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»Das war der absolute Irrsinn«

Jeff Bezos, Gründer des Online-Kaufhauses Amazon, über die Risiken des elektronischen Handels, das verrückte Jahr 1999, Abzocker an der Börse und die Zukunft des Internet
Von Klaus-Peter Kerbusk und Alexander Jung
aus DER SPIEGEL 42/2000

SPIEGEL: Herr Bezos, Sie haben rund 50 000 Kunden in Deutschland zugesagt, den neuen Harry-Potter-Band am Erscheinungstag auszuliefern. Haben Ihnen die Vorbereitungen schlaflose Nächte bereitet?

Bezos: Nein, als der neue Band in den USA erschien, hatten wir sogar 500 000 Vorbestellungen, und alles ging glatt.

SPIEGEL: Wie viel zahlen Sie bei einer solchen Aktion drauf?

Bezos: Für Deutschland kann ich es noch nicht beziffern, die Auslieferung in den USA am 8. Juli hat uns etwa eine Million Dollar mehr gekostet als normal.

SPIEGEL: Lohnt sich das?

Bezos: Unbedingt. Wir würden das jede Woche machen, weil wir damit ganz neue Kundengruppen erreichen können. Leider gibt es nicht jede Woche einen neuen Harry-Potter-Band.

SPIEGEL: In den USA geben Sie hohe Rabatte auf viele Bücher. Bei Elektronikgeräten, Ihrer zweitgrößten Produktkategorie, sind die Margen hauchdünn. Wie können Sie da eine Mark verdienen?

Bezos: Es führt in die Irre, wenn man sich bei den Margen nur die Prozentsätze anschaut. Nehmen wir an, bei einem Produkt für 300 Dollar haben wir eine 10-prozentige Marge, also 30 Dollar. Wenn wir aber eine 50-prozentige Marge bei einem 10-Dollar-Artikel haben, sind das nur 5 Dollar. Was würden Sie lieber verkaufen - ein Buch für 10 Dollar oder eine Digitalkamera für 300 Dollar?

SPIEGEL: Aber Ihre Geschäftszahlen zeigen, dass es schwierig ist, im Online-Handel Geld zu verdienen.

Bezos: Das stimmt nicht. Im zweiten Quartal hatten wir in den USA sogar erstmals einen Gewinn bei Büchern, Musik und Videos. Da hatten wir ein Betriebsergebnis von zehn Millionen Dollar.

SPIEGEL: Aber es gibt genügend andere Bereiche, die nicht rentabel sind.

Bezos: Klar, weil wir da noch in der Investitionsphase sind. Mit Büchern handeln wir seit fünf Jahren, mit Musik und Videos seit zweieinhalb. In diese Geschäftsbereiche haben wir lange investiert, jetzt werfen sie endlich Gewinn ab. Und die anderen werden nachziehen.

SPIEGEL: Wann wird das gesamte Unternehmen Gewinn machen?

Bezos: Das will jeder wissen. Wir kennen die Antwort, sagen sie aber nicht.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich nicht von Analysten und Bankern unter Druck gesetzt, allmählich schwarze Zahlen zu schreiben?

Bezos: Hier wird Ursache und Wirkung verwechselt. Mit einem Umsatz von rund 600 Millionen Dollar im letzten Quartal hat dieses Unternehmen jetzt eine so große Basis, dass es die richtige Zeit ist, auf Rentabilität hinzuarbeiten. Also erwarten das die Anleger von uns. Und sie können unbesorgt sein: Das tun wir.

SPIEGEL: Die Skepsis geht ja inzwischen weit über Ihr Unternehmen hinaus. Amazon ist das Symbol für E-Commerce, quasi ein Modell für eine ganze Branche. Und die Befürchtung lautet: Wenn Amazon es nicht schafft - wer dann?

Bezos: Da ist etwas Wahres dran, und wir schaffen es auch. Also schaffen es vielleicht auch viele andere. Unsere ganze Arbeit ist jedenfalls darauf ausgerichtet, ein großes und dauerhaftes Unternehmen aufzubauen. Das ist unser Ziel.

SPIEGEL: Aber viele Anleger scheinen Ihnen das nicht mehr so recht abzunehmen.

Bezos: Wie kommen Sie darauf? Wir haben riesige Unterstützung von den Investoren.

SPIEGEL: Viele Analysten haben ihre Meinung geändert. Anfang des Jahres gab es kaum einen negativen Bericht, jetzt sind es schon eine ganze Reihe, die Ihrem Unternehmen äußerst kritisch gegenüber stehen.

Bezos: Ich mache mir da keine Sorgen. Vor fünf Jahren gab es niemanden, der uns unterstützt hat, es gab nur Kritiker. Heute ist die Situation 50 zu 50. Das sind die Fakten. Und es gibt wenige Aktien, die sich so gut entwickelt haben wie unsere.

SPIEGEL: Dennoch: Der Aktienkurs ist heute zwei Drittel niedriger als im Dezember.

Bezos: Ja, aber es ist ein höchst volatiles Papier, dessen Kursverlauf man sich nicht kurzfristig anschauen kann. Sicher ist, dass es nur eine Hand voll Firmen gibt, deren Aktien drei Jahre nach dem Börsengang um das 20fache gestiegen sind.

SPIEGEL: Sie wollen mit Ihrem Geschäft weiter wachsen, aber inzwischen verlangen die Investoren Gewinne. Das ist doch ein Widerspruch.

Bezos: Das finde ich nicht. Größe fördert Rentabilität.

SPIEGEL: Aber Wachstum kostet Geld.

Bezos: Nein, nicht unbedingt. Die meisten Neukunden gewinnen wir durch Mundpropaganda.

SPIEGEL: Einige Analysten erwarten, dass Amazon nach Weihnachten in Schwierigkeiten kommt. Ravi Suria von Lehman Brothers glaubt gar, dass Ihnen nach dem ersten Quartal 2001 das Geld ausgeht. Er behauptet: »Die Party ist vorbei.«

Bezos: Ravi hat keine Ahnung. Er ist der einzige Analyst, von dem ich das sage. Viele Analysten unterstützen uns, und viele sind kritisch. Sie alle machen gute Arbeit, außer Ravi. Er kann einfach nicht rechnen.

SPIEGEL: In den vergangenen Monaten kursierten Listen, die genau vorrechneten, dass vielen Internet-Firmen das Geld ausgehen wird. Bei einigen ist der Fall inzwischen eingetreten. Wird das Sterben weitergehen?

Bezos: Ja, ich glaube, dass noch sehr viele Firmen den Bach runtergehen werden.

SPIEGEL: Was läuft schief?

Bezos: Eigentlich gar nichts. Einige Firmen haben nur nicht genug Kapital, um die teuren Kostenstrukturen, die sie aufgebaut haben, zu erhalten.

SPIEGEL: Wagniskapital ist doch immer noch genug vorhanden.

Bezos: Nicht für Firmen, die keine Anziehungskraft und keinen Markennamen haben. Wissen Sie, 1999 war ein verrücktes Jahr. Jetzt sind wir wieder beim Normalzustand.

SPIEGEL: Was war so verrückt?

Bezos: Voriges Jahr fand jeder Geschäftsplan Unterstützung, auch jeder schlechte. Nie wurde so viel experimentiert wie 1999. Es wird in den nächsten zehn Jahren Tausende erfolgreicher Firmen geben und Tausende, die versagen.

SPIEGEL: Was entscheidet über Erfolg oder Misserfolg?

Bezos: Sie müssen einen echten Wert für die Kunden schaffen. Das ist am wichtigsten. 1999 waren viele Geschäftspläne nur darauf ausgerichtet, den Aktienkurs sehr schnell nach ganz oben zu treiben, dann auszusteigen und das Problem anderen zu überlassen. Das waren Abzocker.

SPIEGEL: Ein hartes Urteil.

Bezos: Ja, aber als wir Amazon 1995 gegründet haben, musste ich mit 60 Personen reden, um eine Million Dollar zusammenzukriegen. 1999 konnte eine Firma mit einem Geschäftsplan von ein paar Seiten mit einem Telefongespräch 60 Millionen Dollar bekommen. Dann wurde die Hälfte davon in einem einzigen Quartal für Fernsehwerbung ausgegeben, weil die Manager glaubten, so einen bekannten Markennamen zu schaffen. Das war der absolute Irrsinn. 1999 haben die Anleger eine ihrer traditionellen Regeln außer Acht gelassen, nämlich Skepsis.

SPIEGEL: Was bedeutet der Kursverfall der Internet-Werte für die Dynamik der New Economy?

Bezos: Ich weiß gar nicht, was das bedeuten soll. Jeden, der diesen Begriff benutzt, frage ich, was er mit »New Economy« meint. Bis jetzt konnte es mir noch niemand sagen. Ich mag diesen Begriff nicht. Noch weniger mag ich die Bezeichnung »Old Economy«. Was soll denn das sein? Soweit ich weiß, gibt es nur eine Wirtschaft.

SPIEGEL: Sie sagen, wir kehren zurück zur Normalität, andere dagegen sehen eine regelrechte Internet-Depression voraus. Ist das nur Schwarzmalerei?

Bezos: Ich war gerade in Schweden beim »New Economy Forum« - sorry, der Name stammt nicht von mir. Ich war erstaunt, wie sehr man in Schweden davon überzeugt ist, dass das Internet tot ist. Aber ich frage mich, wie kommt es dann, dass wir in Deutschland in zwei Jahren 1,6 Millionen Kunden gewonnen haben und über eine Million davon in weniger als einem Jahr. Die Zahl steigt und nimmt nicht ab. In Großbritannien haben wir die erste Million in 15 Monaten gewonnen und die zweite in nur 8 Monaten. Hier erhöht sich die Geschwindigkeit also auch. Ich weiß nicht, woher der Eindruck kommt, das Internet-Business sei tot.

SPIEGEL: Viele Skeptiker glauben, das Internet stelle nur eine neue Infrastruktur für die bekannten wirtschaftlichen Vorgänge bereit. Es macht das Geschäft zwar schneller, aber es revolutioniert es nicht.

Bezos: Man darf sich das Internet nicht als eine Industrie vorstellen. Es ist vielmehr eine schmale, horizontale Kompetenzebene, die sich über alle Industriebereiche erstreckt. Am ehesten kann man das mit der Elektrizität vergleichen. Als die Elektrizität zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil unseres Lebens wurde, war sie keine Industrie, sondern jede Branche konnte sie gebrauchen. Einige Dinge wurden durch Strom einfach nur schneller, aber andere sind dadurch revolutioniert worden. Genauso ist es mit dem Internet.

SPIEGEL: Aber was unterscheidet ein E-Commerce-Unternehmen von einem Versandhaus? Eigentlich ist doch nur der Bestellvorgang anders.

Bezos: Wir haben in unserem Online-Katalog 18 Millionen Produkte. Machen Sie damit mal einen gedruckten Katalog. Der wird dicker als ein ganzes Buchregal, und verschicken lässt er sich auch nicht. Allein dieser Aspekt würde ausreichen, um die beiden Firmenansätze zu unterscheiden. Außerdem kann man im Netz die Auswahl durch sehr ausgeklügelte Suchmaschinen erleichtern, und schließlich kann man das Angebot noch viel besser personalisieren.

SPIEGEL: Dennoch suchen Sie den Kontakt zu traditionellen Handelsunternehmen. Mit der Spielzeugkette Toys-R-Us haben Sie zum Beispiel ein Kooperationsabkom-

men geschlossen. Wie funktioniert diese Partnerschaft?

Bezos: Grob gesagt sind wir für alle Beziehungen zum Kunden zuständig, Toys-R-Us hat die gesamte Lagerhaltung übernommen. Unser Risiko bei Spielzeugen ist dieses Jahr also gleich null.

SPIEGEL: Womit Sie eines der größten Probleme des vergangenen Jahres los wären, als die Lager überquollen und Amazon zig Millionen abschreiben musste?

Bezos: Dieses Problem haben wir damals bewusst in Kauf genommen. Da wir keine Erfahrungswerte im Spielzeug- und Elektronikhandel hatten, wollten wir lieber zu viel als zu wenig Ware auf Lager haben, um alle Kundenwünsche erfüllen zu können. Jetzt haben wir die nötige Erfahrung, um genauer einkaufen zu können.

SPIEGEL: Aber gleichzeitig haben Sie sehr viele neue Produkte ins Sortiment aufgenommen. Neben Büchern, CDs, Spielzeug und Elektronikgerät verkaufen Sie nun zum Beispiel auch Autos und Medikamente. Sind Sie sicher, dass Sie mit einem solchen Produktmix klarkommen?

Bezos: Für die Lagerbestände sind nur Spielsachen und Elektronikgeräte wichtig. Das Risiko bei Spielwaren liegt bei Toys-R-Us, den Bestand an Elektronikgeräten regeln wir selber. Das bekommen wir dieses Jahr in den Griff.

SPIEGEL: Ist diese Verschmelzung von Online- und Offline-Welt auch ein Modell für andere Bereiche Ihres Geschäfts?

Bezos: Möglicherweise. Unser Ziel ist es ja, das größte Online-Kaufhaus der Welt zu bauen und einen Ort zu schaffen, wo Menschen alles finden können. Wirklich alles. Das können wir natürlich nicht allein machen, dafür müssen wir Tausende von Partnern haben.

SPIEGEL: Wollen Sie eines Tages zum Beispiel auch Fertighäuser, Töpfe, Schuhe oder Geschirr verkaufen?

Bezos: Ja, aber das bedeutet nicht zwangsweise, dass wir es auch selbst verkaufen. Vielleicht gründen wir mit jemandem eine Partnerschaft, aber die Kunden finden das Produkt unter Amazon.com.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, dass die echten Warenhaus-Konzerne zurückschlagen, wenn Sie immer mehr Produkte in Ihr Sortiment aufnehmen?

Bezos: Sie werden bestimmt kommen, aber das Internet ist ein Riesenmarkt. Wenn in den nächsten zehn Jahren nur 15 Prozent der weltweiten Einzelhandelsumsätze ins Internet wechseln, dann kann man von einem Online-Markt von etwa 750 Milliarden Dollar ausgehen.

SPIEGEL: Wo sehen Sie die größte Herausforderung für Amazon in den kommenden fünf Jahren?

Bezos: Das größte Problem wird sein, die Innovationskraft zu erhalten. Als Start-up-Firma hat man nichts zu verlieren, man kann ungezwungen innovativ sein. Je größer Firmen sind, umso mehr haben sie zu verlieren, und plötzlich lässt ihr Innovationstempo nach. Das will ich verhindern.

SPIEGEL: Amazon ist jetzt rund zehn Milliarden Dollar wert, was für mögliche Aufkäufer ein günstiger Preis wäre. Könnte Amazon irgendwann geschluckt werden?

Bezos: Zumindest könnte es keine feindliche Übernahme sein, weil mein Anteilsbesitz dafür zu groß ist. Meine Familie und ich besitzen etwa 35 Prozent. Man müsste mich zumindest überzeugen, dass es sich nicht lohnt, dieses Paket zu behalten.

SPIEGEL: Und das ist schwierig?

Bezos: Ich denke schon, denn ich freue mich riesig auf die Zukunft von Amazon.

SPIEGEL: Herr Bezos, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

»König der Internet-Wirtschaft«

nannte das US-Magazin »Time« Jeff Bezos und kürte den Gründer des Online-Versandhauses Amazon zur »Person des Jahres 1999«. Seither jedoch mehren sich Zweifel, ob Bezos, 36, das 1995 als Internet-Buchhandel gestartete Unternehmen zum Erfolg führen kann. Bis heute hat die Firma keinen Cent Gewinn erwirtschaftet. Aber Bezos, dessen markante Lachsalven immer wieder für Erstaunen sorgen, bleibt unbeirrt optimistisch: »Wir bauen das größte Kaufhaus der Welt.«

* Klaus-Peter Kerbusk, Alexander Jung in der deutschenAmazon-Zentrale in Hallbergmoos bei München.

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