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FRANKREICH / JAGD Das Volk knallt

aus DER SPIEGEL 46/1965

Getroffen wurden 180 000 Fasanen, 170 000 Hasen und 15 000 Menschen. Sie sind die 1964 er Opfer eines französischen Nationalsports: Im Lande Charles de Gaulles gibt es mehr Jagdfreunde als Fußballfans. Während zu den Spielen der Fußball-Nationalliga an jedem Wochenende kaum 150 000 Zuschauer kommen, ziehen gleichzeitig rund zwei Millionen Franzosen aus, dem edlen Weidwerk nachzugehen.

Pro Jahr gibt es 50 000 Hubertus-Jünger mehr und 60 000 Hektar Jagdgrund weniger.

In Frankreich gelten nur Bruchteile jenes Jagdrechts, auf das etwa die Bundesrepublik oder die Schweiz ihre Weidwerker verpflichten:

- Jedermann kann einen Jagdschein erwerben, ohne eine Prüfung ablegen zu müssen.

- Die Jagdscheine werden in unbegrenzter Zahl ausgestellt.

- Die Jagdscheine sind mit einem Preis von 32 Mark je Saison extrem billig. Der Bewerber braucht lediglich die Deckungskarte einer Haftpflichtversicherung vorzuweisen, bevor ihm die Behörden die Pirsch freigeben.

Aber gerade die Versicherungspflicht ließ die Jagdunfälle ansteigen. Die Gewißheit, Schadenersatz-Forderungen auf die Versicherung abwälzen zu können, hat Frankreichs Jäger dazu verleitet, unbekümmert auf alles zu feuern, was sich in Wald und Feld bewegt.

Viel bewegt sich nicht. Die Französische Revolution schaffte das Jagdprivileg des Adels ab, und seither knallt das Volk nach Herzenslust in Frankreichs Wäldern. Ergebnis: Hirsch und Reh sind fast ausgemerzt. Nur in den großen Wäldern der Sologne (im Loire -Bogen) und des Departements Landes (an der südfranzösischen Atlantikküste) fristen Großwild-Exemplare noch ihr Dasein. Selbst Fasanen und Hasen werden aus Polen importiert.

Übers Wochenende ziehen Kolonnen jagdhungriger Städter samt Familien in Räuberzivil durch die Reviere. Während Vater auf Fasanen feuert, sammeln die Kinder Pilze - und Kinder sind denn auch die meisten Jagdopfer (rund 70 Prozent).

Das Pariser Landwirtschaftsministerium ließ jetzt eine Denkschrift ausarbeiten, nach der die angehenden Nimrods künftig ein Examen in Biologie und Waffentechnik ablegen müssen. Der Jagdschein soll 80 Mark kosten.

Der gaullistische Abgeordnete Comte -Offenbach: »Die Demokratisierung, die die Jagd in Frankreich ruiniert hat, geht zu Ende.«

Französische Jäger (im Elsaß): 15 000 Menschen getroffen

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