem spontanen Wunsch der » _____« Kameraden fern drunten im Süden, am Schwarzmeer, » _____« schließen sich nun alle Stationen an. Jetzt singen sie » _____« schon am Eismeer in Finnland, und jetzt schalten wir dazu » _____« alle die anderen Stationen, Leningrad, Stalingrad, und » _____« jetzt kommt dazu Frankreich, kommt dazu Catania, kommt » _____« dazu Afrika, und nun singen alle mit uns gemeinsam in » _____« dieser Minute: »Schlaf in himmlischer Ruh.« »

Bürgerliches Dekor und gleich dahinter der Abgrund. Das Nebeneinander von Allzumenschlichem und Allmacht. Hitler als ein Jedermann, der zum Kumpel stilisierte Herrscher über einen ganzen Kontinent und eine gigantische Vernichtungsmaschinerie.

Syberbergs Hitler-Film mag ein »Meisterwerk« sein, räumt Friedländer ein,

»aber ein Meisterwerk, bei dem man das Gefühl haben kann, daß es in der falschen Tonart steht: Mitten in der Meditation erhebt sich ein Verdacht auf Selbstgefälligkeit und Sympathie für das Dargestellte. Eine Grenze ist überschritten worden, und ein Gefühl von Unbehagen kommt auf: Dies ist ein Merkmal des neuen Diskurses.«

In Fassbinders Melodram »Lili Marleen«, ein weiteres Beispiel, tauchen an den Fronten nachdenkliche Soldatengesichter auf, bläulich eingefärbt. Die Landser, hüben und drüben, lauschen dem immer wieder gespielten Lied in andächtiger Stille. Plötzlich bricht die Hölle los. Mit roten und gelben Flammen. Immer derselbe Leichnam in immer derselben Bewegung fliegt durch die Luft. Und immer derselbe Panzer dreht sein Geschützrohr zu immer demselben Haus, das unter seinem Granathagel zusammenbricht.

Schließlich eine dritte, nicht minder eindrucksvolle Szene. In Speers »Erinnerungen« heißt es: _____« In der Nacht standen wir mit Hitler auf der Terrasse » _____« des Berghofes und bestaunten ein seltsames » _____« Naturschauspiel. Ein überaus starkes Polarlicht » _____« überflutete den gegenüberliegenden, sagenumwobenen » _____« Untersberg für eine lange Stunde mit rotem Licht, während » _____« der Himmel darüber in den verschiedensten » _____« Regenbogenfarben spielte. Der Schlußakt der » _____« Götterdämmerung hätte nicht effektvoller inszeniert » _____« werden können. Gesicht und Hände eines jeden von uns » _____« waren unnatürlich rot gefärbt. Das Schauspiel rief eine » _____« eigentümlich nachdenkliche Stimmung hervor. Unvermittelt » _____« sagte Hitler, zu einem seiner militärischen Adjutanten » _____« gewandt: »Das sieht nach viel Blut aus. Dieses Mal wird » _____« es nicht ohne Gewalt abgehen.« »

Das ist die Verbindung von Tod und Kitsch-Ästhetik: Todeskitsch.

Es sind nur drei von zahlreichen literarischen und filmischen Beispielen, Bücher wie Michel Tourniers »Der Erlkönig«, George Steiners »The Portage to San Cristobal of A.H.« oder Joachim Fests Hitler-Biographie und Filme wie Luchino Viscontis »Die Verdammten«, Liliana Cavanis »Der Nachtportier« und Louis Malles »Lacombe Lucien«. Beispiele, an denen Saul Friedländer veranschaulicht und analysiert, was er den »neuen Diskurs« über den Nazismus nennt: Die beschwörende Nachgestaltung und ästhetische Neuinterpretation der NS-Vergangenheit. Sie hat sich seit Ende der sechziger Jahre unter »linken« wie »rechten« Autoren, Filmemachern und Intellektuellen mehr und mehr durchgesetzt.

Friedländer geht es allerdings nicht darum, politische Positionen zu kritisieren oder moralische Urteile zu fällen. Für ihn ist unerheblich, ob beispielsweise Fassbinder ein Linker war und sein Film »Lili Marleen« ironisch gemeint ist, ob sich Speers politische Überzeugungen gewandelt oder Fests Reflexionen über Hitlers »Größe« rhetorischen Charakter haben.

Viel aufschlußreicher erscheint ihm die Faszination, *___die Fest beim Leser erzeugt, wenn er eingangs ____konstatiert, wäre »Hitler Ende 1938 einem Attentat zum ____Opfer gefallen ... würden nur wenige zögern, ihn einen ____der größten Staatsmänner der Deutschen, vielleicht den ____Vollender ihrer Geschichte, zu nennen«, *___die Fassbinders »Symbolisierung des ''Führers'' als ____gleißendes Licht« beim Zuschauer hervorruft oder *___die von Speers beschwörender Dramaturgie jener ____nächtlichen Szene ausgeht, in der die Natur gleichsam ____auf die historische Stunde eingestimmt wird.

Diese Faszination beruht offenbar auf der Kraft der Bilder und Emotionen des Nazismus, auf den von ihm freigesetzten Phantasmen, die damals wie heute ein Massenpublikum bewegen. Und wie schon die kultischen Inszenierungen des Nazi-Regimes selbst läßt auch der »neue Diskurs« in der Ästhetisierung von Tod und Zerstörung eine Faszination entstehen, die psychologisch begründet ist. Sie beruht, so Friedländer, auf der Gleichzeitigkeit von Ängsten und Hoffnungen, »auf der Koexistenz von Machtanbetung und Sehnsucht nach apokalyptischer Auslöschung aller Macht«.

Auf die große Bedeutung der Todes-Obsession für den Faschismus, auch und gerade auf den »nekrophilen Charakter« (Erich Fromm) Hitlers, ist immer wieder hingewiesen worden. Wo angeblich das Leben gefeiert werden sollte, wurde es tatsächlich »pathetisch entwertet«. Die ästhetisierende Todesverklärung wurde hier auf die Spitze getrieben: »Viva la muerte!«

Wie aber kommt es zu dieser außerordentlichen Bedeutung des Todes-Paradigmas im und für den Faschismus? Anders als Kommunismus, Sozialismus und Liberalismus, die - sei es revolutionär und klassenkämpferisch, sei es evolutionär - fortschrittsgläubig sind, ist der Faschismus und besonders der Nazismus eine rückwärtsgewandte Ideologie.

Er ist eine »Revolution des Nihilismus« (Rauschning), eine Revolte gegen die industriegesellschaftliche Rationalisierung, Technisierung, Intellektualisierung, Pluralisierung und Komplizierung des Lebens im Namen einer »archaischen Utopie«.

Insofern verbindet sich die Todes-Obsession des Nazismus mit Nostalgie und banaler Romantik, sie findet ihren kultisch-spirituellen Ausdruck in der Beschwörung der vormodernen Zeit. Und wer eignet sich dafür besser als junge strahlende Helden und ihre gleichsam überirdische Reinheit? Hier wird das Bild des Heiligen aus christlicher Tradition heraufbeschworen.

In einer Schlußszene in Michel Tourniers »Erlkönig«, jenem Goncourt-preisgekrönten Roman über die realistische und doch phantastische Welt der NS-Eliteschule »Kaltenborn«, an dem Friedländer wiederholt seine Analyse und Kritik des »neuen Diskurses« veranschaulicht, heißt es: _____« Eine makellose Schneedecke, die das Tauwetter » _____« unberührt gelassen hatte, lag auf den Steinfliesen der » _____« Terrasse. Das Geländer war weiß, nur zu Füßen der drei » _____« Schwerter war es weiterhin rot, als hätte man unter jedes » _____« einen Purpurmantel gebreitet. Sie waren da, alle drei. » _____« Hajo, Haro und Lothar, die beiden rothaarigen » _____« Zwillingsbrüder als treue Gefährten außen, der Junge mit » _____« dem weißen Haar in der Mitte, » _("Hitler, ein Film aus Deutschland« von ) _(Syberberg; links: Andre Heller (mit ) _(Hitler-Puppe). ) _____« alle drei durchbohrt von Omega bis zu Alpha, die » _____« Augen weit ins Nichts starrend, und jeder von seiner » _____« Schwertspitze wieder anders verwundet ... Die Sterne » _____« waren erloschen, das kindliche Golgatha stand vor » _____« schwarzem Himmel. »

Hier kommt alles zusammen, was der ästhetisierende Exorzismus des »neuen Diskurses« aufbieten kann: Kampf als erstarrte Bewegung, Treue, Opfer und jugendlicher Heldentod. Als Kulisse erloschene Sterne und schwarze Nacht, weißer Schnee und rotes Blut: archaische, mystische, ja sakrale Bilder. Eine Todesvision, die als eine Offenbarung inszeniert ist, aber »als eine Offenbarung, die zu nichts führt«, wie Friedländer anmerkt. »Es sei denn, sie wäre die Offenbarung einer geheimen Kraft, die den Menschen zu einer unabwendbaren Selbst- und Weltvernichtung hinführt.«

Thema und formales Grundmuster faschistischer Ästhetik lassen sich vielleicht somit auf diesen Begriff bringen. Sie sind *___Choreographie der Massenbewegung, *___Dramaturgie des Kampfes und *___Liturgie des Todes in einem. Hier sind wir, so ____Friedländer, »im innersten Zentrum der ästhetischen ____Dimension des neuen Diskurses«. Sind wir damit auch - ____wie Syberberg glaubt - im »Zentrum der bohrenden ____Krankheit« des Nazismus? Kann Kunst ein heilsamer ____Vorgang sein? Ist die ästhetisierende Beschwörung der ____Vergangenheit »Trauerarbeit«?

Oder verhindert die Ästhetisierung des Nazismus gerade diese »schmerzliche Erinnerungsarbeit«? Trägt der »neue Diskurs«, wie Friedländer glaubt, bewußt oder unbewußt gerade deshalb zur Neutralisierung der Vergangenheit bei, weil er uns erlaubt, die Faszination des Nazismus nachzuempfinden? Dabei wird, sei es mechanisch und gewaltsam, sei es subtil und unmerklich, die Grenze zwischen wahr und falsch immer undeutlicher und am Ende ganz aufgehoben.

Um ein Beispiel zu nennen: In der ersten Auflage seiner erst auf massiven Protest hin korrigierten »Geschichte der Deutschen« schrieb Hellmut Diwald über die sogenannte »Endlösung der Judenfrage": _____« ... Über diese Tatsachen ... sind nach 1945 » _____« zahlreiche Schriften veröffentlicht und Behauptungen » _____« aufgestellt worden, die sich nicht beweisen ließen und » _____« das Schandbare durch Zynismus erweiterten: Man beutete » _____« eins der grauenhaftesten Geschehnisse der Moderne durch » _____« bewußte Irreführungen, Täuschungen, Übertreibungen für » _____« den Zweck der totalen Disqualifikation eines Volkes aus » _____« ... Was sich in den folgenden Jahren tatsächlich » _____« abgespielt hat, ist trotz aller Literatur in zentralen » _____« Fragen noch immer ungeklärt. »

Das sagt immerhin ein Hochschul-Historiker. Und er sagt dies angesichts eines ebenso erdrückenden wie bedrückenden Beweismaterials, das in zahllosen Prozessen über die NS-Gewaltverbrechen zusammengetragen wurde.

In gewisser Weise gehört hierher auch ein ungleich subtileres Beispiel der Geschichtsumdeutung: Sebastian Haffners auflagenstarke »Anmerkungen zu Hitler«. Ein Buch, über das der Philosoph und Faschismusanalytiker Alfred Sohn-Rethel treffend schrieb: »ein journalistisches Meisterwerk«, aber eben ein Buch der »falschen Maßstäbe«. Denn: es »exkulpiert die Deutschen - Hitler zu akzeptieren war wohl doch nicht so ganz falsch, anfangs zumindest nicht. Das ist die unheilvolle Botschaft des Buches, um derentwillen es überall so begeistert gelesen wird«.

Wie weit kommen wir eigentlich noch mit den quellenkritischen Methoden systematischer Geschichtswissenschaft? Friedländer jedenfalls ist auch hier skeptisch. Zwar erlaubt sie uns, »die Tatsachen minutiös in all ihren Zusammenhängen« aufzudecken, aber: »Auch sie schützt uns letzten Endes vor der Vergangenheit, dank der unvermeidlichen Auflösung der Sprache.«

An einem Text des Zeithistorikers Martin Broszat ("ein Text, den viele von uns so hätten schreiben können") illustriert Friedländer, was er meint, wenn er von unbeabsichtigter Neutralisierung spricht: _____« Im November 1941 fanden zum ersten Mal Vernichtungen » _____« deportierter Juden aus dem Reich statt. Die Juden » _____« einzelner Transporte, die nach dem Reichskommissariat » _____« »Ostland«, vor allem nach Riga, Minsk und Kowno geleitet » _____« worden waren, wurden nicht, wie die Mehrzahl der später » _____« folgenden Transporte, in die dortigen Gettos und Lager » _____« eingewiesen, sondern bei ihrer Ankunft in » _____« Erschießungsaktionen einbezogen. »

Die Darstellung des ungeheuerlichsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte, des von Deutschen in deutschem Namen verübten Massenmordes, gerät hier unversehens zur sachlich-nüchternen Beschreibung eines Verwaltungsvorganges.

Wohlgemerkt, Friedländer attackiert hier weder den Historiker Broszat im besonderen noch die Geschichtsforschung im allgemeinen; sie müßten sich an ihre Methoden und sprachlichen Konventionen halten. Es seien die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten selbst, an deren Grenzen wir hier stoßen.

Der Exorzismus des »neues Diskurses« überwindet diese »Sprachlähmung« gegenüber dem Nazismus, indem er »dem Imaginären und den Phantasmen freien Lauf läßt ... indem er auf allen Saiten des Schreckens spielt«.

Sprache und Bilder des »neuen Diskurses« erlauben, die psychologische Dimension des Nazismus besser als bisher zu erfassen, so die These Friedländers. Eine Blockierung gegenüber der Vergangenheit ist aufgehoben. Aber der »neue Diskurs« läßt die Faszination des Faschismus nachempfinden, indem er ihn zugleich auf eine erträgliche Dimension zurückdrängt, indem er die Schrecken seiner Verbrechen, das Unerträgliche kaschiert. So gesehen stellt Friedländers Essay zwei Seiten desselben Problems dar: »Je erfolgreicher die schlimmsten Aspekte des Nazismus neutralisiert werden, desto leichter findet der neue Diskurs seinen Weg in unsere Imagination.« _("Nacht der Amazonen« bei der Münchner ) _(Rennwoche, 1938 in Nymphenburg. )

»Pius und das Dritte Reich« (1965); »Auftakt zum Untergang - Hitlerund die USA« (1966); »Kurt Gerstein oder Die Zwiespältigkeit desGuten« (1968).»Hitler, ein Film aus Deutschland« von Syberberg; links: AndreHeller (mit Hitler-Puppe).»Nacht der Amazonen« bei der Münchner Rennwoche, 1938 inNymphenburg.

Peter Reichel
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