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»Das sind wahre Geldmaschinen«

Von Helmut Sorge
aus DER SPIEGEL 32/1990

Frances Genter, 92, sah nichts und hörte wenig. Also brüllte ihr Nachbar auf der Tribüne der Galopprennbahn Churchill Downs im US-Staat Kentucky der Greisin den Rennverlauf ins rechte Ohr: »Er führt, er führt, er wird siegen, er hat gesiegt.«

Unbridled, 3, hatte die Nase vorn und Mrs. Genter, die Witwe eines Toaster-Fabrikanten, um 581 000 Dollar reicher gemacht. Wachmänner sicherten sogleich den rosengeschmückten Stall des Kentucky-Derby-Siegers. »Auf einen Schlag«, spekulierte Gerald Lawrence, der Churchill-Downs-Manager, war der Hengst »wohl so um zehn Millionen Dollar wertvoller geworden«.

Jeder weitere Sieg in einem der Klassiker, etwa im Breeders'' Cup, der Ende Oktober gelaufen wird (Siegprämie: 1,3 Millionen Dollar), könnte den Preis des Pferdes in »astronomische Höhen« treiben, glaubt Edward Bowen, Chefredakteur des Fachmagazins The Blood-Horse. Als Deckhengst nämlich sei das Edeltier womöglich »nur noch von ganz wenigen Leuten zu bezahlen«.

Hengste, die in Kentucky, im englischen Derby in Epsom oder beim Pariser Prix de l''Arc de Triomphe triumphieren, haben meist keine Zukunft mehr auf der Rennbahn. Nach fünf, vielleicht zehn Siegen werden sie zurückgezogen - denn nicht mit den Siegprämien machen ihre Besitzer das große Geld, sondern mit dem Samen der Tiere.

Die Pferdezucht ist vor allem in den USA ein »gewaltiges Geschäft«, bestätigt Russell Jones, Präsident der Thoroughbred Owners and Breeders Association, »meist eine weitaus weniger riskante Investition als etwa die Suche nach Öl« - nicht immer sprudelt der schwarze Stoff aus dem Bohrloch, Hengste aber wollen immer.

Für den teuersten deutschen Zuchthengst Acatenango kassiert der Kaffeeröster Walther Johann Jacobs rund 30 000 Mark Decktaxe - ein Niedrigpreis im Vergleich zu den US-Hengststars wie Seattle Slew, Danzig, Mr. Prospector, Alydar oder Nureyev, die für weniger als 200 000 Dollar pro Sprung nicht zu buchen sind, falls überhaupt.

Legendäre Hengste wie Northern Dancer, 29, der derzeit sein Gnadenbrot auf einer Koppel im US-Bundesstaat Maryland frißt, schafften ihren Besitzern in der Deckhalle mehrere hundert Millionen Dollar zusammen. Als im vergangenen Jahr die letzten Northern-Dancer-Söhne versteigert wurden, erwarb der japanische Züchter Zenya Yoshida einen Jährling, der noch nie einen Sattel auf dem Rücken gespürt hatte, für 2,8 Millionen Dollar.

1970 brachte der Platin- und Goldhändler Charles Engelhard, der seinem Freund, dem Autor Ian Fleming, für einen James-Bond-Roman als »Goldfinger« Modell stand, seinen Hengst Nijinsky in ein sogenanntes Syndikat ein, das sich traditionell aus zumeist 40 Anteilseignern zusammensetzt. Jeder der Teilhaber zahlte 170 000 Dollar pro Hengst-Aktie.

Inzwischen, nach zwei Jahrzehnten Einsatz in der Deckhalle, hat Nijinsky zwar ein wenig von seiner Manneskraft verloren, nicht aber an Wert: Seine Decktaxe beträgt 150 000 Dollar. Vollblüter wie Nijinsky, so Terence Collier vom Auktionshaus Fasig-Tipton, sind »wahre Geldmaschinen«. In der Saison, die von Februar bis Juli dauert, treten diese Hengste nämlich bis zu 100mal zum Deckakt an.

Edle Artgenossen wie Sadler''s Wells oder Dancing Brave, den der Saudi-Prinz Chalid Abdullah einem Syndikat für 15 Millionen Pfund überließ, stehen zwar auch auf irischen oder englischen Gestüten. Die Mehrheit der Branchenstars aber ist in Kentucky aktiv. Allein auf den Farmen nahe Lexington stehen mehr Hengste, als in der Bundesrepublik insgesamt lizenziert sind (111).

Unendlich erstrecken sich die kurzgeschorenen Koppeln, deren sattes Grün von weißen Holzzäunen eingerahmt wird. Auf der Calumet Farm, deren Gründer mit dem Verkauf einer gleichnamigen Backpulver-Firma die Gestütsfundamente setzte, sind sechs Maler ununterbrochen damit beschäftigt, die Bretter und Balken weiß zu halten. Wenn sie nach zweijähriger Tätigkeit auch den 40. Kilometer frisch gestrichen haben, beginnen sie wieder von vorn.

Die Böden der Stallungen sind mit fünf Zentimeter dickem, rot lackiertem Gummi belegt, damit sich die wertvollen Hengste nicht verletzen. Für rekonvaleszierende Pferde wurde ein Hallenbad sowie ein Becken für Unterwassermassage gebaut.

Auf der Lane''s End Farm sind die Räumlichkeiten der 18 Hengste in Eiche und Mahagoni ausgeschlagen. Besitzer Will Farish III, 50, dokumentiert seine Freundschaft zu US-Präsident George Bush, dessen Vermögen er treuhänderisch verwaltet, solange der Republikaner im Weißen Haus amtiert, mit einem Foto in seinem Büro: Bush und Außenminister James Baker in der Diskussion mit den Sowjetkollegen Gorbatschow und Schewardnadse.

Ein anderes Bild steht für die Beziehungen, die Farish international pflegt: Queen Elizabeth II. zu Besuch auf Lane''s End. Im Gestüt des Texaners weilen zwei der königlichen Stuten, die von edlen Amerikanern gedeckt werden - kostenlos versteht sich, eben weil es königliche Rösser sind, die dem Züchter Prestige verheißen.

Farish, dessen Großvater mit Öl die Fundamente des Familienvermögens schuf, spielte Polo in einem Team mit Prinz Charles, bevor Rennstallbesitzer Paul Mellon, einer der reichsten Männer Amerikas, seiner Freundin, der Königin, Farish empfahl: »Der versteht was vom Geschäft.«

Vor allem ist er einer der besten Kuppler im Business - er entscheidet für Hengstsyndikate oder Eigner wie Dorothy Scharbauer, deren Alysheba (Gewinnsumme: 6,7 Millionen Dollar) auf Lane''s End steht, welche und wie viele Stuten dem Hengst zugeführt werden.

Für seine Dienste erhält der Gestütschef vier Deckrechte jährlich. Alysheba kostet derzeit 75 000 Dollar pro Sprung, ein angemessenes Honorar also für Farish, der der texanischen Hengstbesitzerin im letzten Jahr vier Millionen Dollar verdienen half.

Frühestens nach zwei, meist jedoch erst nach drei Jahren, wenn der Nachwuchs auf der Rennbahn gefordert wird, läßt sich erkennen, ob Alysheba tatsächlich ein wertvoller Vererber ist. Bis zu dem Zeitpunkt aber hat die Besitzerin bereits rund zwölf Millionen Dollar kassiert.

Laufen die Alysheba-Kinder vorne mit, siegen sie gar bei Klassikern, »beginnt Phase zwei«, so Farish, »die Decktaxe wird um das Doppelte oder Dreifache steigen«. Versagt allerdings der Nachwuchs, »geht die Decktaxe in den Keller«, bis zu jener Stunde der Wahrheit aber hat die Besitzerin bereits annähernd 20 Millionen Dollar mit ihrem Hengst eingenommen.

Kentucky, davon ist Farish absolut überzeugt, ist »das Königreich der Pferde - hier und nirgendwo anders«. Die Wiesen, von Hundertschaften motorisierter Rasenmäher stets kurzgeschoren wie der Rasen des Centre Courts von Wimbledon, gelten als phosphor- und kalziumhaltig und deshalb besonders ergiebig für den Knochenbau der Vierbeiner.

Über die Hauptstraße von Paris (Kentucky) haben die Bewohner ein Spruchband gespannt: »Vollblüter-Hauptstadt der Welt«. Das nahe Auktionshaus Keeneland setzte im letzten Jahr allein 5772 Pferde im Wert von mehr als 370 Millionen Dollar ab. Die Banken in Kentucky akzeptieren Galopper als Sicherheit für Kredite, selbst im Leasing werden Rennpferde angeboten.

Nicht Michael Jackson oder Madonna sind die Kultfiguren dieser Region, sondern Hengste. Im Kentucky Horse Park haben die Bürger dem »berühmtesten Rennpferd und größten Geldgewinner seiner Zeit«, dem Hengst Man o'' War, sogar ein überlebensgroßes Denkmal gesetzt.

Das Gestüt Spendthrift gab der Bildhauerin Liza Todd, einer Tochter der Hollywood-Schauspielerin Elizabeth Taylor, den Auftrag, den Edelhengst Nashua (1952 bis 1982) und dessen Stallburschen Clem Brooks in Bronze zu gießen. Nachdem der legendäre Hengst Secretariat im letzten Oktober wegen einer zur Erlahmung führenden Huflederhaut-Entzündung im Gestüt Claiborne eingeschläfert werden mußte, wurden von ihm nicht allein, wie bei wertvollen Galoppern üblich, Kopf, Herz und Hufe begraben - die Symbole für Schönheit, Temperament und Schnelligkeit -, sondern seine gesamten elf Zentner. Königin Elizabeth von England, die Kentuckys Gestüte in den letzten sechs Jahren dreimal besuchte, ließ sich an die grauen Grabsteine in Claiborne führen.

Einen Heldenfriedhof für Hengste legte auch die Calumet Farm an. Großzügige Blumenbeete umgeben die Grabsteine der gefallenen Galopper. Da ruhen Citation (1948), der erste Hengst, der auf der Rennbahn mehr als eine Million Dollar an Preisgeldern zusammengaloppierte, oder Tim Tam, der sich bei einem Rennen in New York auf den letzten Metern ein Bein brach und gleichwohl weiterstolperte bis ins Ziel - dreibeinig wurde er Zweiter.

An den Laderampen vor den zwei Deckhallen des Gestüts Gainesway stehen mehrere Pferdetransporter der Firma Sallee. Ihre Ladung: rossige Stuten. In einer Art Autowaschanlage werden sie abgespritzt und für den Deckakt gesäubert. Es folgt der erste Kontakt mit einem Hengst, der seinen Schädel durch eine Luke schiebt und die Stute beschnuppert.

Er ist ein »Teaser«, ein Anmacher. Der Probierhengst wird Stuten zugeführt, die erstmals den Atem eines Kerls im Nacken spüren, oder auch jenen, die beim Sprung zunächst ausschlagen und bocken.

Der Teaser wird zum Vorspiel eingesetzt - aufsteigen, wiehern, wegtreten. Sein Penis, den die Branche treffend auch Schlauch nennt, ist mit einer Schürze abgedeckt, und wenn''s nicht reicht, »dann biegen wir das Rohr einfach weg«, sagt Hengstmeister Marion Gross, 50, der seit einem Vierteljahrhundert im Gestüt Gainesway »im wahrsten Sinne des Wortes Hand anlegt«.

Denn wenn ein Hengst zu stürmisch vorgeht und das Ziel nicht findet, greifen Gross oder einer seiner Kollegen zu und führen den Schlauch in die Tiefe der Stute wie Kranführer im Hamburger Hafen Stückgut in die Ladeluke.

»Um 50 000mal«, schätzt Gross, hat er wohl den Hengsten Beistand geleistet. Seine Frau hat ihm bei der Arbeit noch nie zugesehen. Er versteht das: »Romantisch ist es ja wirklich nicht«, wenn der Hengst seine elf Zentner auf den Rücken der Stute prallen läßt und sich in der Lederschürze festbeißt, die Gross'' Helfer der Stute zum Schutz um den Nacken gelegt haben. Zwei Mann stemmen sich gegen die Hinterhand, damit der Hengst seine Pflichten nicht vorzeitig unterbricht. Sobald der Hengst mit dem Schweif wippt, ist es das Zeichen für seine Paarungspartner, »daß er seine Freude hatte« (Gross).

Ein Helfer eilt mit einem Plastikbecher heran, mit dem er das vom Schlauch tropfende Sperma auffängt. Ein Veterinär wird es sogleich unter seinem Mikroskop begutachten. Ein weiterer Gross-Assistent hat den Penis fest im Griff. Er versucht das Abschwellen des Glieds zu verhindern, bis die Hautpartie mit einer Desinfektionslösung gewaschen wurde - nach etwa fünf Minuten ist der gesamte Deckakt beendet.

Auf dem Gainesway-Gestüt oder auf der Calumet Farm wird jeder Vollzug als Beweis, daß die Paarung mit dem gebuchten Hengst tatsächlich stattgefunden hat, auf Video dokumentiert.

Gross, dem 38 Hengste anvertraut sind, ist »toll stolz« auf seine Trefferrate: »85,6 Prozent Schwangerschaften«. Potenz ist in der Branche »das Salz in der Suppe«, weiß Stallbursche Tom Wade, 31, der Seattle Slew im Gestüt Three Chimneys betreut. »Sex und Geld, das ist unsere Welt.«

Im Gegensatz zur Traber- oder Warmblutzucht ist die künstliche Besamung bei Vollblütern, den Galoppern also, verboten. Stars wie Seattle Slew treten rund 60mal pro Saison zum sogenannten Natursprung an. Einmal im Monat stellt ihn der Tierarzt auf die Waage, mehrmals im Jahr wird sein kostbares Gut, sein Sperma, untersucht, das Stutenbesitzern pro Einsatz 200 000 Dollar wert ist. Jeden Morgen treibt eine leichtgewichtige Reiterin den Hengst drei Meilen zum Morgengalopp, damit, so Wade, »sein Herz stark und der Kopf frei bleibt«.

In den ersten Wochen nach dem Ende der Decksaison leidet Seattle Slew an Entzugserscheinungen, er reagiert nervös und gereizt, »wie ein Mann, der nach der plötzlichen Trennung von seiner Geliebten in die Kissen beißen muß« (Wade).

Seattle Slew überwindet jedoch die Entzugserscheinungen, weil er den Rhythmus kennt. Immerhin schafft er seit elf Jahren in der Deckhalle für seine Halter an. Der Hengst ahnt: Im September geht es wieder mit Gebrüll auf die Stuten - jenen, die vom südlichen Teil der Erdkugel einfliegen, aus Australien oder Südafrika.

Den Eignern dieser Stuten ist das Beste gerade gut genug. »Breed with the best and hope for the best« ist ihr Motto, seit die Briten zwischen 1689 und 1730 drei arabische Hengste auf die Insel brachten und mit einheimischen Stuten paarten.

Der Aga Khan, vier Söhne des ölumschwemmten Herrschers des Wüstenemirats Dubai, Griechenreeder Stavros Niarchos, der Saudi-Prinz Chalid Abdullah oder US-Bankiers wie Paul Mellon und die Ogden-Phipps-Familie besitzen Anteile gleich an mehreren Edelhengsten. Ihnen bleibt die Wahl: Sie können für jede Aktie mindestens einmal im Jahr eine ihrer Stuten decken lassen oder ihren Anteil an einen anderen Züchter verkaufen.

Nur knapp 100 »big players«, zählt Collier, können in diesem Geschäft ernsthaft mithalten. Allen Paulson ist einer von ihnen. Der Vorstandsvorsitzende des Flugzeugherstellers Gulfstream Aerospace legte in den letzten fünf Jahren mehr als 100 Millionen Dollar für Galopper an.

Vor sechs Jahren noch, erinnert sich Galopphistoriker und Autor ("Run for the Roses") Jim Bolus, glaubte sich die gesamte Zunft »unversehens auf einem anderen Planeten« - für viele Züchter schien die Welt wie ein Schlaraffenland. Die durchschnittlichen Jährlingspreise stiegen etwa bei Fasig-Tipton-Auktionen von 160 000 Dollar (1980) auf 450 000 Dollar (1984). Die Decktaxe für Hengste wie Bold Ruler wurde mit einer Million Dollar gehandelt. Eine Aktie an einem anderen Hengst wechselte für 1,5 Millionen den Besitzer. Mit anderen Worten: Der Buchwert dieses Pferdes kletterte auf 60 Millionen Dollar.

Ein Jahr nach der Euphorie jedoch erinnerte die Rennszene das Wirtschaftsblatt Economist an »Wall Street 1929«. Die Preise, so der Historiker Bolus, waren zu »abstrakten Werten« geworden und »nur noch von jenen zu bezahlen, die nicht wissen, wie Geldscheine eigentlich aussehen«. Gleichzeitig hatten die Konservativen um Ronald Reagan die günstigen Abschreibungsmöglichkeiten für Gestüts- und Rennstallbesitzer drastisch reduziert - vor den weißen Holzzäunen von Kentucky mehrten sich die Schilder: For sale. Diesmal wurden nicht Hengste, sondern Gestüte verkauft.

Zwar erwarben die Söhne des Emirs von Dubai noch im letzten Jahr 13 der 21 für mehr als eine Million Dollar versteigerten Jährlinge, aber die Boxen in ihren Gestüten sind gefüllt mit edlen Rössern. Sie suchen, weiß Auktionator Collier, »nur noch nach außerordentlichen Produkten«. Folglich ist nun der »absolute Wahnsinn« vorüber, erkannte Züchter Farish, der Markt sei wieder pragmatischer geworden: »Die Träumer, die Ahnungslosen sind raus.«

Sie hatten offenbar übersehen, daß die Anlage im Pferdegeschäft eine »der nervenaufreibendsten überhaupt« ist, wie das Wirtschaftsmagazin Fortune urteilte. Ein falscher Schritt des edlen Vierbeiners, ein komplizierter Bruch, und die 20 oder 40 Millionen, die auf der Wiese stehen, enden unter der Spritze eines Tierarztes. _(* Oben links: beim englischen Derby in ) _(Epsom; unten: beim Besuch des Gestüts ) _(Lane''s End. )

Swale, ein Sohn von Seattle Slew, siegte 1984 im Kentucky Derby. 43 Tage später, nach einem leichten Morgengalopp, brach der Dreijährige im Stall zusammen. Die Veterinäre, die ihn sofort obduzierten, konnten keine sichere Diagnose stellen. Ihre Vermutung: Herzrhythmus-Störungen.

Blushing Groom, 16 (Decktaxe: 200 000 Dollar), verlor wegen eines Krebsleidens 1988 einen seiner Hoden und ist wegen der Erkrankung in der Zucht nur noch begrenzt einsatzfähig. Gegen Tod oder Unfruchtbarkeit können Besitzer ihre Tiere zwar versichern (5,25 bis 7,25 Prozent vom Buchwert), doch niemand garantiert, daß eine illustre Ahnentafel auch zum Triumph auf der Rennbahn oder in der Deckhalle führt.

Der Nijinsky-Nachkomme Seattle Dancer wurde vor fünf Jahren von Robert Sangster und seinem Partner Stavros Niarchos für 13,1 Millionen Dollar ersteigert. Nachdem der Hengst in fünf Rennen lediglich zweimal gesiegt hatte (Gewinnsumme: 189 068 Dollar), wurde er zurückgezogen. Seine Zukunft als Deckhengst? Ungewiß. 10,2 Millionen Dollar war dem Scheich Mohammed von Dubai 1983 ein Jährling wert. Snaafi Dancer startete nicht bei einem einzigen Rennen. Er grast heute auf einer kanadischen Wiese.

Affirmed kam 1978 als erster bei den klassischen Rennen Preakness, Belmont und dem Kentucky Derby durchs Ziel. Doch die legendäre Rennbahngröße ist vergleichsweise billig zu haben - 40 000 Dollar Decktaxe. Mr. Prospector, einer der begehrtesten Zuchthengste überhaupt, gewann dagegen von 14 Rennen eben 7. Seine Nachfahren freilich galoppierten knapp 40 Millionen Dollar zusammen - für Züchter ein Indiz seiner Vererberpotenz.

Von den Millionen-Hengsten steht nur einer auf den Koppeln von Kentucky unter strenger Bewachung: Nureyev. Auf der Rennbahn galoppierte er bei drei Rennen (zwei Siegen) 42 018 Dollar zusammen. In der Deckhalle ist er »unschlagbar«, behauptet Stallbursche Wayne Reinsmith.

Nureyev galoppiert nicht frei über die Weiden des Gestüts Walmac - Reinsmith führt ihn täglich vier Stunden wie einen Hund an der Leine spazieren. Durch eine bruchsichere Glasscheibe, die die Nureyev-Box vom Aufenthaltsraum der Stallburschen trennt, wird der Hengst rund um die Uhr beobachtet. Der Grund: Im Mai 1987 hatte Nureyev auf der Nachbarkoppel einen vermeintlichen Rivalen, einen anderen Hengst eben, ausgemacht und versucht, diesen zu treten.

Statt des Rivalen traf er die Umzäunung, renkte sich das Fußwurzelgelenk der rechten Hinterhand aus, die Bänder rissen. Seine Genesungschancen werteten die Tierärzte mit zehn Prozent - für einen Ackergaul wäre es das sichere Ende gewesen.

Nicht für Nureyev, der am Tag des Unfalls Highclere, eine Stute der Queen, decken sollte. Schließlich verdienen seine Eigner (darunter auch Niarchos) täglich etwa eine halbe Million Dollar an seiner Manneskraft. Der von ihm gezeugte Nachwuchs brachte im letzten Jahr auf den Auktionen durchschnittlich 584 091 Dollar pro Jährling.

Also zog der Stallbursche Reinsmith für neun Monate mit dem Gaul in die Klinik. Die Techniker entwickelten Spezialhalterungen, Spezialstützverbände, Spezialtransporter. Im Garten des Hospitals ließen die Nureyev-Besitzer den Stall exakt nachbauen. Nach dem nahezu ein Jahr dauernden Heilungsprozeß startete Nureyev wieder mit seiner Arbeit in der klimatisierten Deckhalle, die allein für ihn reserviert ist.

Vier Schrauben sitzen noch in seiner Hinterhand, doch ein Hengst wie er läßt sich durch die Belastungen nicht den Elan nehmen. »Der könnte zehnmal am Tag«, sagt Wayne Reinsmith nicht ganz ohne Neid. o

* Oben links: beim englischen Derby in Epsom; unten: beim Besuch desGestüts Lane''s End.

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