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BAYERN Das Spenden-Roulette

aus DER SPIEGEL 22/1959

BAYERN

Der Ritter Alois Hundhammer vom Heiligen Grabe wird sich möglicherweise demnächst vor einem parteiinternen CSU -Gericht zu verantworten haben - so jedenfalls projektieren es still und heimlich etliche bayrische Christsoziale, die den Doppeldoktor und derzeitigen bayrischen Landwirtschaftsminister nie recht leiden mochten. Die Anklage soll lauten: Entgegennahmne von Spielbankgeldern.

Zwar sind sich die Hundhammer-Feinde allesamt darüber einig, daß sieh hier eine geradezu märchenhafte Chance böte, den gefürchteten steinernen Tugendwächter der CSU ziemlich mühelos vom Podest zu kippen; über den Zeitpunkt aber, an dem ein solcher Schauprozeß möglichst wirksam über die christsoziale Bühne rollen könnte, herrscht noch Unklarheit. Die Frage lautet: vor oder nach der Verhandlung gegen Baumgartner und Freisehner?

Joseph Baumgartner, ehemals stellvertender Ministerpräsident Bayerns, über zwölf Jahre ungebrochener Turm bayrischer Lokalbelange, hat den Vorsitz in seiner Bayernpartei bereits abtreten müssen, weil es der Staatsanwaltschaft gelungen ist, seine Abgeordneten-Immunität aufheben zu lassen. Er ist dem undurchsichtigen Dschungel von Geld, Politik und Eidesleistung zum Opfer gefallen, in dem er sich so traumhaft sicher bewegte, daß er sogar den unfreiwillig von ihm initiierten SPIEGEL-Ausschuß der Jahre 1950/51 ungerupft und mit neuen Lorbeeren überstehen durfte.

Wie wenig die seinerzeitige »Selbstreinigung des Parlaments« an den Praktiken politischer Finanzierung zu ändern vermochte, wird an jenen Vorgängen deutlich, denen Baumgartner es verdankt, daß nun er wegen Meineids auf der Anklagebank sitzen wird - neben dem Kaufmann Karl Freisehner, der ihn und einige weitere Bayernparteiler durch eine Selbstanzeige dem Zugriff der Staatsanwaltschaft ausgeliefert hat.

Die Bekanntschaft und die Schicksalsverbundenheit zwischen Dr. Joseph Baumgartner und dem gelernten Metzger Freisehner rührt aus der Zeit, da der Baumgartner-Pepperl den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erklomm: Im Dezember 1954 koalierte BP-Baumgartner verwegen mit SPD, FDP und BHE; die Christlich-Soziale Union wurde auf die Oppositionsbänke abgedrängt, und Baumgartner avancierte zum stellvertretenden Ministerpräsidenten. Kaum war die Anti -CSU-Regierung perfekt, da verkündete die Bayernpartei als eines ihrer wichtigsten Anliegen: In die Bäder der angestammten Heimat gehörten einige Spielbanken.

Dieser Einfall war jedoch keine Original-Idee der BP; als geistiger Vater des Plans, Bayern mit Roulette-Casinos zu überziehen, zeichnete der Ex-Fleischer und Export- und Import-Kaufmann Karl Freisehner, der schon in den Vorjahren mehrfach versucht hatte, über Landtagsabgeordnete verschiedener Fraktionen die Einführung von Spielbanken in Bayern durchzusetzen. Entsprechende Anträge scheiterten jedoch stets an der christlichen Abneigung der CSU gegen solche Institute.

Die CSU stimmte denn auch 1955 dagegen, diesmal allerdings erfolglos, denn die Koalitionspartner der BP zeigten sich den Spielbank-Wünschen der Bayernpartei geneigt. Schon ein halbes Jahr nach der Regierungsbildung konnte deshalb der BP -Innenminister Dr. August Geislhöringer die Gemeinden Bad Kissingen, Bad Reichenhall und Garmisch-Partenkirchen auffordern, eine Auswahl unter den Bewerbern um Spielbankkonzessionen zu treffen und seiner Behörde entsprechende Vorschläge zu unterbreiten.

Schön damals war die heftige Aktivität einiger Bayernparteiler zugunsten der Spielbanken, so aufgefallen, daß ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß die Frage überprüfen mußte, »ob bei der Errichtung der drei bayerischen Spielbanken und,der Konzessionserteilung Fehler, Unkorrektheiten oder gar Korruption vorgekommen ist«. Freisehner und etliche Bayernparteiler beschworen unverdrossen, im Zusammenhang mit der Spielbank -Konzessionierung weder Geld gezahlt noch Geld erhalten zu haben, und kaum hatte der Ausschuß seine Arbeit beendet, da genehmigte Innenminister Geislhöringer die vierte Spielbank in Bad Wiessee.

Spielbank-Pionier Freisehner war freilich an keinem der vier Roulette-Institute beteiligt, worüber sich jedoch nur diejenigen wunderten, denen verborgen geblieben war, daß Freisehners Tochter Inge mit dem Dentisten Dieter Wolf verehelicht ist, der wiederum zu den Gesellschaftern der Spielbanken in Wiessee und Reichenhall zählte.

Die Spielbank-Beteiligung dieses Dieter Wolf ging allerdings ständig zurück:

Schwiegervater Freisehner war emsig damit beschäftigt, Wolfens Anteile zu verkaufen. Angesichts der fetten Gewinne, die Spielbanken abwerfen, kamen aus allen Teilen der Bundesrepublik finanzkräftige Persönlichkeiten nach München, um mit Karl Freisehner über Beteiligungen zu verhandeln. Dabei verlangte Freisehner keineswegs, wie bayrische Zeitungen ihn verdächtigen, Überpreise.

Erläutert Freisehner: »Wenn ich Anteile teurer verkauft hätte, als sich ihr Nominalwert belief, hätte ich den Gewinn versteuern müssen. Ich sage Ihnen, Steuern zahle ich sehr ungern, und meine (Export - und Import-Firma) Cosmos arbeitet auch meistens mit Verlust. Mit Finanzbeamten möchte ich möglichst wenig zu tun haben.«

Die Finanzbeamten interessierten sich abgör sehr für ihn. Ende 1955 drangen sie, sechs Mann hoch, in die Freisehner-Villa ein, um den privaten Schreibtisch des Kaufmanns nach Spielbankdokumenten zu durchwühlen. Dabei fanden sie ohne große geistige Anstrengung heraus, wie Freisehner Profit aus den Spielbanken zog.

Die Steuerfahnder hatten zunächst wissen wollen, wovon denn Freisehner, dessen »Cosmos«-Buchhaltung seit Jahren mit Verlust abschloß, eigentlich lebe. Die Antwort: »Ich habe so Freunde, die leihen mir ab und zu etwas.«

Die Freunde erwiesen sich als personengleich mit jenen sozial gehobenen Persönlichkeiten, die dem Freisehner Schwiegersohn-Anteile an bayrischen Spielbanken abgekauft hatten. Sie zahlten tatsächlich nur den Nominalwert, gleichzeitig aber liehen sie dem Freisehner Summen, die in der Regel das Doppelte des Nominalwerts ausmachten.

Die Darlehen waren

- unkündbar,

- zinslos und

- liefen über 50 Jahre.

Freisehner: »Als die Steuerfahnder mich danach fragten, habe ich ihnen natürlich erklärt, ich würde die Darlehen nach 50 Jahren zurückzahlen, das sei selbstverständlich. Ich bleibe doch nichts schuldig, niemandem. Aber die wurden richtig ausfallend und behaupteten, es handele sich um getarntes Einkommen.«

Karl Freisehner, der auch später dabei blieb, er würde seine Schulden in 50 Jahren begleichen, zählte damals 54 Lenze. Die Steuerfahndung leitete ein Verfahren gegen ihn ein, das bis heute nicht abgeschlossen ist. Freisehner: »Ich gehe bis zum Bundesverfassungsgericht.«

Just dem damaligen Präsidenten dieses hohen Gerichts schreibt Karl Freisehner den Gedanken zu, in Bayern Spielbanken zu gründen, zu dem der hohe Richter durch den Anblick der Atelier-Räume inspiriert worden sei, die der »Führer« dem Mammut-Steinklopfer Thorak im bayrischen Baldham hatte errichten lassen.

In diesem Atelier unterhielt Kaufmann Freisehner in kargen Kriegszeiten ein wohlassortiertes Lager seltener Lebensmittel, aus dem er auch den Amtsrichter Dr. Wintrich im benachbarten Ebersberg belieferte. Bei solcher Gelegenheit, so erzählt Freisehner, habe Wintrich eines Tages sinniert, diese Stätte - das Thorak -Atelier - eigne sich hervorragend für ein Roulette-Casino.

Die Bekanntschaft zwischen diesen beiden so ungleichen Menschen riß auch nicht ab, als Wintrich zu hohen Würden gelangt war, und Freisehner rühmte sich später oft, Spielbank-Gutachten des bedeutenden Juristen vorlegen zu können, die sich mit seiner, Freisehners, Auffassung von der schwierigen Materie vollkommen deckten

Zwar gelang es Freisehner nicht, eigene Spielbank-Anteile zu ergattern - Versuche in dieser Richtung scheiterten an dem für ihn ärgerlichen Umstand, daß er geringfügig vorbestraft ist -, aber trotz dieser Behinderung konnte er sich über die Auswirkungen der Spielbank-Genehmigung auf die eigene Schatulle nicht beklagen. Nach Schätzung Kundiger erbrachte ihm der Verkauf von Wolfs Anteilen an Reichenhall und Wiessee einen

- wenn auch größtenteils als Darlehen deklarierten - Gewinn von rund anderthalb Millionen Mark, zu denen sich noch Nebeneinkünfte geringeren Umfangs gesellten, wie beispielsweise eine »Ablösung« des Dentisten Dieter Wolf von dem Posten eines »Direktors« der Spielbank Wiessee.

Wolfs Direktorenvertrag lief - mit einem Monatsgehalt von 3000 Mark -

über zehn Jahre. Nach zwei Jahren zog

sich der Dentist aus dieser Tätigkeit zurück, nicht ohne daß ihm sein Vertrag voll ausbezahlt wurde. Gesamtsumme: weit über eine Viertelmillion.

Am 16. Januar 1959 verkaufte Freisehner die letzten Anteile des Casinos Bad Wiessee, über die er noch verfügte, zu einem Kurs von 300 Prozent an den Salzburger Musik-Professor Kurt Leimer, um anschließend, wie er diskret verlautbarte, dem Roulette-Geschäft den Rücken zu kehren und in Wien einen Hemden- und Krawattenladen zu eröffnen. Zehn Tage später, am 26. Januar, erstattete er bei der Staatsanwaltschaft München I Selbstanzeige wegen Meineids vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß.

Er habe, so berichtete Freisehner der Staatsanwaltschaft, entgegen seinem damaligen Schwur vor dem Untersuchungsausschuß sehr wohl Mitglieder der Bayernpartei finanziell unterstützt, und zwar ausdrücklich im Zusammenhang mit der Errichtung von Spielbanken in Bayern.

Ganz so überraschend, wie es der Öffentlichkeit erscheinen mochte, war Freisehners Selbstanzeige allerdings nicht. Bereits im November vergangenen Jahres hatten CSU-Mitglieder höheren Standes, beispielsweise Ministerpräsident Seidel und Landtagspräsident Ehard davon gewußt, daß Freisehner sich selbst und damit auch andere Personen des Meineids bezichtigen werde.

Da diese anderen Personen der Bayernpartei angehörten, sah die CSU-Spitze keine unmittelbare Gefahr. Freisehner konnte in Ruhe sein letztes Geschäft mit Leimer (Reinverdienst rund 300 000 Mark) abwickeln und das Geld ins Ausland verbringen. Was freilich den Freisehner veranlaßte, die Erträge des so schön beendeten Spielbank-Geschäfts anschließend durch seine Selbstanzeige aufs Spiel zu setzen, ist bis heute unaufgeklärt, sofern man nicht annehmen will, daß er auf Hilfe der CSU gegen den Steuerfiskus hofft, der drauf und dran ist, ihm die Spielbank-Gewinne wieder abzujagen.

Wie dem auch sein mag, Karl Freisehner ("Mich trieb nichts anderes als mein Gewissen") legte jedenfalls der Staatsanwaltschaft fünf Photokopien von Quittungen vor. Auf zweien davon bestätigte ein Max Klotz, von 1954 bis 1958 BP-Abgeordneter des Bayrischen Landtags, insgesamt 24 000 Mark empfangen zu haben.

Klotz war seinerzeit lange vom Spielbankenausschuß vernommen worden; die Emsigkeit dieses Volksvertreters in Sachen Roulette war selbst seinen Fraktionskollegen unheimlich gewesen. Im November 1955 wußte der »Münchner Merkur«,

Klotz habe seinem Parteifreund Geislhöringer, Innenminister und Schatzmeister der BP, auf der Toilette eines Vorstadtlokals ein Sparkassenbuch mit einer Einlage von 10 000 Mark in die Rocktasche geschoben.

Geislhöringer ("An dem Abend hatte i a weng z'vui g'trunka") gab dem Klotz das Buch am nächsten Tage unter Redensarten wie »Damit wui i fei nix z'tean hab'n« wieder zurück, und trotz intensiver Anstrengungen vermochte der Untersuchungsausschuß aus Klotz nicht herauszubekommen, woher die 10 000 Mark stammten. Der Abgeordnete beschwor grimmig, nie Geld aus Spielbankkreisen erhalten zu haben; die Herkunft der Einlage des Sparkassenbuchs sei »Parteigeheimnis«.

Aufgrund der Freisehnerschen Selbstanzeige wurde Klotz, seit November nicht mehr Volksvertreter, kurzerhand verhaftet. Als Untersuchungsgefangener legte sich der Ex-Parlamentarier hurtig eine seiner Ansicht nach sichere Verteidigungstaktik zurecht: Wohl habe er, erklärte Klotz bei seinen Vernehmungen, derartige Quittungen an Freisehner gegeben, nichtsdestoweniger aber keinen Pfennig erhalten. Freisehner habe nämlich die Quittungen benötigt, um das für Klotz bestimmte Geld überhaupt zu beschaffen; eingetroffen sei es bei ihm nie.

Um den Klotz des Meineids zu überführen, ist die Staatsanwaltschaft allerdings nicht auf Freisehners Aussage angewiesen; bei ihren Ermittlungen entdeckte sie, daß Max Klotz auch von anderen Spielbank-Interessenten Gelder für seinen privaten Bedarf entgegengenommen hat.

Mit welcher Aktivität sich der Abgeordnete Klotz damals der Spielbankbelange angenommen hat, geht aus einem Schreiben hervor, das er am 3. Mai 1955, wenige Wochen vor der Quittierung der 24 000 Mark, an Freisehner richtete, das beide jedoch sowohl dem Untersuchungsausschuß wie auch der Staatsanwaltschaft vorenthalten haben.

Schrieb Klotz: »Wie uns bekannt wurde, soll Herr Heidtmann (Hauptgesellschafter der Spielbank Bad Homburg) ... über Sie (Freisehner) bei der Spielbank Bad Reichenhall wesentlich beteiligt sein. Ohne Sie, sehr geehrter Herr Freisehner, in irgendeiner Form bei Ihren Abmachungen und Vereinbarungen beeinflussen zu wollen, möchten wir Sie doch darüber informieren, daß uns eine so starke Inanspruchnahme außerbayerischer Finanzkreise bei der Errichtung von Spielbanken in Bayern bedenklich erscheint...

»Sollte Herr Heidtmann am Spielbankbetrieb Bad Reichenhall von Ihnen dennoch beteiligt werden, wäre ein Einspruch unserer Parteifreunde bei dem Herrn Staatsminister des Innern sowie ein Veto des Finanzministeriums wahrscheinlich. Sie werden verstehen, daß sich dieser Einspruch leider dann auch gegen Sie persönlich richten würde... Mit vorzüglicher Hochachtung! gez. M. Klotz, MdL«. Das alles auf einem Briefbogen des Bayrischen Landtags.

Diese Wahrung bajuwarischer Belange hinderte den Max Klotz allerdings nicht

daran, Ende 1955 Geld von einem Kölner Spielbankbewerber entgegenzunehmen.

Die drei anderen Quittungs-Photokopien, die Selbstbezichtiger Freisehner der Staatsanwaltschaft übergab, trugen einen prominenteren Namen - den des langjährigen Ministers Dr. Joseph Baumgartner. Der Pepperl bestätigte, am 11. Juli 1953 700 Mark, am 2. Oktober 1954 1000 Mark und am 2. November 1954 1200 Mark empfangen zu haben.

Freilich war die Bayernpartei erst im Dezember 1954 in die Regierung gekommen, und der Nachweis, diese über einen Zeitraum von fast eineinhalb Jahren geleisteten 2900 Mark seien Honorare in Sachen Spielbanken gewesen, hätte Freisehner schwerfallen müssen, wenn nicht auf der 1000-Mark-Quittung der Vermerk

»i.S. Heidtmann« gestanden hätte.

Reagierte Baumgartner prompt: »Das ist nicht von meiner Hand und auf jeden Fall hinterher eingesetzt worden.« Freisehner:

»Ich habe an der Quittung nachträglich nichts geändert«; das Original könne er sofort beibringen. Dazu forderte ihn die Staatsanwaltschaft auch auf, doch überhörte Freisehner diese Aufforderung geflissentlich. Schließlich wurde ihm energisch bedeutet, bei seiner nächsten Vernehmung - am 5. Februar - wünsche die Staatsanwaltschaft das Dokument in natura zu sehen.

Freisehner erschien pünktlich - ohne Quittung. Danach befragt, erklärte er, das Original sei weg: »Vielleicht habe ich es versehentlich liegenlassen, als es photokopiert wurde. Wenn Sie darauf bestehen, werde ich es jetzt holen.« Wo er denn die Photokopien habe anfertigen lassen? »In Salzburg.« Die Staatsanwaltschaft hielt wenig von einer derartigen Auslandsreise; sie nahm den Selbstanzeiger sofort fest und erwirkte einen Haftbefehl.

Dem Baumgartner wirft sie nun vor, die 2900 Mark hätten »für ihn erkennbar« mit den Spielbankinteressen Freisehners in Zusammenhang gestanden; auch habe er dem Ausschuß seine »ausgesprochen freundschaftlichen Beziehungen« zu Freisehner zwischen 1946 und 1955 verschwiegen. Die Anklage: ein Verbrechen des Meineids.

Während die Anklage bei Klotz auf soliden, bei Baumgartner dagegen auf etwas schwächlichen Füßen steht, ist es der ehemalige Innenminister Geislhöringer, gegen den der Meineidsvorwurf am klarsten, der Erfolg in Form einer Verurteilung jedoch am unsichersten ist. August Geislhöringer hatte unter Eid ausgesagt, daß ihm zu einem bestimmten Termin keine ungünstige Auskunft über einen Spielbankbewerber vorgelegen habe.

Inzwischen besteht jedoch kaum ein Zweifel mehr daran, daß jene ungünstige Auskunft, deren Existenz der Innenminister unter Eid bestritt, dem August Geislhöringer sehr wohl, und zwar mehrfach, zuteil geworden war, zuletzt ein halbes Jahr vor seiner eidlichen Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuß. Geislhöringer heute schlicht: »Zum Zeitpunkt meiner Vernehmung war nicht das geringste darüber in meinem Gedächtnis.« Diese Bekundung ist möglicherweise nicht zweifelsfrei zu widerlegen, denn Bayerns Innenminister war damals bereits weitgehend verkalkt, weshalb die Staatsanwaltschaft heute Sorge hat, er könnte ihr durch die Lappen gehen.

Einen anderen Meineidsverdächtigen hatte sie sich schon einige Zeit vorher entgehen lassen, als der parlamentarische Spielbank -Untersuchungsausschuß noch tagte. Vor diesem Ausschuß hatte der Landtagsabgeordnete Franz Michel beschworen, niemals Briefe mit einem Spielbankinteressenten namens Gustavus gewechselt zu haben -

bei welcher Eidesleistung Michel krampfhaft die Finger seiner linken Hand in Richtung Boden streckte. Auf gut bajuwarisch heißt dieses Verfahren: »Den Eid abblitzen."*

Der bayrische Michel hatte es nötig;

einige Tage später lagen die Briefe, deren Existenz er mit erhobener rechter und gestreckter linker Hand wegzuschwören versucht hatte, dem Ausschuß vor. Doch die Staatsanwaltschaft sah davon ab, den Michel zu verfolgen. Sie billigte ihm ein sehr schlechtes Gedächtnis zu und ersparte dem Abgeordneten, der der CSU angehört, damit den bitteren Weg auf die Anklagebank, den die Bayernparteiler Baumgartner, Klotz und Geislhöringer nun gehen müssen.

Außer den drei prominenten Bayernparteilern wird sich auch Karl Freisehner im Herbst vor der zweiten großen Strafkammer beim Landgericht München I wegen Meineids zu verantworten haben. Dem Selbstanzeiger hat inzwischen ein Gerichtsarzt bescheinigt, er sei voll zurechnungsfähig, wiewohl er sich nach seiner Festnahme redliche Mühe gegeben hatte, unzurechnungsfähig zu wirken.

Dem CSU-Generalsekretär Fritz Zimmermann, der vor Parteifreunden über »Verhandlungen« mit Freisehner berichtete, war sein Gesprächspartner ebenfalls keineswegs ausgefällen vorgekommen. Freisehner hatte schon im Herbst letzten Jahres Verbindungen zur Christlich-Sozialen Union aufgenommen und CSU-Spitzenfunktionäre mit Informationen über seine bevorstehende Selbstanzeige bedient, was den Christsozialen - mittlerweile wieder an der Regierung - durchaus lieb war, bot ihnen doch diese Kenntnis eine bequeme Möglichkeit, Koalitionsofferten der oppositionsmüden Bayernpartei ohne weitere Begründung abzulehnen.

CSU-Ministerpräsident Seidel verriet den BP-Unterhändlern zwar nicht, daß er von der bevorstehenden Selbstanzeige Freisehners bereits wußte, doch klopfte er mit der flachen Hand auf ein Aktenstück, das er ominös »das Spielbankgutachten« nannte, und gab düster zu verstehen, es enthalte Belastungen gegen Joseph Baumgartner - so schwere, daß die Bayernpartei für die Christlich-Soziale Union leider nicht koalitionsfähig sei. Betrübt zogen die BP-Sprecher von dannen, um Baumgartner Bericht zu erstatten. Erst Wochen später erfuhr der Pepperl, worum es sich bei dem Aktenstück gehandelt hatte: Im Auftrag der Staatskanzlei hatte ein Amtsgerichtsrat ein Gutachten erstellt, in dem lediglich verwaltungsrechtliche Erwägungen über die Auslegung des Reichsspielbankgesetzes aus dem Jahre 1933 standen - kein Wort über Baumgartner oder seine Parteifreunde. Entrüstet sich der Pepperl: »Das ist doch wirklich eine Gemeinheit.«

Eine andere Aktion des Ministerpräsidenten Dr. Hanns Seidel ist dem Baumgartner unbekannt geblieben, da sie in größter Heimlichkeit durchgeführt wurde. Kurz vor den Novemberwahlen überwies CSU-Parteichef Seidel dem Münchener Rechtsanwalt Dr. F. J: Berthold 5000 Mark.

Der Dr. Berthold ist dem Ministerpräsideten Seidel wohlbekannt: Der Anwalt unterstützt seit Jahren föderalistische Tendenzen in den bajuwarischen Parteien mit stattlichen Beträgen, die er in Klientenkreisen sammelt. Auch die CSU erhielt im Laufe der Nachkriegszeit einige zehntausend Mark von der Anwaltskanzlei Berthold.

Es traf sich gut, daß von den vier neuerrichteten bayrischen Spielbanken* zwei den Dr. Berthold zu ihrem Rechtsanwalt bestellten, und so liefen in die Parteispenden-Kasse des Berthold auch größere Spenden dieser beiden Casinos ein.

Anfang 1957 schüttete Dr. Berthold wieder einmal aus: zwei Schecks über 5000 Mark an die CSU, davon einen an den Landesvorsitzenden Dr. Seidel, einen an den Bezirksvorsitzenden von Oberbayern, den Ritter Hundhammer vom Heiligen Grabe. Beide

Empfänger bedankten

sich artig beim Spielbankanwalt.

Im November 1958 nun, angesichts der bevorstehenden Selbstanzeige Freisehners, schien es dem Ministerpräsidenten Seidel an der Zeit, sich von dem Verdacht, auch er könne Spielbankgelder entgegengenommen haben, hurtig zu reinigen. Während Seidel den BP-Sprechern klarmachte, es sei ihm unmöglich, mit Leuten zu koalieren, deren Parteifinanzen von Spielbankinteressenten aufgefrischt worden seien, erzählte Freisehner seinen Freunden, der Ministerpräsident werde jetzt - nach anderthalb Jahren - die 5000-Mark -Spende an Dr. Berthold rücküberweisen.

Das geschah auch wirklich, wenige Tage vor den Wahlen. Die Angehörigen des Landesvorstandes der CSU erkundigten sich hintenherum, ob Hundhammer etwa seine 5000 Mark behalten habe, und durften frohlocken: Dr. Alois Hundhammer hat seine 5000-Mark-Parteispende bis heute noch nicht retourniert. Logischerweise wurde der Ritter vom Heiligen Grabe nicht davon verständigt, daß dem CSU-Landesvorsitzenden die Spende zweifelhaft schien.

Parteifreunde, die dem Hundhammer nun einen Strick aus dem Berthold-Scheck drehen wollen, werden allerdings auf eine Schwierigkeit stoßen: Es wird sich schwer beweisen lassen, daß jene 5000 Mark, die Dr. Hundhammer von Dr. Berthold erhielt, von den Spielbanken und nicht etwa von anderen spendenfreudigen Berthold-Klienten stammten.

* Um dieser - in Bayern nicht ehrenrührigen -

Praktik vorzubeugen, verlangen bayrische Richter mitunter, daß bei der Eidesleistung nicht nur die rechte Hand erhoben, sondern auch die linke Hand vorgestreckt wird.

Selbstanzeiger Freisehner

Rückzahlung Anno 2008

BP-Minister Geislhöringer*

Vorteilhafte Gedächtnislücken

Geldempfänger Hundhammer, Baumgartner: Von wem, wofür?

* Vor dem Spielbanken-Untersuchungsausschuß

des Bayrischen Landtags (1955).

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