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DAS SPIEL IST AUS - ARTHUR NEBE

aus DER SPIEGEL 5/1950

18. Fortsetzung

Trotz aller Vorhalte, daß die Frauen Verletzungen am Kopfe gehabt hätten, die keinesfalls, selbst nicht durch harte Faustschläge entstanden sein könnten, blieb er hartnäckig bei seiner Behauptung, räumte aber die Möglichkeit ein, daß er vielleicht gewürgt habe.

»Aus diesem Verhalten des Ogorzow wurde gefolgert, daß er einen besonderen Grund haben müsse, die Anwendung eines Werkzeuges, vermutlich eines bestimmten Werkzeuges, nicht zu gestehen. Da Vorhalte und Hinweise nichts fruchteten, wurden ihm, einem augenblicklichen Gedanken folgend, die fünf präparierten Schädel vorgelegt. Ihm wurde dabei nochmals bedeutet, daß die sichtbaren Schädelverletzungen niemals durch Faustschläge entstanden sein könnten.

»Was durch stundenlange Vorhalte und Hinweise nicht erreicht werden konnte wurde durch das Vorlegen des sehr anschaulichen Beweismaterials bewirkt. Ogorzow war sichtlich stark beeindruckt, zitterte, wurde aschfahl und stieß auf die Frage: Womit haben Sie geschlagen, die Worte aus: Mit einem Bleikabel.

»Damit war das erlösende Wort gefallen und die S-Bahn-Morde waren so gut wie geklärt. Aufgefordert, die Fälle in der S-Bahn zu schildern, tat er dies, soweit er in seinem Zustand dazu in der Lage war, und erklärte von sich heraus, er könne keine Leichen sehen, ihm sei schon immer übel geworden, wenn er seine Opfer tot an den jeweiligen Plätzen habe liegen sehen.« So weit der Bericht des Kriminalkommissars Wilhelm Lüdtke.

Ogorzow war auf seine Frau so eifersüchtig, daß er sie während seiner Dienstzeit kontrollierte. Er überfiel nur kleine schwächliche Mädchen, vor stämmigen Frauen hatte er Angst. Sein Schlaginstrument trug er im Aermel verborgen. Dafür, daß er seinen Opfern mit der Geste eines Kontrolleurs nahegetreten ist, gibt es keine Beweise.

In der S-Bahn befriedigte ihn schon das Anfassen der Opfer, ihr Widerstand und dann der Hinauswurf. Welchen Zeitgenossen die Menschheit in Ogorzow hatte, das ergibt sich aus einem grausigen Geständnis des Täters: Er hatte, als er in der Nacht zum 4. 12. 1940 zwei Morde beging, erst die Tote in der Simrockstraße geschändet, dann eine Frau aus dem Zug geworfen - das erste Todesopfer auf der S-Bahnstrecke - und ging dann zum Dienst. Nachdem er einige Signal-Laternen geprüft hatte, kehrte er zur Leiche in die Simrockstraße zurück und schändete sie nochmals.

Ogorzow hatte dreimal eine Gonorrhöe gehabt, und daher, so behauptet er, habe er einen unauslöschlichen Haß gegen alle Frauen. Die Gonorrhöe figuriert auch in dem Lebenslauf, den Ogorzow, wie alle Mörder, nach seiner Festnahme schreiben mußte

»Ich habe vor einigen Jahren einen Tripper gehabt und ging damit zu einem jüdischen Arzt. Der Jude, der wußte, daß ich Pg. war, hat aus Haß gegen die Nationalsozialisten meine Krankheit so behandelt, daß Folgen davon zurückgeblieben sind, die meinen Geisteszustand beeinflußt haben. Ich bitte, das bei der Strafzumessung zu berücksichtigen. Vor allem, daß ich für meine Taten deshalb nicht verantwortlich bin. Außerdem bitte ich zu berücksichtigen, daß ich Pg. bin.

Paul Ogorzow.«

Von der Gepflogenheit, Verbrechen möglichst zu bagatellisieren, wich man im Fall S-Bahnmörder ab. Ogorzow hatte die Reichshauptstadt so in Schrecken gehalten, daß man es sich leisten konnte, unter dem Titel: »Der Tod fuhr im Zug« einen Kriminalroman für die meistgelesene Publikation Deutschlands daraus zu machen, für die »Berliner Illustrierte«. Die 8 Fortsetzungen begannen in der letzten Nummer des Jahres 1942. Es war eine gekürzte Fassung.

Die ausführliche Fassung war der erste Roman in einer Kriminalserie, die Goebbels inauguriert hatte, deren Urheberschaft Arthur Nebe aber oft und gern für sich in Anspruch nahm.

Bei den Büchersammlungen für die Front hatten sich die deutschen Familien weitgehendst des Schundes in ihren Bücherschränken entledigt, so daß der Reichspropagandaminister vor keinem allzu günstigen Ergebnis stand. Da waren 'Blut und Boden, Der Mythos des 20 Jahrhunderts' und sonstige Werke, die von den Sammlern nicht gut zurückgewiesen werden konnten.

Die Soldaten in den Ruhestellungen wußten dem Propagandaminister dafür wenig Dank. Sie wollten sich erholen, wollten Unterhaltung. Edgar Wallace, der besonders auf den feldgrauen Wunschzetteln stand, durfte in Deutschland nicht mehr gedruckt werden.

So kam Goebbels auf die Idee, das Schreiben deutscher Kriminalromane anzuregen. In einem Brief an Himmler wies er darauf hin, daß die deutsche Polizei, insbesondere die Kripo, damit zugleich eine Handhabe bekäme, gute Propaganda für sich selbst zu machen.

Nebe greift die Anregung begeistert auf, und das hat zwei Gründe. Einmal kann er mit seinem Amt protzen. Das ist ein gewichtiger Grund bei einem Mann, der mancherlei kostspielige, aber unnütze Apparaturen nur anschaffen ließ, weil sie einen imponierenden Eindruck machten und weil er sie gut vorführen konnte.

Zweitens aber war Nebe ein leidenschaftlicher Leser von Kriminalromanen. Während seines Kuraufenthaltes in Garmisch-Partenkirchen nach dem Bürgerbräu-Attentat übte er sich mit seinem Onkel Hugo im Lesen von Kriminalromanen. Er betrieb es als Sport, möglichst schon auf der fünften Seite zu wissen, wer der Täter war.*)

Nebe wußte das immer eher als Onkel Hugo. Aber bei Edgar Wallace tippte auch Nebe daneben. Nun sollten über sein Amt Bücher erscheinen wie die von Edgar Wallace! Das war ein Grund zum Anstoßen.

Sein persönlicher Referent, Dr. Teichmann, arbeitete bald ausschließlich für die Kriminal-Serie. Wilhelm Ihde von der Reichsschrifttumskammer ist von der Idee begeistert und macht Teichmann mit dem Eigentümer des Hilger-Verlages in Berlin-Grunewald bekannt. MdR Hermann Hilger ist ebenfalls begeistert. Alle sind begeistert.

*) Onkel Hugo wollte seinem Neffen damals nicht glauben, daß der Krieg verloren ginge. Heute glaubt er es. Nicht lange danach werden die ersten in Aussicht genommenen Schriftsteller durch das Reichskriminalpolizeiamt geführt, um zunächst einmal den 'Jägerhof' kennenzulernen, der den Mittelpunkt ihrer Romanhandlungen darstellen soll. Sie lernen die Einrichtungen des Amtes kennen. Auch sie sind begeistert.

In den Reichszentralen, bei den Kapitalverbrechern, Heiratsschwindlern, Bild- und Geldfälschern und wie sie alle heißen, erhalten Felicitas von Reznicek, Rudolf Berndorff alias Rudolf von Wehrt, Wilhelm Ihde alias Axel Alt, Fred Andreas, Hermann Freiberg u. a. Anschauungsunterricht.

Die Papierbeschaffung macht keine Schwierigkeiten. Nebe übernimmt sie selbst. Bald ist eine Schiffsladung voll aus Finnland unterwegs nach Deutschland, feinstes Kunstdruckpapier. Die neuen Kriminalromane sollen aber billig sein. Das Kunstdruckpapier wird mit Universitäten gegen Zeitungspapier ausgetauscht. Die Papiermengen erhöhen sich dabei für MdR Hermann Hilger erheblich.

Die Produktion kann beginnen.

Wilhelm Ihde, der Schriftführer der Reichsschrifttumskammer, schreibt den Kriminalroman: 'Der Tod fuhr im Zug'. Sein Pseudonym ist Axel Alt. Nebe und Teichmann sind wieder begeistert.

Während der Satz hergestellt wird, liegt das Manuskript auf dem Nachttisch des Chefs der Sicherheitspolizei, der sich die letzte Zensur dieser anlaufenden Polizeiromane vorbehalten hat. Nebe hatte genügend die Reklametrommel in der Prinz-Albrecht-Straße geschlagen. Der Satz ist längst fertig, und jeder Tag kostet Geld, denn die Druckmaschinen warten auf das Startzeichen. Die Abmachungen zwischen Verlag und Kriminalpolizei müssen eingehalten werden.

Nebe fällt es schwer, seinen Chef zu drängen. So etwas fällt ihm immer schwer. Der Chef ist so ziemlich als einziger nicht begeistert. »Den Quatsch liest kein Mensch! Das ist trockener Aktenkram, viel zu uninteressant!«

Nebe kommt bestürzt in den 'Jägerhof' zurück. Teichmann weiß einen Ausweg. Er schlägt den Start eines Versuchsballons vor. In der Berliner Illustrierten erscheint »Der Tod fuhr im Zug« und bringt einen Bombenerfolg.

Hermann Hilger kann die Druckmaschinen laufen lassen. Die erste Auflage mit einer halben Million ist im Handumdrehen vergriffen. Eine Hälfte geht an die Front.

»Das vollkommene Verbrechen« von Fred Andreas hat eine besondere Vorgeschichte. Der Autor erhält eine Einladung zu einer Besprechung mit Dr. Teichmann. Der war auf Andreas durch den Kriminalroman »Die Flucht ins Dunkel« aufmerksam geworden. Allerdings sind da die Kriminalbeamten, wie üblich bei Andreas, die Trottel, der Held ist ein Privatdetektiv. »Muß bei Ihnen die Kriminalpolizei unbedingt so schlecht abschneiden? - Wir geben Ihnen das Material für weitere Romane!«

Aber Andreas ist krank, er hat Rheuma, kann augenblicklich nur im Süden schreiben. Teichmann geht zu Nebe. »Wir müssen Andreas gewinnen, er hat das beste Zeug, um in unserem Sinne zu schreiben. »Wie lange braucht Andreas, um einen Stoff von uns zu verarbeiten?« - »6 Wochen.« - Das Reichskriminalpolizeiamt übernimmt die Kosten für 6 Wochen Venedig, einschließlich Fahrt 1. Klasse.

Eine Woche nachdem Andreas bei dem Kriminalkommissar Dr. Wehner in der Reichszentrale zur Bekämpfung der Kapitalverbrechen die ersten Anregungen erhalten hat, legt er sein erstes Exposé vor. Dem vollkommenen Verbrechen steht die vollkommene Aufklärung gegen- über. Nach 6 Wochen kommt der Autor aus Venedig zurück und legt das druckfertige Manuskript auf den Schreibtisch Teichmanns.

Berndorff und die »Fee« bedienen sich in »Shiwa und die Galgenblume« (Berndorff) und »Shiwa und die Nacht der Zwölf« (Felicitas von Reznicek) derselben Hauptfigur. Teichmann hatte vor längerer Zeit eine chinesische Bronzefigur geerbt. Er hatte sie von einer kleinen Exotin zum Geschenk erhalten, bei der die Kripo einen Hoteldiebstahl aufgeklärt hatte. Sie stand auf seinem Schreibtisch.

Als Nebe die Figur das erste Mal sah, fragte er seinen Referenten gutgelaunt: »Was haben Sie denn da für einen Shiwa, Sie Shiwa?« und nennt fortan, wenn kein Aerger in seiner Galle wütet, den langen schlacksigen Kriminalkommissar bei diesem Namen. Bei einer Besprechung hörte das Berndorff und hatte damit eine Erfindung gemacht.

Die »Fee« freilich meint, der echte Shiwa sei von ihr kreiert worden, nach dem tanzenden Shiwa in einem ihr befreundeten Hause. Weitere Romane »Ein Toter bricht ein«, »Schreck in der Abendstunde«, »Briefe in grauen Umschlägen«, »Anlage 19« folgen.

Nur ein Manuskript hat schon die Nebesche Zensur nicht passieren können. Es war Franz Seises Versuch eines erotischen Kriminalromanes nach dem Vorbild der gefälligen französischen Unterhaltungsliteratur, »Die schöne Mannia und ihre Liebhaber«. Mannia ist eine rassige Schönheit aus dem Osten, der es an Liebhabern nicht fehlt. Unter ihnen giert ein Verwachsener nach den Früchten des Lebens, die Mannia verkörpert.

»Auf welchem Sofa hat denn dieses Schwein gesessen,« sprach Nebe das Urteil über das Manuskript. Der Hilgerverlag wollte es dennoch drucken, aber da kam das Kriegsende.

Der Sommer 1941 bescherte Nebe die fürchterlichste Zeit seines Lebens. Er wurde Chef einer Einsatzgruppe in Rußland wie Otto Ohlendorf. Schon im April hatte Heydrich seinen Amtschefs auseinandergesetzt, der Rußlandkrieg stehe bevor, Sicherheitspolizei und SD müßten die gewonnenen Gebiete »sichern und befrieden«.

Heydrich sagt: »Ich brauche ganze Männer und hoffe, daß meine Amtschefs sich rückhaltlos zur Verfügung stellen werden.«

Nebe, der gutgewachsene Mann mit der markigen Nase, tritt als erster vor: »Gruppenführer, Sie können auf mich rechnen.« Heydrich nickt und grinst diabolisch.

Die Kollegen Amtschefs grinsen innerlich. Sie sind es nachgerade schon gewohnt, daß ihr Arthur sich als der mutigste und tapferste von ihnen gebärdet. Sein Verlangen nach der EK I - Spange wird öfter bewitzelt.

Heydrichs Entscheid läßt nicht lange auf sich warten. Nebe wird als Führer einer Einsatzgruppe vorgesehen. Sichtbar erschüttert erzählt er Dr. Hjalmar Schacht von seiner Berufung.

In der Grenzpolizeischule Pretzsch an der Elbe versammeln sich 120 SS-Offiziere der unteren Grade. Alle kennen sie das Schloß. Trummler ist hier Schloßherr, der Schützenkönig vom Kriegsanfang. Er empfängt die Führer und nimmt abends selbst die Stuben ab, der »spinnete« Trummler.

Nachts wird der Abgang des Rudolf Heß diskutiert und die vermutliche Angriffsrichtung. Tagesbefehl: Es dürfen in den Geschäften keine Karten von Rußland mehr gekauft werden. Aus Trummlers Kamin-Kneip-Zimmer, dem »Auerhahn«, dringt der Name des neuen Unternehmens: »Barbarossa«. Standartenführer Gräfe belehrt die Führer darüber, ob sich der SS-Führer mit einem Russen an einen Tisch setzen darf.

Mitte Juni einen ganzen Tag lang in Düben an der Mulde Aufmarsch und Aufstellung von Führern, Unterführern und Tausenden einfacher Männer von der Gestapo, von der Kripo, von der Schupo. Sie alle trugen die Uniform der SS, auch die dienstverpflichteten Chauffeure, Volksdeutsche, Russisch-Kenner, Amateurfunker und Privatleute aus der Industrie. Heydrich spricht vor dem riesigen Viereck von einem Einsatz, der unerhörte Härte verlangen wird.

»Im Morgengrauen des 21. Juni« tritt dann der deutsche Soldat einmal mehr zum Angriff an.

Vier Einsatzgruppen gibt es:

* A (Norden) SS-Brigadeführer Dr. Stahlecker

* B (südliches Baltikum, nördliches Weißrußland) SS - Brigadeführer Dr. Dr. Rasch

* C (südliches Weißrußland, nördliche Ukraine) SS-Brigadeführer und Generalleutnant der Polizei Nebe

* D (Süd) SS-Brigadeführer Otto Ohlendorf, Chef des Amtes »SD« im Reichssicherheitshauptamt.

Aber Rasch muß mit Nebe ausgetauscht werden, da Rasch auf Mord und Totschlag mit dem Gauleiter Koch verfeindet ist, der diesen Raum zivil namens des Ostministeriums übernehmen soll. Nebe mit dem Vorkommando Moskau 7 a und den Einsatzkommandos 7, 8 und 9 wird also Einsatzgruppe B (Mitte).

Nebe, der sich mit »Herr General« anreden läßt, macht während des Aufmarsches den Eindruck, als verstehe er wenig von militärischen Besichtigungen. Niemand hat bis heute erklären können, warum Nebe manchmal wie ein General aussah, manchmal wie ein Feldwebel, dann wieder wie ein in Uniform gesteckter Beamter.

Es begann das, was bei Gisevius im »Bitteren Ende« einen einzigen Satz ausmacht, einen Nebensatz: »wie im Oktober Nebe von einem kurzen Frontkommando zurückkehrte«. So Hans Bernd Gisevius auf S. 216 des zweiten Bandes.

Bei Pisen wird Station gemacht. Weiter Richtung Warschau. Die Einsatzgruppe B bewegt sich im Raum der Heeresgruppe Mitte.

Was sie dort getrieben hat, ist unschwer zu belegen. Kollege Otto Ohlendorf hat die Zahl der Juden, die seine Einsatzgruppe liquidierte, mit 80000 angegeben.

Kollege Dr. Stahlecker, der später zu Tode kam, als er stehend freihändig mit seinem Pkw. in eine Panzerschlacht fuhr, hat einen Bericht an Himmler verfaßt, der den Nürnberger Richtern vorlag. Es heißt darin:

»Ebenso wurden schon in den ersten Stunden nach dem Einmarsch, wenn auch unter erheblichen Schwierigkeiten, einheimische antisemitische Kräfte zu Pogromen gegen die Juden veranlaßt. Befehlsgemäß war die Sicherheitspolizei entschlossen, die Judenfrage mit allen Mitteln und aller Entschiedenheit zu lösen.

»Es war aber nicht unerwünscht, wenn sie zumindest nicht sofort bei den doch ungewöhnlich harten Maßnahmen, die auch in deutschen Kreisen Aufsehen erregen mußten, in Erscheinung trat. Es mußte nach außen gezeigt werden, daß die einheimische Bevölkerung selbst als natürliche Reaktion gegen jahrzehntelange Unterdrückung durch die Juden und gegen den Terror durch die Kommunisten in der vorangegangenen Zeit die ersten Maßnahmen von sich aus getroffen hat ...

»Es war überraschenderweise zunächst nicht einfach, dort ein Judenpogrom größeren Ausmaßes in Gang zu setzen. Dem Führer der oben bereits erwähnten Partisanengruppe, Klimatis, der hierbei in erster Linie herangezogen wurde, gelang es, auf Grund der ihm von dem in Kauen eingesetzten kleinen Vorkommando gegebenen Hinweise ein Pogrom einzuleiten, ohne daß nach außen irgendein deutscher Auftrag oder eine deutsche Anregung erkennbar wurde.

»Im Verlaufe des ersten Pogroms in der Nacht vom 25. zum 26. 6. wurden über 1500 Juden von den litauischen Partisanen beseitigt, mehrere Synagogen angezündet oder anderweitig zerstört und ein jüdisches Wohnviertel mit rund 60 Häusern niedergebrannt. In den folgenden Nächten wurden in derselben Weise 2300 Juden unschädlich gemacht.«

Dieses Dokument vom 15. Oktober 1941, mit der Ueberschrift: »Einsatzgruppe A«, wurde in Himmlers Privatarchiv gefunden. Stahlecker meldet 135567 Personen, beinahe alles Juden, »im Einklang mit den grundlegenden Befehlen«, als ermordet.

Kollege Nebe aber hat höhere Zahlen als Otto Ohlendorf und Dr. Stahlecker. Er hat die höchsten Ziffern. Er fälscht die Erschießungs-Zahlen, indem er eine Null anhängt. Aber das nicht nur, er treibt seine SS - Führer zu Judenerschießungen an, er macht ihnen Krach, wenn sie nicht wacker erschießen. Er bucht nicht nur die Erschießungen auf sein Konto, sondern auch alle sonstigen Aktionen, wie die Sicherstellung von wertvollen Dokumenten und wichtigen Betrieben.

Die SS-Führer beschweren sich bald, er treibe mit ihnen ein falsches und undurchsichtiges Spiel, denn Nebe hintertreibt selbst die Befehle, die er seinen Unterführern einschärft. Bei den Widerständlern der Heeresgruppe Mitte, bei dem Verschwörer-Stabschef General Henning von Tresckow, bei dem Oberleutnant Fabian von Schlabrendorff ("Offiziere gegen Hitler") ist Nebe einer von »unseren Leuten«.

Schlabrendorff schreibt: »Obwohl die Heeresgruppe nur geringe Einflußmöglichkeiten besaß, war es uns gelungen, den SS-Terror einzuschränken. Das war weniger unser Verdienst als das des SS-Gruppenführers (recte: Brigadeführers) Nebe ... Er war einer der wenigen innerhalb der SS, die den Kampf gegen Hitler auf ihre Fahne geschrieben hatten ... Nach außen ließ sich Nebe natürlich nichts merken.«

Oster hatte die Verbindung besorgt. So stellten wir bald eine ausgezeichnete Zusammenarbeit mit Nebe her, der tausend Vorwände erfand, um die Mordbefehle Hitlers zu sabotieren.« Auch vor Gericht trat Schlabrendorff für Nebe ein.

Es war eine gute Stunde für den Nürnberger Ankläger Robert M. W. Kempner, als er den Zeugen Fabian auf Berliner Staatsanwaltsschnauze fragen konnte: »Nun, sagen Sie mal, Herr Chef des Widerstands, wie viele Juden muß man bei Ihnen denn eigentlich umgelegt haben, um gegen die Menschlichkeit zu verstoßen?«

Auch Nebes imaginäres Vorbild Joseph Fouché hat sich als Henker betätigt. Aber trotz äußerer Parallelen zeigt sich nirgends so deutlich wie hier, daß Nebe kein Joseph Fouché ist. Der »Mitrailleur von Lyon«, der Blutvergießen ebenso unnütz fand wie es Nebe ekelte, hatte erbarmungslos ganze Hundertschaften aneinandergefesselter Bürger mit Kanonen niederkartäscht, solange Blutvergießen im Zuge der Zeit lag. Er hatte konsequent Milde walten lassen, als Milde Trumpf war. Und beides hat ihn nicht beeindruckt.

Nebe dagegen muß sich im Offizierskasino von Smolensk, im früheren NKWD-Gebäude, mit Veuve Cliquot über das Grauen hinwegtrinken. Er trägt eine weiße Kasinojacke. Später wird er seinem Berliner Freund Viktor Schulz mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen erzählen, wie er sich selber hinter's MG geworfen hat, weil seine Leute sich weigerten, in die hilflosen und schreienden Haufen hineinzuknallen.

Der Zeuge, der Nebe hinterm MG hat liegen sehen, müßte noch gefunden werden. Aber die Psychose des Grauens, die sich nachträglich noch in persönlichen Uebertreibungen Luft macht, ist typisch für Arthur Nebe, den anständigen, ehrgeizigen, ängstlichen Ausrottungshäuptling.

Auch die Gaskammer hat Arthur Nebe in Rußland zum ersten Male ausprobiert. Das kam so:

Irrenhaus in Minsk. Irrenhaus in Smolensk. Hunderte ärmster Menschen, irre, tobsüchtige, in Lumpen gehüllte und heruntergekommene Menschen, ohne Nahrung und ohne Pflegepersonal.

Nebe funkt an Heydrich. Antwort: »Liquidieren!« Nebe ist konsterniert. Er geht selbst in das Irrenhaus. Unmöglich! Wie sollte man diese Leute erschießen? Das war schon rein technisch unmöglich. Man müßte sie festhalten, binden, um den Schützen einen einigermaßen sicheren Schuß zu ermöglichen. Die Exekution würde Tage dauern. Wer sollte das aushalten?

In Nebe entsteht ein Plan. Er läßt einen Teil der Kranken in eine kleine Holzbaracke, eine Garage, bringen und einen starken Pkw. vorfahren. Der auf hohen Touren laufende Wagen strömt seine Auspuffgase in den Raum.

Aber die Garage ist nicht dicht. Erschauernd vor einem Guckloch erschrickt Nebe vor seiner eigenen Grausamkeit. Aber er muß irgend etwas unternehmen. Wieder ventiliert er das Erschießen. Unmöglich! Dann läßt er die Garage vollständig abdichten und wiederholt den Versuch mit einem noch stärkeren Wagen. Erfolgreich. Nebe ist vollends am Ende. Er tröstet sich mit dem Gedanken, ordentliche Männer seiner Einsatzgruppe vor der Durchführung der grauenvollen Exekution bewahrt zu haben.

Aber Nebe ist ein pflichtgetreuer Mann, der die Anerkennung seiner Oberen gern erringt. Er verfaßt einen Bericht an Heydrich. Er rühmt seinen Einfall, mit dem er den Menschen durch die Materie ersetzt und moralisch ungefährdet gelassen habe.

Das kam dem Heydrich gerade recht. Bald rollten eigens konstruierte Vergasungswagen durch die Ukraine, in denen Juden nach dem Garagenprinzip vergast wurden. Bald rauchten die Oefen in Auschwitz und Maidanek. Bald begann die grausigste Vernichtungsaktion der Geschichte, grausiger als das Sklavensterben in den Steinbrüchen des Altertums, grausiger als die Metzeleien des Hernando Cortez und grausiger selbst als der sibirische Tod des Joseph Stalin. Grausiger, weil zynischer und technischer.

Was man sich unter solch einem Gaswagen vorzustellen hat, geht aus dem Nürnberger Dokument 501 - PS hervor:

»Die Ueberholung der Wagen bei der Gruppe D und C ist beendet. Während die Wagen der ersten Serie auch bei nicht allzu schlechter Wetterlage eingesetzt werden können, liegen die Wagen der zweiten Serie bei Regenwetter vollkommen fest. Wenn es zum Beispiel nur eine halbe Stunde geregnet hat, kann der Wagen nicht eingesetzt werden, weil er glatt wegrutscht.

»Benutzbar ist er nur bei ganz trockenem Wetter. Es tritt nun die Frage auf, ob man den Wagen nur am Ort der Exekution im Stand benutzen kann. Erstens muß der Wagen an diesen Ort gebracht werden, was nur bei guter Wetterlage möglich ist.

»Der Ort der Exekution befindet sich aber meistens 10-15 km abseits der Verkehrswege und ist durch seine Lage schon schwer zugänglich, bei feuchtem oder nassem Wetter überhaupt nicht. Fährt oder führt man die zu Exekutierenden an diesen Ort, so merken sie sofort, was los ist und werden unruhig, was nach Möglichkeit vermieden werden soll. Es bleibt nur der eine Weg übrig, sie am Sammelorte einzuladen und dann hinauszufahren.

»Die Wagen der Gruppe D habe ich als Wohnwagen tarnen lassen, indem ich an den kleinen Wagen auf jeder Seite einen, an den großen Wagen an jeder Seite zwei Fensterläden anbringen ließ, wie man sie oft an den Bauernhäusern auf dem Lande sieht. Die Wagen waren so bekannt geworden, daß nicht nur die Behörden, sondern auch die Zivilbevölkerung den Wagen als »Todeswagen« bezeichneten, sobald eines dieser Fahrzeuge auftauchte. Nach meiner Meinung kann er auch getarnt nicht auf die Dauer verheimlicht werden.«

Einige Absätze später:

»Außerdem ordnete ich an, bei den Vergasungen alle Männer vom Wagen möglichst fernzuhalten, damit sie durch eventuell ausströmende Gase gesundheitlich nicht geschädigt werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf folgendes aufmerksam machen: Verschiedene Kommandos lassen nach der Vergasung durch die eigenen Männer ausladen.

»Die Kommandeure der betreffenden S. K. habe ich darauf aufmerksam gemacht, welch ungeheure seelische und gesundheitliche Schäden diese Arbeit auf die Männer, wenn auch nicht sofort, so doch später haben kann. Die Männer beklagten sich bei mir über Kopfschmerzen 'die nach jeder Ausladung auftreten. Trotzdem will man von dieser Anordnung nicht abgehen, weil man befürchtet, daß die für die Arbeit herangezogenen Häftlinge einen günstigen Augenblick zur Flucht benutzen könnten.

»Die Vergasung wird durchweg nicht richtig vorgenommen. Um die Aktion möglichst schnell zu beenden, geben die Fahrer durchweg Vollgas. Durch diese Maßnahme erleiden die zu Exekutierenden den Erstickungstod und nicht, wie vorgesehen, den Einschläferungstod.

»Meine Anleitungen haben nun ergeben, daß bei richtiger Einstellung der Hebel der Tod schneller eintritt und die Häftlinge friedlich einschlafen. Verzerrte Gesichter und Ausscheidungen, wie sie seither gesehen wurden, konnten nicht mehr bemerkt werden.

»Im Laufe des heutigen Tages erfolgt meine Weiterreise nach der Gruppe B, wo mich weitere Nachrichten erreichen können.« Unterschrift: »Dr. Becker, SS-Untersturmführer«.

An dieser Aktion hatte der Bürger Arthur Nebe rechtschaffenen Anteil. Eugen Kogon nennt ihn in der ersten Ausgabe des SS-Staates »einen der unbekanntesten aber erbarmungslosesten Funktionäre des SS-Apparates«.

In der zweiten Auflage berichtigte er dieses Urteil. Nebe figurierte da als ein Mann, der »von Anfang an schwere Gewissenskämpfe durchgelebt« habe. Von seinen Widerstandsfreunden sei er veranlaßt worden, in seiner Stellung zu verbleiben und der Opposition seine bedeutungsvollen Möglichkeiten zur Verfügung zu halten.

Daß Nebe während seines Rußlandeinsatzes sechs Pelzmäntel »erstanden« und nach Hause geschickt habe, während »kleine« Offiziere nicht einmal einen kaufen durften, ist unglaubhaft, wenn man bedenkt, daß Nebe bis in die letzten Kriegsjahre hinein kein Wild essen wollte, das aus der Arbeit seines Jagd-Dezernats abfiel, es sei denn, man hatte das Fleisch vorher ordnungsgemäß von der zustehenden Menge abgebucht. Sicher ist aber, daß Nebes Beamtenmaßstäbe von Ordnung und Sauberkeit sich unter dem Ruch toter Menschen und unter der Betäubung von Veuve Cliquot verschoben.

Nebe sandte einen Hilferuf an Werner. Der Stellvertreter hatte ihm bei der Verabschiedung gesagt: »Wenn du nicht mehr kannst, werde ich dich loseisen. Werde Heydrich sagen, daß es ohne dich hier nicht geht. Werde durchblicken lassen, daß du krank bist, deine Krankheit aber selbst nicht beachtest, um nicht als feige zu gelten.«

Nun war es soweit. Nebe konnte nicht mehr. Adjutant Engelmann war mehrmals bei ihm an der Front gewesen und hatte im RKPA berichtet. Niemand im Amt hatte mehr Zweifel, wie es um Nebe stand. Nebes eigener Kraftfahrer, der Kriminalobersekretär Köhn, hatte sich erschossen, weil er den moralischen Strapazen des Rußlandeinsatzes nicht gewachsen war. Köhn war der einzige Beamte, den mitzunehmen Nebe erlaubt worden war.

»Dann übernehmen Sie das Einsatzkommando B«, sagte Heydrich zu Werner, als dieser den Chef endlich los hatte. Werner durchrieselte es. Er war kein Feigling. Aber Einsatzkommando? Brustschmerzen hatte er auch keine.

Werners Denkapparat war dem Heydrichs ebenbürtig. »Ich bin glücklich, Gruppenführer, Ihr Vertrauen zu haben. Nur, ich brauche kurze Zeit, um Nebe wieder einzuführen. Es hat sich viel ereignet in den wenigen Monaten. Ich glaube auch, Nebe ist sehr krank. Aber vielleicht kann auch ein anderer den Brigadeführer einführen. Wie Sie befehlen, Gruppenführer.«

Heydrich gibt auf. Für Klugheit, und sei es auch für eine kluge Ausrede, empfindet er zuweilen Respekt. »Lassen wir das also. Sonst kommt in ein paar Wochen Nebe zu mir und erklärt, er komme ohne Sie nicht aus.«

Damit war der Osteinsatz für die Kripo-Spitze vorbei. Nicht so für viele kleine Beamte, die keinen hatten, der sie aus dem Schiamassei zurückholte.

Arthur Nebe aber wurde bald SS-Gruppenführer und bekam auch die erhofften Dekorationen. Aber dazu hatte es langer Palaver seines Kriegsadjutanten bei den AOK's bedurft Immerhin, heraus sprang das KVK I. Klasse mit Schwertern.

Hatte Nebe der kämpfenden Truppe in Rußland einen schlechten Dienst erwiesen, so erwarb er sich ehrliche Verdienste in allen besetzten Ländern Europas um die Aufklärung kriminalistischer Tatbestände, die allerdings manchmal heftig ins Politische hinüberspielten, wie im Fall Kreta.

Bei der Eroberung der mittelmeerischen Inselfestung Ende Mai 1941 hatten vor allem Angehörige der Luftwaffenkriegsgerichtsbarkeit eine rührige Tätigkeit mit der Feststellung von Greueltaten und Grausamkeiten an Fallschirmjägern durch eingeborene Kreter und griechisches und englisches Militär entfaltet. Von der Ausplünderung und Ermordung Gefangener, von der Leichenfledderei bis zur Kreuzigung deutscher Soldaten an Scheunentoren fehlte in den beeideten deutschen Aussagen keine Variante.

Hermann Göring wütete und schwur Rache, als er die Kriegsgerichtsprotokolle studierte. Fallschirmjägergeneral Student bremste. Man entsann sich der Propagandaübertreibungen im Fall Bromberg. Das unbestechliche Bromberg-Material der Kripo, Göring damals in einem Prachtband überreicht, hatte imponiert. »Ich werde die Nebeschen Detektive nach Kreta schicken.«

In Nebes Rußlandabwesenheit entsandte Werner eine aus Beamten seiner Kapitalverbrechenszentrale und einer Berliner Morddienststelle bestehende Kommission. Sie flog mit kalten Füßen ab. Die kriegsrichterlichen Protokolle mit ihren stereotypen Vereidigungszusätzen zu jeder Vernehmung zeigten wesentliche Abweichungen innerhalb der Schilderung offensichtlich der gleichen Tatbestände. Angehörige des Fallschirmjäger-Regimentes 1, das bei Iraklion, also auf dem Ostteil Kretas, eingesetzt war, hatten Sachverhalte bestätigt, die Angehörige des auf dem Westteil der Insel, bei Malemes und im Tale des Alikianu, südlich Chania, gelandeten Regimentes 3 bekundet hatten.

Die Berliner Kriminalisten erwarben sich Verdienste. Zunächst suchten sie, ohne Rücksicht auf die vorliegenden Protokolle, nach objektiven Tatbeständen. Die fanden sich freilich zur Genüge: Hülsen von Jagdpatronen (Schrotflinten) bei den Heckenschützenlöchern in den Olivenpflanzungen entlang der Straße Chania-Alikianu; im Kampfe gefallene kretische Zivilisten, bereits halb mumifiziert, das Jagdgewehr noch im Anschlag; ausgedorrte, nackte Leichen mit zertrümmerten Schädeln und durchstochenen Leibern, deren Identifizierung meist nur noch an Hand der Gebißmerkmale über die Berliner Reichserkennungsdienstzentrale Helmut Müllers gelang. Es gab also keinen Zweifel: Greueltaten waren auf Kreta passiert. Freilich war manchem Toten der Bauch aufgeschlitzt, dem die armen Gebirgler lediglich die Fallschirmkleidung hatten abtrennen wollen. Manchem Toten waren die Augen ausgehackt - aber von den Vögeln.

Jedenfalls ergab die Untersuchung probeweise exhumierter Soldaten, soweit sie in den Protokollen genannt waren und soweit ihre Gräberlage einwandfrei bestimmt werden konnte, daß die Kriegsgerichtsprotokolle für eine Feststellung von Greueltaten oder gar für die Ermittlung der Täter keine Grundlage boten.

Wie in Bromberg wirkte sich auch auf Kreta die Tätigkeit der kriminalpolizeilichen Kommission verkehrt herum aus: Die von Göring beabsichtigten Sühneaktionen gegen die Kreter unterblieben, und es kamen nur solche Personen vor ein Gericht, die des Mordes, der Leichenfledderei oder anderer im Einzelfall nachgewiesener Völkerrechtsverbrechen überführt werden konnten.

Ermittlungen gegen Angehörige der griechischen oder englischen Wehrmacht unterblieben ganz, ebenso die jegliche vorgesehene Greuelpropaganda, da die Kriminalisten sich im Einvernehmen mit dem »Befehlshaber Kreta« weigerten, den Feind schlechthin zu diffamieren.

Eine Freund und Feind imponierende mutige Arbeit schloß sich für die Kriminalisten an. In einer Nacht waren randalierende Männer, denen der berauschende Kreter-Wein jegliche Hemmungen genommen hatte, in alleinstehende Häuser eingedrungen und hatte sich an einem Mädchen vergangen, das kaum dem Säuglingsalter entwachsen war. Das Kind starb unter entsetzlichen Schmerzen.

Unter den Kretern brodelte es.

Niemand hatte zwar die beiden Täter gesehen, aber ein in der Nähe des Tatortes gefundenes deutsches Fliegerkäppi schien Beweis genug. General Andrae war entsetzt.

Ein auf der gesamten Insel abgehaltener Kleiderappell bei der Truppe führte schnell zu dem Besitzer des gefundenen Käppis, einem Unteroffizier aus der Befehlskompanie selbst. Der Mann bestritt entrüstet, mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Mit einigen Kameraden sei er am Abend zuvor in der Stadt gewesen, habe sich amüsiert und getrunken und auf dem Heimweg das Käppi verloren. Kretische Zeugen konnten ihn nicht belasten. Die Kriegsrichter waren am Ende.

Da ließ Andrae den Leiter der kriminalpolizeilichen Kommission kommen. Es war der letzte Weg, den die Wehrmacht ungerne beschritt, denn für Verbrechen innerhalb ihrer eigenen Reihen, zumal im Kriegsgebiet, war die Kriminalpolizei nicht zuständig. In diesem Falle mochte es immerhin für notwendig gelten, die Täter zur Entlastung des deutschen Ansehens zu suchen.

»Wollen Sie mir den Unteroffizier zur Sanitätsstube schicken?«, sagte der Kommissar zu dem Chef der Befehlshaberkompanie. Und hier: »Ziehen Sie sich einmal aus.« Der lange Unteroffizier zog Uniformhemd und Hose aus. »Auch Unterhemd und Unterhose.« Der Mann guckte halb blöd, halb verschämt. Auch der Hauptmann räusperte sich.

Dann besahen sich die Beamten Unterhemd und Unterhose sehr genau. »Wann haben Sie diese beiden Stücke zuletzt gewaschen?« Der Unteroffizier begann zu schlucken. »Vor einigen Tagen.« Wer ihn sah, glaubte ihm nicht.

»Er ist es, August, wir haben Glück«, flüsterte der Kommissar seinem Obersekretär zu. Dann breitete er die Wäschestücke auf dem Tisch aus, so daß mehrere kaum sichtbare Waschränder nach oben lagen. Der Unteroffizier begann zu frösteln. »Kommen Sie her, sehen Sie zu.« Wasserstoff-Superoxyd tropfte auf die Wäsche, innerhalb der Fleckenränder schäumte es auf. Der Beweis, daß im Gewebe noch Blutrückstände waren, konnte nicht angefochten werden.

»Wer waren Ihre Kameraden gestern abend?« - Der Unteroffizier nannte einen. »Würden Sie den Mann ebenfalls hierher zitieren, Herr Hauptmann? - Den hier aber können Sie verhaften. Er ist der Täter.« Der Lange sank in sich zusammen, bekam einen Schüttelfrost und heulte.

Der Kommissar meldete dem General das Ergebnis. Er hatte keine 30 Minuten zur Aufklärung gebraucht. Zwei Stunden später fand die Kriegsgerichtsverhandlung statt, die beide Täter zum Tode verurteilte. Telegraphisch bestätigte Göring das Urteil, das am Abend vollstreckt wurde.

Der Berliner Kommissar ließ ein halbwegs befriedetes Land zurück, wo Freund und Feind den gleichen Ehrenfriedhof teilten. Zwar, seinen eigenen Bruder hatte der Kommissar unter den Opfern der Freischärler identifizieren müssen.

(Fortsetzung folgt.)

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