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SPIEGEL Gespräch »Das System ist nicht reformfähig«

Der Regimekritiker Hermann von Berg über seine Erfahrungen im Staats- und Parteiapparat der DDR *
aus DER SPIEGEL 21/1986

SPIEGEL: Herr Professor, Sie waren mehr als 30 Jahre lang ein ostdeutscher Einheitssozialist wie aus dem Bilderbuch. Alles, was Sie geworden sind, verdanken Sie der Partei. Warum jetzt Ihre Abkehr von diesem Staat?

VON BERG: Ich hätte mich nicht abgekehrt, wenn ich noch immer glauben würde, die Probleme der DDR seien Probleme, die aufgrund von subjektiven Unzulänglichkeiten entstehen. Dann hätte ich wie bisher gesagt: Streng dich selbst an und nötige andere, sich anzustrengen, damit es besser wird.

SPIEGEL: Sie haben sich eine Weile ganz schön angestrengt.

VON BERG: Nicht nur eine Weile, sondern solange ich der Überzeugung war, daß der Marxismus/Leninismus ein theoretisches System ist, das Antwort gibt auf Grundfragen der künftigen Entwicklung. Inzwischen bin ich aufgrund quellenkritischer Analysen der Meinung, man kann die Mängel im System nicht mit subjektiven Unzulänglichkeiten erklären, sondern nur mit der Tatsache, daß dieses System weiter nichts ist als institutionalisierte Ideologie.

SPIEGEL: Ihre Querelen mit der SED waren aber durchaus subjektiv: Sie fielen in Ungnade, als im SPIEGEL Anfang 1978 das Manifest einer oppositionellen Parteigruppe erschien.

VON BERG: Sicher, aber nicht einmal damals, als ich verhaftet wurde, wäre ich bereit gewesen zu sagen, das System ist nicht in Ordnung - weil meine theoretischen Einsichten damals nicht die waren, die sie heute sind. Ich hatte gedacht, wenn sich Sicherheitsorgane vergreifen, das kann vorkommen. Es gibt Mißgriffe überall.

SPIEGEL: Haben sich die Sicherheitsorgane wirklich vergriffen? _(Mit Redakteuren Wolfram Bickerich, ) _(Ulrich Schwarz; im Bonner SPIEGEL Büro. )

VON BERG: Mir hat niemand, weder in der Untersuchungshaft noch später, jemals gesagt, ich hätte das Manifest geschrieben oder mitgeschrieben. Sie beschuldigten mich nur, ich hätte meine Pflicht als Staatsbürger und als Funktionär verletzt, weil ich die Leute, die das Manifest geschrieben haben, nicht angezeigt habe.

SPIEGEL: Das heißt, der Staatssicherheitsdienst ging davon aus, daß Sie die Autoren kannten?

VON BERG: Man hat gesagt, ich kenne diese Leute und wisse um sie und decke sie. Das ist ein Straftatbestand in deren Augen.

SPIEGEL: Hat das Ministerium für Staatssicherheit in dieser Sache gut recherchiert oder schlecht?

VON BERG: Sie haben in dem Punkt nicht besonders gut recherchiert, sonst hätten sie mich nicht freilassen dürfen.

SPIEGEL: Spielten die Vorwürfe von damals bei dem Gerangel um Ihre Ausreise noch eine Rolle?

VON BERG: Nein. Man hat mir nur gesagt, das könne ich eigentlich vergessen und es läge lange zurück, Fehler würden überall gemacht. Inzwischen glauben ja sogar Mitglieder des Zentralkomitees, daß dieses Manifest aus den eigenen Reihen stammt.

SPIEGEL: Wie ordnen Sie selbst denn das Manifest ein? War das der illusionäre Versuch einer SED-Gruppe, die Partei in eine andere Richtung zu drehen?

VON BERG: Über das »Manifest« kann man viel sagen. Mein Eindruck ist, das war ein ziemlich ungereimter Versuch, eurokommunistische Ideen aufzugreifen. Man darf nicht vergessen, vor Erscheinen des Manifests gab es eine große internationale Konferenz der sozialistischen und Arbeiterparteien in Ost-Berlin, auf der etwa die Spanier verkündeten, Moskau ist nun mal nicht mehr unsere Kirche, und ähnliche Ketzereien. Das hat auf junge Leute enorm gewirkt. Man darf nicht vergessen, daß in der sogenannten linken Szene die hirnrissigsten Diskussionen laufen. Jeder interpretiert den Marx, wie er will, weil man alles in ihn hineinlegen kann.

Damals ist auch nach anderen Dokumenten gefahndet worden. Ich habe einige gelesen. Da haben sich führende Leute aus ganz anderen intellektuellen Bereichen mit dem Marxismus kritisch auseinandergesetzt. Mitte der siebziger Jahre war eine ganz verrückte Situation. Da gab es in der Partei Verärgerung über die schäbige Art, wie man den alten Ulbricht, den ja viele von den Jungen gar nicht mochten, abserviert hat.

SPIEGEL: Hat sich die intellektuelle Szene seit damals verändert?

VON BERG: Natürlich hat sich was verändert. Es hat sich alles im Innern, im intellektuellen Bereich liberalisiert. An den Universitäten diskutieren Professoren und Studenten. Aber viele Intellektuelle sind regelrecht schizophren: In der kleinen Arbeitsgruppe wird völlig frei diskutiert. Wenn dieselben Leute dann in die nächstgrößere Versammlung, etwa ihrer Parteiorganisation, gehen, dann reden sie genau entgegengesetzt. Das ist doch nicht normal.

in der Versammlung hört man sich an, was der Chef zu sagen hat, was Linie ist. Dann wird zugestimmt, daß die Linie gut ist. Hin und wieder wird eine kritische Frage gestellt, die meist vorbestellt ist. Es sind sinnlose Veranstaltungen, die den Leuten bloß die Zeit rauben. Je höher Sie nach oben kommen, desto standardisierter, desto nichtssagender, desto leerer ist die Umgangssprache. In der Spitze herrscht überhaupt nur der Ton des »Neuen Deutschland«. Das hält kein Mensch für möglich. Aber es ist so.

SPIEGEL: Worüber redet die Partei-Intelligenz denn offen?

VON BERG: Zum Beispiel über die Einheit von Theorie und Praxis: In Korea etwa kämpfen die Kommunisten für

die Einheit des Vaterlandes. In Deutschland liegen die Dinge genau umgekehrt. Wo bleibt da die Einheit der Theorie? Gilt der Marxismus als universale Lehre oder nicht? Die Leute glauben, daß die sogenannte Theorie eine Anleitung zum Handeln ist.

SPIEGEL: Hat sich nicht auch da in den letzten Jahren etwas geändert? Man sucht doch im realen Sozialismus inzwischen die Dogmen an die Realität anzupassen, etwa in der Planwirtschaft.

VON BERG: Das war immer unterschiedlich. Mal macht man eine Reform, mal kippt man sie wieder. Ökonomisch geht es rauf und runter.

SPIEGEL: Die Statistik liest sich aber anders. Es gibt in der DDR regelmäßig ein gewisses Wachstum.

VON BERG: Wissen Sie, dieser Wachstumsfetischismus ist eine typisch marxistische Variante. Ein Beispiel: Ich kaufe mir einen Schlauch für die Waschmaschine. Ich brauche 3,50 Meter, weil das Becken drüben an der Wand ist. Wenn ich nun als Betriebsleiter sage, solche Schläuche produziere ich nicht mehr, ich zerschneide die in zwei Teile. was geschieht? Ich produziere das Doppelte, das heißt, das Wachstum hat sich um 100 Prozent gesteigert, aber der volkswirtschaftliche Effekt hat sich um die Hälfte verringert. Da der kürzere Schlauch ein neues Produkt ist, kann ich ihn zudem teurer verkaufen. So wird das Wachstum verdreifacht. In Wirklichkeit ist alles rückwärtsgelaufen.

Ein anderes Beispiel: Wenn ich für meine Zentralheizung einen guten Kohlenhändler weiß, dann bringt er mir Braunkohlenkoks. Ich zahle für die Tonne rund 100 Mark. Mein Bruder zahlt in seiner Gärtnerei für dieselbe Tonne 500 Mark. Nun stellen Sie sich vor, wie die DDR das Wachstum steigern könnte, wenn sie die realen Preise der Industriepreisreform, die im Geschäftsverkehr gelten, durchschlagen ließe auf die Konsumentenpreise und zugleich den Arbeitern mit Einkommen bis zu 800 Mark das Gehalt verdreifachte, damit sie die zusätzlichen sozialen Belastungen abfangen könnten. Dann würden morgen die Amerikaner geschlagen werden.

SPIEGEL: In Polen hat die Partei so etwas probiert. Das hat aber nicht richtig geklappt.

VON BERG: Weil das System nicht reformfähig ist. Wenn ich von einer falschen Konzeption ausgehe, dann muß ich die Konzeption revidieren und sagen, so geht es nicht, wir brauchen wirklich echte Wertgrößen, wirklich echte Leistungsmaßstäbe, wir brauchen wirklich qualitative Kennziffern, wir müssen wirklich den, der schludert, bestrafen.

Aber wie will man das machen? Glauben Gorbatschow oder Honecker, die für Reformen sind, daß die vorhergegangene Generation nicht denselben Enthusiasmus hatte? Ich kann das Problem nicht subjektivistisch lösen. Ich muß Bedingungen schaffen, daß wirklich ökonomische Maßstäbe entstehen, die aus objektiven Zusammenhängen heraus die Leute zu Höchstleistungen animieren.

SPIEGEL: Dafür gibt es doch eigentlich den permanenten sozialistischen Wettbewerb. Kommt dabei nichts raus?

VON BERG: Doch. Aber Sie müssen die Realität nehmen: Abhängig von der Planerfüllung ist die Prämie. Folglich versuchen alle, die Pläne überzuerfüllen, denn desto höher ist die Prämie.

SPIEGEL: Das ist doch ein gutes beinahe kapitalistisches Prinzip.

VON BERG: Prinzip schon. Aber wie erfülle ich den Plan? Jeder erfahrene Betriebswirtschaftler sagt, nimm einen Bleistift. Bleistifte gibt es. Also wird aufgeschrieben.

Mein Schwiegervater hat mir beigebracht, wie das ist mit der Realität. Er ist Förster und hat gesagt: Junge, ich habe noch sechs Frauen, die so treu sind und im Mecklenburgischen die Aufforstung betreiben. Ja, und was verdienen die? So schlecht, sagt er, daß ich mich schäme, ihnen Lohn zu geben. Ich sage: Was machst du also? Er sagt: Ich nehme den Bleistift, ich schreibe auf: erschwerte Arbeitsbedingungen. Brombeersträucher gerodet. Ich sage: Hier gibt''s doch gar keine Sträucher. Er sagt, das ist doch die Kunst der Planerfüllung. Die Forstverwaltung zahlt, die Frauen sind zufrieden und suchen sich keine andere Arbeit. Und mein Schwiegervater kann seinen Aufforstungsplan erfüllen.

SPIEGEL: Solche Probleme gibt es, mit anderen Vorzeichen, im Kapitalismus auch. Deshalb geht keiner.

VON BERG: Deswegen habe ich auch nicht die DDR verlassen. Ich habe nur beschrieben, daß die Theorie nicht stimmt, daß die Ausbeutung im RGW _(Östlicher »Rat für Gegenseitige ) _(Wirtschaftshilfe« (Comecon). )

und auch in der DDR aufgrund der niedrigen Effektivität, die ja zugegeben wird, höher ist als im Westen. Natürlich gibt es dieselben Probleme in der westlichen Wirtschaft. Nur die Effektivitätsverluste sind hier geringer. Sie treffen nicht die Masse des Volkes wie bei uns.

SPIEGEL: Also warum haben Sie die DDR verlassen?

VON BERG: Die Gründe sind ganz einfach. Ich habe bei meinen interdisziplinären Forschungen in den letzten Jahren erkannt, daß die marxistische Theorie keine brauchbare Anleitung zum Handeln ist, sondern nur kaschierende Ideologie. Als ich das begriffen hatte, konnte ich mich nicht hinstellen und meine Studenten wissentlich betrügen. Hätte ich ihnen die Wahrheit gesagt, dann hätte ich sie aufgehetzt, gegen den Staat Position zu beziehen.

SPIEGEL: Warum haben Sie Ihre Erkenntnisse nicht innerhalb der Partei zur Diskussion gestellt? _(Marx-Engels-Forum in Ost-Berlin. )

VON BERG: Wenn ich zu der Überzeugung gekommen bin, daß Marx nichts taugt, dann brauche ich das nicht mehr zur Diskussion zu stellen. Das ist in einer kommunistischen Partei sinnlos, für die der Marxismus absolute Wahrheit ist, die man nicht in Zweifel ziehen kann.

SPIEGEL: Wir können uns nicht vorstellen, daß Sie der erste kommunistische Gesellschaftswissenschaftler sind, der auf Ungereimtheiten bei Marx gestoßen ist. Denken eigentlich viele Gesellschaftswissenschaftler der SED wie Sie?

VON BERG: Das ist differenziert. Manche denken, daß im Marxismus vieles Quatsch ist. Das sagen sie auch; aber sie fügen hinzu: Reg dich nicht auf. Unsere Funktion ist keine wissenschaftliche Funktion. Wir sind Ideologen. Aber dieselben Leute, die das sagen, lassen bei der Prüfung Studenten über die Klinge springen, wenn die eine kritische Bemerkung machen.

SPIEGEL: Das gilt für die Gesellschaftswissenschaftler...

VON BERG: ... ich rede nur von der Gesellschaftswissenschaft. Ich maße mir kein Urteil an über Kollegen aus der Technik oder anderen Disziplinen. Natürlich kennen mehr Leute die Quellenlage. Aber ich habe festgestellt, daß zahlreiche Bücher in der Universität, mit deren Hilfe man Marx nachweisen kann, wo er gemurkst hat, etwa, bei wem er abgeschrieben hat, verschwunden sind. Da steht mit Bleistift eingetragen in der Kladde: Verlust 1953. Damals ging die erste Welle der Marx-Forschung durch die DDR. Dabei hat man offenbar kritische Literatur eliminiert.

Mir hat mein Prorektor gesagt, als wir über mein Ausscheiden aus der Universität verhandelten: Warum bist du denn nicht zu uns gekommen und hast uns das gesagt? Ich sage: Dann hätten wir zusammen beide gefälscht, dann hätte ich sicherlich das doppelte Gehalt und einen Reisepaß für den Westen bekommen. Er sagt: Genauso hätten wir das gemacht.

Die Leute sind Zyniker der Macht. Die interessiert nicht, was sie den Studenten erzählen. Sie erzählen die Parteilinie, leben für die Parteiinhalte; Marxismus/Leninismus, Partei - fertig, aus.

SPIEGEL: Wieweit gibt es denn nach Ihrer Einschätzung kritische Ansätze innerhalb der DDR-Intelligenz?

VON BERG: Ich kann wirklich nur über subjektive Erfahrungen berichten. Aber immerhin war ich seit 20 Jahren immer wieder mit Kollegen aus allen Sektionen und Disziplinen zusammen. Ich glaube, die Masse ist nicht Fleisch und nicht Fisch. Die sagen: Eigentlich müßten wir diesem Staat auch dankbar sein. Uns hat er ja ganz schön abgeschottet. Der Intelligenz geht es wirklich nicht schlecht.

SPIEGEL: Kritik im Detail und im kleinen Kreis, aber insgesamt haben sich die Intellektuellen mit dem SED-Regime arrangiert?

VON BERG: Viele sagen, was sollst du dich aufregen über die abstrakten Größen. Geh in deine Datsche, kümmere dich um Ersatzreifen für dein Auto. Wenn es keine Zündspulen gibt, dann fährst du nach Eisenach, da hast du einen Bekannten, der besorgt oder klaut sie. Das läßt sich ja alles regeln in der DDR. Die meisten denken so.

SPIEGEL: Sie haben in Ihrer Austrittserklärung aus der Partei noch einen anderen Grund für Ihren Bruch mit der SED genannt, nämlich »die in meinen Augen total einseitige falsche und gefährliche Politik der Partei in Punkten Friedenssicherung, Menschen- und Bürgerrechte, Nation und Ökologie. Nun haben Sie diese Politik, die Sie da verdammen, selber Zwanzig Jahre aktiv mitgestaltet. Wurde sie erst später so schlecht?

VON BERG: Nehmen wir das Problem der Friedenssicherung. Ich meine daß die Position der DDR-Regierung nicht ehrlich und aufrichtig ist. Die Regierung weiß ganz genau, daß Deutschland, beide Seiten, durch einen technischen Fehler oder menschliches Versagen im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht verstrahlt oder verbrannt werden kann. Die physische Ausrottung des ganzen Volkes ist durch die Raketen auf beiden Seiten vorprogrammiert. Es ist ein irrationaler Zustand. Kein Volk in der Geschichte war jemals in einer vergleichbaren Situation. Aber die DDR-Regierung sagt, die SS20 ist friedenssichernd.

SPIEGEL: Unsere gilt die »Pershings« und die Cruise Missiles für friedenssichernd. Wenn Honecker sagt, daß beide deutsche Staaten im Fall eines Atomkrieges ausgelöscht würden, muß das doch in DDR-Ohren wie Kritik an den Sowjets klingen.

VON BERG: Setzen wir den Fall, das sei Kritik und nicht bloß Abschottung der eigenen Leute, wann zieht man Konsequenzen daraus? Ich habe keine Empfehlung Honeckers an die Sowjets gehört: Laßt die Raketen zu Hause.

SPIEGEL: Selbst Helmut Schmidt hat den amerikanischen Präsidenten nicht zum Handlanger machen können. Auch Honecker hat nur einen begrenzten Spielraum gegenüber seiner Vormacht.

VON BERG: Wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dann ist man fatalistisch der nächsten Katastrophe ausgeliefert, die nicht irgendein Kernkraftwerk trifft, sondern vielleicht Raketenziele in Ost- oder Westdeutschland. Das kann man nicht passiv hinnehmen.

SPIEGEL: Zwanzig Jahre hatten Sie solche Zweifel nicht, oder?

VON BERG: Ich frage zurück: Wann haben wir denn die historischen Erfahrungen gehabt, daß die sozialistische Macht nicht friedenssichernd ist in ihren Beziehungen untereinander. Nehmen Sie China, Vietnam, Kambodscha.

SPIEGEL: Die Erfahrungen gab es schon 1956 in Ungarn, 1968 in Prag. Da _(Krenz, Stoph, Honeker, Sindermann. )

waren Sie für Ihre Regierung doch am Drücker.

VON BERG: Hören Sie, wenn Sie sehen, daß die Wurzel für den Krieg eben nicht nur in der ökonomischen Aggressivität des sterbenden Imperialismus liegt - mal so formuliert -, dann kommen da Zweifel. Aber Sie lösen sich aus einem solchen gedanklichen Gebäude nicht über Nacht. Das ist ein schwieriger Prozeß. Das ist wie ein großes Faß. Es tropft voll, und dann kommt der letzte Tropfen, und es läuft über.

SPIEGEL: Sie machen also nicht die aktuelle Politik der SED für Ihren Parteiaustritt verantwortlich?

VON BERG: Nein, nicht nur. Es sind ja auch widersprüchliche Prozesse. Natürlich sind die Fortschritte seit der Entspannungspolitik nicht zu übersehen, zum Beispiel die menschlichen Regelungen. Natürlich ist es zu begrüßen, wenn es einen Rechtsanwalt gibt wie Wolfgang Vogel, der die schlimmsten Härtefälle mildert. Nur: Das ändert nichts am System.

SPIEGEL: Wie groß schätzen Sie den Spielraum Honeckers gegenüber dem großen Bruder in Moskau ein?

VON BERG: Das ist eine ganz persönliche Ansicht. Honecker war zeit seines Lebens der Überzeugung, daß nur die engste Anlehnung an die Sowjet-Union und nur der Kampf für die Interessen der Sowjet-Union den Interessen Deutschlands dient.

SPIEGEL: Könnte überhaupt ein führender Politiker der DDR gegen die politischen, militärischen, außenpolitischen Konzeptionen Moskaus etwas in Bewegung bringen?

VON BERG: Die Frage ist rein theoretisch, und trotzdem läßt sie sich praktisch beantworten. Nehmen Sie den Warschauer Pakt. Wir, das heißt die deutsche Seite - also die DDR -, sind dort die stärkste, die einflußreichste Macht nach der UdSSR. Aber die mosert nicht. Die Rumänen, die wahrhaftig nicht die stärksten sind, haben sich schon oft quer gelegt. Was wäre denn passiert, wenn nicht nur die Rumänen, sondern auch die Deutschen im August 1968 gesagt hätten, unsere Leute marschieren nicht nach Prag?

SPIEGEL: Sie glauben, der Spielraum st großer, als Honecker ihn nutzt?

VON BERG: Selbstverständlich. Aber die derzeitige SED-Führung ist von ihrem Weltbild her so sehr an die Sowjet-Union gebunden, das ist das gelobte Land...

SPIEGEL: Wieweit ist die Deutschlandpolitik der SED mit Moskau abgestimmt, wieweit reicht die Eigenständigkeit?

VON BERG: Die Eigenständigkeit liegt darin, daß das Konzept in Berlin gemacht wird. Und dann spricht man es - so heißt das - kameradschaftlich mit den Moskauern ab. Was dann in den Vier-Augen-Gesprächen oder in der kleinen Delegation von drei Leuten passiert, das wird wahrscheinlich nicht einmal in den Akten stehen. Ich glaube nicht, daß die Sowjets sich die Mühe machen, große Protokolle zu führen.

SPIEGEL: Herr von Berg, fast 40 Jahre nach ihrer Gründung hat die DDR das Problem, daß eine größere Anzahl ihrer Bürger das Land verlassen will, koste es, was es wolle. Was müßte die SED tun, um in ihrem Staat ein stärkeres Wir-Gefühl zu erzeugen?

VON BERG: Die DDR ist eigentlich ökonomisch und sozial so stark abgesichert, daß die SED sich Großzügigkeit leisten könnte. Wir werden natürlich nie so weit gehen wie die Jugoslawen und sagen, macht die Grenzen auf. Aber wir sollten den freien Reiseverkehr einführen. Ich halte das für das einzige Mittel, um die Probleme mit der Mauer überhaupt zu lösen. Gorbatschow hat in Berlin gesagt, wir sind für direkten Kontakt der Menschen zwischen Ost- und West-Europa.

Das DDR-Fernsehen hat den Satz zwar unterschlagen, aber »Neues Deutschland« hat ihn gedruckt. Wo ist denn Ost- und West-Europa?

Wenn man den Leuten in der DDR Vertrauen entgegenbringt, dann wird es eine natürliche Bevölkerungsbewegung geben...

SPIEGEL: Nur in eine Richtung.

VON BERG: Das kommt darauf an. Ich glaube, daß die Leute weglaufen weil sie mißtrauisch sind gegenüber der Führung. Das Grundproblem in der DDR besteht darin, daß die Leute der Führung nicht über den Weg trauen, weil ihre Erfahrungen so sind. Wenn politisches Vertrauen bestünde, wenn die Führung erklärt, ihr könnt fahren und wieder heim, dann würden sich die Leute natürlich im Westen umsehen. Aber die allermeisten kämen wieder, schon weil sie die harte Arbeit des Westens erschreckt.

SPIEGEL: Wenn Sie die Möglichkeit gehabt hätten zu reisen, wären Sie dann auch übergesiedelt?

VON BERG: Ja, weil bei mir die Probleme anders sind. Vielleicht macht es der Beruf des Intellektuellen, daß er sich immer quer legen muß.

SPIEGEL: Wie sehen Sie Ihre Zukunft hier?

VON BERG: Ich möchte nach Möglichkeit wieder in den Lehrberuf gehen, ich war mit Herz und Seele Lehrer. Ich halte es für wichtig, daß man hier junge Leute als wissenschaftlichen Nachwuchs heranzieht, die in der Lage sind, dem Osten auch geistige Entwicklungshilfe zu geben.

SPIEGEL: Sie können gleich in die Politik gehen.

VON BERG: Was soll das? Ich bin kein Politiker.

SPIEGEL: Schreckt Sie das Beispiel eines anderen prominenten SED-Dissidenten? Rudolf Bahro ging in die Politik - und dann unter.

VON BERG: Mit Bahro möchte ich nicht verglichen werden. Bahro ist ein scholastischer Marxist der die Lösung der Weltprobleme in der asiatischen Produktionsweise sucht.

SPIEGEL: Gesucht hat. In Ihrer Austrittserklärung haben Sie Ihre bisherige Partei wissen lassen, wo Sie Ihre künftige politische Heimat sehen. Haben Sie schon ein Aufnahmeformular bei de Sozialdemokratischen Partei ausgefüllt?

VON BERG: Nein. Natürlich verdanke ich der Parteiführung der Sozialdemokratie sehr viel. Das werde ich nicht vergessen. Aber zu sagen, ich werde Mitglied der Partei, das ist mir zu früh.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß Sie der Partei willkommen wären?

VON BERG: Das weiß ich nicht.

SPIEGEL: Herr Professor von Berg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Redakteuren Wolfram Bickerich, Ulrich Schwarz; im Bonner SPIEGELBüro.Östlicher »Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe« (Comecon).Marx-Engels-Forum in Ost-Berlin.Krenz, Stoph, Honeker, Sindermann.

W. Bickerich, U. Schwarz
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