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»Das sind doch alles nur Gespenster ohne Hemd«

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 38/1992

Wenn man Marie-Anne Cantin über das bevorstehende Referendum zur Ratifizierung des Maastricht-Vertrags reden hört, dann könnte man denken, Europa sei für die Franzosen vorwiegend ein Bakterien-Problem.

Nein, wirklich, das sei ein wenig übertrieben, sagt Madame Cantin. Aber sie hält daran fest: »Mit unserem Camembert verteidigen wir auch die Souveränität unserer Nation gegen Maastricht.«

Richtiger französischer Camembert lebt von seinem Gehalt an Staphylokocken. Wobei leben hier im Wortsinn zu verstehen ist. Staphylokokken sind jene wandlungsreichen Eiterbakterien, die in ihrer bösartigen Variante Abszesse und Furunkel auf der menschlichen Haut verursachen, in ihrer gutartigen ("Staphylococcus aureus") dagegen dem Camembert zu seinem vitalen Hautgout verhelfen.

Marie-Anne Cantin darf in der Sache als kompetent gelten. Sie ist Inhaberin der hochberühmten Cremerie in der Rue du Champ-de-Mars, die unter anderem Maxim's und den Elysee-Palast mit Weichkäse beliefert, außerdem Vorsitzende der »Gesellschaft zur Respektierung der französischen Käsetradition«. Ihre Freunde nennen sie auch »la Pasionaria du Camembert« - wegen der Kompromißlosigkeit, mit der sie die Interessen ihrer Zunft vertritt.

Madame Cantin ist in bester Kampfbereitschaft. Denn die Höchstmengenverordner der EG, die darüber wachen, was die Europäer essen, trinken und atmen, wollen langfristig den Staphylokokken-Gehalt des Camemberts aus hygienischen Gründen auf 10 000 Stück pro Gramm begrenzen.

Seit 200 Jahren steht die noble Weichschimmelkreszenz aus dem Ort Camembert in der Normandie für beste lukullische Tradition. Und nun kommen die »macaques bruxellois«, die Brüsseler Affen, und wollen den normannischen Fromagisten sagen, wie man guten Käse macht. Das werden sie sich nicht gefallen lassen.

Die Milch, aus der der Camembert hergestellt wird, soll künftig keimfrei gemacht werden, damit die Staphylokokken sich nicht so schäumend entfalten können. Die Connaisseurs finden das empörend. Camembert aus sterilisierter Milch. Incroyable. Richtiger Camembert, so sagen die Leute in Camembert, muß riechen wie die Füße vom lieben Gott - und zwar auf zwanzig Meter Entfernung. Camembert aus sterilisierter Milch riecht fast gar nicht mehr.

Die traumatische Reaktion in Frankreich hat die Brüsseler Spitzen zwar veranlaßt, den Erlaß erst mal zurückzunehmen. Aber das war natürlich ein taktischer Rückzug. Wenn das Ja zur Ratifizierung durch ist, kommt auch der Camembert ganz sicher wieder ins Gedränge.

Deshalb werden die Käse-Lobby und ihre Sympathisanten am 20. September mit »non« stimmen. Und so wackelig, wie das Referendum nun mal steht, kann es gut sein, daß die Camembert-Frage über das Schicksal des Maastrichter Vertrags und damit über das Schicksal Europas entscheidet.

Käse hat in Frankreich fast Devotionalienstatut. Die Deutschen, die das lächerlich finden, brauchen sich nur das pseudosakrale Getue in Erinnerung zu rufen, mit dem sich deutsche Brauer und Biertrinker 1987 der von Brüssel erzwungenen Verwässerung des Bier-Reinheitsgebotes entgegenwarfen. Jeder hat eben so seine Empfindlichkeiten.

»Sie können stimmen, wie Sie wollen, aber, bitteschön, nehmen Sie erst mal unsere Argumente und Informationen zur Kenntnis«, ermahnte das Pariser Nachrichtenmagazin L'Evenement du Jeudi seine Leser auf der Titelseite seiner Maastricht-Sondernummer. Und: »Sie haben hinterher nicht das Recht, zu sagen, Sie hätten nicht gewußt, worum es geht.«

Eine satte Minderheit will es auch gar nicht wissen. »Macht Maastricht zum St. Helena von Francois Mitterrand«, steht auf den Stickern, mit denen Europartisanen die Parkbänke im Bois de Boulogne bekleben. Präsident Mitterrand ist gewiß ein guter Europäer. Aber seine Popularitätsrate liegt unter 25 Prozent. Viele Franzosen sind gegen Maastricht, nur weil Mitterrand dafür ist. Er zieht Europa mit runter.

Im Prinzip hat Mitterrand das ja auch eingesehen. »Ein Ja zu Europa ist kein Ja zu Mitterrand«, hat er den Franzosen zugerufen. Zwecklos. Er würde Maastricht am zuverlässigsten über die Hürde helfen, wenn er sich ganz raushielte oder, besser noch, zurückträte.

Die Unzufriedenheit mit dem herrschenden System ist das greifbarste Motiv im Nein-Lager. Im übrigen ist das Meinungsspektrum sehr unübersichtlich. Mitterrands Europawerber haben die Nation mit einem flotten Trennstrich in zwei Lager geteilt: hier die junge, urbane, gebildete Linke, die selbstverständlich für Europa ist; dort das alte ländliche Frankreich, la France profonde, das dagegen ist, weil es von der Vergangenheit nicht lassen kann.

So einfach ist es nicht. In Wahrheit schlängelt sich die Grenze, die Gegner und Befürworter voneinander trennt, quer durch alle politischen, kulturellen und sozialen Fraktionen.

Ganz sicher mit Nein stimmen werden die Fundamentalisten von links und rechts: die Kommunisten, weil sie das soziale Erbe der Nation vom EG-Kapitalismus bedroht sehen; die Rechtsradikalen, weil sie eine Asylantenschwemme aus Deutschland fürchten; die Jäger, die um freies Schußfeld bangen; die Patrioten der alten Schule und die greisen Gaullismus-Barone, die befürchten, daß Europa die Grande Nation zur Grande Province degradieren wird.

Viele Intellektuelle stimmen schon deshalb mit Nein, weil sie meinen, daß das Bejahen nicht ihres Amtes ist. Der Mathematiker und Literat Arnaud Aaron Upinsky menetekelt in einem »Offenen Brief« an die Nation auf 192 Buchseiten über den bevorstehenden Untergang der Demokratie und der Grundwerte von Volk und Zivilisation. Ohne erkennbaren Grund, so schreibt er, steige der älteste Nationalstaat des Kontinents in einen unerklärlichen Prozeß der Selbstauflösung ein. Plötzlich sei Frankreich »von wahnsinnigem Entzücken und von kollektiver Blindheit geschlagen«.

In ihrer lähmenden Beweisnot haben die Antieuropäer den germanischen Popanz gegen Europa in Stellung gebracht. Die Gemeinschaft werde eine Marionette am Tau des D-Mark-Imperialismus sein. Und man sehe ja an den ausländerfeindlichen Pogromen, wohin da drüben die Reise schon wieder gehe.

Genau andersrum, sagt die Pro-Europa-Fraktion. Wenn man die Deutschen jetzt nicht fest an die Leine lege und in die Gemeinschaft einbinde, würden sie sich im Osten ihren eigenen Laden aufmachen - ein Ersatzreich von Luxemburg bis Kiew. Und dies Reich werde sich dann todsicher gegen den Westen kehren.

So oder so, höhnt es aus den Salons der westlichen Diplomatie an der Seine, die französische Politik habe nur noch die Wahl zwischen Waterloo und Trafalgar. Frankreich werde dem Schatten des häßlichen Deutschen nicht entrinnen.

Wahr ist: Die Mehrheit der Franzosen hat keine Bange vor der Bundesbank und den Rostocker Glatzen. »Das sind doch politische Gespenster ohne Hemd«, sagt der Exportkaufmann Rene Duvallet hinter seinem Maßkrug im »Löwenbräu« an den Champs Elysees. Deutsche Hegemonie? Die Deutschen seien doch mit ihren eigenen Problemen so sehr beschäftigt, daß sie gar keine Zeit hätten, ihre Nachbarn zu drangsalieren.

Duvallet sagt: »Es ist eine unverschämte Heuchelei, wenn Mitterrand heute so tut, als sei das Volk nicht zur guten Nachbarschaft bereit. Als er versuchte, Gorbatschow die deutsche Wiedervereinigung auszureden, waren die Franzosen mit mehr als 80 Prozent für die deutsche Einheit.«

Nein, die deutsche Tüchtigkeit fürchtet er nicht. Und seit er die Ostdeutschen kennt, noch weniger als früher. Etwas mehr Selbstvertrauen dürfte den Franzosen nicht schaden. Da gibt er dem deutschen Bundeskanzler recht. »Was ist denn das bißchen mehr Savoir-faire gegen soviel mehr Savoir-vivre.«

Im Elsaß, da, wo Frankreich am europäischsten ist, sieht man die deutsche Frage nach 40 Jahren Nachbarschaft mit der deutschen Demokratie besonders gelassen. Landwirt Andre Bechtold aus Obernai sagt: »Die Deutschen sind gute Freunde, das haben sie bewiesen.«

Deutschland spielt für Bechtold bei der Entscheidung über Maastricht überhaupt keine Rolle. »Wenn einer nicht reif ist für Europa, dann ist es Frankreich.« Deshalb wird er mit Nein stimmen. »Wir müssen erst Frankreich bauen und dann Europa.«

Frankreichs Bauern haben Grund zur Klage. Aber nicht Grund zur Klage gegen die EG. Brüssel hat ihnen im letzten Jahr 40 Milliarden Francs spendiert - mehr als die eigene Regierung. Die französische Landwirtschaft ist die exportstärkste der ganzen Gemeinschaft - vor allem, weil sie so üppig von der EG alimentiert wird.

Trotzdem wird die große Mehrheit der Landwirte sich Maastricht versagen. »Der Segen ist so ungleich verteilt«, sagt Bechtold. Er muß die Kartoffeln, die er mit seinem Gehilfen in Handarbeit vom Acker klaubt, für 20 Francs pro Zentner verkaufen. Das sind umgerechnet 6,50 Mark. Soviel kostete in Deutschland der Zentner Kartoffeln vor dreißig Jahren.

Die Bauern im Elsaß sind nicht gegen Europa. Sie sind gegen Mitterrand und sein System, von dem sie sich ausgebeutet fühlen. Die rechtsradikale Nationale Front, die gemeinsam mit den Kommunisten an der Spitze der Anti-Maastricht-Bewegung marschieren, hat hier ganz starke Bataillone.

Das Durchschnittseinkommen eines Landwirts in der Auvergne liegt, trotz der hohen Subventionen, bei 12 000 Mark im Jahr. Die einzigen Landwirte, die einstweilen nicht ständig im Regen stehen, sind die Weinbauern. Gute Weine bringen gute Preise, vor allem im Export nach Deutschland.

Doch das wird nicht so bleiben. Denn die Franzosen saufen nicht mehr so sorglos wie früher, weil die alte Zirrhotikerweisheit, Wein sei kein Alkohol, an Boden verliert. 40 Prozent weniger in zehn Jahren. Und vor der Tür die Konkurrenz aus Amerika, Südafrika und Australien, die heute auch ganz trinkbare Weine produziert.

»Wir brauchen eine starke europäische Gemeinschaft, die uns hilft, zu überleben«, sagt Winzer Romain Jehle aus Dambach-la-Ville im Vogesen-Vorland. Jehle reckt den Daumen zur Decke. Er wird mit Ja stimmen.

Was Frankreich jetzt dringend braucht, das sind Männer wie George Whitman, der Inhaber der legendären Antiquariatsbuchhandlung »Shakespeare and Company« im Pariser Quartier Latin. George ist voll Begeisterung darüber, daß er mit seinen 80 Jahren Europas große Stunde noch erleben kann: »In einer Welt voll Diktaturen und Rassismus endlich ein Zeichen der Humanität und des Liberalismus, Europa ist ein Vorbild für die ganze Menschheit. Hoffentlich werden die Franzosen das erkennen.«

Daß George Whitman es erkannt hat, das nützt Frankreich und Europa nicht viel. Er darf nämlich nicht mit abstimmen, weil er Amerikaner ist.

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