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ISRAEL »Das Tor zu Jerusalem«

Im Gaza-Streifen, wo eine Million Palästinenser leben, kämpft die israelische Armee für 6000 Siedler. Um sie vor Angriffen zu schützen, scheint fast jedes Mittel recht.
aus DER SPIEGEL 29/2001

Für die palästinensische Familie Baschir endet der Tag um fünf Uhr nachmittags. Wenn andere die langsam nachlassende Hitze genießen und Stühle nach draußen unter die Bäume stellen, ruft Chalil Baschir, 50, seine acht Kinder ins Haus. Von da an herrscht praktisch Ausgangssperre. »Wir dürfen ihnen keinen Vorwand geben, auf uns zu schießen«, erklärt er.

Gemeint sind die israelischen Soldaten, die durch die Schießscharten ihres Militärpostens direkt gegenüber Gewehrmündungen auf das Haus der Familie gerichtet haben. Als Mutter Suad, 34, an diesem Mittag die duftenden Okraschoten mit Mandelreis serviert, schwenkt eine Kamera auf das offen stehende Küchenfenster. »Sie wissen alles«, sagt Suad, »wo wir schlafen, wo wir essen, wo wir lesen.«

Die alteingesessene palästinensische Familie hat das Pech, in Deir al-Balah im Gaza-Streifen direkt am Grenzzaun der jüdischen Siedlung Kfar Darom zu leben. Die Nachbarschaft zu den schwer bewachten Siedlern war für die Familie nie erfreulich. Schon als 1992 der Rabbiner von Kfar Darom von palästinensischen Kämpfern getötet wurde, rächten sich die Siedler in spontaner Wut an Baschir und zerstörten seine Treibhäuser.

Doch seit Beginn der zweiten Intifada vergangenen Oktober wurde der Alltag des Schuldirektors und seiner Familie zur Hölle. Um die 200 Siedler gegen die rund 55 000 Palästinenser in Deir al-Balah abzuschirmen, erklärte die Armee sein dazwischen liegendes, 1,6 Hektar großes Land zu einer Art Sicherheitszone.

»Wir können unser eigenes Gelände nicht mehr betreten«, klagt Chalil Baschir. Die Orangenhaine, Dattelpalmen und Olivenbäume, von deren Früchten die Familie seit Generationen lebte, wurden abgeholzt. Die wieder aufgebauten Gewächshäuser, in denen sie Gurken, Tomaten und Peperoni zum Verkauf zog, zerstörte die Armee ein zweites Mal. Als der Vater die Trümmer aufräumen wollte, vertrieben ihn Soldaten mit Warnschüssen.

»Wir haben so viel Land, aber wir können darauf noch nicht mal Fußball spielen«, sagt der neunjährige Mohammed. Im Englischbuch seines zwölfjährigen Bruders Jussif steckt genau unter dem Satz »Yesterday I played in the park« noch ein Geschoss, das er sich einfing, als er im Garten in dem Buch las.

Das Haus der Baschirs wurde vom israelischen Militär mehrfach beschossen. Vor allem die beiden oberen Etagen weisen tiefe Einschlaglöcher auf. In einer Mauer steckt noch eine Rakete. Bei einem Angriff im April wurde das Elternschlafzimmer stark beschädigt.

Vater Baschir, ein studierter Anglist, las gerade auf dem Bett einen Aufsatz über viktorianische Romane, als die Scheibe hinter ihm zerbarst. Projektile schlugen in den Kleiderschrank ein, zerfetzten Blusen und Hemden. Baschir erlitt Kopfwunden.

Die Soldaten entschuldigten sich hinterher und erklärten, sie hätten auf einen Angriff reagiert. »Aber es gab kein Feuer, schon gar nicht aus unserem Haus«, sagt Baschir. Seitdem schläft die elfköpfige Familie einschließlich der 83-jährigen Großmutter Seina auf Matratzen in einem Raum, der auf der vom Armeeposten abgewandten Seite des Hauses liegt.

Die Militärkuratel, unter der die Baschirs stehen, geht so weit, dass der erste und der zweite Stock faktisch besetzt sind. In den Fensterhöhlen hängen israelische Tarnnetze. Nachts steigen die Soldaten über eine Metallleiter ein, die an der Rückseite des Hauses lehnt.

Die Baschirs sehen die Eindringlinge nie, weil die Familie bei Einbruch der Dunkelheit alle Läden schließt und sich nicht mehr traut, nach draußen zu schauen. »Aber wir hören ihre Schritte und manchmal auch ihre Stimmen«, berichtet Tochter Amira, 16, »wir haben den Besatzer sogar im eigenen Haus.« Die Baschirs können nicht einmal aufs Dach, um die zerstörte TV-Antenne zu reparieren; ihr Bildschirm bleibt dunkel.

In einer Dezembernacht wurde Vater Baschir unsanft geweckt. »In allen Zimmern waren israelische Soldaten. Sie erklärten mir, die oberen Stockwerke seien fortan für uns verbotenes Terrain, C-Gebiet.« So heißen die israelisch kontrollierten Abschnitte im Westjordanland und im Gaza-Streifen. Die Soldaten hätten ihn sogar gedrängt, das Gebäude gleich ganz aufzugeben, sagt er. Doch der Hausherr will nicht weichen: »Unseren Grund und Boden zu verlassen wäre gleichbedeutend mit dem Tod.«

Auf 200 000 Dollar schätzt er den Schaden an seinem Eigentum, aber keinesfalls werde er den »historischen Fehler« jener vielen Palästinenser wiederholen, die während des Krieges 1948 auf der Flucht vor den Israelis ihre Dörfer aufgaben. Deshalb erlaubt sich die Familie nicht einmal jetzt, während der Schulferien, einen Ausflug ans Meer: »Dann wäre unser Haus verloren.« Erst vorige Woche besetzte das israelische Militär »aus Sicherheitsgründen« nördlich von Ramallah zwei Gebäude, die vorübergehend leer standen.

Baschirs Durchhaltewille ist exemplarisch für die wilde Entschlossenheit der Palästinenser in dieser zweiten Intifada, lieber das eigene Leben zu opfern, als auf nationale Ansprüche zu verzichten. Im Gaza-Streifen ist der Druck der israelischen Okkupation, gegen die sich der Aufstand richtet, besonders groß. Auf dem gut 40 Kilometer langen und bis zu 14 Kilometer breiten Streifen leben rund 6000 Siedler unter mehr als einer Million Palästinensern. Doch die Israelis beanspruchen fast ein Drittel der Fläche, unterstützt von einem massiven Militäraufgebot.

Selbst während der Friedensverhandlungen von Oslo war Israel nicht bereit, die 17 Siedlungen im Gaza-Streifen aufzugeben. »Es war ein großer Fehler Rabins, dass er nach dem Attentat des Siedlers Baruch Goldstein 1994 an betenden Muslimen in Hebron die Stimmung nicht nutzte, um die Enklaven dort und in Gaza endgültig zu räumen«, sagt der israelische Historiker Dan Diner.

Die Palästinenser sehen den anhaltenden Siedlungsbau nun als täglichen Beleg dafür, dass der Friedensprozess sich nicht gelohnt hat. Acht Jahre nach Oslo können sie selbst im Gaza-Streifen noch immer nicht unter sich leben.

Für die Siedler sind besondere Straßen reserviert, die für Palästinenser tabu sind. Laufen Trassen parallel, sind sie durch Betonwände getrennt. Kreuzungen, an denen die Siedler abbiegen, werden schwer bewacht, die Ampeln haben lange Grünphasen für wenige israelische Autos. In den Fahrtrichtungen der Palästinenser bilden sich dagegen oft kilometerlange Schlangen. »Apartheid-Verkehr« nennen das die Palästinenser.

Zum Schutz der Siedlungen und der Wachsoldaten zerstört Israel selbst Existenzen. So walzte die Armee vergangene Woche im Flüchtlingslager Rafah an der ägyptischen Grenze rund zwei Dutzend Häuser platt. Etliche Bewohner wurden von dem Angriff, den das Militär »technische Operation« nannte, im Schlaf überrascht. Die Armee erklärte dagegen, die tristen Quader seien »verlassen« gewesen. Am Tag danach starrten die Bewohner von Rafah auf ein Trümmerfeld. Zwischen den Betonbrocken lagen ruinierte Kinderfahrräder, Waschmaschinen, Schulbücher, Kleiderschränke, Gebetsteppiche.

Die Wohnungen hätten als »Unterschlupf für Terroristen« und als Operationsbasis gedient, rechtfertigte die Armee die Zerstörungsaktion, die selbst von ihrem Verbündeten USA als »hochgradige Provokation« scharf kritisiert wurde. Im Fall der Familie Baschir kann sie nicht einmal solche Behauptungen vorbringen.

»Wir kennen Herrn Baschir, er ist kein Terrorist, und wir haben es nicht auf ihn abgesehen«, betont ein Armeesprecher. Aber man befinde sich nun einmal in einer »Kampfsituation«. Das Gelände um das Haus sei Aktionsfeld für palästinensische Milizen. Einige hätten sogar vom Dach aus geschossen - Baschir bestreitet das kategorisch.

Als Beispiel für die Bedrohung zitiert der Armeesprecher den Terroranschlag auf einen Schulbus aus Kfar Darom, bei dem im November zwei Begleiter getötet und mehrere Kinder schwer verletzt wurden. Kfar Darom werde außerdem häufig mit Mörsern beschossen.

Chalil Baschir ist trotz allen erlittenen Unrechts weiterhin bereit zur Versöhnung. »Wenn die Israelis Frieden wollen, kann ich sofort das Gewesene vergessen und nach vorn schauen«, sagt er. »Aber sie müssen sich hinter die Grenzen Israels zurückziehen und die Siedlungen hier auflösen.«

Daran jedoch ist nicht zu denken, im Gegenteil: In Kfar Darom kommen immer noch neue Familien dazu, religiöse Juden wie die 47-jährige Efrat Badichi, die mit Mann und fünf Kindern im November vergangenen Jahres vom Golan umgesiedelt ist, »weil wir fühlten, dass wir hier gebraucht werden«.

Auch die Familie von Efrat Badichi ist entschlossen, nicht zu weichen: »Wenn wir gehen, fällt der Rest des Landes. Wir sind das Tor zu Jerusalem.«

ANNETTE GROßBONGARDT

* Oben: Jussif, Yassin, Mohammed, Vater Chalil, Zeina, Meisun,Amira, Mutter Suad; unten: am vorigen Montag im FlüchtlingslagerShuafat bei Jerusalem.

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