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AFFÄREN »Das überlebt er nicht«

Zwei Unternehmern verdankt Berlin die neue Regierung und die beispiellose Bankenaffäre. Sie selbst kamen bisher davon - das könnte sich jetzt ändern.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Den Umgang mit Polizisten ist Klaus-Hermann Wienhold gewohnt. Ehe er zunächst als Geschäftsführer des Berliner CDU-Landesverbands und dann als Chef der Unternehmensgruppe Aubis Karriere machte, diente der Aufsteiger dem Land als Kriminalhauptmeister in der Mordkommission.

Folglich kann Wienhold nur zu gut einschätzen, was jene Fortschritte bedeuten, die seine Ex-Kollegen in den letzten Wochen bei ihren Ermittlungen gegen ihn machten. Die Staatsanwälte glauben, dem Mann, über den eine Regierung stürzte, jetzt endlich Betrug nachweisen zu können.

Und, noch schlimmer: Nachdem sich bei ihnen ein neuer Zeuge gemeldet hatte, verstärkte sich bei Ermittlern der Verdacht, der in Kriminaldingen versierte Wienhold könnte einen ehemaligen Mitarbeiter, der ihn belasten wollte, in den Tod getrieben haben. Damit könnte es gleich an zwei Fronten eng für den Kaufmann werden, der lange unangreifbar schien.

Sein Firmenreich weitgehend zusammengebrochen, die Berlin-Hannoversche Hypothekenbank, die das Aubis-Unternehmen mit Krediten von rund 300 Millionen Euro ausstattete, in Not, der CDU-Strippenzieher und Hyp-Banker Klaus Landowsky, der von ihm 20 000 Euro als Parteispende annahm, im politischen Aus - nur Geldbote Wienhold und sein Partner Christian Neuling genossen das Leben weiter, als wäre nichts geschehen.

Noch im September, als die Fahnder mit Durchsuchungsbeschlüssen an seiner Sechs-Zimmer-Wohnung in der Lindenallee schellten, hatte seine Lebensgefährtin und Geschäftspartnerin Hannelore Pottmann die Beamten vorbei an Sauna, Fitnessraum und drei Bädern ins Schlafzimmer geführt, wo sie Wienholds Kreditkarten im Safe inspizieren durften. Auch die zweigeschossige Aubis-Villa wurde auf den Kopf gestellt.

Die beschlagnahmten Akten waren offensichtlich nicht so belanglos wie Wienhold und Neuling, ein ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter, wohl glaubten.

Die Staatsanwälte fanden zahlreiche Belege, die nach ihrer Einschätzung zeigen, wie reichlich sich Wienhold und Neuling bedienten - auch aus den Hyp-Krediten, mit denen sie eigentlich Plattenbauten im Osten sanieren sollten. Mal sollen sie Geld über private Darlehen abgezweigt haben, mal über lukrative Beraterverträge, mal mit Rechnungen einer Firma, die es nie ins Handelsregister brachte.

Für die Außendarstellung ihres Unternehmens hatten Wienhold und Neuling Unionspolitiker mit bestem Ruf gewonnen: In den Aufsichtsgremien wirkten gegen gutes Honorar die Ex-Minister Christian Schwarz-Schilling und Jochen Borchert. Zumindest der ehemalige Landwirtschaftsminister Borchert geriet zeitweilig in den Sog der Affäre. Auch gegen ihn wurde wegen Betrugsverdachts ermittelt. Doch das Verfahren wurde eingestellt. Von Unregelmäßigkeiten bei Aubis, so Borchert, habe er nichts bemerkt.

Der größte Coup der Aubis-Herren aber war, so glauben die Staatsanwälte, die Installierung eines geheimen Geldkreislaufs. Der sollte Wienhold und Neuling offenbar auch nach einem Zerfall ihrer Unternehmensgruppe noch ein komfortables Auskommen sichern.

1998 bis 1999 schlossen die Aubis-Wohnungsgesellschaften mit dem Leipziger Wärmelieferanten Elpag - nach eigener Darstellung ein eigenständiges Unternehmen - umfangreiche Versorgungsverträge ab. Doch die Idee für die Firmengründung, so die Aussagen früherer Wienhold-Mitarbeiter, soll aus dem Aubis-Konzern gestammt haben - auch Elpag-Geschäftsführer Sven Asmus diente dem Aubis-Konzern. Sogar die Vertragsentwürfe seien in der Berliner Aubis-Zentrale gefertigt worden.

Der frühere Aubis-Mitarbeiter Markus L. bestätigte den Fahndern: Jede kaufmännische Entscheidung, die Firma Elpag betreffend, sei im Hause der Aubis, und zwar von Wienhold persönlich, getroffen worden. Die Vorgabe von Wienhold und Neuling sei es gewesen, dass »deutlich über 30 Pfennig pro Quadratmeter und Monat als Gewinn« aus der Wärmelieferung zurückfließen sollten. »Diesbezügliche Kalkulationen aus dem Hause Aubis liegen mir vor.« Die Elpag-Verträge mit den Wohnungsgesellschaften laufen bis heute - das Gesamtvolumen wird auf rund 79 Millionen Euro geschätzt.

Umfangreiche Zuflüsse über die Elpag zu Wienhold-Firmen wollen die Ermittler inzwischen belegen können. Wichtigstes Indiz für die Nähe zwischen Aubis und Elpag ist jedoch ein Elpag-Konto bei der Deutschen Bank, für das auch Wienhold, Neuling und Pottmann zeichnungsberechtigt waren.

Wienhold und Asmus bestreiten, dass Elpag jemals unter dem Einfluss von Aubis gestanden habe. Besagtes Konto sei lediglich ein »gemeinsames Projektkonto« gewesen, über das aber keine Transaktionen ausgeführt worden seien. Wienhold räumt jedoch »umfangreiche gegenseitige Vertragsbeziehungen« zwischen Aubis und Elpag ein, mit »einem monatlichen Umsatz im siebenstelligen Bereich«. Dafür habe es Gegenleistungen gegeben.

Die Ermittler wollen noch andere Versuche Wienholds entdeckt haben, Geld beiseite zu schaffen. Danach versuchten er und Neuling mit Hilfe einer Maklerfirma namens Andex, die nie eine Gewerbegenehmigung hatte, Gelder bei der Berlin Hyp abzurufen. Nüchtern konstatiert ein Zwischenbericht der Ermittler, dass die Bank getäuscht worden sei. Diversen Rechnungen hätten »keine Leistungen zu Grunde gelegen«. Wienhold hingegen erklärt, die Gelder seien von Andex für »Personal und Sachmittel« ausgegeben worden.

In einem anderen Fall, so die Ermittler, seien über 1,2 Millionen Euro bei der Hyp mit einer Rechnung des Maklers Klaus-Dieter H. abgefordert worden, deren Höhe Wienhold bestreitet. Das Geld ist laut Fahndern unter anderem für zwei Darlehen über je 357 000 Euro an eine Privatfirma von Wienhold und Neuling verwendet worden, 153 000 Euro seien an Wienholds Lieblings-Fußballclub FC Sachsen Leipzig geflossen. Makler H. sei hingegen mehrfach erklärt worden, die Bank habe Zahlungen nicht geleistet. Wienhold aber behauptet, alle Forderungen von H. beglichen zu haben.

Längst geht es im Fall Aubis nicht mehr allein um Wirtschaftskriminalität. Denn die Aussage des Zeugen L. warf in der vergangenen Woche eine Frage neu auf, die schon beantwortet schien: Ist der Tod des früheren Aubis-Mitarbeiters Lars Oliver P., der am 29. September vergangenen Jahres im Grunewald erhängt aufgefunden wurde, womöglich doch kein Freitod?

Danach hatte es anfangs ausgesehen, der Tote hatte zudem keine Papiere bei sich. Erst als im November die Identität feststand, kamen den Ermittlern Zweifel am Selbstmord.

Im vergangenen Juli hatte sich der aus Hamburg stammende Computerspezialist bei einem der Hyp nahe stehenden Anwalt gemeldet. Er verfüge über sämtliche Sicherungskopien aus dem Rechenwerk der Aubis-Gruppe, aus denen sich auch die Geldflüsse zwischen der Elpag und den Herren Wienhold/Neuling nachvollziehen ließen. Als Motiv für seine Aussagebereitschaft gab er an, »erhebliche Angst vor den Handelnden der Aubis-Gruppe« zu haben.

Der Anwalt informierte die Bank über P.s Angebot - die ihrerseits die Staatsanwaltschaft alarmierte. P.s Offerte ging in die Ermittlungsakten ein. Zu einer Vernehmung kam es nicht mehr.

Auch als die Gerichtsmediziner bei zwei Untersuchungen kein Fremdverschulden am Tod P.s feststellen konnten, blieben die Ermittler um Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Dorsch, dem Chef der Sonderermittlungsgruppe Bankgesellschaft, skeptisch hinsichtlich der Selbstmordtheorie.

Ihnen schien der Tod P.s in das Muster zu passen, mit dem Wienhold und Neuling seit Beginn der Ermittlungen offensichtlich gegen unliebsame Zeugen vorgegangen waren:

* Nach Akteneinsicht soll Wienhold den Makler H. dazu gebracht haben, seine belastende Aussage zurückzuziehen - was Wienhold bestreitet. Gegen H. wird deshalb wegen Strafvereitelung ermittelt.

* Die Maklerin und einstige Aubis-Geschäftspartnerin Petra D. war nach eigenen Angaben vor ihrer Aussage von Wienhold und Neuling »massiv unter Druck« gesetzt worden, den Vernehmungstermin nicht wahrzunehmen. Auch das bestreitet Wienhold.

* Ein früherer Aubis-Mitarbeiter hatte erklärt, er habe Angst, sich »in einem blauen Müllsack wiederzufinden«.

* Zeugen, die in nicht öffentlicher Sitzung vor dem Untersuchungsausschuss die Aubis-Oberen belastet hatten, erhielten Unterlassungsaufforderungen: darunter der einstige Hyp-Justiziar Karsten B. Durch »einen anonymen Absender«, ließen Wienhold und Neuling B. über ihren Anwalt wissen, seien die Protokolle in ihren Besitz gelangt.

Dorschs Ermittler riskierten sogar einen Hauskrach mit den Kollegen von der Abteilung Kapitalverbrechen, die deren Zweifel am Selbstmord abtaten. Kurz vor seinem Ausscheiden griff Justizsenator Wolfgang Wieland (Bündnis 90/Grüne) in den Streit ein und schlug sich auf die Seite der Skeptiker an der Selbstmordtheorie. Er ordnete weitere Untersuchungen an.

Die scheinen auch nötig, nachdem L. in der vergangenen Woche den Ermittlern seine letzte Begegnung mit dem Wienhold-Vertrauten und Elpag-Geschäftsführer Sven Asmus im August 2001 in Leipzig schilderte: Er habe ihm erzählt, P. erpresse Wienhold mit seinem umfangreichen Wissen über betriebsinterne Vorgänge und drohe damit, kopierte Dateien der Bankgesellschaft und den Strafverfolgungsbehörden zuzuspielen.

Während Asmus vehement bestreitet, sich jemals so geäußert zu haben, Wienhold sein Verhältnis zu P. als »völlig ungetrübt« bezeichnet und jeden Zusammenhang mit dessen Tod bestreitet, will L. von dem Elpag-Mann sogar noch eine düstere Prophezeiung gehört haben: Wenn P. das durchziehe, könne es sein, »dass er das nicht überlebt«. STEFAN BERG, MATTHIAS GEBAUER

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