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KRISEN-FOLGEN Das Stühle-Rücken

aus DER SPIEGEL 21/1959

Mit der Miene eines Mannes, der weiß,

daß sein Vorhaben nutzlos ist, betritt der Gerichtsvollzieher der nordrhein-westfälischen Gemeinde Aldenhoven allwöchentlich eine Reihe von Bergarbeiterwohnungen und verliest ein Räumungsurteil des zuständigen Amtsgerichts. Dann ergreift der Beamte demonstrativ einen Küchenstuhl, stellt ihn vor die Tür auf den Hausflur und geht: Die Familie hat ihre Wohnung sofort zu räumen.

Draußen auf dem Flur wartet derweil ein anderer Beamter: ein Gemeindevertreter. Nach dem Abgang des Gerichtsbeamten verliest er seinerseits einen Bescheid der Gemeindeverwaltung, wonach die gerade ausgewiesene Familie für die Dauer von drei Monaten wieder in die Wohnung eingewiesen wird. Sodann trägt er den Küchenstuhl in die Wohnung zurück und geht ebenfalls: Die Familie ist wieder eingewiesen.

Die solcherart umkämpften Wohnungen gehören Siedlungsgesellschaften des Aachener Steinkohlenbergbaus. Ihre Mieter sind Familien, deren Ernährer im Verlauf der Kohlenkrise entlassen wurden oder dem Bergbau freiwillig den Rücken gekehrt haben. In dem Bestreben, die Behausungen mit ihren eigenen Bergarbeitern aus den Aldenhovener Wehrbaracken zu belegen, erwirken die Zechen Räumungsurteile. Da die Gemeinde Aldenhoven den zur Räumung verurteilten Mietern aber keinen anderen Wohnraum stellen kann, weist sie Ausgewiesene kurzerhand immer wieder ein.

Das Aldenhovener Stühle-Rücken amüsiert die betroffenen Familien im gleichen Maße, wie es das Verhältnis zwischen den Zechenverwaltungen und den Aldenhovener Ratsherren in den vergangenen Monaten getrübt hat. »Wir brauchen die Wohnungen und können uns die Resistance der Aldenhovener nicht bieten lassen«, wetterte Dr. Tersluisen, Justitiar der Zechengesellschaft Eschweiler Bergwerks-Verein, der eine große Anzahl Aldenhovener Bergarbeiter-Wohnungen gehört.

Nicht minder hartnäckig zeigt sich indes Gemeindedirektor Heinrich Hermanns: »Wenn die Zechen von uns Wohnungen verlangen, können sie genauso gut von uns fordern, wir sollten in Zukunft nicht mehr durch die Tür das Haus verlassen, sondern durch die Decke. Wir haben keine Wohnungen.«

Bis zum Jahre 1951 war Aldenhoven im Kreis Jülich ein verträumtes Bauerndorf, dessen 1370 Einwohner fern dem hektischen Treiben großer Industriestädte Zuckerrüben anbauten. Gemeindebeamter Hermanns referiert gern über die agrarischen Vorzüge seines Heimatortes. Nach der Magdeburger Börde galt der Boden um Aldenhoven als der fruchtbarste des früheren deutschen Reichsgebiets.

Dank dem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung brachen jedoch im Jahre 1951 die Kohlenzechen des benachbarten Aachener Reviers in das Aldenhovener Rüben -Idyll ein. Der Eschweiler Bergwerks-Verein, die größte Zechengesellschaft im Aachener Revier, nahm auf dem nahegelegenen Schacht »Emil Mayrisch« die Kohlenförderung auf und heuerte im ganzen Bundesgebiet Bergbauwillige an, die kompanieweise in Aldenhoven einrückten.

Für Nutzung des Bergwerks-Vereins erwarb die Aachener Bergmannssiedlungs GmbH in und um Aldenhoven Bauland und stampfte in kurzer Zeit Siedlungen mit rund 1000-Wohnungen aus dem Boden. Die Einwohnerzahl der Gemeinde kletterte von 1370 im Jahre 1951 auf 5600 heute.

In die Freude der Aldenhovener Ratsherren, einem Gemeinwesen vorzustehen, das mehr und mehr wie eine richtige Stadt aussah, mischten sich allerdings schon bald handfeste Sorgen. So hatte sich schön vor Jahren gezeigt, daß viele zugewanderte Kumpels nur so lange bei ihren Zechen blieben, bis ihnen eine Bergarbeiterwohnung zugewiesen wurde. Dann wechselten sie in eine leichtere Tätigkeit über: Ihre Wohnungen gaben die abgemusterten Kumpels nicht frei.

Der Aldenhovener Wohnungsmarkt geriet vollends durcheinander, als sich im vergangenen Jahr die Kohlenhalden der westdeutschen Zechengesellschaften zu riesigen Bergen türmten. Zu den freiwillig ausgeschiedenen Bergarbeitern Aldenhovens kamen nunmehr solche Kumpels hinzu, die entlassen wurden, weil sie auf den Zechen nicht mehr beschäftigt werden konnten oder weil die Gesellschaften strenger als früher gegen Bummelanten und Betriebssünder vorgingen.

Da auch sie nicht bereit waren, ihre Wohnungen zugunsten der weiterbeschäftigten Bergleute aufzugeben - die Zechenleitungen möchten nach der Belegschaftsschrumpfung ihre guten Arbeiter aus Notunterkünften umquartieren -, mehrten sich die Räumungsklagen. Binnen Jahresfrist erwirkte der Eschweiler Bergwerks-Verein in Aldenhoven 156 Räumungsurteile, von denen 584 Personen, das sind etwa zehn Prozent der Aldenhovener Bevölkerung, betroffen wurden. Die Gemeinde war jedoch nicht in der Lage, die ausgewiesenen Kumpels in neue Wohnungen einzuweisen.

Es half auch nichts, daß man am. Dorfrand eine große Baracke als Obdachlosenasyl errichtete. Sie quoll bald über. Zum Bau einer zweiten Baracke, die den Wohnungsmarkt fühlbarer entlastet hätte, reichte es schon nicht mehr, weil kein Aldenhovener Bauer bereit war, für eine Obdachlosenunterkunft kostbaren Rübenacker herzugeben.

Das Dilemma der Gemeinde wurde noch durch die wachsenden Fürsorgelasten vergrößert: Nicht wenige der von den Zechen entlassenen Bergarbeiter verließen ihre Familien und verzogen mit unbekannter Adresse. Gelegentlich verschwanden sogar Mann und Frau gemeinsam und ließen ihre Kinder in Aldenhoven zurück, wo sie auf Gemeindekosten im Kinderheim untergebracht wurden. Während im Landkreis Jülich auf jeden Bürger durchschnittlich etwa vier Mark pro Jahr auf Fürsorgelasten entfallen, kletterte der Satz in Aldenhoven auf 16 Mark.

Obendrein mußte die Gemeinde auch noch für jene Mieter geradestehen, die sie alle drei Monate vor der Ausweisung bewahrt. Da die Gemeindeverwaltung die rechtskräftig Ausgewiesenen wieder einweist, gilt sie als Besitzerin der Wohnungen und muß der Wohnungseigentümerin, der Bergmannssiedlungsgesellschaft; den vollen Mietbetrag garantieren. Da die meisten Mieter nicht in der rage sind, die volle Miete zu entrichten, mußte die Gemeinde allein dafür im vergangenen Jahr 12 000 Mark zahlen.

Des Stühle-Rückens müde, entschloß sich Justitiar Tersluisen vom Eschweiler Bergwerks-Verein schließlich, gegen die Gemeinde Aldenhoven einen Musterprozeß anzustrengen. Anlaß dazu bot die Weigerung der Gemeinde, zwei ausgewiesene Familien unterzubringen. Vor dem Landesverwaltungsgericht Aachen gelang es aber den Kommunalanwälten, zunächst den Angriff der Zechen abzuwehren.

Die Aachener Landrichter argumentierten in ihrem Urteil, daß der Bergbau selbst an der ganzen Aldenhovener Wohnungsmisere schuld sei. Die Zechen hätten Tausende von Menschen nach Aldenhoven gebracht, ohne sich mit der örtlichen Verwaltung zu verständigen. Dabei habe man von Anfang an gewußt, »daß der Prozentsatz der Obdachlosen sehr bald hoch sein« werde.

Das höchste nordrhein-westfälische Verwaltungsgericht, das Oberverwaltungsgericht in Münster, stellte jedoch als Berufungsinstanz fest, die dauernden Wiedereinweisungen der aus Bergbauwohnungen herausgeklagten Mieter seien gesetzlich nicht zulässig. Vielmehr sei für die Unterbringung von Obdachlosen stets die Gemeinde-zuständig. Wenn der Gemeinde die notwendigen Mittel fehlten, müsse das Land Nordrhein-Westfalen einspringen.

Gestützt auf dieses Urteil des Münsteraner Oberverwaltungsgerichts, verlangten in den letzten Wochen viele Zechen des Aachener und des Ruhrreviers die sofortige Räumung ihrer »zweckentfremdeten« Bergarbeiterwohnungen und die Übernahme der Ausgewiesenen durch die Gemeinden. Die Ausgaben, die dadurch den Gemeinden und dem Land Nordrhein -Westfalen entstehen, werden auf eine Milliarde Mark geschätzt.

Ähnlich den Gemeindevätern von Aldenhoven möchte auch das Land Nordrhein-Westfalen am liebsten Aussiedlungskosten von sich abwälzen, die aus der Kohlenkrise entstanden sind. Von Bonn aber, auf das Nordrhein-Westfalen neue Hoffnungen setzte, ist kaum Hilfe zu erwarten. Die kürzlich dach Aldenhoven gerufene Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium, Dr. Gabriele Wülker, meinte: Ich kann Ihnen nur ideell helfen.«

Gemeindedirektor Hermanns

Aus Bonn ...

Aldenhovener Bergarbeiter-Baracke: Ohne Arbeit keine Wohnung

Staatssekretärin Gabriele Wülker

... nur ideelle Hilfe

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