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»Das trifft mich schwer«

aus DER SPIEGEL 43/1992

SPIEGEL: Herr Roßberg, warum haben Sie erst jetzt Ihre Version offengelegt, wie der frühere Kirchenjurist und jetzige Brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe zu seiner DDR-Verdienstmedaille gekommen ist?

ROSSBERG: Ich bin vor fünf Monaten im Potsdamer Untersuchungsausschuß nicht danach gefragt worden. Ich habe die Diskussion um die Verdienstmedaille von Anfang an verfolgt und dabei die Hoffnung gehabt, daß Stolpe sich zur Wahrheit durchringt.

SPIEGEL: Was ist die Wahrheit?

ROSSBERG: Es steht fest, daß der Antrag zur Ordensverleihung bei uns in der Kirchenabteilung der Staatssicherheit geschrieben wurde. Den kann nur ich geschrieben haben, weil Stolpe auf mich als Inoffizieller Mitarbeiter »Sekretär« registriert war.

SPIEGEL: Ihr früherer Gesprächspartner Stolpe schließt, so wörtlich, »definitiv aus, daß mir Herr Roßberg die Verdienstmedaille der DDR persönlich ans Revers geheftet hat«.

ROSSBERG: Es war ein Treff im Objekt Wendenschloß, nicht bloß eine Verleihung. Dabei übergab ich die Urkunde mit Orden und ein Geld-Kuvert mit 1000 Mark. Nur, der Orden wurde tatsächlich nicht ans Revers geheftet, das war nicht immer üblich. Er wurde übergeben und in Empfang genommen, natürlich auch angeguckt.

SPIEGEL: War Ihr Vorgesetzter Joachim Wiegand bei der Verleihung zugegen?

ROSSBERG: Der ist dabeigewesen. Ich bin nur nicht hundertprozentig sicher, ob von Anfang an.

SPIEGEL: Gibt es einen Treffbericht, in dem Sie die Ordensverleihung notiert haben?

ROSSBERG: Natürlich, den gab es. Und sollten Teile dieser Akte Stolpe noch vorhanden sein, dann müßte er drin sein. Außerdem war eine telefonische Rückmeldung nach Treffs erforderlich. In diesem Fall ist Generalmajor Paul Kienberg sicher mitgeteilt worden »Orden ist übergeben«.

SPIEGEL: Stolpe nennt Sie einen Lügner.

ROSSBERG: Das trifft mich schwer, weil zwischen uns über Jahrzehnte ein bestimmtes Vertrauensverhältnis bestand. Das lag begründet in der Natur der Sachen, die wir besprochen haben. Aber wenn er mich öffentlich als Lügner hinstellt und behauptet, meine Darstellung sei in Kernpunkten frei erfunden, so werde ich mich mit allen gebotenen Mitteln wehren. Ich will mit einer Strafanzeige gegen Herrn Stolpe antworten.

SPIEGEL: Es steht Aussage gegen Aussage.

ROSSBERG: So wie Stolpe vergessen hat, daß die Auszeichnung bei uns in einem konspirativen Objekt war, so habe ich vielleicht vergessen, ob es Kohlsuppe oder Bouillon als Vorgericht gab. Diejenigen, die mich als Gesinnungslumpen betiteln, wie es einige Stolpe-Anhänger tun, die sollten sich nun korrigieren.

Ich bin bereit, auch weitere Schritte zu gehen. Ich habe noch meinen Federhalter, mit dem ich die Urkunde geschrieben habe. Das muß kriminaltechnisch festgestellt werden können, daß damit der Name Manfred Stolpe geschrieben wurde. Außerdem ist es hundertprozentig meine Schrift.

SPIEGEL: Hat Stolpe noch weitere Orden erhalten?

ROSSBERG: Von mir nicht, und ich müßte es wissen.

SPIEGEL: Vor dem Untersuchungsausschuß haben Sie im Mai gesagt, Sie hätten von Stolpe keine kircheninternen Papiere bekommen. Nun haben Sie, vorige Woche in einer Fernsehsendung bei Sat 1, das genaue Gegenteil behauptet.

ROSSBERG: Das ist eine Interpretationsfrage. Ich habe in einigen Fällen von ihm kircheninterne Unterlagen erhalten. Aber die waren sowieso schnell zugänglich.

SPIEGEL: Stolpe sagt, er habe die Gespräche mit Ihnen vor allem deshalb geführt, um Menschen zu helfen und vor staatlicher Repression zu schützen.

ROSSBERG: Der rote Faden unserer Treffen war die Kirchenpolitik. Menschliche Schicksale waren vielleicht 10 bis 20 Prozent.

SPIEGEL: Bei Stolpe hört sich das anders an.

ROSSBERG: Bei den Kirchenleuten stört mich heute, daß sie im Rahmen der Vorwärtsverteidigung nach hinten mit Dreck schmeißen, um ihre Entwicklung nach vorn nicht zu gefährden.

SPIEGEL: Haben Sie Ihrem IM »Sekretär« Aufträge erteilt?

ROSSBERG: Stolpe hat doch keine Aufträge ausgeführt. Ich habe ihn mal gebeten, das eine oder andere zu recherchieren oder zu unternehmen. So muß man das sehen. Die Kirchenleute sind doch keine Acht-Groschen-Jungs. Die Grenze des Machbaren war mit Manfred Stolpe erreicht. Das nächste wäre vielleicht gewesen, zum Du überzugehen.

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