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»Das Tschernobyl der Wasserwirtschaft«

Die Chemie-Katastrophe von Basel hat den Rhein schwerstens vergiftet Seveso ist überall - jetzt kam es auch in der sauberen Schweiz zu einer Chemie-Katastrophe: Ein Großbrand in der Firma Sandoz gefährdete nicht nur Basel. Eine 40 Kilometer lange Giftmischung, durch Löschwasser in den Rhein gelangt, zieht seit einer Woche flußabwärts und macht die 15jährige Rheinsanierung zunichte. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Mehr denn je, tönte Marc Moret, Chef des Basler Chemie-Konzerns Sandoz, am vorletzten Donnerstag »trägt der Unternehmer auch gegenüber der Umwelt Verantwortung.«

Schon 28 Stunden später erlebten Moret und seine Manager, wie anmaßend und hohl solche Phrasen heute sind: Plötzlich, Samstag früh, 19 Minuten nach Mitternacht, stand im Werk Schweizerhalle von Sandoz, zehn Kilometer östlich vom Basler Hauptsitz, ein Chemikalienlager in Flammen.

In der 100 mal 60 Meter großen, 1968 zur Aufbewahrung von Maschinen errichteten Leichtbauhalle ("Lager 956") ohne automatische Feueralarmanlage schwelten, loderten und explodierten 1246 Tonnen in Eisen- und Kunststofffässer abgefüllte Fertigprodukte, Halbfabrikate und Grundstoffe: darunter 824 Tonnen hochwirksame Insektizide (Phosphorsäure-Ester, darunter das berüchtigte E 605) der Giftklassen 2 und 3, 71 Tonnen Herbizide und 12 Tonnen einer organischen Quecksilber-Verbindung sowie 4 Tonnen illegal gelagerter, leicht brennbarer Lösungsmittel - ein unberechenbarer Giftcocktail.

Wie alle anderen Augenzeugen hatte auch Werner Kaupp, 52, Einsatzleiter der Sandoz-Werksfeuerwehr, noch nie einen solch riesigen Brand gesehen: Bis zu 60 Meter hoch schlugen die Flammen, 160 Feuerwehrleute aus zehn Korps bekämpften das Feuer mit allen verfügbaren Leitungen. Während Stunden prasselten und zischten pro Minute etwa zwei Bahnzisternenwagen voll Löschwasser in die Glut. Pausenlos barsten Chemikalienfässer und stiegen in grellgelben Feuerbällen auf.

Was in der Nacht zu Allerheiligen noch niemand ahnte und was den unglaublichen Dilettantismus von Behörden und Chemiegiganten bloßlegte: Nicht nur das Feuer führte zu einer Chemie-Katastrophe, sondern auch die Löscharbeiten. Mit den gigantischen Wassermengen, die den Brand eindämmen sollten, gelangten über die Abflußrohre auch zwischen 10 und 30 Tonnen Agrochemikalien sowie mindestens 200 Kilogramm hochgiftiges Quecksilber in den nahe gelegenen Rhein. Damit starb, nach und nach, das Leben in dem vielbesungenen Strom über viele hundert Kilometer.

Am vergangenen Dienstag, als Rheinland-Pfalz und selbst Frankreich, einer der großen Rheinverschmutzer, schon

Alarm gaben, hatte Baden-Württembergs Umweltminister Gerhard Weiser (CDU), bekannt für das beharrliche Herunterspielen von Umweltgefahren und -skandalen, noch erklärt die Schäden des Sandoz-Brandes seien »absolut minimal«. Vorsorglich hatten jedoch schon alle Wasserwerke entlang des Rheins die Wasserentnahme gestoppt.

Zwei Tage später waren zwischen Basel und Karlsruhe 150000 tote Aale, fast der gesamte Bestand, aber auch Tonnen anderer Fische aus dem Rhein geborgen worden.

»Wir müssen damit rechnen, daß die Fischfauna und die Kleinstlebewesen auf weite Strecken des Oberrheins vernichtet werden«, berichtete der badische Landesfischereiverband, »so eine Katastrophe hat es noch nie gegeben.«

»Das Tschernobyl-Erlebnis der Wasserwirtschaft« so hieß es bei den Kölner Wasserwerken, werde das Tier- und Pflanzenleben im Rhein, das sich nun seit 15 Jahren langsam erholt habe, kaputtmachen.

An so weitreichende Konsequenzen hatten die Feuerwehrmänner vor Ort nicht gedacht. Ihnen war es vor allem darum gegangen, auf dem Werksgelände die Nebengebäude von Lager 956 zu schützen: Nur 15 Meter entfernt lagerten Tonnen von explosionsgefährdetem Natrium, 200 Meter vom Feuerherd befanden sich Druckfässer mit dem im Ersten Weltkrieg als Kampfgas ("Grünkreuz") eingesetzten Phosgen, von dem Sandoz jedes Jahr 90 Tonnen verarbeitet. Dieses stark riechende Gas trug im Dezember 1984 in Bhopal (Indien) zum bisher größten Chemie-Unfall (weit über 2000 Tote, über 200000 Verletzte) bei.

Während der Feuersturm in der Halle tonnenweise Schwefeldioxid, Stickoxide sowie stinkende Schwefelkohlenwasserstoffe (Mercaptane) und Ammoniak in den Himmel riß, beugten sich in den Einsatzzentralen die Experten des Katastrophenstabes über eilends herbeigeschaffte Lagerlisten. Sie sollten herausfinden, welche chemischen Reaktionen in der Hitze der Feuersbrunst und mit dem Löschwasser zu erwarten waren.

Drei Viertelstunden nach der Entdeckung des Brandes war klar, daß sich gefährliche Gase gebildet hatten; aus der ganzen Region trafen Meldungen über Geruchsbelästigung ein. Katastrophenhelfer wurden aufgeboten, um an verschiedenen Orten der Umgebung Luftproben zu nehmen.

Um zwei Uhr ließ der Krisenstab die am Brandplatz vorbeiführende Autobahn sperren. Aber erst um drei Uhr dreißig wurde die schlafende Bevölkerung der nahegelegenen Gemeinde Muttenz mit Sirenengeheul geweckt. Zehn Minuten später gab der Rundfunk die ersten Alarmmeldungen. Um fünf Uhr schließlich ließen die Krisenstäbler den öffentlichen Verkehr einstellen. Die Bürger wurden aufgefordert, ihre Wohnungen nicht zu verlassen.

Erst fünf Stunden nach Ausbruch des Feuers, um fünf Uhr dreißig, heulten in Basel ein paar Sirenen - die meisten Alarmanlagen sind nicht in Betrieb, weil sie durch neue ersetzt werden sollen. Zum Ausgleich patrouillierten Polizeiautos durch die stillen Straßen und forderten die Menschen per Lautsprecher auf, Türen und Fenster zu schließen.

Wer die Warnung hörte, befolgte sie. Viele riefen Freunde und Bekannte an, um sie zu wecken. Nur ganz wenige machten sich davon: Der Ernstfall war da - von den Baslern gleichermaßen gefürchtet wie meisterhaft verdrängt. Denn hier leben 35000 Menschen mit ihren Familien direkt und die meisten übrigen indirekt von den »Chemischen«, wie die Multis Ciba-Geigy. Hoffmann-La Roche und Sandoz genannt werden.

36 Milliarden Franken Umsatz und zweieinhalb Milliarden Gewinn erwirtschafteten die Konzerne letztes Jahr - dabei allzeit um ihr umweltbewußtes Image besorgt. Denn mit einer ängstlichen Bevölkerung und mißtrauischen Behörden könnten sich die Konzerne nicht so prächtig entwickeln. So zweigen sie denn immer mal wieder einige Millionen für Kulturförderung ab, veranstalten Kontaktabende in den Wohnquartieren, in denen ihre Produktionsstätten und Laborgebäude stehen, demonstrieren Offenheit, wo immer sie Vertrauen schafft, und sind bei Unglücksfällen (Chemie-Deutsch: »Ereignisse") stets sofort mit Entschuldigungen zur Hand.

Jetzt, an diesem 1. November, war das lange geübte große Einverständnis plötzlich in höchster Gefahr: Eine stinkende Wolke lag über der Stadt. Der beißende Gestank drang durch alle Ritzen in die Wohnungen ein. Niemand wußte, ob er giftig war oder nicht.

In der Unsicherheit über die Auswirkungen der stinkenden Schwaden zeigten sich auch die behördlichen Krisen-Bewältiger heillos überfordert. Während die gut vorbereiteten Feuerwehrleute durch Gasmasken geschützt, professionelle Arbeit leisteten, setzten sich in den Einsatzzentralen des Krisenstabes die Beschwichtiger in Szene: »Es ist unsere wichtigste Aufgabe«, gab der Polizeiminister des Kantons Basel-Stadt, Regierungsrat Karl Schnyder, zum besten »keine Panik aufkommen zu lassen.«

Und Werner Spitteler, derzeit Vorsitzender der Regierung des Kantons Basel-Land, wo das Unglück geschah, benützte die Gelegenheit, den Bürgern die Rückständigkeit der Zivilschutz-Organisation vorzuhalten und laut darüber nachzudenken, ob man die Bevölkerung nicht mit Gasmasken ausrüsten könnte.

Punkt sieben Uhr wurde die stinkende Wolke als ungefährlich erkannt, der Polizeikommandant schickte die Kinder bis neun Uhr dreißig in die Schule - ausdrücklich auch die jüngsten.

Das ging zu weit: Zum ersten Mal marschierten Tausende von Baslern wegen der Chemie durch die Stadt. Eine peinliche Vorstellung boten auch die Krisenmanager von Sandoz: Am Unglückstag erklärten ihre Sprecher, Gefahr für Fische und die übrige Fauna bestehe nicht. Doch da schwammen schon Tausende von Äschen rücklings im

verseuchten Strom, in dem man zuvor gut hatte baden können.

Am vergangenen Dienstag mußte Sandoz sogar zugeben, daß im Lager 956 auch die Lösungsmittel »Petrol« und »Isopar G« untergebracht waren - was feuerpolizeilich verboten ist. Zwar argumentieren die Verantwortlichen daß die Lösungsmittel verbrannt seien; es ist jedoch keineswegs auszuschließen, daß diese Flüssigkeiten auch in den Rhein gelangten.

Da Lösungsmittel bereits in Konzentrationen, die 10000mal unter der offiziellen Unbedenklichkeitsschwelle liegen, Fische und Wasser hochgradig vergiften können, haben wahrscheinlich auch sie zu der Chemie-Katastrophe im Rhein beigetragen.

Nach dem Fischsterben, warnte vergangene Woche das Umweltschutzamt des Kantons Basel-Land, droht nun auch Gefahr für die Menschen, da sich das Schwermetall Quecksilber im Fluß nicht abbaut und langsam in die Nahrungskette gelangen wird.

»Wie ein schlechter Witz«, so ein Chemiefabrikant, müsse nach dem jüngsten Öko-Desaster die aufwendige Anzeigenkampagne wirken, die die deutsche Chemieindustrie in den vergangenen Wochen gestartet hatte. »Lieber Rhein« und »Lieber Fluß«, hieß es da, »die Belastung mit Schwermetallen ist in den vergangenen Jahren um mehr als 90 Prozent gesenkt worden.«

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