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»Das sind alles arme Schweine«

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 15/1991

Nie ma ich«, sagt der Soldat. »Znikneli«, sagt Leutnant Jan Mroce, »Nichts«, sagt Jan Tomaczyk, der Dolmetscher. »Sie sind weg, rumänische Birger schlau.« Der polnische Soldat wirft scheppernd seine Kalaschnikow in den Geländewagen. Aus dem Dunst über der Müllkippe steigt ein Schwarm Raben in den isabellfarbenen Himmel. Drüben am deutschen Neiße-Ufer zieht pröttelnd ein Trabi eine gequirlte Qualmschleppe die Uferstraße hinunter.

Jan Tomaczyk sagt: »Neger leicht verhaften. Rumänische Birger zu schlau.« Aber daß Afrikaner hier leichter gefaßt werden, hat natürlich auch damit zu tun, daß sie sich - qua Couleur - schwertun mit dem Untertauchen.

Afrikaner und Asiaten sind hier selten geworden. Die große Mehrheit der illegalen Grenzgänger im polnischen Transit kommt aus Osteuropa - überwiegend aus Rumänien. Im ersten Vierteljahr 1991 haben hier rund dreimal so viele Flüchtlinge versucht, über die grüne oder die nasse Grenze einzureisen wie im vergangenen Jahr.

Nach Schätzungen des Bundesgrenzschutzes warten jenseits von Oder und Neiße 40 000 bis 50 000 Rumänen auf die Weiterreise in den Westen, um in Deutschland zu arbeiten. Fast alle mittellos und alle ohne gültiges deutsches Visum.

Um im Abschnitt Görlitz/Zgorzelec unbemerkt über die Neiße zu kommen, braucht man nicht schlau zu sein. Der Fluß ist hier nirgendwo breiter als zehn Meter - und fast überall so seicht, daß man zum deutschen Ufer hinüberwaten kann, ohne sich auch nur den Hintern naß zu machen. Bei Hagenwerder und Hirschfelde, wo die Bahnlinie von Görlitz nach Zittau über polnisches Gebiet verläuft, kann man sogar trockenen Fußes über den Fluß.

Die zwei bevorzugten illegalen Transitschneisen liegen im Drei-Länder-Eck bei Zittau und im Streckenabschnitt zwischen Kilometer 178 und Kilometer 180 bei Horka. Vom Bahnhof Horka gibt es eine Direktverbindung nach Berlin - mitten ins Herz des goldenen Westens.

Man kann auch im Schnellzug D 394 Warschau-Berlin zwischen Frankfurt Oder-Brücke und Frankfurt Hauptbahnhof die Notbremse ziehen und einfach abspringen. Nur, das braucht Nerven. Neulich mußten in Frankfurt zwei Rumänen mit Knochenbrüchen ins Krankenhaus, weil sie zu früh gesprungen waren.

Die drei Gestalten, die die Arbeiter von der Ziegelei in Zgorzelec vor einer Viertelstunde gemeldet haben, sind auf und davon - ob über den Fluß und in die Wälder drüben in der Oberlausitz oder zurück nach Zgorzelec, das ist nicht mehr zu ermitteln. Die Spur verliert sich in den Neiße-Wiesen.

Michael Vogt vom Bundesgrenzschutz greift nach dem Funktelefon in seinem Wartburg, um vorsorglich seine Kollegen drüben in Görlitz zu alarmieren. Aber aus der Muschel kommt nur Kratzen und Rauschen. Statt per Funk verständigt man sich besser durch lautes Gebrüll. Die Technik, mit der die Grenzstationen ausgerüstet sind, stammt aus DDR-Tagen. Autos, Telefone, Fernschreiber, Schreibmaschinen, alles von vorgestern.

Die Besoldung der Grenzschützer, die von der ehemaligen DDR-Grenzpolizei übernommen wurden, ist gleichfalls von vorgestern. Vogt hat ungefähr tausend Mark Sold im Monat. Die hierher abkommandierten Kollegen aus dem Westen haben mit Zulagen fast fünfmal soviel.

Michael Vogt beklagt sich nicht über das krasse Einkommensgefälle. Er ist ein in Demut gehärteter Diener seines Staates. Immerhin habe er im Gegensatz zu vielen seiner alten Kameraden einen krisenfesten Job. »Und außerdem wissen die Kollegen aus dem Westen ja viel mehr als wir.« Aber fünfmal soviel? Minister in West-Ländern verdienen gerade eben doppelt soviel wie Minister in Ost-Ländern.

Auf dem Rückweg vom Fluß zur alten deutschen Infanteriekaserne in Zgorzelec, in der heute die polnischen Grenztruppen logieren, dreht Michael Vogt mit dem Wartburg eine Runde über den Bahnhofsvorplatz. Er fährt ganz dicht an eine Gruppe von jungen Männern heran, die gegenüber dem Haupteingang auf den D-Zug aus Warschau warten.

Als der Wagen sich auf fünf, sechs Meter genähert hat, dreht sich einer aus der Gruppe plötzlich um. »Arsenow!« knurrt Jan Tomaczyk und reißt die Tür auf. Arsenow, sagt Jan Tomaczyk, sei ein bulgarischer Schlepper, der Asylanten gegen Honorar über die Grenze bringe. Sie kennen ihn schon lange, aber sie haben ihm bisher nie etwas beweisen können.

Tomaczyk hält die Tür einen Moment lang halb geöffnet. Dann schlägt er sie wieder zu. Der Bahnhofsvorplatz ist ziemlich belebt. Es heißt, gemeinsame Patrouillen seien nicht verboten, jedenfalls nicht, solange sich keiner der Beteiligten falsche hoheitliche Funktionen anmaßt. Doch so normal ist das deutschpolnische Verhältnis noch nicht wieder, daß ein deutscher und ein polnischer Grenzbeamter in einem deutschen Behördenautomobil in Polen gemeinsam Jagd auf Rechtsbrecher machen könnten.

Arsenow hat drüben in Sachsen einen Asylantrag laufen. Bis darüber entschieden ist, hat er in Deutschland Aufenthaltsrecht. Fünf Jahre sind normal, mit ein bißchen Glück und einem guten Anwalt schafft er auch sieben oder acht. Er ist einer von den Zehn-Dollar-Schleppern, die die seichtesten Stellen in der Neiße kennen und die ein Gespür dafür haben, wann die Bahnbrücken nicht bewacht werden.

Arsenow arbeitet manchmal auch im deutsch-tschechischen Grenzbereich. Der Weg durch die Wälder des Erzgebirges links und rechts der Grenzposten Teplice und Seifhennersdorf ist etwas mühsamer, dafür aber auch noch sicherer als der Weg über die nasse Grenze im Osten.

»Die sinn zum Teil so unverschämt, datt se aum Bahndamm langlaufen, damit se king dräckje Föß kriejen«, sagt der Mann in Uniform am Schlagbaum der Grenzstation Seifhennersdorf, der seinen Namen nicht nennen will, dem man aber deutlich die rheinische Herkunft anhört.

In Seifhennersdorf wird das Opportunitätsprinzip besonders extensiv ausgelegt. »Die meisten laden oben an datt Fidschi-Heim ihre Marlboro ab und jon widder zurück«, sagt der Rheinländer. »Da haltemer uns janz erus.« Er will sagen: Die vietnamesischen Grenzgänger von drüben steuern nur das Wohnheim für Vietnamesen am Rand von Seifhennersdorf an, um ihre geschmuggelten Zigaretten loszuwerden, und verschwinden dann wieder nach drüben in die Tschechoslowakei.

Der Bundesgrenzschutz schaut meistens weg. Ein illegaler Grenzgänger, der freiwillig zurückgeht, kann keinen Asylantrag stellen.

Die Grossisten der Branche haben Drückerkolonnen unter Vertrag, die in Bukarest und Sofia Neubaugebiete und Innenstädte abfischen. Sie rekrutieren ihre Opfer vorwiegend unter Mittelständlern, die wohlhabend genug sind, um die Schleppergebühren und die Reisespesen aufzubringen.

Ihre Kunden geben alles auf - ihre Wohnung, ihre letzten Ersparnisse, oft ihre einzige Ziege. Sie zahlen an Schleppergebühren umgerechnet 1500 bis 3000 Mark, Reisespesen extra. Dazu kommt für den Transit durch Polen eine Kaution in wechselnder Höhe, die bei der Einreise in Polen vorgezeigt werden muß.

Man kann die Kaution allerdings mehrfach verwenden. Sie wird in der Regel bei der Ankunft am Grenzbahnhof oder am Flughafen in Warschau von den Schleppern wieder abkassiert und zur Verwendung für den nächsten Schub rücktransferiert. Den Kurierdienst besorgen Eisenbahnschaffner und Airline-Stewards.

Alle sahnen ab. Bestechliche polnische Konsulatsbeamte, die auf offensichtlich gefälschte Einladungen Transitvisa ausgeben, Eisenbahnpersonal, das dafür sorgt, daß Züge im richtigen Augenblick Schrittempo fahren, die polnische und die tschechoslowakische Fluggesellschaft, die den Flüchtlingen in Prag, Sofia und Bukarest Roundtrips verkaufen, obwohl von vornherein klar ist, daß der Rückflug-Coupon mit Sicherheit verfallen wird.

Weil die Züge häufig kontrolliert werden, schaffen die professionellen Schlepper ihre Kundschaft von Warschau aus per Taxi nach Stettin, Zgorzelec oder Slubice. Auf der deutschen Seite warten Taxis aus Berlin oder Kleinbusse westdeutscher Unternehmer, die billige Arbeitskräfte brauchen.

Die Görlitzer observieren seit Monaten einen Berliner Disco-Unternehmer, der oft abends in seinem Minibus am Neiße-Ufer sitzt und Kette raucht. Man darf vermuten, daß er auf Flüchtlinge wartet, aber sie konnten ihm nie etwas nachweisen.

Die deutsch-polnische Demarkationslinie hat keine Balken und keine Stacheldrahtverhaue. Die Wachtürme sind verfallen. Es gibt hier keine Hindernisse außer Oder und Neiße. Michael Vogt würde gern seinen Rottweiler mal wieder ausgreifen lassen, mit dem er früher Streife gelaufen ist. Aber die bundesdeutsche Dienstvorschrift erlaubt keine scharfen Hunde im Einsatz an der deutschen Ostgrenze.

Der Grenzabschnitt Görlitz/Zittau wird umschichtig von drei mobilen Einheiten bewacht. Wenn es geht, ist immer eine davon im Dienst. Das heißt: Eine Streife bewacht 30 bis 40 Kilometer Strecke.

Das Risiko, hier beim illegalen Grenzübertritt geschnappt zu werden, ist für jemanden, der sich auskennt, geringer als das Risiko, sich beim Nußknacken den Daumen zu brechen. Im Januar, als die Neiße zugefroren war, kamen sie hier jede Nacht zu Dutzenden übers Eis. Vor Ostern strandete oberhalb von Görlitz eine alte Zinkbadewanne, mit der ein Unbekannter über die Neiße geschaukelt war.

Noch weitmaschiger ist das Netz an der Oder nördlich von Frankfurt und Slubice. Nur, hier geht es nicht ohne Lotsen, weil die Oder tiefer ist als die Neiße. Vorletzte Woche sind in diesem Abschnitt vier Rumänen im eiskalten Wasser ertrunken.

Im Februar paddelte eine ganze Familie auf Luftmatratzen zwischen treibenden Eisschollen durch die Neiße nach Görlitz. Einer Streife direkt in die Arme. Die deutschen Grenzer packten die Flüchtlinge erst mal in Decken und gaben ihnen was Warmes zu essen. »Das sind doch alles arme Schweine«, sagt Wolfgang Weber, der Leiter der Grenzschutzstelle Zittau. Der Staat zahlt pro Flüchtling einen Verpflegungssatz von 17,50 Mark. Aber die Greifer vom BGS müssen oft aus eigener Tasche was drauflegen, um ihre Gäste satt zu kriegen.

Verpflegung ist im Schlepperhonorar nicht enthalten. Es sind schon Flüchtlinge in Görlitz angekommen, die seit vier Tagen nichts mehr gegessen hatten. Es ist ein gnadenloses Geschäft. Einer 75jährigen Frau aus Afghanistan hatte ein Schlepper mit Lederriemen die Beine wundgeschlagen, um sie zu schnellerer Gangart anzutreiben.

Nein, Illegale fangen ist für Grenzschutzbeamte wirklich kein Erfolgserlebnis. Ohne Schwester Sonja stünden die Görlitzer Grenzer ziemlich hilflos da. Sonja Brückner ist Spittelschwester, wie das umgangssprachlich in der Oberlausitz heißt. Weil die Stadt kein Aufnahmelager hat, werden die dringendsten Fälle in der Bahnhofsmission versorgt. Schwester Sonja beschafft warme Decken, kocht Tee, wäscht Hemden und Socken in Wasser, das sie auf einem Campingkocher heiß macht.

Die Bahnhofsmission ist für die illegalen Grenzgänger Durchgangsstation für nur eine Nacht. Am nächsten Morgen hat Polen sie wieder. Doch die Repatriierung endet häufig dicht hinter dem polnischen Schlagbaum. Die deutschen Behörden verzichten praktischerweise auf Strafverfolgung wegen illegalen Grenzübertritts. Denn die Abschreckungswirkung wäre gleich Null, weil der Beschuldigte sich jederzeit per Asylantrag selbst von Strafverfolgung freistellen und dann jahrelang bleiben kann.

Die Polen weisen keinen zurück, den die Deutschen abschieben. Und wenn sie in Versuchung geraten, so sagt BGS-Chef Ost Ortwin Popp, »dann brauchen wir sie nur mal diskret darauf hinzuweisen, daß sie ja irgendwann mal in die EG wollen, und dann spuren sie gleich wieder«.

Grundsätzlich, so sagen die deutschen Grenzer, seien die Polen sehr kooperativ. Grundsätzlich . . . Der Umfang der Kooperationsbereitschaft wird auch durch die widrige Interessenlage auf beiden Seiten der Grenze mitbestimmt. Die Polen müssen jeden zurückgewiesenen mittellosen Rumänen per Bahn oder Flugzeug zurück nach Bukarest schaffen. Und die Auffanglager rings um Warschau sind jetzt schon ständig überfüllt.

Der polnische Fiskus hat in diesem Punkt das gleiche Interesse wie die Soldaten, die am Ostufer von Oder und Neiße Streife laufen. Wehrpflichtige Landser mit umgerechnet 20 Mark Wehrsold im Monat schauen auch gern mal weg, wenn das mit einem 50-Mark-Schein honoriert wird.

Niemand muß fürchten, daß er dafür disziplinarisch belangt wird. Die Regierung in Warschau ist froh über jeden Ausländer, den sie auf diese Weise loswird.

Es ist genauso wie mit der massenhaften Autoschieberei. Von den geklauten West-Autos, die im Checkpoint-Charlie-Stil in Richtung Ost die Schlagbäume durchbrachen, haben die Polen keines wieder rausgerückt. Einige von den dicken Schlitten laufen heute in Zgorzelec, Stettin und Slubice als Privatwagen oder Taxis.

Die Stadtverwaltung von Zgorzelec hat auf einem Campingplatz am Stadtrand ein paar alte Wohncontainer für die Gestrandeten aufstellen lassen, viereckige Kubikel aus schmutziggrauem Stahl ohne Heizung und fast ohne Möbel. Die meisten, die hier wohnen, sind am Ende ihrer Hoffnungen:

Silvia Klopotanov aus Brasov in Rumänien. Sie ist schwer krank. Ein Arzt am Hospital von Zgorzelec hat ihr Tabletten gegeben und ihr gesagt, sie solle nach Hause fahren.

Aber Silvia Klopotanov kann nicht nach Hause, weil sie kein Reisegeld hat und weil ihr Sohn in Warschau in Untersuchungshaft ist - wegen einer Kneipenschlägerei.

Georghiu Klein aus Arad in Westrumänien: Er sagt, er sei Volksdeutscher. Er habe trotz seines gutdeutschen Namens kein Visum für Deutschland bekommen, angeblich weil er nicht ordentlich deutsch spreche. Er sagt: »Deutschland mein Heimat, süße Heimat.« Das hat er auch bei der deutschen Botschaft in Bukarest vorgetragen. Aber es hat als Legitimation nicht gereicht.

Georghiu Klein hat Ende Januar seine alte Dacia-Limousine verkauft und ist per Bahn nach Warschau gereist. Seine Frau und die drei Kinder blieben in Arad zurück. Aber die polnischen Schlepper, denen er die Hälfte des Verkaufserlöses als Anzahlung gab, haben ihn geleimt. Die Warschauer Kontaktadresse, die sie ihm nannten, gab es nicht. Von dem Rest seiner Barschaft kaufte er sich eine Fahrkarte nach Zgorzelec, um von dort aus auf eigene Faust die Grenze zu überqueren. Er hat es zweimal versucht und wurde zweimal erwischt.

Georghiu Klein könnte natürlich einfach über die »Freundschaftsbrücke« von Zgorzelec nach Görlitz gehen und Asyl beantragen. Doch zur Zeit hat er keinen Bedarf. Weil er ohne Einkommen ist, hat er vorübergehend die Fronten gewechselt. Er hilft einem polnischen Schlepper am Bahnhof Rumänen akquirieren.

Georghiu gibt seinen Landsleuten auch die kleinen braunen Päckchen mit auf den Weg, die sie drüben an den polnischen Kontaktmann weitergeben müssen. Er sagt, er wisse nicht, was die Päckchen enthielten. Aber wer eines davon heil drüben abliefere, bekomme seine Taxikosten erstattet.

Im Container nebenan wohnen fünf Männer aus dem Süden Rumäniens, alle im Alter zwischen 25 und 35 Jahren. Es riecht nach Essen, Zigaretten und Urin. Auf dem Fußboden liegen Bettlaken mit den Abdrücken von Stiefelsohlen. Darauf Kippen und Essensreste. Auf dem eisernen Bettgestell unter dem Fenster liegt ein Mann in rissigen Stiefeln und blauer Arbeitskleidung und schnarcht. Einer der Männer rührt in einem Topf mit Hühnerklein.

Die Männer blicken die Besucher an und schweigen. Niemand weiß genau, woher sie kommen und wohin sie wollen. Keiner von ihnen spricht Polnisch oder Deutsch. Und die Stadtverwaltung von Zgorzelec kann sich keinen Rumänisch-Dolmetscher leisten.

Im Frühjahr, wenn es wärmer wird, soll das Container-Lager aufgelöst werden. Sie habe kein Geld für Mildtätigkeiten, sagt die Stadtverwaltung. Das ist wahr. Aber wahr ist auch: Die Stadtväter wollen die Infrastruktur zerschlagen, um durchreisenden Illegalen die Lust am Dableiben zu nehmen. Zgorzelec will seinen schlechten Ruf als Schmuggler-, Nutten- und Autoknacker-Metropole loswerden.

Die Demontage greift auch vor auf die Emigracja, die große Fluchtwelle aus dem Osten, die auf Polen zukommt, wenn Gorbatschow, wie angekündigt, die Ausreisebestimmungen für Sowjetbürger lockert. Die Regierung in Warschau hat im Haushaltsansatz für das laufende Etatjahr 1500 neue Planstellen für Grenzschutzbeamte eingeplant. Aber wenn die sowjetische Westgrenze geöffnet wird, dann brechen alle Dämme. Dann müssen die Polen für die nächsten vier, fünf Jahre mit einer halben Million bis zwei Millionen Flüchtlinge jährlich rechnen.

Dann drohen Zustände wie nach dem Ersten Weltkrieg, als Hunderttausende von Ukrainern und Weißrussen vor dem Hunger und vor Lenins rotem Terror über den Grenzfluß Bug nach Westen flüchteten, als die Theorie von der unbegrenzten Leidensfähigkeit des russischen Volkes widerlegt wurde.

Wenn die große Welle kommt, dann droht auch in den deutschen Ostgrenzstädten das Chaos. Dann wird sogar Spittelschwester Sonja von der Görlitzer Bahnhofsmission überfordert sein. Und Schwester Sonja mutet sich sonst wirklich allerhand zu. o

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