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Kaschmir Das verlorene Paradies

Von Tiziano Terzani
aus DER SPIEGEL 21/1995

Nur die Hunde wissen Bescheid und hätten auch keinen Grund zu lügen. Verwahrlost und teilweise im Feuer erblindet, schleichen sie zwischen rauchenden Trümmern umher und nagen an verkohlten Knochen. Einige liegen mit versengtem Fell auf den steinernen Stufen von Kaschmirs meistverehrtem Schrein, zu dem Generationen von Pilgern andächtig und barfüßig hinaufgestiegen sind.

Von Tscharar-i-Scharif, einem Städtchen 32 Kilometer südlich von Srinagar, sind nur noch ein paar Backsteinhäuser übriggeblieben; von seinem 1460 n. Chr. errichteten Schrein aus geschnitztem Walnußholz, Kaschmirs Schutzheiligem Scheich Nur ud-Din gewidmet, allein die Steinstufen. Die 20 000 Einwohner der Stadt sind in Panik geflohen. Schwerbewaffnete indische Soldaten patrouillieren, doch zu bewachen sind nur noch die Trümmer und die streunenden Köter.

Tscharar-i-Scharif mit seinem Tempel war das Symbol religiöser Toleranz zwischen Hindus und Moslems in Kaschmir. Von hier aus hatte sich die Sufi-Lehre, eine islamische Version der Mystik, in ganz Kaschmir verbreitet und war zum Kernpunkt des religiösen und kulturellen Lebens des Landes geworden.

»Gott ist überall und allgegenwärtig. Trenne deshalb die Hindus von den Moslems nicht«, beginnt ein berühmtes Gedicht des Heiligen Nur ud-Din, der stets von allen Gläubigen Kaschmirs verehrt wurde. Um die verschiedenen Religionen harmonisch miteinander zu vereinen, hatte er dem dogmatisch strengen Islam kontemplative Aspekte des Buddhismus und Hinduismus zur Seite gestellt. Statt durch das Schwert bekehrten die Sufis durch Liebe.

Die Botschaft hatte in Kaschmir so tief Wurzeln geschlagen, daß bis in die Neuzeit Hindus wie Moslems zu Nur ud-Dins Grab pilgerten, um ihm die erste Locke ihrer Kinder zu überbringen.

Der Schrein mitsamt den Reliquien des Heiligen wurde nun zu einem anderen Symbol - dem der Intoleranz und des Hasses. 20 000 Menschen hat der blutige Konflikt um Kaschmir in den letzten fünf Jahren schon gefordert, hat die Täler mit ihrer legendären Schönheit in ein verlorenes Paradies verwandelt. Jetzt droht die Zerstörung von Tscharar-i-Scharif zum Funken zu werden, der zwischen Indien und Pakistan, zwei vermutlich mit Atomwaffen ausgerüstete Staaten, einen Krieg entfachen könnte - den vierten um das geteilte Land, das beide beanspruchen.

Vor ein paar Monaten hatten sich etwa 50 islamisch-fundamentalistische Guerrillas zwischen die Pilger gemischt. Unter den Augen der Bevölkerung Tscharar-i-Scharifs und gewiß auch mit ihrer Mithilfe bauten sie Bunker, bastelten im Tempelkeller Bomben und provozierten die indischen Behörden mit Plakaten und Demonstrationen. Anführer dieser Guerrillas war ein selbsternannter Major namens Mast Gul, der früher mit den Mudschahidin in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzungsarmee gekämpft haben soll.

Auf Befehl des indischen Premierministers Narasimha Rao, persönlich verantwortlich für den von Delhi direkt verwalteten Bundesstaat Dschammu und Kaschmir, wurden 3000 Soldaten nach Tscharar-i-Scharif abkommandiert. Die indischen Truppen belagerten die Stadt, aber ihre Generäle erklärten, sie wollten Bevölkerung wie Heiligtum schonen. Mehrmals boten sie den Guerrillas freies Geleit nach Pakistan an, dem vermuteten Herkunftsland der Aufwiegler.

»Ich brauche kein freies Geleit«, war die herausfordernde Antwort von Major Mast Gul. »Ich kann kommen und gehen, wie es mir paßt.«

Am 9. Mai brannte dann hinter dem Tempel eine Reihe von Häusern nieder. Am 10. ging ein Dorf am Rande des Städtchens in Flammen auf. Am Morgen des 11. Mai versank dann ganz Tscharar-i-Scharif mit seinem heiligen Tempel in Asche.

Die Regierung in Neu-Delhi versichert, die Guerrillas hätten den Tempel mit ihren hausgemachten Bomben angezündet; die Freischärler behaupten, die indische Armee habe Tscharar-i-Scharif mit Raketen in Brand gesteckt. Die wenigen verbliebenen Einwohner, die jetzt in benachbarten Dörfern hausen, wagen nicht zu sprechen, sie leben in ständiger Angst: vor den Guerrillas aus Pakistan, die sie »befreien« wollen; vor den Indern, die sie »beschützen«.

»Es waren etwa 35 Aufständische. Davon haben wir 28 umgelegt. Einen haben wir gefangengenommen. Es war ein großer Erfolg!« sagt selbstgefällig General Mohinder Singh, Kommandeur der indischen Truppen in Tscharar-i-Scharif.

Der Troupier steckt in einer geschniegelten Uniform, hat einen grün und rot gestreiften Turban auf seinem Kopf gewunden, trägt aber keine Schuhe. »Aus Respekt vor dem Heiligtum«, wie er sagt, sollen Soldaten wie Journalisten barfuß durch die mit Glasscherben übersäten Trümmer gehen: eine Heuchelei mehr in diesem Krieg.

Für die Regierung von Namasinha Rao ist die Zerstörung des Heiligtums von Tscharar-i-Scharif eine verheerende Niederlage. Indiens mächtige Armee ist von einer kleinen Guerrilla-Bande gedemütigt worden. Während in Delhi ein Sprecher der Armee behauptet, die Guerrillas seien bereits umringt und die Armee werde innerhalb von Stunden auch Major Mast Gul liquidieren, ist der Afghanistan-Veteran bereits mit 18 Anhängern entkommen. In einer Kassette, die er Korrespondenten in Srinagar zukommen ließ, erklärt er, er habe seine Ausgangsbasis wohlbehalten erreicht. Kaschmirs Jugend, voller Haß gegen die »indischen Besatzer«, hat ihn schon zum Volkshelden erkoren.

Die Kaschmiri sind längst davon überzeugt, daß die Inder für den Brand verantwortlich sind: sei es, weil sie Stadt und Tempel absichtlich abgebrannt haben, sei es, weil sie nicht imstande gewesen sind, sie zu beschützen. Für die Kaschmiri ist der Verlust des Sufi-Schreins ein Grund zu nationaler Trauer. Schwarze Fahnen hängen im ganzen Tal.

»Indien hat jetzt in Kaschmir seine letzte Glaubwürdigkeit verloren«, sagt Sanaullah Butt, Herausgeber der Tageszeitung Aftaf in Srinagar. »Selbst die Einheimischen, die für die indische Regierung arbeiten, sind mittlerweile auf seiten der Separatisten.«

Die Zentralregierung weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als Ausgangssperren zu verhängen. »Ob wir uns als unabhängiger Staat organisieren oder uns an Pakistan angliedern wollen, das werden wir - nur wir - entscheiden«, sagt selbst ein bedächtiger Intellektueller wie der ehemalige Oberrichter Baha ud-Din Farooqi, jetzt Leiter einer Menschenrechtsorganisation.

Die Forderung nach einem Plebiszit ist so alt wie der Kaschmir-Konflikt: Denn als die Briten 1947 ihre Kolonie in die Unabhängigkeit entließen, teilten sie den Subkontinent nach Religionszugehörigkeit.

In blutigen Geburtswehen entstanden zwei neue Staaten: das vorwiegend moslemische Pakistan und das hauptsächlich hinduistische Indien. Kaschmir wurde zum Krisenherd. Im einstigen Fürstentum, bis 1947 selbständig, entschied sich der Maharadscha, ein Hindu, zum Anschluß an Delhi - ohne seine damals zu 80 Prozent moslemische Bevölkerung zu befragen.

Die weitgehende Autonomie für die Lokalregierung schuf nur vorübergehend Eintracht. Pakistan schickte seine Armee nach Srinagar. Im Verlauf von drei bitteren Kriegen wurde Kaschmir geteilt; das größte Gebiet behielt Indien - 139 000 Quadratkilometer mit acht Millionen Einwohnern und der Hauptstadt Srinagar.

Pakistan herrscht über drei Millionen Kaschmiri, und auch China sicherte sich Teile der Region. Die derzeitige Kontrollinie wurde von den Kontrahenten 1972 ausgehandelt, doch von allen Seiten nie als endgültig akzeptiert. Einen von der Uno verlangten Volksentscheid hat vor allem die Regierung in Delhi stets verhindert. Und so wuchs der Haß.

Seit der politische Kampf der Kaschmiri für mehr Unabhängigkeit 1989 zum bewaffneten Bürgerkrieg gegen Indien eskalierte, wurde der Staat der direkten Herrschaft durch die Zentralregierung unterstellt. Für Delhis Regierung sind die Krieger der verschiedenen Guerrillagruppen Söldner im Dienste des Erzfeindes.

»Alles Ausländer«, meint ein indischer Offizier in einem Vorort von Tscharar-i-Sharif und zeigt auf die Leichen von fünf bärtigen jungen Männern. Stunden später sind die unter weißen Tüchern verhüllten Toten von weinenden Familienangehörigen umringt - die Gefallenen stammen aus der Umgebung.

Richtig ist aber auch, daß in Srinagar Saudiaraber und Sudanesen kämpfen und vor allem afghanische Guerrillas, die nach dem Heiligen Krieg gegen die Sowjets jetzt zur »Befreiung Kaschmirs von den Ungläubigen« angetreten sind. Pakistan hat darüber hinaus in den vergangenen fünf Jahren junge Kaschmiri militärisch ausgebildet - die etwa 3500 schwerbewaffneten Kader sind der Kern der Guerrillatruppe.

Delhi reagierte auf die Präsenz dieser fanatischen Moslemkämpfer mit der Entsendung immer neuer Truppenkontingente in das Krisengebiet. Doch die rund 500 000 Mann, eine Soldateska aus Armee, paramilitärischen Milizen und bewaffneten Polizeikräften, haben mit ihrer brachialen Unterdrückungspolitik den Konflikt nur noch verschlimmert: Hunderte von Unschuldigen, so Menschenrechtsorganisationen, seien gefangen, gefoltert und ermordet worden.

Ende vergangener Woche versuchte Ministerpräsident Rao die gespannte Lage zu entschärfen. Zwar schloß Rao, der auch innerhalb der regierenden Kongreß-Partei angefeindet wird und umstritten ist, staatliche Unabhängigkeit eindeutig aus. »Kaschmir ist ein integraler Bestandteil Indiens«, meinte der Premier. Zugleich verwies er darauf, Indiens Verfassung sei »flexibel und ideenreich genug«, um Kaschmir ein größeres Maß an Autonomie zu bieten. Rao versprach die pünktliche Abhaltung der für Juni/Juli geplanten Regionalwahlen.

Das magere Angebot des durch Wahlschlappen geschwächten Regierungschefs konnte die aufgebrachten Kaschmiri nicht besänftigen. »Die sogenannten Wahlen sollen vor allem dazu dienen, die internationale Öffentlichkeit zufriedenzustellen«, empört sich Naleem Khan, Sprecher der gemäßigten Volksliga. »Wir werden nicht teilnehmen«, verkündete Jassin Malik, Vertreter der militanten Befreiungsorganisation für Dschammu und Kaschmir am vergangenen Freitag. »Wir werden nicht ruhen, bis Kaschmir frei ist.«

Und so wird das Blutvergießen wohl weitergehen. Kaschmir, einst von Besuchern als Schweiz des Himalaya gepriesen, wird immer mehr zum von aller Welt verlassenen, aufgegebenen Kriegsschauplatz der Fanatiker.

Abends dümpeln die hölzernen Hausboote Srinagars, um diese Jahreszeit einst von Gästen gut besucht, leer auf dem Dal-See. Die Idylle zerstört ein Schrei »Asad Kaschmir!« - freies Kaschmir! Dann knattern Gewehrschüsse. Irgendwo in der Stadt proben Kaschmiri den Befreiungskampf. Y

Afghanische Guerrillas wollen Kaschmir von den Ungläubigen befreien

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Kartenausschnitt: Krisengebiet Kaschmir

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