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DIPLOMATEN / AUSWÄRTIGER DIENST Das Walten der Frau

aus DER SPIEGEL 38/1967

Der Kanzler machte aktenkundig, was ihn schon lange verdroß: In einem geheimen Schreiben an das Staatsoberhaupt beklagte er, daß junge deutsche Diplomaten so gern Ausländerinnen heirateten. Dies entfremde den diplomatischen Dienst dem Vaterland.

»Das Walten der Frau«, so Kanzler Otto von Bismarck in seinem Immediatbericht vom 8. November 1868 an Preußenkönig Wilhelm I., »gibt erfahrungsmäßig dem Hauswesen seinen Charakter. Das Haus eines in nationaler Mischehe lebenden Diplomaten kann daher nie das für eine angemessene Vertretung im Auslande wünschenswerte vaterländische Gepräge darstellen.«

Um der »Gefahr weiterer Entnationalisierung unserer Diplomatie« zu entgehen, gestattete sich Bismarck den alleruntertänigsten Vorschlag, »die fraglichen Ehen durch eine Allerhöchste Bestimmung zu verbieten, welche die Tatsache der Verlobung eines Diplomaten mit einer Ausländerin einem Dienstentlassungsgesuch gleichsteht«. Sieben Jahre später, als Kaiser der Deutschen, entsprach Majestät dem Vorschlag.

In neun Jahrzehnten erwuchs aus diesem Circular-Erlaß des Auswärtigen Amtes vom 18. März 1875 ein dickes Aktenbündel -- zu immer neuem Verdruß für alle deutschen Diplomaten, die fremde Frauen freien wollten.

Als Willy Brandt Ende vergangenen Jahres in das Bonner AA einzog, fand er unter der Hinterlassenschaft seines Amtsvorgängers Schröder auch dessen diplomatisches Ehe-Regulativ Z A 1 -- 8120/0/2 vom 5. April 1966 vor.

Auch der nationalkonservative Schröder hatte seine Diplomaten aus vaterländischen Erwägungen heraus angewiesen, jede Eheschließung mit Ausländerinnen spätestens zwei Monate vor der Heirat auf dem Dienstweg anzumelden, weil solche Heirat »vielfach die Verwendbarkeit »des Amtsangehörigen im Ausland einschränkt«

Schröder war mit diesem Erlaß der Praxis der Außenministerien in Washington, London und Paris gefolgt und hatte zugleich die Tradition früherer deutscher Kanzler und Außenamtschefs fortgesetzt. Kaum einer von ihnen hatte es versäumt, die Eheakte zu bereichern:

> Knapp zwei Wochen nach seiner Ernennung zum Nachfolger Bismarcks schrieb beispielsweise Reichskanzler Leo Graf von Caprivi seinen Missionschefs im Ausland, durch Runderlaß vom 3. April 1890, daß nach »Allerhöchster Willensmeinung« Ausnahmen von der bestehenden Heiratsregel nicht mehr zugelassen werden könnten;

> 1925 warnte der national-liberale Reichsaußenminister Stresemann die Diplomaten der Weimarer Republik vor unbedachten Heiratsabsichten im Ausland;

> Adolf Hitlers erster Außenminister, Freiherr von Neurath, verfügte 1935, daß deutsche Diplomaten nur dann Ausländerinnen ehelichen dürften, wenn die Braut »einer deutschstämmigen Familie angehört oder wenn die überwiegende Bevölkerung ihres Heimatstaates nach ihrer rassischen Zusammensetzung und ihrer Kultur dem deutschen Volke nahesteht und sie selbst diesem Bevölkerungsteil angehört«.

Als Mitte der fünfziger Jahre wieder deutsche Männer im diplomatischen Dienst des Vaterlandes in die Welt ausschwärmten und sich mit Ausländerinnen verbanden, buchte Bonn jede der daraus entstehenden Ehen froh als Beitrag zur Völkerversöhnung.

Doch schon wenige Jahre später, 1966, nahm wieder ein schwarzweißroter Außenminister Anstoß: AA-Chef Schröder beklagte, daß es allzu viele deutsche Diplomaten in die Arme welscher Weiblichkeit treibe: »Die Eheschließungen mit Angehörigen auswärtiger Staaten haben derart zugenommen, daß die dienstlichen Erfordernisse dadurch berührt werden.«

In der Tat hatte die »bedauerliche Erscheinung« (Bismarck) wieder Formen angenommen wie zu Kaisers Zeiten.

Genau 101 der 915 Herren des höheren AA-Dienstes reichten Ausländerinnen die Hand zum Bund.

Es ehelichten

> eine gebürtige Argentinierin der Leiter des Osteuropa-Referats, Jörg Kastl;

> eine in Japan geborene Schwedin der Tokio-Botschafter Franz Krapf;

> eine Spanierin der Bonner Presseattaché in Wien, Arnim Hellbach;

> eine Inderin der AA-Legationsrat Wilfried Vogeler;

> eine Ägypterin der Salzburg-Konsul Arno Kindler;

> eine Chinesin der Generalkonsul in Hongkong, Karl Bünger.

Weitaus die meisten der im Ausland geborenen deutschen Diplomatenfrauen aber kommen aus den Vereinigten Staaten. Deutsche Bündnistreue spricht sogar noch aus der Ehe-Statistik: 14 Amerikanerinnen haben Bonner AA-Diplomaten das Jawort gegeben, zwölf Französinnen, elf Skandinavierinnen, zehn Österreicherinnen, neun Engländerinnen und acht Italienerinnen.

Die starke Neigung der deutschen Jungdiplomaten, mit Ausländerinnen anzubandeln, erklärt sich der mit einer Französin verheiratete AA-Sprecher Joachim Eick so: »Die jungen Attachés sind nach jahrelangem Studium bei zumeist knapp bemessenen Unterhaltsbezügen im Durchschnitt 25 bis 30 Jahre alt, wenn sie auf ihrem ersten Auslandsposten den Duft der weiten Welt atmen. Ist es verwunderlich, daß sie sich dann auch unter den Töchtern des Landes umsehen?«

Nur ein einziger Nachwuchs-Diplomat hat bislang wegen Eheschließung mit einer Ausländerin den Bonner Dienst quittiert: Claus von Amsberg, der nun in der niederländischen Thronfolge für »vaterländisches Gepräge« sorgt.

Extra galant zeigte sich Amtschef Schröder, als im letzten Jahr seine Legationsrätin und gelegentliche Dienstreisegefährtin Ursula Lammers den in Paris tätigen französischen Regierungsbeamten Hermet heiratete. Der Fürsorgepflicht »des Vorgesetzten genügend, versetzte Schröder sie von Bukarest nach Brüssel -- so nahe wie personalpolitisch möglich an den Dienstort ihres Auserwählten.

Vom Nachfolger Schröders erhoffen sich die jungen Herren des Außenamts eher noch mehr Verständnis dafür, daß sie gern in die Fremde gehen, um zu heiraten; denn der neue Dienstherr, Willy Brandt, ist mit einer gebürtigen Norwegerin verheiratet. Der AA-Chef, nach seiner Einstellung zu den nationalen Mischehen befragt: »Ich bin in dieser Sache sehr liberal.«

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