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PROPAGANDA Das Tele-Tribunal

aus DER SPIEGEL 21/1959

Nachdem die Fernsehzuschauer vierzig Minuten lang einer Gerichtsverhandlung beigewohnt, auf dem Bildschirm Dutzende mit »Geheim«-Stempeln verzierte Dokumente gelesen und die Großaufnahmen der Belastungszeugen betrachtet hatten, begann die Urteilsverkündung. »Ein Porträt des Angeklagten erscheint bildfüllend«, lautet die Regieanweisung, »zwischen Kamera und Photo schiebt sich als Gitter die Rampe der Anklagebank.«

Dann erklärt der Vorsitzende den Angeklagten für schuldig, »im Namen Deutschlands Verbrechen befohlen und durchgeführt zu haben« sowie »neue Untaten vorzubereiten«. Der Name des Beschuldigten: Friedrich Albert Foertsch. Seine Funktion: Stellvertretender Chef des Stabes beim Europa-Kommando der Nato.

Mit der absonderlichen Schau, einem Fernsehspiel in Form eines Strafprozesses, bei dem die Anklagebank aus naheliegenden Gründen leer blieb, eröffnete das ostdeutsche Fernsehen kürzlich eine neue Sendereihe seines besonders für westdeutsche Fernseher bestimmten Wochenendprogramms »Telestudio West«. In regelmäßigen Abständen will das Agit-Prop -Studio des Ostfernsehens derartige Fernseh-Gerichtsverhandlungen gegen Personen veranstalten, von denen Telestudio -Redakteur Ewald Thoms glaubt behaupten zu können, daß sie »aus der Vergangenheit nichts gelernt haben«.

Der Altkommunist und Veteran der 999. (Bewährungs-)Division (für Straffällige) Ewald Thoms meint damit vor allem diejenigen deutschen Offiziere, die ihre in der kaiserlichen Armee, der Reichswehr oder der Wehrmacht erworbenen militärischen Kenntnisse der Bundeswehr zur Verfügung gestellt haben. Später wollen die Tele-Agitatoren auch jüngere Bundeswehroffiziere vor das »Fernseh-Tribunal« stellen - wenn es ihnen gelingt, genügend von dem zu beschaffen, was unter ostdeutschen Propagandaspezialisten als Belastungsmaterial gilt.

Die Materialbeschaffung scheint den Telestudio-West-Leuten allerdings schwerer zu fallen, als sie erwartet hatten. Sei es, daß Redakteur Thoms sich mit den Ostberliner Standard-Dokumenten gegen »die Faschisten in Westdeutschland« nicht begnügen wollte, sei es, daß ihm diese Beweisstücke schon zu stark strapaziert erschienen - er entschloß sich jedenfalls zu einer Sonderaktion, die sogar für Sowjetzonen-Verhältnisse ungewöhnlich war.

In der SED-Zeitung »Neues Deutschland« Und in anderen Blättern erschien unter der Schlagzeile »Zeugen gesucht« ein Aufruf, in dem es hieß: »Telestudio West wird in den nächsten Wochen und Monaten vor seinen Kameras im Namen unseres Volkes verhandeln. Die erste Verhandlung geht gegen den ehemaligen ... Generalleutnant Friedrich Foertsch, zuletzt Stabschef der Heeresgruppe Kurland.« Es folgte ein ausführlicher »Steckbrief«, in dem Foertsch »folgender Verbrechen« beschuldigt wird: »Zwangsevakuierung sowjetischer Bürger, Strafexpeditionen gegen friedliche Zivilbevölkerung, grausame Verfolgung sowjetischer Partisanen, unmenschliches Regime gegen sowjetische Kriegsgefangene, Zwangseinsatz von Kriegsgefangenen und Zivilisten beim Befestigungsbau.« Das Ostfernsehen verbreitete ähnliche Aufrufe.

Telestudio West fahndete nach Zeugen »aus beiden Teilen Deutschlands und aus den ehemaligen okkupierten Ländern«. Gesucht wurden »Augen- und Ohrenzeugen, die über seine (Foertschs) Pläne. Befehle und Handlungen in der Sowjet -Union« Auskunft geben konnten: »Wer verfügt über Dokumente - Photos, Pläne, Befehle, Regiments- und Divisionschroniken usw. - ...« Speziell angesprochen wurden »Soldaten und Offiziere, die physisch und moralisch bei der Durchführung der Befehle von Foertsch geschädigt wurden«.

Das Ergebnis der breitstreuenden Suchaktion war freilich nicht überwältigend. »Wir bekamen etwa 600 bis 700 Briefe, Anrufe und Hinweise«, erinnert sich Redakteur Thoms, »auch Drohungen waren darunter. Aber nur zehn Prozent der Aussagen waren zu gebrauchen.«

Bei der Aufbereitung des »Falles Foertsch« für die Fernsehkameras mußten die Telestudio-Leute schließlich doch noch auf Material zurückgreifen, das in Ostberlin schon anderweitig propagandistisch ausgewertet worden war: in einer Broschüre mit dem Titel »Hitlers Generalstab kommandiert Adenauers Armee«.

So kam es, daß Telestudio die ansehnliche Sendezeit von vierzig Minuten nicht gerade mit dramaturgischem Elan füllen konnte. Die Fernsehkunden sahen den General Foertsch in Wehrmachtsuniform, hörten langatmige Ausführungen des Wehrmachtsobersten außer Dienst und jetzigen DDR-Luftschutzchefs Luitpold Steidle über die angeblichen Untaten Foertschs. Dazu blendete das Ostfernsehen eine Karte vom Nordabschnitt der Ostfront ein, an dem Foertschs Stab eingesetzt war.

Es folgten Wochenschauaufnahmen von der »verbrannten russischen Erde« aus den Monaten des Rückzugs der deutschen Truppen an der Kurland-Front und massive Beschuldigungen: Foertschs Stab soll, unnötige Blutopfer dadurch verursacht haben, daß er beim Waffenstillstand die Differenz zwischen mitteleuropäischer und osteuropäischer Zeit nicht einkalkulierte.

Der Wehrmachtsoberst außer Dienst Petershagen, der sich das Verdienst zurechnet, die pommersche Universitätsstadt Greifswald kampflos und unversehrt den sowjetischen Truppen übergeben zu haben, trat vor die Kamera und beschrieb »die rücksichtslosen Führermanieren« des vom Fernseh-Tribunal angeklagten Foertsch; ein ehemaliger Unteroffizier berichtete, Foertsch sei natürlich auch ein unangenehmer Vorgesetzter gewesen.

Die Fernsehzuschauer hörten ferner einige Sätze aus einem »schriftlichen Bericht«, den Foertsch, nachdem er von einem sowjetischen Gericht im Jahre 1945 zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war, »über seine verbrecherische Tätigkeit« niedergelegt hat. Schließlich sahen sie Bilder des Generals Foertsch in Bundeswehr-Uniform, »des unbelehrbaren Militaristen im Dienst des Nato-Imperialismus«.

Die Verhandlung gegen Foertsch werde »nicht die einzige bleiben«, kündigte Telestudio West an, »denn auch die Schuldkonten solcher Hitler-Generale wie Trautloft, Kesselring, Kielmansegg und vieler anderer sind ungelöscht«. Im Telestudio West weiß man allerdings noch nicht, wann diese Schuldkonten wirkungsvoll und fernsehgerecht veröffentlicht werden sollen. Auf die »Anklageerhebung« gegen den »Stahlhelm«-Altenteiler Kesselring will Thoms wahrscheinlich überhaupt verzichten. Dafür versprechen sich die Telestudio -Leute um so größere Wirkung von Enthüllungen über den Ex-Jagdflieger Hannes Trautloft, dem sie nachweisen wollen, er habe sich zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs als Angehöriger der Legion Condor »mit dem Blut unschuldiger spanischer Menschen befleckt«.

Als Beweismittel in einem Fernsehprozeß gegen Trautloft, der heute das Kommando der Schulen« der Luftwaffe leitet, sollen Auszüge aus dessen Buch »Als Jagdflieger in Spanien« verlesen werden. Thoms: »Das sind detaillierte Schilderungen von seinen Einsätzen gegen das spanische Volk, gegen offene Städte, gegen Frauen und Kinder.«

Für das nächste Fernseh-Tribunal hat sich Thoms jedoch den Grafen Kielmansegg ausgesucht, der einst Oberst im. Generalstab war und heute stellvertretender Kommandeur der 5. Bundeswehr-Panzer-Division ist. Ihm will das Fernsehgericht »chauvinistische und faschistische Gesinnung« an Hand des Buches »Panzer zwischen Warschau und Atlantik« nachweisen, das Kielmansegg 1941 schrieb. In den, DDR -Zeitungen erscheinen gegenwärtig wiederum die Zeugensuchanzeigen des Telestudios, aber zusätzliches Belastungsmaterial scheint nur spärlich einzutreffen. Bisher reichte es noch nicht einmal zur Illustrierung eines Aufrufs im Fernsehen.

Trotzdem steht außer Frage, daß die Telestudio-Schöffen - ein Arbeiter, ein Bauer und eine Repräsentantin der werktätigen Intelligenz - ihre für Ende Mai terminierte Kielmansegg-Schau mit einer »Verurteilung« beenden werden. Ein Verteidiger tritt in den Fernsehprozessen gar nicht erst auf.

BundeswehrGenerale Kielmansegg, Trautloft, Foertsch: Denunzianten gesucht

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