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Das Verschwinden der Pubertät

Das alltägliche Lustspiel auf allen Kanälen verändert die Sexualität der Jugendlichen - belegt eine Emnid-Untersuchung im Auftrag des SPIEGEL. Sie wissen, was sie tun. Sie tun, was sie dürfen. Sie dürfen - fast - alles.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Linda wurde 1982 geboren, Leonie 1953. Linda ist die Tochter eines Architekten, Leonies Mutter ist Frauenärztin. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr hatte Leonie drei Bett-Filme gesehen: »Helga«, »Helga und Michael«, »Helga und die Männer«, in Auftrag gegeben von der »Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung«.

Die 16jährige Linda hat sich bis heute zehn Pornos angeschaut, auf Video zu Hause. An jedem Kiosk blickt sie auf ein paar Dutzend nackter Brüste - wenn sie noch hingucken würde.

Als Leonie in Lindas Alter war, wurde im Wohnzimmer gekichert, wenn mal eine Frau in Unterwäsche auf dem Bildschirm auftauchte. Die Werbung für den »Zauberkreuz-BH« war das Nackteste, was Leonie in den Medien zu sehen bekam.

Sie selbst wurde zum öffentlichen Skandal: Am 7. November 1970 führte sie für ein Kleider-Quiz in der ZDF-Show »Wünsch Dir was« eine transparente Bluse vor - so lernte die Fernsehnation Leonie Stöhrs Busen kennen. Die Zeitungen warnten vor einem »Anschlag gegen den guten Anstand«; katholische Eltern schrieben dem Sender, sie hätten ihren Kindern die Augen zuhalten müssen bei soviel Obszönität.

28 Jahre sind seitdem vergangen. Wenn Linda den Fernseher einschaltet, laufen Sendungen mit Themen wie »Ein Mann stöhnt nicht beim Sex« - »Ich bin ihm hörig« - »Liebe und Triebe: Wenn Lust alles ist« - »Baby, glaub mir, so ist Sex am schönsten« - »Fett in Strapsen macht mich an« - »Sex ist mein Hobby«.

TV-Sex-Magazine wie »peep!« oder »liebe sünde« sieht Linda gern: »Man kriegt Einblicke in andere Szenen, SadoMaso oder so, und wenn ich sehe, daß die Spaß dran haben, finde ich das auch total natürlich.«

Die Sexualität, in Leonies Jugend noch gesellschaftliches Tabu und ängstlich gehütetes Geheimnis, ist ein öffentliches Schauspiel geworden. Damals mußten sich die Jugendlichen ihr Sexualwissen vorsichtig zusammensuchen, mußten Verbote unterlaufen und Ängste unterdrücken, um gemeinsam im Bett zu landen; Lindas Altersgenossen sind Zuschauer eines allmächtigen öffentlichen Lustspiels, und wenn sie mitspielen wollen, hindert sie kaum etwas daran.

Keine andere Generation ist mit so viel Nacktbildern groß geworden: Wann immer sie Sex haben, muß es ihnen vorkommen, als laufe ein Film ab. Sie haben den Akt tausendfach reproduziert gesehen, im Kino, auf Werbeplakaten, in Musikvideos. Jeder Zentimeter Haut ist abgelichtet, ihre Idole kennen sie längst nackt - ob Ricky (Ex-»Tic Tac Toe"), Kerstin Landsmann ("Verbotene Liebe") oder Danii und T-Seven von der Popgruppe »Mr. President«.

Früher lag das große Schweigen zwischen den Sex-Partnern; heute schwebt das Bildergedächtnis wie ein Über-Ich über jungen Paaren. Wie sehr verändert die sexualisierte Öffentlichkeit die Sexualität? Wieviel wissen Kinder und Jugendliche übers »Vögeln«, »Bumsen«, »Ficken«? Wie verändert ihr Wissen ihr Fühlen und Fummeln? 700 repräsentativ ausgewählte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren hat das Emnid-Institut im Auftrag des SPIEGEL befragt, um das Sexualwissen der jungen Deutschen zu ergründen. Fast alle können etwas mit Wörtern wie »Vagina« (91 Prozent) und »Klitoris« (80 Prozent) anfangen, immerhin noch 61 Prozent haben eine Ahnung, was der G-Punkt sein soll; 66 Prozent, wofür ein Dildo gut ist, und 70 Prozent können sagen, wer in der Missionarsstellung oben und wer unten liegt. Sobald es um Verhütung geht, sind sie sowieso bestens informiert. Drei Viertel kennen, egal ob sie Geschlechtsverkehr hatten oder nicht, den Zeitpunkt, wann das Kondom nach dem Sex vom Penis gerollt werden muß.

Passierte »das erste Mal« in Leonie Stöhrs Generation im Schnitt noch mit

* Bei Fotoaufnahmen für den Musiksender MTV.

17 Jahren, sind heute die Jungen und Mädchen 15,4. Bis 14 hat jeder vierte Petting gemacht; Oralsex probiert bis 19 fast jeder dritte Jugendliche aus. Oralsex ist für sie nichts Anstößiges: Beinahe die Hälfte der 15- bis 19jährigen hält Oralverkehr für sicherer als Geschlechtsverkehr, und 38 Prozent empfinden es als lustvoller. Fellatio oder Homosexualität halten sie nicht für pervers; »nur Vergewaltigungen und Kinderpornos finde ich abartig«, sagt Linda.

Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber etwa beunruhigt es, daß 16jährige wie Linda sich im Fernsehen mühelos in Sex-Debatten einzappen können: »Ich bin empört über die Schweinereien am hellen Nachmittag«, kritisierte er und warf Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer und ihren Moderatoren-Kollegen vor, die Jugend zu verderben. Das Weltbild der christlichen Bedenkenträger: Mit zehn wüßten Teenager bereits alles über Sex, mit elf hätten sie sehr viel davon selbst ausprobiert, und mit zwölf würden die ersten anfangen, ihre Klassenkameradinnen zu vergewaltigen.

Vor solchen Übertreibungen warnt Georg Romer, Jugendpsychiater an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Schon immer habe es kindliche Vergewaltiger gegeben. Wer früher aus Scham geschwiegen habe, erstatte heute eher Anzeige. »Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß die sexuelle Aggressivität unter Kindern und Jugendlichen zugenommen hat.«

Fast jede vierte gab bei der SPIEGEL-Umfrage an, es sei schon einmal versucht worden, sie gegen ihren Willen zu Zärtlichkeiten oder Sex zu bringen.

Fragt man Mädchen und Jungen genauer nach ihren Erfahrungen mit ungewolltem Sex, dann erzählen sie oft von unangenehmen Erlebnissen, ohne sich dabei als Opfer zu fühlen. Melanie, 14, aus Eisenhüttenstadt sagt, ihr Ex-Freund habe sie gezwungen, »das Gelumpe zu schlucken«. Sie habe ein halbes Jahr und einen neuen Freund gebraucht, um wieder Gefallen am Sex zu finden. Und dem Neuen habe sie gleich klar gesagt, daß sie sich vor Oralsex ekele.

Wie häufig Gewalt tatsächlich vorkommt, ist schwer zu sagen: Die eine läßt sich vielleicht verführen, obwohl sie keine Lust hat, die andere spielt mit, um ihrem Freund einen Gefallen zu tun. Ende der sechziger Jahre willigten bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr noch fast 90 Prozent der Mädchen »dem Jungen zuliebe« ein; heute sind es 6 Prozent.

Dank der Frauenbewegung ist für die Mädchen selbstverständlich, daß sie genausoviel Spaß haben wollen wie die Jungen. Gleichaltrige Jungen nähern sich ihnen oft mit Ehrfurcht und Furcht. »Meine beiden Jungs haben keine Angst vor Sex«, sagt Inge Moldvay, Mutter von zwei Söhnen in Hamburg, »aber sie lassen sich von den zotigen Sprüchen ihrer Mitschülerinnen einschüchtern. Ihnen ist das zu derb.«

Die Rollen scheinen sich verkehrt zu haben; beschimpfte man früher ein Mädchen schon als »Flittchen«, sobald sie zeigte, daß sie wollte, ist es heute völlig normal, daß Mädchen anfangen, wenn sie Lust haben.

»Die Jungs haben Angst vor diesen Powergirls«, sagt auch Margit Tetz aus dem Dr.-Sommer-Team der »Bravo«, »sie sind enorm verunsichert, denn für sie gibt es noch immer kein neues männliches Rollenbild.«

Für die Mädchen ist das Bild der neuen Männer das Bild ihrer Väter, die sie oft kaum kennen. Ein großer Teil von ihnen wird in einem reinen Frauenhaushalt groß. Für viele sind Kerle deshalb jene Egoisten, die Frauen im Stich lassen. Die Band »Die Ärzte« singt mit ihrem Lied »Männer sind Schweine« den 15- bis 19jährigen aus dem Herzen: Jedes vierte Mädchen denkt so über das andere Geschlecht.

Vermutlich weil ihre Eltern es selbst nicht richtig hinkriegen, gehen noch immer wenige zu Mutter oder Vater, um über Sex zu sprechen. In den eher kumpeligen Eltern-Kind-Beziehungen sind die Söhne und Töchter oft sogar besser über das Liebesleben ihrer Erziehungsberechtigten auf dem laufenden als umgekehrt.

Die Eltern signalisieren, daß sie zu jeder Diskussion bereit sind - und die meisten Teenager nehmen ihnen das auch ab. Trotzdem ist das Reden über Sex zwischen vielen Eltern und Kindern immer noch tabuisiert, nicht weil die Kinder sich unverstanden fühlen, sondern weil sie etwas für sich behalten wollen. Es reicht, daß ihre Mütter die gleichen Miniröcke von Hennes & Mauritz tragen; es ist in Ordnung, daß ihre Eltern wissen, sie haben Sex, darüber reden, wie es ist, wollen sie nicht.

Moderne Eltern dulden das voreheliche Treiben ihrer Söhne und Töchter nicht nur, sie finden es völlig selbstverständlich, daß es unter ihrem Dach passiert. Junge Paare müssen nicht mehr auf den Autorücksitz oder in andere dunkle Ecken ausweichen, um Sex zu haben. 1970 wurde eine Mutter noch wegen schwerer Kuppelei von einem West-Berliner Schöffengericht zu sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, weil sie ihren 21jährigen Sohn mit seiner 17jährigen Verlobten hatte schlafen lassen. Man befand die Frau für schuldig, »der Unzucht Vorschub geleistet zu haben«.

Aber mehr als die Hälfte aller Teenager von heute hat nie mit Mutter oder Vater übers erste Mal gesprochen. Und nur jeder vierte gibt an, daß er von seinen Eltern das Wesentliche über Sexualität erfahren hat. Viel lieber lesen sie »Bravo« oder fragen ihre Freunde: Die sind genausoweit wie sie, die geben Tips, die erzählen, wie sie sich fühlen. In Berlin wird in der »Peer education« deshalb damit experimentiert, Schüler Schüler aufklären zu lassen.

Solche Kampagnen haben dafür gesorgt, daß fast alle die Übertragungswege des HI-Virus kennen. Wer erwachsen sein will, verhütet, heißt die Botschaft; seitdem ist das Kondom das beliebteste Verhütungsmittel. Trotzdem hat die Hälfte noch immer Angst, sich zu infizieren.

Sogar beim ersten Mal haben 62 Prozent der 14- bis 17jährigen mit Kondom und 31 Prozent mit der Pille verhütet, das ergab eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). 1980 benutzten dagegen erst 30 Prozent ein Präservativ, 15 Prozent verließen sich auf die Pille. Und je erfahrener sie sind, desto regelmäßiger verhüten sie. Junge Mütter im Kinderalter sind selten geworden.

Eine andere Sorge hat sich dafür ausgebreitet: die, sich zu blamieren. Jugendliche heute haben keine Angst vorm Sex, aber sie haben Angst, dabei schlechter auszusehen als die Männer und Frauen, denen sie auf Fotos, im Fernsehen und auf der Leinwand beim Akt zugeschaut haben. Was mache ich bloß, wenn ich nicht hinbekomme, was im Film so mühelos und leidenschaftlich aussieht? 24 Prozent haben Angst, sich im entscheidenden Moment blöd anzustellen; die Briefe an »Dr. Sommer« sind voll mit Zweifeln, nicht normal, nicht hübsch und nicht erfahren genug zu sein.

Immerhin 22 Prozent der Mädchen zwischen 15 und 19, das ergab die SPIEGEL-Umfrage, haben schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht. 57 Prozent einen Höhepunkt erlebt, die anderen quälen sich mit Versagensängsten.

»Die Konfrontation mit der Erwachsenensexualität durch die Medien hat die Irritationen anwachsen lassen«, sagt »Bravo«-Beraterin Margit Tetz, »sie machen sich enorm viele Gedanken darum, wie sie wirken - mein Gott, was ist, wenn ich nun einen Pickel auf dem Po habe?«

Solche Sorgen haben das schlechte Gewissen früherer Teenager-Generationen abgelöst; laut BZgA finden gerade noch 5 Prozent der Jungen und 13 Prozent der Mädchen Sex »unmoralisch«.

Im Gegenteil: Jeder dritte Jugendliche über 14 würde »ein unmoralisches Angebot« annehmen. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, für 5000 Mark mit jemandem zu schlafen, der sie gefühlsmäßig kaltläßt, antworteten 33 Prozent der 15- bis 19jährigen mit »Ja«.

Leonie Stöhr, die heute 45 ist, erzählt, daß auch sie mit 17 alles gemacht hätten, »nur heimlich, im Partykeller und in der Kiesgrube«. Undenkbar sei es gewesen, das Wort »Befriedigung« in den Mund zu nehmen. »Daß Mick Jagger ''Satisfaction'' grölte, war wirklich ein Schocker.«

Wenn Linda so etwas hört, guckt sie verwundert; das sind für sie Geschichten aus einer fernen Zeit. Solche Verklemmtheiten kann sie sich nicht vorstellen: Daß das Titelbild des Magazins »Pardon« 1968 indiziert wurde, weil eine Nackte auf den Schultern des Verlegers Hans Nikel saß. Daß Leonie Stöhr damals »Frau im Spiegel« und »Jasmin - Die Zeitschrift für das Leben zu zweit« kaufte, nur weil sie die braven Foto-Love-Storys so aufregend fand. Sat-1-Filme wie »Das Wirtshaus der sündigen Töchter« wirken auf 16jährige wie Linda lächerlich, und wenn es Matt Dillon im Hollywood-Thriller »Wild Things« mit zwei seiner Schülerinnen gleichzeitig treibt, dann interessiert sie viel mehr der Mordplot, der dahintersteckt. Als die 15jährige Nastassja Kinski im Siebziger-Jahre-»Tatort« »Reifeprüfung« dagegen ihren Lehrer küßte, war das wochenlang Gesprächsthema.

Auch Schauspieler finden sie nackt auf der Bühne nur noch langweilig; das Musical »Oh, Calcutta!«, für das sich 1969 zum ersten Mal alle Darsteller auszogen, galt als pornographisch. Damals war die Gesellschaft provozierbar über Sex. Wenn einer seine Klamotten von sich warf, dann hieß das zugleich »Fuck you Society«.

Der pure Sex ist bis zum Gipfel der Erregungskurve analysiert; jedes Sekret, das dabei fließt, jede Sekunde des Höhepunkts ist untersucht. So wie PR-Fachleute davon sprechen, daß Claudia Schiffer nach einigen hundert Shootings »totfotografiert« sei, ist auch der Sex totfotografiert und totgeforscht.

Wer aufgeklärt ist, wird schnell abgeklärt. Sex ist kein Synonym mehr für die höchste Intimität zwischen zwei Menschen - er ist um sein Geheimnis gebracht. Der Blick der Kamera durchs Schlüsselloch gilt nicht länger als Verletzung der Privatsphäre, das Geschehen hinter der Tür schockiert nicht; statt dessen wird das Bild eines hungernden Kindes in Somalia als intim empfunden.

Wörter wie »geil« aus dem Mund eines Fünfjährigen lassen Mütter nicht mehr entsetzt zusammenzucken; inzwischen steht das Wort fett auf PDS-Wahlplakaten, und Kartenspiele werden von Kindern »Arschficken« und »Blasen« genannt.

»In meiner Klasse wird nur von ''Fickgeschichten'' gesprochen. Und ein typischer Spruch zum Beispiel heißt: ''Na, du blöder Fotzenkopp''«, erzählt Ulrike Conrad, die an der Hamburger Wolfgang-Borchert-Schule unterrichtet.

Sex, wie abseitig er sein mag, ist raus aus der Schmuddelecke. Er ist banales Alltagsvergnügen, reines Entertainment.

Während vor 30 Jahren in Kommunardenkreisen die Losung ausgegeben wurde, »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment«, ist Sex für junge Leute heute kein Lebensinhalt, keine Ideologie, keine Provokation. Anders als Ende der Sechziger, sagt Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch, betrachten Jugendliche Sex nicht mehr »als die Glücksmöglichkeit schlechthin«.

In Deutschland ist für die Hälfte der 12- bis 19jährigen Sex nur von mittlerer Wichtigkeit; auf einer Rangordnung von 1 (gleichgültig) bis 10 (enorm wichtig) benoteten sie den Stellenwert von Sex mit 6,7. Und gerade, weil sie fast alles ausprobieren können und dürfen, nehmen sie sich das Recht, einiges davon bleiben zu lassen.

Fragt man genauer nach der Bedeutung von Sex für die Jugendlichen, bekommt man ein differenzierteres Bild: Da ist zum Beispiel Rolf, 14, aus Papenburg, Sohn eines Verkaufsberaters und einer Lehrerin: Er will auf die »perfekte Liebe« warten. Er findet Petting völlig okay, und Küsse und Streicheln sind für ihn »die notwendige Vorbereitung auf das Erwachsenwerden«. Der Übungsparcours sozusagen, zum Warmmachen, damit später nichts schiefgehen kann, wenn es drauf ankommt. Schwieriger als der Testlauf könnte es werden, ein Mädchen davon zu überzeugen, sich vorher noch ein Gesundheitszeugnis ausstellen zu lassen. Denn vor dem ersten Mal möchte Rolf mit seiner »idealen Partnerin zum HIV-Test gehen und sich gemeinsam mit ihr gegen Hepatitis B impfen lassen, weil das die Basis ist für eine gesunde Sexualität und gesunde Kinder«.

Dann gibt es Mädchen wie Regina, Gymnasiastin aus München, die mit 12 einem Mitschüler »einen geblasen hat«. Das hat die Tochter eines Chemikers und einer Hausfrau nicht weiter mitgenommen. »Nur hat mir niemand erzählt, wie verwirrend die Gefühle sein können, wenn man sich mal wirklich verliebt.«

Und es gibt 18jährige wie Kara - Vater Geschäftsmann, Mutter Hausfrau -, die sich angetrunken auf einer Party dazu hinreißen ließ, mit ihrem besten Freund im Nebenzimmer zu verschwinden. »Ein totaler Reinfall: Er kam sich vor wie mit seiner Schwester, und ich hatte das Gefühl, ich schlaf'' mit meinem Hund«, erzählt die Gesamtschülerin. Ernüchtert versuchten sie die Situation zu retten: »Wir haben''s gelassen; er hat sich auf dem Klo einen runtergeholt, und ich bin wieder auf die Party.«

Wie unterschiedlich die Erfahrungen der Jugendlichen auch sein mögen, das erste Mal ist für sie alle etwas Besonderes geblieben. Sie machen sich noch immer jede Menge Gedanken darüber; ganz gleich, wie oft sie Liebespaare auf dem Bildschirm beobachten konnten. Einige helfen sich damit, ihre Erwartungen klein zu halten. Linda etwa hat sich vorgenommen, sich nicht selbst durch strenge Gebote unter Druck zu setzen. Sie will fürs erste Mal einen, der ihr sympathisch ist. Daß er die große Liebe sein muß, hat sie sich abgeschminkt. »Ich müßte mir nur sicher sein«, sagt die Dresdner Gymnasiastin, »daß ich für ihn nicht so husch-husch bin, so nach dem Motto: ''Super, ne Jungfrau.''«

Viele Heranwachsende verbieten sich genau wie sie hohe Ansprüche an den Sex; wichtiger als der sexuelle Akt ist ihnen eine feste Beziehung, in der sich beide aufgehoben fühlen. Experte Sigusch sieht darin den »historischen Weg von der Wollust zur Wohllust«.

Die erste wirkliche Scheidungskindergeneration - 17 Prozent der 15- bis 17jährigen wachsen mit nur einem Elternteil auf - sehnt sich danach, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Wider besseres Wissen. Beziehungen sind auflösbar, schnell vorbei - das haben Teenager spätestens kapiert, wenn sie den neuen Mann der Mutter oder die Freundin des Vaters vorgestellt bekommen. Diese Erfahrung von Jugendlichen hat einer alten Furcht neue Nahrung gegeben. »Die größte Angst der Jungen und Mädchen, die uns schreiben, ist die, verlassen zu werden«, erzählt »Bravo«-Redakteurin Margit Tetz.

Rund die Hälfte der Jugendlichen sieht in den Eltern, sofern es um Beziehungen geht, kein Vorbild. Mutlos macht sie das nicht, eher entschlossener, es besser zu machen. Mehr als die Hälfte erlebt Sex in einer engen Beziehung; nur 13,5 Prozent haben Sex, aber keinen festen Freund oder feste Freundin. Und 90 Prozent waren mit ihrem ersten Sexualpartner entweder fest liiert oder kannten ihn sehr gut, ermittelte das Bundesgesundheitsministerium. Die wenigsten sind promisk: Bis zum 20. Lebensjahr haben Jugendliche im Durchschnitt drei feste Beziehungen.

Und sie glauben an die wahre Liebe, egal, wie viele Schreckenspaare durch die Welt laufen. 70 Prozent der Jugendlichen sind überzeugt, daß eine Liebe ein Leben lang halten kann. Genauso viele geben an, daß sie das erste Mal mit jemandem geschlafen hätten, weil sie in ihn verliebt waren.

Sex kommt für viele nur mit dem festen Freund in Frage, Seitensprünge sind tabu. Obwohl viele ihrer Beziehungen oft nur ein paar Wochen halten; während sie dauern, werden sie sehr ernst genommen.

Auch Jungs fordern Treue, von sich wie von der Freundin; sie haben nicht das Gefühl, ständig zu wollen und zu müssen. Der Leipziger Sexualwissenschaftler Kurt Starke stellte fest, daß Jungen ihre sexuelle Entwicklung nicht mehr als »dranghafte Phase« empfinden, in der sie ihrem Trieb bedingungslos zu gehorchen haben. Mädchen sind keine fremden Wesen für sie; sie wachsen zusammen auf, gehen in die gleichen Schulen, ziehen die gleichen Klamotten an wie sie.

Die klassische Pubertät gibt es nicht mehr. Als geschlechtliche Wesen werden Kinder heute früher zu Jugendlichen und Jugendliche früher zu Erwachsenen. Die Pubertät als die Zeit der Entdeckungen ist von Jahren auf ein paar Monate zusammengeschrumpft: Die Teenager probieren aus, was ihnen gefällt, und sie müssen nichts verheimlichen.

Und sie gucken mit den Augen von Erwachsenen aufs andere Geschlecht und an sich herunter. Sexy sein heißt fit sein, so makellos wie Models. Linda erzählt, daß sich viele ihrer Mitschülerinnen nicht ins Schwimmbad trauen, weil sie überzeugt sind, dem Schönheitsideal nicht zu entsprechen.

Ihre Idole seien früher nicht so unerreichbar gewesen, meint Leonie Stöhr. »Heute sind die Titel-Schönen oft komplett enthaart und am Computer verfremdet«, sagt die 45jährige, »die wirken enorm steril - unsere Stars waren viel menschlicher.«

Befragt, was sie ausprobieren möchten, kommen die erfahrenen, unschuldigen Jungen und Mädchen von heute auf eher gewöhnliche Ideen: Sie wünschen sich romantischen Sex, am Strand oder auf der Wiese - oder schnelle Taten - im Fahrstuhl oder im Flugzeug. Sie träumen von Sex »mit einem Partner, der mich wirklich liebt« - oder von Gruppensex.

Linda denkt im Moment nicht weiter als bis zum ersten Mal: »Was ist, wenn es nicht so toll wird und ich hinterher sage: ''Das war''s dann wohl''?« fragt die 16jährige. Sie grinst verlegen. ANUSCHKA ROSHANI

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Umfrage zur Jugendsexualität 1998

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Umfrage zur Jugendsexualität 1998

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* Bei Fotoaufnahmen für den Musiksender MTV.

Anuschka Roshani
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